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Ausgabe:

1904 Nr. 2

Spalte:

59-60

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Loisy, Alfred

Titel/Untertitel:

Evangelium und Kirche 1904

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Seite 1

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59 Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 2. 60

das Thema in mancherlei Weife zu fördern. Häßlich
find viele Druckfehler (bei griechifchen Wörtern Accent-
fehler), die doch wohl zu vermeiden gewefen wären.

Gießen. F. Kattenbufch.

Loisy, Alfred, Evangelium und Kirche. Autorifierte Über-
fetzung nach der zweiten vermehrten, bisher unveröffentlichten
Ausgabe des Originals von Joh. Griere-
Becker. München 1904, Kirchheim. (IV, 189 S.
gr. 8.) M. 4.-

Daß die bedeutende Schrift des Abbe Loisy ins
Deutfche überfetzt worden ift, ift dankenswert. Die
Überfetzung ift der zweiten Auflage des Originals vorausgeeilt
und hat in dem Abfchnitt I (die evangelifchen
Quellen) fowie Abfchnitt III, 3 (Ausführungen zum ,Gottes-
fohn') neue, wertvolle Zufätze erhalten.

Das Buch ift bekanntlich der Form nach eine Aus-
einanderfetzung mit meinem ,Wefen des Chriftentums'.
In Wahrheit ift es etwas anderes und enthält fehr viel
mehr. Es ift eine kritifche und freifinnige Darlegung
des Chriftentums nach Urfprung, Wefen und Gefchichte,
dargeboten von einem feinen und reichen, mit allen
Bildungsmitteln ausgerüfteten Geilte, fcharf und treffend
in der Ausfonderung und Formierung der Probleme,
umfichtig und mitempfindend in ihrer Behandlung,
aufgefchloffen für alle Bedürfniffe innerhalb der Religion,
radikal inbezug auf alles Unfichere und Zufällige, kon-
fervativ in der Anerkennung der Wurzel des Gewordenen
und der Grundformen feiner Fortpflanzung. Die letztere
Eigenfchaft hält den Verfaffer, den man in vollem Sinn
der freien Theologie zuzählen muß, bei der katholifchen
Kirche feft. Auf fie fetzt er noch immer feine Zuverficht
inbezug auf die Erhaltung der chriftlichen Religion und
glaubt an die Möglichkeit, daß fie freifinnig werden
könne (man vgl. den Schluß S. 189). Der freie Pro-
teftantismus fcheint ihm eine Spielart des Rationalismus
zu fein, wie er ihn nicht wünfcht und wie er die Gefchichte
der Religion gegen fich hat. Teils ift ihm
diefer proteftantifche Rationalismus noch zu wenig
ikeptifch, teils zu eng, zu wenig elaftifch und zu wenig
bekannt mit den wirklichen Bedingungen, unter denen
die Religion lebt und die fie nötig hat.

Ich felbft bin dem Buche gegenüber in einer eigentümlichen
Lage: fehr viel von dem, was er meiner Darfteilung
im ,Wefen des Chriftentums' entgegenhält, erkenne
ich an, aber nicht als Gegenfatz, fondern als
Ergänzung, deren Notwendigkeit mir nicht erft durch
Loisy klar geworden ift. Der theoretifche und prak-
tifche Zweck meiner Vorlefungen brachte es mit fich,
daß ich eine entfcheidende Hauptlinie verfolgt und
anderes Wichtige beifeite gelaffen habe. Merkwürdig —
während der Verfaffer mit fehr feinen Fingern arbeitet
und, wo es nötig ift, in einer fchwebenden Sprache zu
fprechen weiß, um die Probleme nicht zu verletzen, behandelt
er meine Ausführungen wie erftarrtes Erz und
operiert an ihnen lediglich mit harten Inftrumenten.
Daher erkenne ich meine Gedanken in feiner Bearbeitung
oft gar nicht wieder und lerne aufs neue, daß
die inquifitorifche Befragung eines Autors die fchlechtefte
Methode ift, um hinter feine Gedanken zu kommen.
Verfteht der Romane hier den Germanen oder der Katholik
den Proteftanten nicht? Erfcheint ihm unfre Weife
der Gedankenbildung und unfre Sprache fo fremd, daß
er kein Leben hier empfindet und daher gezwungen ift,
fie wie etwas Totes zu nehmen? Hört er die Obertöne
nicht bei uns, die er doch überall fonft fo virtuos zu
vernehmen weiß?

Freilich auch wirkliche Differenzen find vorhanden.
Der Verfaffer ift an die Kirche — wie auch immer fie
ihm vorfchwebt — ftärker gebunden, als wir es uns vor-
zuftellen vermögen, und eben diefe Verbindung fchwächt

fein Intereffe, ein feftes Urteil über die urfprüngliche
Erfcheinung der chriftlichen Religion und ihr Wefen zu
gewinnen, ab. Er ift in diefer Hinficht von einem gleichmütigeren
Skeptizismus, als ihn der Proteftant aufzubringen
vermag; denn er deckt dasManco im Geheimen durch das
Vertrauen auf die Kirche, die war, ift und fein wird.

Berlin. A. Harnack.

Criegern, Archidiak. D. Hermann von, Ritter p. p.,
Geschichte des Gustav-Adolf-Vereins. (Schloeßmann's
Bücherei für das chriftliche Haus. Band IV.) Hamburg
1903, G. Schloeßmann. (276 S. 8. m. Bildniffen.)

Geb. M. 2.—

Die vorftehend genannte Schrift ift als der 4. Band
in der ,Schloeßmannfchen Bücherei für das chriftliche
Haus' erfchienen. Der Verf., der felber längere Zeit hindurch
das Amt eines Schriftführers des Zentralvorftandes
verfehen hat und fomit eine genauere Kenntnis des
Guftav-Adolf-Vereines befitzt, ftellt die Gefchichte des
Vereines in 4 bezw. 5 Abfchnitten dar (1832—41: die
erften Anfänge; 1842—49: erftes Beliehen und läuternde
Kämpfe; 1850—62: Wiederauffchwung und fortfchreiten-
des Erftarken; 1863—87 und 1888 bis zur Gegenwart:
Geficherter Beftand, charakterifiert durch die Gründung
des Deutfchen Reiches und den verfchärften Gegenfatz
des Papfttums gegen die evangelifche Kirche bezw. die
dadurch hervorgerufene evangelifche Bewegung). In drei
weiteren Abfchnitten berichtet der Verf. über den gegenwärtigen
Beftand des Vereines (Zentralvorftand und
Hauptvereine), über das Vereinsleben und fein Arbeitsgebiet
. Eine ,Schlußbetrachtung' und ein ,Regifter' find
dem Werke hinzugefügt. — Auf einem verhältnismäßig
kleinen Räume (268 Seiten) ift hier ein umfangreicher
Stoff in lesbarer Form zufammengetragen. Die Darftel-
1 lung bekundet überall eine freudige Begeifterung für die
I edle Sache, welcher der Guftav-Adolf-Verein dient; auf
I jeder Seite fpürt man fo zufagen die dankbare Freude,
I welche den Verfaffer befeelt im Hinblick auf das ftetige
Wachstum des Vereins und den Segen, der von ihm zur
Sicherung gefährdeter und zur Organifation neu begründeter
evangelifcher Gemeinden in der Diafpora ausge-
ftrömt ift und befonders ftark in der Gegenwart fich
I geltend macht. Das Buch ift danach wohlgeeignet, im
chriftlichen Haufe das Intereffe für den Guftav-Adolf-
Verein zu wecken und zu ftärken; zahlreiche Illuftratio-
nen, die ihm beigefügt find, können dazu dienen, dies
Intereffe namentlich auch bei der Jugend zu fördern, zumal
diefe an den Kunftwert folcher Bilder nicht allzu
hohe Anforderungen zu ftellen pflegt. Für verwöhntere
Liebhaber von Illuftrationen können die hier gebotenen
Bilder zum Teil eher abflößend als anziehend wirken. Die
Angaben des Buches, namentlich diejenigen aus der älteren
Zeit, find durchweg zuverläffig. Im einzelnen find
kleinere Verfehen zu notieren: Das wichtigfte Werk ift
jetzt in Fulda nicht mehr der Bau einer evangelifchen
Kirche, wie S. 228 gefagt wird; die große und fchöne
proteftantifche Kirche ift dort bereits vor mehreren Jahren
vollendet und zum gottesdienftlichen Gebrauche geweiht
. Der fchöne Vortrag über Guftav Adolf von Prof.
| Kluckhohn ift nicht vom Hauptvereine Hannover veröffentlicht
, wie S. 7 gefagt wird, fondern vom Göttinger
i Hauptvereine. Bei der Darfteilung der Wirkfamkeit des
Guftav-Adolf-Vereines in Paläftina S. 253 vermißt man
ungern die Erwähnung der fegensreichen Arbeit des
Jerufalemvereines, der für die Konfolidierung der evangelifchen
Gemeinden im Heiligen Lande überaus fegens-
reich gewirkt hat. -— Trotz diefer und andrer Ungenauig-
keiten und Mängel im einzelnen verdient die Schrift doch
anerkennende Beachtung im Kreife der Freunde des
I Guftav-Adolf-Vereines.

Göttingen. _ K. Knoke.