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Ausgabe:

1904

Spalte:

52-54

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Michel, Karl

Titel/Untertitel:

Gebet und Bild in frühchristlicher Zeit 1904

Rezensent:

Goltz, Eduard Alexander

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 2.

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morphifche Motive fchon in ältefter Zeit wirkfam. Aber j
die Schilderung, die D. auf S. 12, 13 von den gemein-
chriftlichen Gebetsvorftellungen gibt, ift durchaus unvollständig
und ift ganz auf den Vergleich mit einigen vulgär
griechifchen Erfcheinungen zugefchnitten. Hier rächt es
es fich am meiften, daß der Verf., von der ihn leitenden
religionsgefchichtlichen Tendenz beherrfcht, fich in das
einzelne Material, das er der Liturgik überläßt, nicht
genügend eingearbeitet hat. Sonft müßte er eine Empfindung
dafür haben, daß es fich hier nicht nur um j
ein mehr oder minder von religiöfer Intenfivität handelt,'
fondern daß die wahrhafte Demut und Innigkeit, die fürbittende
Liebe (die ficher bei Paulus nicht nur zum
Briefftil gehört), die durch Jefus Chriftus vermittelte |
Freudigkeit und Zuverficht, das Überwiegen von Lob
und Dank auch unter Angft und Not, das Bewußtfein von
einer Welt der Sünde und des Todes innerlich befreit zu
fein auch die Vorftellungen vom Gebet alterirt und
tatfächlich dem Gebetsleben einen ganz andern Geift ge- !
geben hat, indem es ihm eine religiös-fittliche Grundlage
verfchaffte. Man darf es noch für das ganze zweite Jahrhundert
, teilweife auch für das dritte behaupten, daß das
Beten der Chrifcen grundverfchieden war von
dem der Nichtchriften und daß das, was Beide mit- j
einander gemein hatten, bei den Chriften jedenfalls nicht
die Oberherrfchaft hatte. Es hat allerdings ein Volks-
chriftentum gegeben, in dem die abergläubifchen Motive j
ftark vorherrfchten — wir kennen es aus den apokryphen
Apoftelgefchichten und bei den Gnoftikern —, aber darnach
die allgemeine Charakteriftik einzurichten, ift eine
hiftorifche Ungerechtigkeit. —

Was nun die Anfchauungen des Clemens und Origenes
angeht, fo hat hier D. ungleich mehr Recht zum Vergleich
mit den griechifchen Parallelen. Hier handelt es
fich allerdings um Religionsphilofophie, die im Grunde
keine andere ift als die ihrer Zeit. Nur bedeutete der
auch von D. befonders bei Origenes hervorgehobene
Fünfluß des religiöfen Gemeindelebens nicht nur eine gelegentliche
Aufnahme magifcher Elemente, fondern einen
ftarken Einfchlag pofitiven chriftlichen Glaubens. Der
chriftliche Gnoftiker war eben doch etwas ganz anderes
als der neuplatonifche, und felbft die ewige Anfchauung
Gottes, die er erftrebte, war eine Verfchmelzung des
griechifchen Ideals mit chriftlich beftimmtem eigenem
religiöfen Erleben. Ich kann deßhalb auch für Clemens
und Origenes nicht zuftimmen, daß ihre Vorftellungen
vom Gebet fich nicht wefentlich von denen ihrer Zeit-
genoffen unterfchieden hätten. Das aber ift richtig, daß
fie als Religionsphilofophen dem griechifchen Geift einen
viel größeren Einfluß verftattet haben als es dem Gemeindeglauben
entfprach. Daß D. diefer immerhin
intereffanten Seite der Sache belondere Aufmerkfam-
keit zugewandt, ift natürlich dankbar zu begrüßen, wie es
denn auch der Faffung feiner Aufgabe vollkommen
entfpricht, daß er noch Gregor v. Nyffa hinzugezogen
hat. Die Brücke zu dem wertvollften fchon skizzierten
dritten Teil feiner Studien bilden noch einige Seiten über
dieVaterunfer-Erklärungen der griechifchen Kirchenväter,
die auf Grund des vorhergehenden einige richtige Beobachtungen
über die griechifche Auffiaffung der fieben
Bitten mitteilen. Darauf kann ich hier nicht mehr eingehen
.

Jedoch fei mir geftattet, bei diefer Gelegenheit einmal
auszufprechen, wohin mir die neuerdings beliebte,
auch in dem Buch von Heitmüller ,1m Namen Jefu' befolgte
und von D. faft utrierte religionsgefchichtliche
Methode zu fteuern fcheint. Man will chriftliche Lebens-
erfcheinungen erklären, indem man fie an Maßftäben mißt,
die den niederen Stufen der Religion entnommen find.
Die Naturwiffenfchaft hat den Menfchen freilich beffer
verliehen gelehrt, indem fie ihn als eine species der Säugetiere
behandelt hat. Aber es blieb ein Reil, der in
Gottes Schöpferkraft feinen Urfprung hat, durch

den fich eben der Menfch vom Tier unterfcheidet: der
Geift. Die Naturwiffenfchaft wird ihn nie erklären können
— und er ift doch der eigentlich charakteriftifchfte und
wichtigfte Teil des Menfchen. So geht es auch dem
Religionshiftoriker mit dem Chriftentum, wenn er es auf jü-
difche oder griechifche Faktoren reduzieren will. Was dann
unerklärt bleibt ift grade die Hauptfache. Aber gewiß foll
uns das nicht abhalten von religionsgefchichtlichen Studien,
da fie uns helfen können, Lebensbedingungen und Lebensformen
zu verliehen, unter denen das Chriftentum fich
entfaltet hat; dazu vermag auch das Dibeliusfche Buch
einen Dienft zu leiften.

Berlin. Ed. v. d. Goltz.

Michel, Karl, Gebet und Bild in frühchristlicher Zeit. (Studien
über chriftliche Denkmäler. Herausgegeben von Johannes
Ficker. Neue Folge der Archäologifchen Studien
zum chriftlichen Altertum und Mittelalter. Erlies
Heft.) Leipzig 1902, Dieterich. (X, 127 S. gr. 8.)

M. 3.20

In der vorliegenden Unterfuchung hat fich der Verf.
die Aufgabe geftellt, den Zufammenhang zwifchen alt-
chriftlichen Gebetsformeln und den Denkmälern altchrift-
licher Kunft zu erforfchen. Er liefert damit einen wertvollen
Beitrag fowohl zur chriftlichen Archäologie als zur
Gefchichte des Gebets. Seinen Ausgangspunkt nimmt er
bei den pfeudocyprianifchen Gebeten, deren Text Harnack
zufammen mit der coena derzeit mitteilte (vgl. T. u. U NF.
Bd. 4. 1899 und meine Anzeige ThLZ. 1899, Nr. 21 Sp. 585).
Er lehnt allerdings die Hypothefe Harnacks ab, daß
Cyprian von Gallien im fünften Jahrhundert der Verfaffer
fei und ift geneigt, den Gebeten einen griechifchen, wahr-
fcheinlich alexandrinifchen Urfprung zuzufchreiben. Er
I beruft fich dafür auf eine derzeit von Th. Zahn mitgeteilte
1 Notiz, daß J. Fell die griechifchen Originale diefer Stücke
| gefehen habe, und auf das Vorhandenfein einer äthiopifchen
und einer arabifchen Verfion. Auch meint er in dem den
Gebeten eigenen naiven Modalismus ein Kennzeichen
frühere Urfprungs erblicken zu dürfen. Das erftgenannte
Argument erlaubt aber nur ganz unfichere Schlüffe, das
zweite ift falfch, da fich ein derartiger naiver Modalismus
zu allen Zeiten nachweifen läßt. Auch das Fehlen dog-
matifcher Formulirungen ift in folchen Stücken kein Beweis
für höheres Altertum. M. felbft nimmt für die
jetzige Form der Gebete einen nachkonftantinifchen Urfprung
an. Was ihm diefe Gebete, deren Text er in
deutfcher Überfetzung mitteilt, für feine Frage fo wichtig
macht, ift der Umftand, daß fie, von exorziftifchem Charakter
, eine Reihe alt- und neuteftamentlicher Paradigmen
enthalten für die Errettung, die Gott den Vätern aus Angft
und Todesnot hat zu Teil werden laffen. Für diefe
Paradigmenreihe, die fich auch in andern exorziftifchen
I Gebeten findet, nimmt er allerdings mit Recht ein hohes
I Alter in Anfpruch — fie hat ihr Vorbild fchon in jüdi-
[ fchen Gebeten (vgl. J. Köberle, die Motive des
I Glaubens an die Gebetserhörung im alten Teftament
S. 8 u. 23 f.) und ift mehr oder weniger vollftändig auch
in vielen chriftlichen Gebeten zu finden. Man kann hier
direkt von einem dem Judentum entlehnten Gebetsftil
reden, nach dem eine beftimmte Reihe biblifcher Errettungen
(urfprünglich des Alten, fpäter auch des N.T.) in
I die Epiklefe aufgenommen wurde. Dies gefchah nicht
nur in exorziftifchen Heilgebeten, fondern z. B. auch in
euchariftifchen Dankgebeten, wie Apoft. Konft. VIII. 12
(wahrfcheinlich auch Juftin) zeigt. Diefe biblifchen Para-
1 digmen (Durchgang durchs rote Meer, Quellwunder Mofe,
I Jonas, 3 Knaben im Feuerofen, Daniel, Sufanna u. a. —
I Totenerweckungen, Blinden-, Lahmen-, Tauben-, Stum-
J men-, Ausfätzigenheilung, Speifungswunder u. a.) kehren
I nun ungefähr in derfelben Auswahl auf den altchriftlichen