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Ausgabe:

1904 Nr. 26

Spalte:

716-718

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Franz, Adolph

Titel/Untertitel:

Das Rituale von St. Florian aus dem zwölften Jahrhundert 1904

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 26.

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weitgehenden Entgegenkommen gegen die chriflliche
Religion, manchmal feine eigentliche Auffaflung der
Hiftorie faft fchon überfchritten. So in dem Begriff der
Erlöfung (,Wiedergeburt'), die ihm in Wahrheit doch nur
die in der Menfchheitsentwicklung vor fich gehende
Uberwindung des Böfen bedeutet, das feinerfeits wieder
ein wefentlicher Hebel der Entwicklung ift; ähnlich in
der Auffaffung der göttlichen Vorfehung im Verhältnis
zum fubjektiv-immanenten Bewußtfeinsablauf und in der
Darftellung von Jefu Bedeutung für die Religion.

Daher läßt die ,Religion innerhalb' noch die Aufgabe
übrig, Kants eigentliche Lehre' über Vernunftreligion
und Religionsgefchichte aus feinen gelegentlichen, zer-
ftreuten Äußerungen zu erfchließen. So nimmt denn in
Kap. 4 (S. 75—134) Tröltfch den am Schluß des zweiten
Kapitels fallen gelaffenen Faden wieder auf und zeigt,
wie Kant unter drei Gefichtspunkten den hiftorifch gegebenen
Stoff, befonders auch den der Religionsgefchichte,
zu bewältigen fich bemüht. Fürs erfte ift für Kant die
anthropologifch-kaufale Betrachtung ein wefentlicher
Abfchluß feines Vernunftfyftems nach unten hin.
Zwar hat er felbft die von ihm geforderte Anthropologie
nur in verkürztem Sinn in Angriff genommen; aber er
hat doch vorkommenden Falls ftets hiftorifche Kritik,
auch an den Religionsurkunden geübt; er hat Verfuche
gemacht, die empirifche Religionsgefchichte zu gliedern,
ihren Gang aus natürlichen Verhältniffen (Boden, Klima,
Temperament der Völker) und aus der Verflechtung mit
dem übrigen geiftigen Leben zu erklären; er hat etwas
von religionsgefchichtlichen Vergleichen angeftellt, fich
auf fozial-pfychologifche Erwägungen eingelaffen und
mit alledem doch eine Phänomenologie der Religion
aufgerichtet. — Fürs zweite aber wendet Kant auf alle
diefe Stoffe eine fyftematifche Gefchichtsbetrach-
tung an, welche das Ziel der Gefchichte herausftellt und
von dem Glauben an eine fortfchreitende Verwirklichung
diefes Ziels getragen ift. In verfchiedenen Anlätzen hat
Kant diefe fyftematifche Gefchichte auszuführen gefucht,
als eine Entwicklung vom Zuftand der Tierheit zur Rechts-
gefellfchaft und zum Weltftaatenbund, weiterhin zum
Reiche der autonomen fittlichen Perfönlichkeiten, dem
Reiche Gottes auf Erden. In diefer Entwicklung hat er
auch dem Chriffentum eine entfcheidende Rolle zuge-
wiefen. Aber das Urteil über Chriffentum und Bibel bewegt
fich noch zwifchen zwei Polen. Einerfeits hält Kant
an dem durch Locke und Leibniz begründeten deiftifchen
Schema feft: hiernach ift das Chriffentum mit der reinen
Vernunftreligion völlig zu identifizieren; die Offenbarung
verhilft diefem nur zur Sanktion und zu einem früheren
Eintreten in die menfchliche Gefchichte. Aber andererfeits
fteht Kant doch, in Übereinffimmung mit Voltaire und
Hume ,an dem Punkt, wo der Deismus in die moderne
religionsgefchichtliche Forfchung übergeht' (S. 117), nur
daß er die pofitive Religion ftets als ein pfychologifch
notwendiges und für alle Zeit unentbehrliches Vehikel
der reinen Vernunftreligion betrachtet hat. — Dabei aber
bricht endlich fürs dritte auch in Kants kritifchem
Denken eine metaphyfifche Betrachtung durch, nach
der er eine gemeinfame Wurzel von Sinnlichkeit und Ver-
ffand, von Kaufalität und Freiheit wenigftens hypothe-
tifch für wahrfcheinlich hält. So hat Kant doch im
Grunde vorausgefetzt, daß der Mechanismus der Sozial-
pfychologie dem Hervortreten der reinen Religionsideen
dienen müffe, daß darin — um moderne Ausdrücke zu gebrauchen
— eine ,Heterogonie der Zwecke' und eine
.unbewußte Vernunft' fich wirkfam erweift. Und vor
allem bei der ausgebildeten ethifchen Religion hat Kant
die Einheit des Vernünftigen und des Pfychologifchen
energifch betont: durch das ,verfinnlichende Symbol', das
anthropomorphe Bild, gewinnt gerade die vernünftige
Religionsidee erft ihre lebendige Motivationskraft; und
die pofitive Religionsgemeinfchaft wird felbft zum Vehikel
des reinen Religionsgehaltes. Aber trotz alledem drohte

für Kant die ,reine Vernunftreligion', die zunächft nur als
kritifcher Kanon gemeint war, immer wieder zum Gegen-
fatz gegen alle empirifche Religion zu werden; die Spannung
zwifchen der Entwicklungslehre und dem kritifchen
Gedanken der reinen Vernunftreligion ift nicht völlig
gelöft. Daher auch immer wieder der Schein, als fei
Kant doch nur ein fortgefchrittener Vertreter des Rationalismus
, als fei er beherrfcht von einem gefchichtslofen
Sinn, während er doch in Wahrheit mit feinem Satz, daß
,das Hiftorifche nur zur Illuftration, nicht zur Demon-
ftration diene', nur die Konfequenz der beginnenden
Hiftorifierung des menfchlichen Denkens gezogen hat.

Die Arbeit von Tröltfch ift fehr ftoffreich, leider
nicht ebenfo überfichtlich. Auch find dadurch, daß zu-
erft die ,Religion innerhalb' dargeftellt wird, ziemlich
viele Wiederholungen nötig geworden, und das Geflecht
von Text und fehr umfangreichen Anmerkungen er-
fchwert ohnedies das Lefen. Streckenweife find manche
Druckfehler und Verfehen, auch in der Wiedergabe
Kantfcher Stellen, mit unterlaufen. Aber trotz alledem
bewundert man die Energie, mit der Tröltfch einen um-
faffenden Stoff zu verarbeiten und befonders auch die
Notizenliteratur zu neuer Beleuchtung der nicht völlig
neuen Frage zu verwerten, auch die älteren und neueren
Arbeiten über Kants Pfychologie und Gefchichtsphilo-
fophie heranzuziehen wußte. Vielleicht erfcheint Kants
pofitives Intereffe für die hiftorifche Frage dadurch, daß
Tröltfch fich ausfchließlich mit ihr befchäftigt, bisweilen
größer, als es wirklich war. Manchmal mag auch Tröltfch
bei der Schilderung von Kants Anflehten etwas zu fehr
in modernen Worten reden. Aber der Hauptfache nach
ift es richtig: der Philofoph der ,reinen Vernunft' hat
mehr, als man ihm zutraut, die pfychologifchen Bedingungen
und das hiftorifche Werden der Vernunftideen
, auch der vernünftigen Religionsideen ins Auge
gefaßt, und überall zeigen fich bei ihm die Anknüpfungspunkte
für die modernften Probleme.

Gern hätte ich auf die Kritik erwidert, die Tröltfeh
an uns ,theologifchen Kantianern' übt, befonders daran,
daß wir Kant den ,hiftorifchen Sinn' abfprechen. Ich
darf es hier nicht tun. Vergl. Z. f. Th. u. K. 1904,
S. 360 f.

Wir Theologen dürfen uns freuen, in der Feft-
fchrift zu Kants Gedächtnis durch eine fo gehaltreiche
Arbeit, wie die von Tröltfch, vertreten zu fein.
Von den übrigen Auffätzen fcheinen mir für den Theologen
am bedeutfamften der von Windelband und der
von Hern an. Jener weift energifch darauf hin, daß die
kritifche Philofophie fich nur wird behaupten können,
wenn fie fich fähig erweift, eine den geiftigen Wertinhalt
der Welt erfaffende Weltanfchauung zu tragen; diefer
fucht zu zeigen, wie in Kants letzten Manufkripten die
Grundlinien dazu gegeben find. Aber auch die andern
Beiträge find ein Beweis dafür, wie fehr die Kanttorfchung
die Linie der Kantphilologie überfchritten hat und den
Philofophen als .Lehrer im Ideal' und als Führer der
Weltanfchauung zu verliehen fucht.

Halle a. S. Max Reifchle.

Franz, Adolph, Das Rituale von St. Florian aus dem zwölften
Jahrhundert. Mit Einleitung und Erläuterungen herausgegeben
. Mit fünf Tafeln in Farbendruck. Freiburg
i. B. 1904, Herder. (XII, 207 S. hoch 4.) M. 8.—

Unter den handfehriftlichen Schätzen des Chorherren-
ftiftes St. Florian in Oberöfterreich befindet fich unter
XI 467 eine Pergamenthandfchrift ohne Bezeichnung in
Minuskelfchrift ausgeführt, die gefänglichen Teile mit
Neumen verfehen. Es ift das in dem Stifte ehedem gebrauchte
Rituale, aus dem 12. Jahrh. flammend, ein
Typus der Ritualien damaliger Zeit. Ein koftbares Werk,
dem nur das Weffobrunner Rituale aus derfelben Zeit