Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1904 Nr. 26

Spalte:

706-708

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schwartz, E.

Titel/Untertitel:

Ueber den Tod der Söhne Zebedaei 1904

Rezensent:

Schürer, Emil

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

705

Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 26.

706

glichenes auf der ganzen Fläche zu einander paffen,
noch aufs fchärffte von der Allegorie unterfcheide und
Übcrfetzung nicht mit Vergleichung vervvechfele. Vor
dem Mißverftändnis aber, als wenn ich eine Verunreinigung
des Gleichniffes darin fähe, daß die einzelnen
Züge in der Bildhälfte in einer gewiffen Selbftändigkeit
mithelfen, den Grundgedanken zu veranfchaulichen, wie
beim Gleichnis vom viererlei Acker, oder der Unter-
ftellung, als wenn ich nur ungern oder gezwungen die
Deutbarkeit von folchen Einzelzügen zugeftände, follte
mich die Lektüre des 2. Teils der,Gleichnisreden Jefu' und
der Groll der echten Puriften über diele meine Nachgiebigkeit
oder Inkonfequenz gefchützt haben.

Soviel ein für alle Mal zur Feftftellung deffen, was ich
wirklich vertreten wollte, offenbar bisher nicht deutlich
genug. Ich kann dem nur die Erklärung hinzufügen, daß
die Betrachtung der Mechilta-Gleichniffe meine älteren An-
fchauungen über die talmudifchen Mafchale und ihr Verhältnis
zu den evangelifchen in mir lediglich befeftigt hat.
Das Vertrauen zur Zuverläffigkeit der Tradition hat F. nicht
lteigern können; hat die evangelifche Uberlieferung
nachweisbar einige Flecken in die lichten Parabelbilder
Jefu hineingetragen, fo wird das Mißtrauen gegen die
Echtheit gleichartiger Flecke, auch wo sich dies durch
literarifche Kritik nicht begründen läßt, berechtigt fein;
und ftets bereit über das Maß des Echten, wie mit
Fiebig bei ,Säemann' und ,Unkraut unter dem Weizen',
weiterzuverhandeln, und von der thörichten Einbildung,
ich hätte das letzte Wort gefprochen, völlig frei, weiß
ich mich von Wellhaufen-Heinrici durch keine Kluft getrennt
; eine folche finde ich erft da, wo man die Hifto-
ricität von Mc 4, 11—u behaupten will. Und das ift der
entfeheidende Punkt in der Pofition Fiebigs. Gern lerne
ich auch von ihm, ich werde in Zukunft z. B. nicht mehr
von .innerer Notwendigkeit' in der Bildhälfte reden, Ausdrücke
wie unerträgliches Joch' vermeiden und die
Fälle, wo eine Gleichnisrede ftückweife vorgetragen wird,
auch folche, wo ihr ein groteskes Element beigemifcht
wird, alfo fast nur eine Vorbereitung der Vcran-
fchaulichung durch Anfpannen der Aufmerkfamkeit ihr
Ziel ift, bei der Zweckbeftimmung ausdrücklich mit
heranziehen. Wenn F. in feiner Auslegung der Säemanns-
parabel bisweilen bis zur Unbilligkeit ftreng meine Worte
preßt, fo zeigt mir das, daß fogar die Exegefe einer
modernen Schrift ähnlichen Gefahren wie die eines femi-
tifchen Gleichniffes unterliegt; immer ängftlicher werde
ich das .alles über einen Kamm fcheren' zu meiden
fuchen.

Mit um fo größerer Bewunderung fchaue ich auf zu
den Arbeitsplänen Fiebigs, der fich auf den Tag freut,
wo in gleicher Weife, wie hier die Mechilta, die jüdifche
Literatur in vollem Umfange zur Vergleichung mit Jefu
Reden herangezogen fein werde. Erft dann, hofft er,
werde im Einzelnen der Frage nachgegangen werden
können, wie weit Jefu Gleichniffe fein originales Eigentum
find, wie weit nicht. Das ift nicht zu tragifch zu
nehmen, denn 30 Zeilen fpäter bekennt fich F. von der
Unerfindbarkeit der Gleichniffe Jefu fchon feft überzeugt.
Eine ähnliche Unftimmigkeit allerdings wie die, daß er
bald unter Berufung auf Weinel jede Befonderhcit für
die Form der Gleichniffe Jefu verneint, bald ihre entzückende
Frifche und Anfchaulichkeit, ihr Freifein von
dem Kleinigkeitsgeift und Buchftabendrill in den jüdifchen
Gleichnisreden preift — alfo konftatiert, daß fie doch
nicht bloß durch ihren Inhalt, fondern durch formale
Vorzüge fich von den jüdifchen Verwandten kräftig abheben
. Sollte fich aus diefem Satz nicht das Recht ergeben
, wo in den Evangeliengleichniffen alberne Künftelei,
Midrafchgefchmack und abftrakte Bläffe im Unterfchied
von der blühenden Lebendigkeit der meiften Stücke auffällt
, die betreffenden Abfchnitte mit Mißtrauen zu betrachten
— und ein ähnliches Mißtrauen am Ende auch
auf einzelne Abgcfchmackthciten auszudehnen, die den

j für gewöhnlich fchlagend, wenn auch nicht gerade bre-
! viloquent und eckig prägnant in Gleichniffen redenden
Rabbinen von der Talmud-Tradition zugefchoben werden?

Schlechthin unannehmbar ift in F.s Buch für mich
nur der Abfchnitt S. 143fr., wo er um jeden Preis die
Auffaffung von Jefu Zweck beim Parabelreden, wie fie in
Mc 4 vorliegt, rechtfertigen will, daher felbft die
Thefe hinwirft, die Gleichniffe Jefu hätten ihren Ort
innerhalb der jüdifchen Apokalyptik. Wie hier der
Wechfel in den Stimmungen Jefu Mc 4, u~i:t befchrieben
wird, Entzücken über das Verftändnis der Jünger, Troft
gegenüber der Verftändnislofigkeit der Menge, leichte
Enttäufchung, weil auch die Jünger ihn nicht ganz verliehen
, das Verhalten Jefu zur Menge dann das vollendete
Ja — Nein, .ermunternd' und .anlockend', aber .damit
fie nicht fehen und fich bekehren', dies Stück empfehle
ich Allen zum Studium, die die letzten Motive der
neueften Vermittler zwifchen Purismus und Allegorifterei
in der Parabelexegefe kennen lernen wollen.

Allein für diefen verhältnismäßig kleinen Abfchnitt
hat F. nichts von den Reichtümern feiner Mechilta-
Sammlung verwenden können, er fleht eigentlich außerhalb
des Rahmens feines Buches. Deffen Hauptinhalt, die
treue Wiedergabe und Interpretation fpätjüdifcher Gleichniffe
und die wo nicht lehrreiche, doch immer anregende
Vergleichung derfelben mit den Gleichniffen Jefu, ift eine
; durchaus dankenswerte Leiftung.

Marburg. Ad. Jülicher.

Schwartz, E., Ueber den Tod der Söhne Zebedaei. Ein Beitrag
zur Gefchichte des Johannesevangelium. (Abhandlungen
der Kgl. Gefellfchaft der Wiffenfchaften zu
Göttingen. Philologifch-hiftorifche Klaffe. Neue Folge.
VII. Band. Nr. 5.) Berlin 1904, Weidmann. (53 S.
Lex. 8.) M. 3.50

Nach Marc, to.™ hat Jefus den Söhnen Zebedaei getagt
, daß fie denfelben Kelch trinken werden, wie er,
und diefelbe Leidens-Taufe empfangen werden, wie er
(to xoTijQiov 0 lyco xivco xtso&s, xcu t6 ßäxxiOfia o iyco
ßaxzi^oficu ßaxTia{tr]OEO{)i). Dazu bemerkt W e 11 h a u fe n
(Das Ev. Marci 1903, S. 90): ,Die Weisfagung des Martyriums
bezieht lieh nicht bloß auf Jakobus, fondern
auch aufJohannes, und wenn fie zur einen Hälfte unerfüllt
geblieben wäre, fo ftünde fie fchwerlich im Evangelium
. Es erhebt fich alfo ein fchweres Bedenken gegen
die Zuverläffigkeit der Überlieferung, daß der Apoftel
Johannes im hohen Alter eines nicht gewaltfamen Todes
geftorben fei'. Diefe Bemerkung hat Schwartz den
Anftoß zu feiner Unterfuchung gegeben. Er fieht es auf
Grund der Marcus-Stelle als eine fichere Tatfache an,
daß Johannes gleichzeitig mit feinem Bruder Jakobus
als Märtyrer geftorben ift. ,Ein vir/in 11/um ex evetltu,
das unmittelbar aus dem Ereignis felbft hervorgegangen
ift, ift ein hiftorifch.es Zeugnis von einer Authentie, die
durch nichts erreicht wird. Nimmt man es ernft mit dem
Anfpruch der Zebedäusföhne auf die beiden Ehrenplätze
zur Rechten und Linken des wiederkehrenden Meffias,
fo ift nicht nur der Schluß nicht zu umgehen, daß fie
beide als Märtyrer geftorben find, fondern es wird auch
das Sitzen zu beiden Seiten nur dann verftändlich und
klar, wenn fie tatfächlich zur gleichen Zeit und zufammen
die Erde verlaffen haben' (S. 4). — So verftanden wird
das Orakel ,ein unüberwindlicher Bundesgenoffe' für die
Nachricht des Papias, welche uns durch die von de Boor
herausgegebene Exzerpten-Samnilung erhalten ift (Texte
und Unterfuchungen von Gebhardt und Harnack V 2
1888, S. 170): Iluxlaq iv reo ösvTiQm löyqi liyti o«
Imavvi}q o^toloyoq xal Iaxcoßoq o aÖElcpoq aveov vx6
lovöaicov avrjotßtTjOav. — ,Die Zeit, wann Jakobus und
! Johannes geftorben find, läßt fich nach den kanonifchen
Apoftelakten (12, 2) mit ziemlicher Sicherheit beftimmen.

**