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Ausgabe:

1904 Nr. 25

Spalte:

685-686

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Klausner, Joseph

Titel/Untertitel:

Die Messianischen Vorstellungen des jüdischen Volkes im Zeitalter der Tannaiten 1904

Rezensent:

Schürer, Emil

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685

Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 25.

686

Teil feiner Arbeitgerade im zweiten Teil feinesWerkes nicht
diefen Fragen vergleichender Synopfe zugewandt hat,
fondern der Erforfchung der Kompofition und des quellenmäßigen
Wertes des Markusevangeliums felbft. W. fucht
über den Urmarkus hinüberzudringen zu den letzten
Quellen evangelifcher Überlieferung namentlich zu den
petrinifchen Erinnerungen, die dem Evangelium ja zu
Grunde liegen follen. Hier ift, was den innern Wert der
Überlieferung des Evangeliums betrifft, viel Treffliches und
Förderndes gefagt. Ich glaube allerdings, daß auch hier die
Grenze des Möglichen und Erreichbaren oft überfchritten
ift. Wenn W. z. B. in dem Abfchnitt 2 1—3 6 eine Peri-
kope den Petruserinnerungen zuweift, bei andern die
Logia als Quelle anzunehmen geneigt ift, bei wieder
andern eine Tradition annimmt, die Schulgefpräche enthalten
haben foll; wenn er von den drei Leidenswei-
fagungen Jefu eine auf den Bearbeiter des Markus, die
zweite auf Markus, die dritte auf die Logien zurückführt,
wenn er fo das harte Scheltwort — weiche von mir,
Satan — direkt mit dem Meffiasbekenntnis des Petrus
(petrinifche Erinnerung) zufammenbringt, fo kann ich
hier und an manchen andern Stellen einfach nicht folgen.
Ich glaube auch nicht, daß fich mit dem Grade von Gewißheit
, wie W. dies trotz aller Kautelen annimmt, ein
Komplex petrinifcher Erinnerungen herausftellen laffen
wird. Aber in diefem Zufammenhang fällt manche treffende
und feine Beobachtung ab. Ich weife z. B. hin
auf die geiftvolle Vermutung, daß das Täuferwort ur-
fprünglich gelautet hat: Ich taufe mit Waffer, er wird
mit Feuer taufen, auf die Auffaffung des vierten Kapitels
als eine Kompofition, die direkt aus dem Geift des Mar-
kusevangeliften verftändlich ift, auf die Ausführungen
über den Abfchnitt mit der doppelten Speifung und die
Rekonftruktion eines quellenmäßigen Zufammenhanges
(erfte Speifung, Meerfahrt, Zeichenforderung, Reife, Jüngerbekenntnis
), den auch der vierte Evangelift vorauszu-
fetzen fcheint, auf die Ausführungen zurLeidensgefchichte,
die Auseinanderfetzungen mit Brandt und manches
andere, das nicht immer unanfechtbar, aber doch immer
anregend ift.

Auf den dritten Teil, der teils dieErgebniffe zufammen-
faßt, teils Unterfuchungen über den Verfaffer des Markusevangeliums
bringt, kann ich nur noch ganz kurz eingehen
. W. deutet hier die Möglichkeit an, daß man
zwifchen dem Verfaffer des Markusevangeliums, von dem
Papias uns berichtet, und dem Johannes Markus, dem Begleiter
des Paulus und Barnabas, eventuell einen Unter-
fchied zu machen und letzteren vielleicht mit dem klein-
afiatifchen Presbyter Johannes zufammenzubringen habe.
Ich enthalte mich hier vorläufig des Urteils.

Nach den mancherlei Einwänden, die ich erhoben
habe, fühle ich mich zum Schluß verpflichtet, noch einmal
zu betonen, wie fehr wir dem Verfaffer für feine
energifche, auch da, wo fie Widerfpruch hervorruft, immer
anregende Arbeit und die wefentliche Förderung im
Verftändnis des Markusevangeliums zu Dank verpflichtet
find.

Göttingen. Bouffet.

Klausner, Dr. Jofeph, Die Messianischen Vorstellungen des
jüdischen Volkes im Zeitalter derTannaiten, kritifch unter-
fucht und im Rahmen der Zeitgefchichte dargeflellt.
Berlin 1904, M. Poppelauer. (V, 119 S. gr. 8.)

M. 2.50

Es ift ein glücklicher Gedanke des Verfaffers, aus
der bunten Fülle von Ausfagen über den Meffias und
die meffianifche Zeit, welche das rabbinifcheSchrifttum darbietet
, diejenigen gefondert und möglichft vollftändig zur
Darfteilung zu bringen.welche aus der Zeit der .Tannaiten'
(1. und 2. lahrh. n. Chr.) herrühren oder doch herrühren
wollen. Wir erhalten auf diefe Weife zum erften Male

das ältefte rabbinifche Material diefer Art und zugleich
dasjenige, welches der Zeit Chrifti noch nahe fleht, wiffen-
fchaftlich bearbeitet. Die Werke von Gfrörer (Das Jahr-
[ hundert des Heils, 1838), Weber (Syftem der altfynago-
galen Theologie 1880) und Castelli (II Messia secondo
gli Ebrei, 1874) fondern nicht diefes ältere Material von
dem jüngern, die beiden erften Find überdies unvoll-
ftändig. Bachers Werk (Die Agada der Tannaiten,
3 Bde., 1884- -1899) befchränkt fich zwar auf die Zeit der
Tannaiten, ift aber biographifch geordnet, fo daß man
fich aus den meffianifchen Ausfagen der einzelnen Tannaiten
das Ganze erft mühfam zufammenfuchen muß;
überdies behandelt Bacher nur die Ausfprüche, welche
auf beftimmte Autoritäten zurückgeführt werden, nicht
aber das große Gebiet der .anonymen' Haggada. Klau fner
hat eben diefes auch herangezogen, denn er benützt außer
Mifchna, Tofephta und den drei älteften Midrafchim
(Mechilta, Siphra und Siphre) auch fämtliche ,Barajthoth'
des babylonifchen Talmud. ,Barajthotl find aber die im
Talmud angeführten Überlieferungen aus der Zeit der
Tannaim. So hat hier der chriftliche Theologe gerade
dasjenige Material vereinigt, welches für ihn von befon-
derem Intereffe ift.

Die Rubriken, unter welche Klaufner feinen Stoff ordnet
, find: 1. Die jüdifche Meffianologie im tannaitifchen und
nachtannaitifchen Zeitalter [Unterfchied beider] (S. I—16).

— 2. Meffianologie und Efchatologie (S. 17—26). Handelt
hauptfächlich über die Frage, ob ,die Tage des
Meffias' zum HTM Dbl» oder Sin Dbl? gehören. — 3. Be-

j ginn und Dauer des meffianifchen Zeitalters (S. 27—33).

— 4. Die Vorbedingungen der Meffiasankunft (S. 34—46).

— 5. Die meffianifche Leidenszeit (S. 47—57). — 6. Elia,
der Vorläufer des Meffias (S. 58 — 63). — 7. Der Name
und die Perfon des Meffias (S. 64—74). — 8. Sammlung
der Zerftreuten und Profelytenaufnahme (S. 75—85). —
9. Meffias ben Jofeph, und der Kampf mitGogund Magog
(S. 86—103). — I0- Das meffianifche Reich und die

1 meffianifchen Wunder (S. 104—119).

Über die Vollftändigkeit der Stofffammlung vermag
i ich nicht zu urteilen. Im ganzen hat man den Eindruck
] einer forgfältigen Arbeit. Was der Verf. im erften Abfchnitt
über den Einfluß des hadrianifchen Krieges auf
1 die Entwickelung der meffianifchen Idee fagt, kann ich
1 nicht durchweg für zutreffend halten. Wenn esS. 12 heißt:
.Der politifche Zug verflüchtigt fich in der nachhadria-
nifchen Zeit immer mehr und mehr, und je weiter wir
in diefes Zeitalter vorrücken, defto myftifcher und übernatürlicher
wird der Meffianismus', fo dürfte nur letzteres
richtig fein, nicht aber, daß der politifche Zug fich ver-
| flüchtigt. Unglücklich ift die Verwendung, welche der
I Verf. S. 8 von dem Spruch Akibas macht, daß das Straf-
j gericht über Gog und Magog zwölf Monate dauert. Dagegen
möchte ich noch auf die forgfältigen Erörterungen
über den ,Meffias ben Jofeph' hinweifen (S. 86—99), über
welchen freilich auch fchon von anderen eingehend gehandelt
worden ift (f. die Literatur in meiner Gefch. des
| jüd. Volkes IP S. 535f.). Der Verf. wird auf der richtigen
Fährte fein, wenn er fagt (S. 96f.): ,Die Doppelnatur
des Meffias muß in einen Doppelmeffias umgefetzt
werden. Und das gefchah, indem man einem zweiten
Meffias die Kriegführung voll und ganz überließ'. Aber
der Gegenfatz ift nicht der zwifchen einem politifchen
und geiftigen Meffias. Der eigentliche .Meffias Sohn
Davids' behält eine ,politifche' Aufgabe. Nur das niedrige
Gefchäft des Kriegführens wird einem untergeordneten
,Meffias Sohn Jofephs' übertragen, der dabei den Tod
findet. Übrigens ift diefes Theologumenon wohl immer
eine Schulmeinung engerer Kreife geblieben.

Göttingen. E. Schürer.