Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1904 Nr. 22

Spalte:

607

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cumont, Franz

Titel/Untertitel:

Die Mysterien des Mithra. Ein Beitrag zur Religionsgeschichte der römischen Kaiserzeit 1904

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

607

Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 22.

608

Cumont, Prof. Franz, Die Mysterien des Mithra. Ein Beitrag
zur Religionsgefchichte der römifchen Kaiferzeit.
Autorinerte deutfche Ausgabe von Georg Gehric Ii. Mit
9 Abbildungen im Text und auf 2 Tafeln, fowie einer
Karte. Leipzig 1903, B. G. Teubner. (XVI, 176 S.
gr. 8.) M. 5.— ; geb. M. 5.60

Das weitaus bedeutendfle Werk, das uns in der neueren
Zeit auf dem Gebiete des religiöfen Synkretismus des
römifchen Kaiferreichs gefchenkt ift, ift ohne Frage die
große zweibändige Darftellung der Mithrasreligion von
Franz Cumont. Man weiß kaum, was man an diefem
Werk mehr bewundern foll, die abfolute Vollftändigkeit
des Materials, die Überfichtlichkeit der Anordnung, die
Eleganz der Darfteilung oder die Klarheit und Kühnheit
des Urteils, das fich auf eine umfaffende und meifterhafte
Kenntnis der einfchlägigen religionsgefchichtlichen Materials
ftützt (vgl. die Befprechung des Werkes von E. Schürer
in diefer Zeitfchrift 1900, 396—397). Um die Refultate
feiner Arbeit weiteren Kreifen zugänglich zu machen,
entfchloß fich der Verfaffer, die ,Conclusions' am Schluffe
des erften Bandes ohne die Anmerkungen und Hinweife
in einer kleinen Ausgabe herauszugeben. Diefe erfchien
bald in einer zweiten Auflage und ift von dem allezeit
unermüdlichen Vermittler ausländifcher religionsgefchicht-
licher Literatur G. Gehrich in diefer Geftalt (nebft geringfügigen
, mit dem Verfaffer vereinbarten Zufätzen) ins
Deutfche überfetzt.

Von diefer kleinen Ausgabe fagt der Verfaffer allerdings
felbft: ,Die Unklarheiten und Lücken der Uberlieferung
machten es unmöglich, allen Partien diefer
Rekonftruktion die gleiche Solidität zu geben. Wer die
Stabilität der Grundlagen zu prüfen wünfcht, auf denen
fie beruht, wird zu den kritifchen Auseinanderfetzungen
meiner Introduction greifen müffen'. Es erhebt fich die
Frage, ob man den Wert des kleinen Büchleins nicht
noch bedeutend erhöhen könnte, wenn man in Anmerkungen
etwa hinter dem Text eine Auswahl von Beleg-
ftellen und Nachweifen brächte, und wenn vielleicht in
diefen Anmerkungen dann auch angedeutet würde, an
welchen Punkten die Darftellungen nur auf Schlüffen und
Hypothefen aus den figürlichen Darftellungen beruhen.
Der Lefer, dem das große Werk von Cumont unzugänglich
ift, möge darauf hingewiefen werden, daß namentlich
das vierte Kapitel des Werkes, wie dies bei den zur
Verfügung flehenden Quellen nicht anders fein konnte,
vielfach einen ftark hypothetifchen Charakter trägt.

Ich möchte aber mit diefen Andeutungen nicht
etwa den Wert der in diefem kleinen Büchlein gebotenen
Gabe herabfetzen. Nur den Zweck habe ich im Auge,
möglichft viele von deffen Lefern zu veranlaffen, fich auch
in das große Werk Cumonts zu vertiefen. Denn ich möchte
letzteres geradezu ein religionsgefchichtliches Ereignis
nennen. Über ein bisher ganz dunkles Gebiet der Religionsgefchichte
ift durch dasfelbe fo viel Licht verbreitet,
wie dies in ab fehbarer Zeit und vielleicht überhaupt möglich
fein wird. Und namentlich der Theologe darf an den Arbeiten
Cumonts nicht vorübergehen. Denn unter allen
religiöfen Bewegungen, mit denen im Kampf fich das
junge Chriftentum durchfetzte, war die Mithrasreligion
defien bedeutendfter, erfolgreichfter und hartnäckigfter
Gegner. Und auf der andern Seite zeigt diefe Erfchei-
nung am deutlichften, welche eminente religionsbildende
Kraft das Volk der Perfer, von dem auch die Mithrasreligion
ausging, befeffen hat.

Göttingen. Bouffet.

Rocholl, D. R., Bessarion. Studie zur Gefchichte der Re-
naiffance. Leipzig 1904, A. Deichert'fche Verlags- !
buchh., Nachf. (XII, 239 S. gr. 8.) M. 4.— j

Es ift ohne Frage eine Schrift von Bedeutung, die
der Herr Verfaffer uns vorlegt. Schon nach der formalen |

Seite hin. Man wird nicht viele Biographien finden, die
wie der ,Beffarion' mit foviel Kunft und Gefchtnack die
Zeit und die Umftände fchildern, in denen der Held
geworden ift und lebt. Faft zu weit fcheint die Rede
bisweilen auszuholen, aber beim Weiteriefen erkennt man
bald, daß die anfangs unverftändliche Weite ihr Ziel
verfolgt. Freilich mehrfach muß die Vermutung die Verbindungslinien
zwifchen der Umgebung und der Perfon
ziehen. Daß folche Schilderung des Rahmens große Be-
lefenheit und urteilsvolles Studium vorausfetzt, liegt auf
der Hand. Aber auch für das Leben und das Werk des
Beffarion hat Verfaffer viel Neues und Intereffantes beigebracht
.

In der Beurteilung halte ich mich an die Grundzüge
der Schrift. Die drei erften Kapitel: /I'rapezunt', ,Byzanz'
und ,Myfithras' geben die Entwicklung das Helden. Schon
feine Geburtsftadt Trapezunt fcheint als einer der Mittelpunkte
zwifchen dem Offen und Weifen geeignet, den
großen vermittelnden Charakter Beffarions in Kirche und
Kultus vorzubereiten. Wird er dann in Byzanz ein
Rhomäer, fo weitet fich fein Blick in Myfithras an dem
Hofe eines lateinifchen Fürften für die Bildung des Abendlands
. Hier führt ihn zugleich Plethon in den Platonis-
mus ein. Mit folcher Schulung tritt Beffarion in die
Entfcheidungszeit feines Lebens. Er zieht mit auf das
Konzil zu Florenz. Schwer wird es dem Verfaffer, die
Stellung feines Helden auf dem Konzil zu rechtfertigen.
Er muß es wenigftens verftändlich machen, wie Beffarion
fich auf die Seite der Unioniften ftellen konnte, und wie
ihm der Kardinalshut nicht ein übel verdienter Lohn war.
Mit diefem Kapitel ift aber der Berg überfliegen, die
Ausficht in das fernere reiche Leben des Kardinals liegt
frei. Unter der Vorausfetzung, daß Beffarion den Ver-
hältniffen entfprechend recht auf dem Konzile gehandelt
hat, kann nun feine Treue, die er feinem Volke bewahrte,
indem er bis an fein Ende das Abendland für einen
Kreuzzug mobil zu machen fuchte, gebührend gewürdigt
werden. So kann man es im Sinne des Verfaffers auch
verliehen, wie Beffarion fich fogar zum Patriarchen von
Konftantinopel ernennen laffen mochte. Jetzt tritt feine
Güte gegen die vertriebenen Landsleute in Florenz, feine
Wirkfamkeit für die ihm unterftellten, wenigftens dem
Namen nach, griechifchen Klöfter fchön hervor. Der
große Humanift, der in der Fülle feiner Verbindungen
und geiftigen Beftrebungen ein ernfter Mönch blieb, er-
fcheint als eine prächtige Geftalt. Die diplomatifche
Begabung, über die Beffarion auch verfügte, und die ihn
an die erften Stellen in Italien, Deutfchland und Frankreich
führte, läßt ihn auf einem neuen Gebiete glänzen.
Viele feine einzelne Züge weiß der Verfaffer einzu-
flechten, um uns feinen Helden auch als Menlchen lym-
pathifch zu machen. Ift fchon in jedem Kapitel der
Geift und das Leben der Renaiffance ausgiebig gefchildert,
fo führt fich endlich in weitern Gedanken der Piatonismus
vor, die geiftige Macht, durch die Beffarion den Humanismus
vertiefte, und die ihn über den Katholizismus erhob.
Sinnend vor dem neuen Teftament des Beffarion nimmt
der Verfaffer dann Abfchied von feiner Idealgeftalt, indem
er das neue Teftament ,die Hille Macht' nennt, welche
das Leben Beffarions innerlich!! formte.

Jeder wird das Buch mit Intereffe lefen. Mancher
wird den Eindruck haben, daß die Schilderung Beffarions
zu ideal ausgefallen ift. Vielleicht ift doch dem Huma-
niften Beffarion ,der Heidenhimmel mehr als eine Folge
fchöner Bilder und Metaphern' (C. Neumann, Byz. Kultur
und Renaiffancekultur 1903 S. 31) gewefen. Es klingt
immerhin bedenklich, wenn der Theolog Beffarion den
Kondolenzbrief an die Söhne Plethons beim Tode ihres
Vaters mit den Worten beginnt: lJtxvö[iai xbv xoivbv
nax&ga xe xal xafrrjysfiova, xo yecööeq jräv djtodinsvov,
£g ovgavbv xal xbv axgatcpvr/ /izxaOxrjvai yrngov, xbv (ivöxi-
xbv xolq 'Olv/utioig &eolg ovyxogsvcavxa 'laxyov (M., P. G.
Bd. 161 S. 696). Keineswegs haben die byzantinifchen