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Ausgabe:

1904 Nr. 21

Spalte:

583-587

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Waitz, Hans

Titel/Untertitel:

Die Pseudoklementinen, Homilien und Rekognitionen 1904

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 21.

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der Gelehrtenfprache einer fpäteren Zeit zu erklären
haben. V. gefleht felbft zu, daß der Begriff des Gottesreiches
in der rabbinifchen Theologie feiten fei, während
es in der Predigt. Jefu dominiere. Die Tatfache
beruht eben auf dem Unterfchied zwifchen der volkstümlichen
Redeweife Jefu und der Sprache der Gelehrten.

Die Ausfüllungen follen den Gefamteindruck nicht
fchmälern, daß uns V. mit feiner überaus fleißigen Arbeit
einen dankenswerten Beitrag zur Kenntnis des Judentums
geliefert hat.

Göttingen. Bouffet.

Zahn, Theodor, Grundriss der Geschichte des Neutestament*
liehen Kanons. Eine Ergänzung zu der Einleitung in
das Neue Teftament. Zweite vermehrte und vielfach
verbefferte Auflage. Leipzig 1904, A. Deichert, Nachf.
(IV, 92 S. gr. 8.) M. 2.10

Zahns Grundriß hat bald eine 2. Auflage erlebt. Anlage
und Ausführung, über die wir Th. Lz. 1903 Nr. 21
Sp. 570 f. berichteten, find natürlich die gleichen geblieben.
In den Anmerkungen ift einige neuere Literatur, wie
Lippert über Juftin, W. Bauer über den Apoftolos der
Syrer, Baumftark über Theodor bar Koni, Witte über
Aponius, Rottmanner zu Auguftin u. a., zugefügt; manches,
wie C. Schmidts und G. Fickers Petrusakten, bleibt un-
berückfichtigt. Die meiften Zufätze entfallen auf Zahns
Lieblingsthema, die Syrer. Ephraems Bekanntfchaft mit
den Katholifchen Briefen wird jetzt durch ein ,oder
wenigftens doch mit I P. und I Jo' eingefchränkt, die
mit Apoc. wird trotz Burkitts Nachweis der Unechtheit
der betreffenden Schrift (f. Th. Lz. 1904 Nr. 6 Sp. 178)
aufrecht erhalten. Nachdruck legt Zahn auf Hieronymus'
Kenntnis der Briefe des Athanasius (S. 662 7429) und auf
die polemifche Spitze des 39. Feflbriefes gegen die Mele-
tianer. Eine kritifche Ausgabe diefes wichtigen Dokuments
in beträchtlich verändertem Text, nach forgfältiger
Neuvergleichung eines Monacensis, unter Heranziehung
des Syrers und Kopten, ift die wertvollfle Bereicherung
diefer neuen Auflage, woneben auch auf die grundgelehrte
Anmerkung über Judas Zelotes im Decr. Gelas. hinge-
wiefen fei.

Jena. von Dobfchütz.

Meyboom, Dr. H. U., De Clemens-Roman. Tweede deel.

Wetenfchappelijke Behandeling. Groningen 1904, J. B.

Wolters. (V, 283 blz. gr. 8.) Fl. 3.50

Waitz, Pfr. Lic. Hans, Die Pseudoklementinen, Homilien und

Rekognitionen. Eine quellenkritifche Unterfuchung.
(Texte und Unterfuchungen zur Gefchichte der alt-
chrifllichen Literatur. Herausgegeben von O. v. Gebhardt
und A. Harnack. Neue Folge. Zehnter Band,
Heft IV.) Leipzig 1904, J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung
. (VIII, 396 S. gr. 8.) M. 13.—

Die faft ein halbes Jahrhundert ins Stocken geratene
Clementinenforfchung kommt mit einem Male lebhaft
in Fluß.

Meyboom hat der von uns Jahrg. 1903 Nr. 12
Sp. 351 fg. angezeigten fynoptifchen Überfetzung als
2. Teil Unterfuchungen folgen laffen, die als Führer
durch die bisherige Forfchung guteDienfte leiflen können.
Er behandelt zunächft in 6 Kapiteln S. 1—232 die Textüberlieferung
, den Inhalt (wiederum fynoptifch), die Ent-
ftehungsgefchichte (rückwärts von Epit. zu Ree. und Horn,
und deren Quellen Schreitend), die Theologie, den Schriftgebrauch
und den gefchichtlichen Wert; daran fchließen
fleh S. 233—269 ein kurzer Kommentar und S. 270—283
ein ausführliches Namen- und Sachregirter zu den Clementinen
. In einer uns faft fremdgewordenen behaglichen

Breite wird mit der echt gelehrten Freude am Detail alles,
was je zu dem Problem gefagt worden ift, vorgeführt
und abgehandelt, oft unter Verzicht auf ein eigenes Urteil.
So übernimmt M. S. 160 einfach Lagardes Bibelftellen-
regifter aus Clementina, nur von Seiten- auf Kapitelzahlen
umgearbeitet, ftellt dazu ein gleiches für Ree. her; wo
es nun aber gälte, den Bibeltext zu unterfuchen, weift er
diefe Aufgabe von fleh. Es entfpricht auch nicht unfern
jetzigen Anfchauungen von zeitgefchichtlicher Erklärung,
wenn S. 127 t. die Myftik eines Bernhard von Clairvaux
und Lockes Empirismus als Parallelen angezogen werden,
wo doch philofophifche Erfcheinungen gleicher Art aus
jener Zeit reichlich zur Hand waren. Die neueren Textpublikationen
find dem Verf. nicht etwa entgangen, aber
ftatt fle an ihrem Ort einzuordnen, erwähnt er fle an
merkwürdig entlegenen Stellen. [Wir möchten zu S. 107
noch fpeziell auf Ryffels forgfältige Analyfe des arabifchen
Textes in Stud. Sinait. V in Theol. Lit.-Ztg. 1896 Sp. 372
hinweifen.] Im ganzen legt man das Buch unbefriedigt
aus der Hand. Der Autor felbft fcheint fleh bewußt, zu
einer eigenen neuen Löfung der Hauptfrage nicht vorgedrungen
zu fein.

Hier fetzt nun Waitz mit kühnem Mute ein, indem
er die befonders von Hilgenfeld und Lipflus angebahnte,
dann aber von der Kritik wieder fallengelaffene Quellen-
fcheidung energifch, und in der Hauptfache mit Erfolg,
j weiterführt.

Beide Forfcher ftimmen darin überein, daß die beiden
Epitomae, deren II. der Vortritt gebührt, mit dem Hauptproblem
kaum etwas zu tun haben, da fle ebenfo wie
die fyrifch-arabifchen Texte nicht über die uns jetzt vorliegenden
Homilien und Recognitionen zurückführen.
Dennoch können und follten fle u. E. zu deren Texther-
i ftellung als byzantinifche Zeugen des 10. Jahrh. Verwendung
finden. Beide entfeheiden fleh ferner dafür, daß
Horn, und Ree. nicht eine auf die andere, fondern nur
beide auf eine geineinfame Grundfchrift zurückgeführt
werden können. Während aber M. fleh begnügt, diefe
auf Grund relativer Priorität der Horn, als eine etwas
abweichende ältere Form von Horn, zu charakterifleren,
die als Quelle für Rufins griechifche Vorlage der Ree.
gedient habe, verfucht W., fle durch forgfältige Einzelvergleichung
aus Horn, und Ree. zu rekonftruieren, und
beftimmt ihre Zeit genauer auf die Regierung des Alexander
Severus mit ihrem religiöfen Synkretismus in Rom
(220/230).

Bei jener Urform der Homilien bleibt nun M. flehen,
nur für einzelne Stücke Quellen ausfeheidend, wie für
R. IX 19—28 Bardefanes; die zehnteiligen Petrus-Keryg-
mata R. III 75 erklärt er mit Schliemann, Uhlhorn,
Langen für fingiert; ebenfo fkeptifch betrachtet er die
'Avaßafr/iol 'laxmßov und andere für die Quellenkritik
geltend gemachte Inftanzen. Seine weiteren Unterfuchungen
richten fleh im wefentlichen auf das Ganze der Ur-
clementinen, von deren Theologie, kirchlichen Verhält-
niffen, antignoftifcher und antipaulinifcher Polemik er ein
Bild zu geben fucht und die er in zeitlicher Nähe des
Irenäus lokalifieren möchte.

Waitz dagegen geht von eben jenen Petrus-Keryg-
mata R. III 75 in Verbindung mit dem Brief des Petrus
und der öiaßaQzvgla des Jakobus aus: er fucht ihre
IO Bücher zu rekonftruieren und charakterifiert diefe eine
Hauptquelle der clementinifchen Grundfchrift als Geheim-
fchnft einer dem Elkefaitismus verwandten, diefen felbft
aber bekämpfenden judenchriftlich-gnoftifchen Richtung,
entftanden in Caesarea Palaestinae bald nach dem Bar-
kochbakriege, doch noch vor der Blütezeit der Gnofis
(alfo c. 140). Urfprünglich antipaulinifch, fei diefe Schrift
(E. II.) dann unter Benutzung von Juftins Syntagma ins
Antimarcionitifche umgearbeitet worden (Interpolationen
in Buch I. II. VI. VIII und Buch IV ganz) und habe
auch andere Bereicherungen (fo das ganze Buch VII, nach
W. nicht aus fog. Anabathmoi des Jakobus, fondern aus