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Ausgabe:

1904 Nr. 20

Spalte:

566-569

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zwingli, Huldreich

Titel/Untertitel:

Sämtliche Werke. Bd. I, Lfg. 1 1904

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 20.

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Frömmigkeit und Pflichttreue in Gottes Augen fo hoch ! Brüder arbeitet 1532 in Wittenberg und erhält hier den
fland, wie der eifrige Bifchof Dethmar von Minden (S. 86). I Befuch feines alterten Bruders, der nun der Mutter be-

Zu beachten find die Nachweife über das Aufkommen
der Plebane und der Archidiakonen, wie über die Paro-
chialentwicklung, die Gefchichte des Mönchstums, den Zerfall
der Benediktiner in Folge des Mangels an ernfter
Arbeit, die Eigenart der Cirterzienfer und Prämonftraten-
fer, das frühe Aufkommen der Bettelorden auch in Nord-
deutfchland, die Stellung der Sachfen zu den verfchiedenen
Kreuzzügen. Noch befondern Dank verdient die eingehende
Behandlung der Miffion unter den Wenden, in
den Ottfeeprovinzen und unter den Preußen. Das reichhaltige
Kapitel über kirchliches und fittliches Leben,
Wiffenfchaft und Kunft wird in weiten Kreifen dankbare
Lefer finden. Gegenüber den Beftrebungen, die Predigttätigkeit
des Mittelalters in glänzendes Licht zu rtellen,
ift zu beachten, daß damals in Sachfen die Predigt nicht
ein regelmäßiger Teil des Gottesdienftes war, fondern nur
als Feft-, Kreuz-, Ablaß-, Vifitations- und Weihepredigt,
kurz als Gelegenheitsanfprache erfcheint. Für die Ge-
meindeverfaffung ift das Recht der Pfarrwahl zu beachten,
das die Gemeinde in der Regel da hatte, wo fie die
Pfarrkirche erbaut hatte, daß aber Kirchgefchworne noch
nicht nachzuweifen find. Es find das nur einige Stichproben
aus dem reichen Inhalt. Gerne hätte Ref. noch
ein Wort gehört über die Heiligen, deren Verehrung in
diefer Periode vorherrfchte oder aufkam, denen man die
zahlreichen neuen Kirchen widmete. Kayfer gibt fehr
viele Nachrichten über die neuerworbenen Reliquien der
Heiligen, S. 175 der hl. Anna durch Erzbifchof Hartwich
II. von Bremen, aber ob damals fchon der Annakultus
in Norddeutfchland begann, ift nicht zu erfehen. Unter
den frommen Sitten findet fich fchon die Darftellung der
Himmelfahrt Chrifti durch Aufziehen von Holzgeftalten,
wozu 1232 eine Stiftung gemacht wurde (S. 193 Anm.).
S. 11 Z. 19 L Reinold; S. 166 ift die Angabe, daß Marchtal
bei Konftanz gelegen fei, irreführend. Es gehörte
wohl zur Diözefe Konftanz, lag aber weit ab von diefem

richtet von ihrem Ergehen, aber leider von dem, was wir
gerne hören möchten, von feinen Eindrücken in der
Lutherftadt völlig fchweigt, woraus man wohl fchließen
darf, daß in den Städten, die diefe Brüder befuchten. wie
Braunfchweig, Magdeburg, Liegnitz, fchon ebenfolche Zu-
ftände herrfchten wie in Wittenberg. Zum Text hier
einige Vorfchläge. S. 262 Z. 13 1. fits plage. Der Bruder
foll denen, welche den Brüdern Arges gönnen, fagen: Daß
euch S. Veit plage! (der Veitstanz). S. 264 Z. 1 1. ge-
leiget = beglichen, bezahlt; zur Wortform vgl. Nr. 14 Z. 2.
S. 264 Z. 8 v. u. Z. 270 Z. 20 ift zeirun, zieringe kaum
Zierrat, Zierung, fondern Zehrung, die der Witwe viel
nötiger war, als Schmuckfachen. S. 268 Z. 8 1. folfer. Der
wandernde Goldfchmied hat wohl den Auftrag, für die Stadt
Goslar Schwefel zur Pulverbereitung zu kaufen. S. 270 Z. 9
ift fchwer nicht = Schwager, fondern wie fonft Schwiegervater
. Vgl. S. 272 Z. 5 eidam. S. 274 Z. 11 will Franz
Gottfchalk nicht fagen, er fei fehr verfchuldet, wie S. 252
angenommen ift, fondern er habe viel Schuld d. h. große
Guthaben beim Herzog, einem bekannten Friedrich mit
der leeren Tafche, und andern Leuten, von denen er nicht
wiffe, wann fie ihm bezahlt werden. ■— Lehrreich ift die
Rede des Superintendenten Vasmer bei der Huldigung
der Geiftlichen für Jerome, den König ,Morgen wieder
luftig', am 4. April 1810, die bei aller Nüchternheit und
klaren Verftändigkeit doch nichts ahnen läßt von deut-
fchem Bewußtfein. Sehr beachtenswert ift, daß fich die
Preußen ,ehehin' mit dem Verfprechen von Treue und
Gehorfam auch ohne Eid begnügt hatten.

Nabern. G. Boffert.

Zwingli's, Huldreich, sämtliche Werke, unter Mitwirkung
des Zwingli-Vereins in Zürich herausgegeben von
Prof. Dr. Emil Egli und Gymn.-Rel.-Lehr. Dr. Georg
Finsler. 1. Lieferung. (Corpus Reformatorum. Vol
Bifchofiitz an der Donau bei Ulm. S. 208 ift zweimal im , LXXXVIII, I.Lieferung). Berlin 1004 C. A. Schwetfch-

Text Anmerkung 4 gegeben, aber für die zweite wichtige , 90. n r> j e? ' L
Stelle fehlt der Text unten. Der Beginn der Anmer- ke & Sohn- <*■ Band, S. 1-72 gr. 8.)
kungen füllte nicht nur durch eine fette Ziffer, fondern I M- 3-—5 Subfkr.-Preis M. 2.40

auch durch einen vorausgehenden Strich zur Erleichterung j Eine dem heutigen Stand der Wiffenfchaft entfpre-
des Findens bezeichnet fein. | chende Gefamtausgabe von Zwingiis Werken ift längft als

Eine Urkunde von 1455 zeigt, wie Uberfchwemmung j Bedürfnis erkannt worden. Denn die für ihre Zeit wert-
und Kriegsunruhen zur Union zweier Pfarrkirchen mit J volle und handliche Ausgabe von Schuler-Schultheß ift
verfchiedenen Patronen führte, wovon der eine gegen vergriffen und entfprach nicht mehr den Anfprüchen, die
Abtretung von 6 peciae Pflugland auf fein Recht ver- , heute an eine folche Ausgabe geftellt werden muffen
zichtete. — Clemen teilt zwei Briefe von Ant. Corvinus aus j Weder war fie vollftändig, noch war die Textkritik ge-
dem tertius libcllus H. Eobani /Vfji-f MDLXI mit. — In den j nügend. Die gefchichtlichen Unterlagen, auf denen fie
Analekten wird ein Streitlied der Hildesheimer Proteftan- aufgebaut war, waren manigfach unficher geworden. Diefe
ten von 1542/43 veröffentlicht. — Eine koftbare Sammlung Mängel machten fich um fo mehr fühlbar, als die Werke
bilden die 31 Handwerkerbriefe der vier Gebrüder Gott- Calvins im Corpus reformatorum durch Baum, Cunitz und
fchalk von Goslar an ihre Mutter von 1527—1551, die Reuß eine treffliche Ausgabe gefunden hatten, und die
als Goldfchmiede durch Norddeutfchland bis Schienen , Weimarer Lutherausgabe den Eifer aufs neue anfpornte
und Preußen wandern und fich teils in Liegnitz, teils in j dem Reformator Zürichs und feinen Werken gerecht zu
Breslau niederlaffen. Der eine der Briefe enthalt eine , werden.

folch warme Ausfprache der Kindesliebe, daß fie der
Herausgeber, Prof. Dr. Hölfcher, dem Hohelied vergleichen
darf. Diefe deutfche Mutter hat ihre Kinder trefflich
erzogen, obwohl fie in fchwerer Lohnarbeit fich durch

Und praktifch pflegen die Schweizer wiffenfchaftliche
Aufgaben anzufaffen, wie das z. B. das Schweizerifche
Idiotikon und die Ausgabe von Keßlers Sabbata durch
E. Egli beweift. Zuerft gründete man einen Zwineliverein

fchlagen muß. Der Grundzug ihres Wefens ift ernftes j als Mittelpunkt für alle der Perfon und dem Werke
Gottvertrauen; als fromme Chriftin liebt fie daheim ihre j Zwingiis gewidmeten Arbeiten und gab als Organ des
Pfalmen und draußen den Gottesdienft und die Predigt; Vereins die Zeitfchrift Zwingliana heraus, die unter E
nichts ift ihr mehr zuwider als unordentliches Leben. Ihr Eglis Leitung der Zwingliforfchung gute Dienfte leiftete

fchönfter Troft ift das liebe, lautere Gotteswort im Evan-
gelio; mit fchönen Sprüchen aus dem Schatz ihrer Bibel
dämpft fie alle Sorge und Unruhe ihres Herzens nieder;
auch ihre Kinder hat fie von früh auf an die heilige
Schrift gewöhnt. Der religiöfe Kampf ift für diefen Kreis
längft ausgekämpft. Ihr Ältefter macht ihr eine Freude,
indem er ihr 1527 eine Flugfchrift von dem Sakrament

und wie das neue Archiv der Gefellfchaft für ältere
deutfche Gefchichtskunde für die Monumenta Gcrmaniae,
trotz ihres kleinen Umfangs gute Vorarbeit für die neue
Zwingliausgabe ermöglichte. Endlich aher hatte G. Finsler
eine treffliche Zwingli-Bibliographie gefchaffen. Man
konnte auch das, was die Kritik an der Weimarer Lutherausgabe
als Mängel erkannt hatte, berückfichtigen und

und wieder ein Pfalmbüchlein fchickt. Der eine der j fo nach vielen Seiten beffer gerüftet ans Werk gehen,