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Ausgabe:

1904 Nr. 19

Spalte:

545-546

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Réville, Jean

Titel/Untertitel:

Modernes Christentum 1904

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 19.

546

Kernes der reinen Sittenlehre' des Chriftentums Rechnung
tragen muß.

Auf die Darfteilung des evolutioniftifchen Monismus
Haeckels läßt S. ein Kapitel über Julius Hart (217—231)
folgen, deffen ,dualiftifchen Monismus' er an der Hand
des 1899 erfchienenen Werkes ,Der neue Gott. Ein Ausblick
in das kommende Jahrhundert' befpricht. Nach
einer Reihe charakteriftifcher Ausfprüche, die fämtlich
aus diefem Buche entlehnt find, überläßt S. die Widerlegung
diefes Syftems dem Schöpfer desfelben. ,Es gibt
Theorien, die, mit wie viel Geilt fie fich auch umgeben,
doch nur mitgeteilt zu werden brauchen, um fich felbft
zu widerlegen' (224). Die dualiftifch-moniftifche Löfung,
die uns überreden möchte, den Glauben an den lebendigen
Gott gegen den Glauben an ,das empfindende
Molekül einzutauschen', .fcheitert an den Tatfachen'
(225). Leider hat fich S. auch hier damit begnügt, den
Gegenfatz gegen H. nur fkizzenhaft zu befchreiben, um
dann feine Schilderung durch einige Seiten zu fchließen,
die, zwar rhetorifch wirkfam, nicht aber in demfelben
Maße belehrend und überzeugend genannt werden können.

Den Schluß des Buches bildet eine Auseinander-
fetzung mit dem ,beredteften, gemütvollsten und gelefen-
ften Wortführer der neukantifchen Richtung', Albert
Lange (232—274). S. zollt dem ,großen Gedanken,
dem Lange dienen möchte, Wiffen und Glauben, Naturkunde
und Religion zu verföhnen', feine ungeteilte Anerkennung
. Auch dem Beftreben Langes, ,die Idealwelt
vor dem Materialismus zu retten' (261), weiß er gerecht
zu werden, findet aber den Weg, der zu diefem Ziele
führen foll, ungangbar. ,Hat denn nicht die Menfchen-
feele doch dabei das Hoffen gerettet? Aber ein folches,
von dem fie fich felbft gegenwärtig zu halten hat, daß
es nicht mehr ift, als Hoffen, ohne alle Gewähr der Erfüllung
. Sie darf fich auch tröften. Aber ohne darauf zu
rechnen, daß das eintritt, des fie fich tröftet . . . Langes
Auskunft ift deshalb nur eine Scheinauskunft' (272).

Der Wert der Schrift S.s liegt vor allem in dem
Reichtum der aus unerfchöpflichen Kollektaneen gefam-
melten Notizen. Allerdings haftet der über diefes reiche
Material verfügende Verfaffer zu fehr am Einzelnen, fo
daß er dem Lefer fchwerlich zu einer Totalanfchauung
der charakterifierten Syfteme verhelfen dürfte. Diefer
Eindruck des Atomiftifchen wird durch die antithetifche
Form, die der Kritiker wählt (,Ich fage', ,ich erwidere',
.ich frage'), noch wefentlich erhöht. Daß in dem .Ketzerkatalog
' der modernen Weltanfchauungen der Peffimis-
mus und die Philofophie Nietzfches (diefer wird nur einmal
genannt) fehlen, muß befremdlich erfcheinen.
Straßburg i. E. P- Lob nein.

Reville, Prof. Jean, Modernes Christentum. Autoriherte
Überfetzung von H. Buck. Tübingen 1904, J. C. B.
Mohr. (VII, 145 S. gr. 8.) M- 2-5°

J. Revilles Vorträge, Le protestantisme liberal, ses
origines, sa nature, sa vüssion, die in diefem Blatte be-
fprochen worden find (Jahrgang 1903, Nr. 14)- erfcheinen
in deutfcher Überfetzung unter einer aus dem 2. Vortrag
herübergenommenen Überfchrift. Dort hatte nämlich
der Verf. nachzuweifen vermehr, daß der freifinnige
Proteftantismus die chriftliche Religion in moderner Porm
darftelle. Im franzöfifchen Original ift diefe Problem-
ftellung verftändlich, während in der deutfehen Uberfetzung
die Ausfage, ,wir haben im modernen Chnftentum
die chriftliche Religion in moderner Form', fich wie eine
müßige Tautologie ausnimmt. Auch fonft wird der Ausdruck
les protestants liberaux durch die Benennung ,die
modernen Chriften' wiedergegeben. Diefe Gleichung hat
den Vorteil, das Thema aus dem Gebiet der Partei-
ftreitigkeiten in die ruhigere Sphäre einer objektiven Betrachtung
zu erheben, was den Abfichten des Verfaffers

fragelos entfpricht. Allerdings hat auch unter uns der
Ausdruck .moderner Menfch', .moderner Chrift' eine in
den Augen mancher üble Nebenbedeutung, fofern unter
diefem Titel ein radikaler Bruch mit den religiöfen Überlieferungen
der Menfchheit bezeichnet werden foll. Gegen
diefes Mißverftändnis verwahrt fich R. fehr energifch:
bei allem Freimut feines Vorgehens, bei aller Klarheit
feiner Pofition, bei allem Widerwillen gegen ,Opportuni-
tätsgedanken' auf dem Boden der chriftlichen Religion,
weiß er fich frei von jeder Sucht, ,das Chriftentum zu
erneuern'. Auch in diefer Beziehung war vielleicht die
franzöfifche Jberfchrift unzweideutiger als die deutfehe.

Von dem Inhalt der Schrift und dem Weg, den
der Redner in feinen 5 Vorträgen einfehlägt, ift bei der
Befprechung des Origtnalwerkes die Rede gewefen. Die
Überfetzung lieft fich gut und bringt die ftets lichtvolle
, zuweilen warme Sprache des Verfaffers zu voller
Geltung.

Straßburg i. E. p. Lobftein.

Tolstoj, Leo N., Kritik der dogmatischen Theologie. Überfetzt
von Carl Ritter. Erfter Band. (Werke. Von dem
Verfaffer genehmigte Ausgabe von Raphael Löwenfeld
. II. Serie. Theologifche Schriften. Band 1.) Mit
Buchausftattung von J. V. Ciffarz. Leipzig 1904,
E. Diederichs. (X, 211 S. 8.) M. 3.—; geb. M. 4.—

Diefes Buch bildet die Fortfetzung der Th. Lztg.
1903, Nr. 1. angekündigten, durch R. Löwenfeld veran-
ftalteten, in deutfcher Sprache veröffentlichten Gefamt-
ausgabe der Werke Tolftojs. Die Kritik der dogmatifchen
Theologie eröffnet die große Auseinanderfetzung und
Abrechnung T's mit der orthodoxen Religion, deren Vor-
chriften er nach langerEntfremdung in den Jahren 1877— 1878
wieder mit Ernft und Eifer befolgt, an deren gottesdienft-
lichen Handlungen er aus ganzer Seele fich beteiligt
hatte. .Das Ergebnis diefer Lebensweife, welcher er mit der
Energie und Ehrlichkeit ergeben war, die feiner großen
und ftarken Perfönlichkeit eigen find, war ein furchtbares:
Alles Lug und Trug! Diefe ahnungsvoll aufdämmernde Erkenntnis
mußte bewiefen werden' (II—III). Einen wichtigen
Beitrag zu diefem Beweis liefert die 1891 in Genf
erfchienene, hier zum erften Mal in deutfcher Sprache
veröffentlichte /Kritik der dogmatifchen Theologie'. ,Ich
fchrieb viele Bogen voll; indem ich Wort für Wort zu-
nächft das Symbol des Glaubens, fodann den Katechismus
des Philaret, fodann das Sendfehreiben der morgen-
ländifchen Patriarchen, hierauf die Einführung in die
Theologie des Makarius, dann die dogmatifche Theologie
desfelben Makarius zu unterfuchen begann' (S. 3). In
erfter Linie bildet letzteres Werk, (in 5. Auflage 1895 in
Petersburg erfchienen), das ,von der Kirche als die befte
dogmatifche Theologie anerkannt ift' (S. 7), den Haupt-
gegenftand der Kritik T's.

Das vorliegende Buch enthält erft einen Teil der
Dogmatik des Makarius, welchem T. Schritt für Schritt
folgt, indem feine kritifchen Auseinanderfetzungen den
Kommentar zu dem häufig angeführten und oft bis in die
Einzelheiten herangezogenen Text bildet. Der Kritik der
Einleitung find nur wenige Seiten gewidmet (8—17).
Die kritifche Beleuchtung des erften Teils, ,Von Gott
an fich felbft und von seinem allgemeinen Verhältnis
zur Welt und zum Menfchen {OeoXoyia
cbrxw, d. h. elementare Theologie) nimmt den Haupt-
ftamm des Werks in Anfpruch. In der Zergliederung
diefes in der orthodenen Kirche höchft angefehenen Buchs
entwickelt T. eine Virtuofität, die keinen Augenblick erlahmt
und fich nicht genug tun kann. Mit beißender
Ironie legt er die Unklarheiten, die Trugfchlüffe, die
Widerfprüche der dogmatifchen Überlieferung bloß;
mit ungeheuchelterEntrüftung weift er die in der offiziellen