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Ausgabe:

1904 Nr. 19

Spalte:

543-545

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmidt, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Der Kampf der Weltanschauungen 1904

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 19.

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doch nicht den Titel. Jene fittlichen Ideen find eben
doch nur Hilfslinien, es gilt die Abwehr der katholifchen
Ethik der Verdienftlehre, die aber auch wieder im
Dienfte der Religion fteht.1) Eine pofitive Ethik hat
Luther nicht an die Stelle gefetzt, nur eine pofitive
Religionslehre.

Gießen. Köhler.

Schmidt, Prof. D. Wilh., Der Kampf der Weltanschauungen.

Berlin 1904, Trowitzfch & Sohn. (III, 281 S. gr. 8.)

M. 3.60

,Wie wir die Welt anfehen, darin kommt mehr als
nur unfere jeweilige Erkenntnisstufe zum Ausdruck.
Daran ift immer zugleich unfere ganze Lebensauffaffung
und Willensrichtung beteiligt, und daran werden unwillkürlich
unferer Herzen Gedanken offenbar. Eine Welt-
anfchauung läßt fich nicht erlernen, man muß fie
erkämpfen ... Man kann auch nicht auf eine Welt-
anfchauung verzichten. Wir kommen nicht aus ohne
eine folche ... So wird der Kampf der Weltanfchau-
ungen, der uns auf verfchiedenen Wahlftätten um wech-
felnde Siegespreife umtoft, zu einem Kampf um die
Weltanfchauung, die jeder einzelne zu verteidigen, zu
behaupten, wieder zu gewinnen oder neu zu erringen hat.
Wie es fo nicht möglich ifl, fich dabei zu beteiligen, es
fei denn von Grund des Herzens und mit feiner ganzen
Perfönlichkeit, fo find es Per fönen, die mit ihrem Leben
für je ihre Weltanficht eintreten; lebendige Typen der
verfchiedenen Welterklärungen, wie fie nach und nach
im verfloffenen Jahrhundert aufgekommen find und -—
noch heute irgendwie nachwirken, an denen wir uns
orientieren, die wir vergleichen, zu denen wir Stellung
nehmen. Bereits wieder völlig verdrängte bleiben außer
Anfatz, außer Acht. Das persönliche Intereffe befchränkt
fich auf die noch wirkfamen' (S. 1. 2).

Schmidts Buch führt uns acht folch typifcher Geftalten
vor. Das erfte Kapitel (2—36) ift Augufte Comte gewidmet
. Mit befonderer Vorliebe verweilt der Verf. bei
den religiöfen Extravaganzen, welche die hervorragendften
Schüler Comtes ftets als illegitime Auswüchfe der fonft
einheitlichen Gefamtanfchauung des Meifters betrachtet
haben. Diefer befonders durch Littre vertretenen Deutung
der phantaftifchen Spekulationen Comtes pflichtet S. nicht
bei: ihm erfcheinen die Ciotildenandachten und die damit
zufammenhängende Mythologie des Humanitätskultus
als die Frucht des durch das Syftem felbft unbefriedigt
gebliebenen oder auch irregeführten Triebes, fo
daß zwifchen der pofitiviftifchen Weltanfchauung und der
abenteuerlichen Myftik ein inneres Band nachzuweifen
wäre. Leider hat S. diefen nur dunkel angedeuteten
Nachweis nicht geführt: die zahlreichen anekdotenhaften
Mitteilungen aus dem Leben und der Privatreligion des
großen Philofophen reihen lieh unvermittelt an das viel
zu dürftig fkizzierte Bild des eigentlichen Syftems, deffen
Tragweite und großartiger Einfluß, nach dem was S.
darüber berichtet, ein ungelöftes Rätfei bleibt.

Der zweite, den Materialismus Büchners behandelnde
Auffatz (37—77) kann nicht den Anfpruch erheben,
eine vollftändige Darftellung und zufammenhängende
Widerlegung der materialiftifchen Weltanfchauung zu
fein. Doch hat es der Verf. verftanden, an einer Reihe
glücklich gewählter Beifpiele Büchners Machtfprüche und
Trugfchlüffe bloßzulegen. Die Freude an Anekdoten,
hiftorifchen oder literarifchen Notizen, Zitaten aller Art,
die er aus dem reichen Schatz feiner ausgedehnten Lektüren
fchöpft, tritt in diefem, wie in allen übrigen Kapiteln
hervor; es follen diefe Mitteilungen, die nicht

') Infofern ift es auch fehlet, wenn St. fagt, Luther habe in der
erften Phafe des Kampfes den Angriff auf die ethifchen Grundideen
der m. a. Kirche gerichtet. Soll heißen: ethifch-religiöfen.

feiten den Faden der fachlichen Erörterungen unterbrechen
, zur Erholung des Lefers beitragen, allerdings
ohne daß fie der Aufhellung des Gegenftandes immer
| dienen könnten. — Aus demfelben Grund hat S. das
dritte, dem ,Hegelfchen Monismus' von Strauß gewidmete
Kapitel (78—109) mit zahlreichen Stellen aus
Straußens Briefen und Gedichten ausgeftattet, indem er
die wichtigften Ereigniffe des Lebens Straußens in Erinnerung
bringt und die Grundgedanken feiner Hauptwerke
kritifch beleuchtet. ,Wohin der Hegelraufch, deffen
Opfer er wurde, in einem konfequenten Denker führt,
das ift an ihm vor aller Augen offenbar geworden'. Der
,klare, kraffe Materialismus' der 1872 abgelegten .Generalbeichte
' ift der ,Schlußpunkt' der im Erftlingswerk
von 1835 eingeleiteten Entwicklung (106—107). Aber
Strauß felbft ift die lebendige Inftanz gegen die in feinem
letzten Bekenntnis vertretene Weltanfchauung. In einem
Univerfum, das nichts ift als ,in's Unendliche bewegter
Stoff' ,bleiben die hohen menfehlichen Tugenden, die ihn
„auszeichnen", ganz unerklärlich' (106).

,Die vierte Weltanfchauung, deren Kenntnis zum Ver-
ftändnis des gegenwärtigen Kampfes erfordert wird, ift die
Theorie Feuerbachs' (110—144). Auch in diefem Kapitel
verfährt S. nicht beurteilend, fondern faft ausschließlich
referierend. An der Hand der Hauptwerke
Feuerbachs beleuchtet er befonders den Zufammenhang
desfelben mit Hegel und zeigt dann, in welchem Sinn
F. das Geheimnis der Theologie in der Anthropologie
findet. In eine eigentliche Diskuffion des PTuerbachfchen
Illufionismus tritt der Verf. nirgends; die Anfätze zu
einer folchen (133. 134. 140) werden nicht weiter verfolgt.
S. beruhigt fich bei der Verficherung: ,Nein! Der Narr
ift der Menfch in keinem Stadium feiner Entwicklung
gewefen, daß er feine eigenen Wünfche aus fich heraus-
projizierte und zu Gebilden verdichtet habe, um fie dann
anzubeten und fich um ihretwillen Entbehrungen und
Opfer aufzuerlegen' (140). Die hier zuletzt gegen die
egoiftifche Wunfehtheorie erhobene Inftanz ift nur angedeutet
; auch verfäumt es S., in der Zeitlage, die den
Hintergrund der F"euerbachfchen Gedankenarbeit bildet,
einige der Entftehungsgründe feiner Weltanfchauung zu
fuchen. — Das an biographifchen und bibliographifchen
Notizen ebenfalls fehr reiche Kapitel über Darwin
(145—179) fucht durch gut gewählte Stellen aus Darwins
Schriften den Nachweis zu führen, daß für den
großen Naturforfcher die Entwicklungstheorie mit dem
Theismus vollkommen verträglich ift. ,Es ift wirklich eine
großartige Anficht — fo lautet der Schluß des Werks
,über die Entftehung der Arten', — daß der Schöpfer
den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen
oder nur einer einzigen Form eingehaucht habe, und
daß, während diefer Planet, den Gefetzen der Schwerkraft
folgend, fich im Kreife fchwingt, aus fo einfachem
Anfang fich eine endlofe Reihe immer fchönerer und
vollkommenerer Wefen entwickelt hat' (169).

Während es Darwin vermieden hatte, aus feiner
Theorie von den umbildenden Wirkungen der natürlichen
Auslefe Folgerungen zu ziehen, welche die bisherigen
religiöfen Überzeugungen erfchüttern könnten, geftaltet
fich bei E. Haeckel (180—216) diefer Agnoftizismus zu
einer aggreffiven Tendenz, welche den gefamten, auf evo-
lutioniftifcher Grundlage ruhenden Monismus beherrfcht.
Es fällt S. nicht fchwer, nachzuweifen, daß der Verfaffer
der .Natürlichen Schöpfungsgefchichte' und dtr,Welträtfel'
den Boden der wiffenfehaftlich beobachtbaren Tatfachen
verläßt und fich zu einer naturphilofophifchen Weltanfchauung
bekennt, die die Selbftbefcheidung eines Du
Bois-Reymond (204) grundfätzlich verleugnet. Wenn H.
erklärt, daß ,der Mechanismus der Natur ebenfo in der
Pfychologie wie in der Aftronomie, in der Biogenie wie
in der Geologie herrfcht' (216), fo erhebt fich gegen diefen
Machtfpruch das Zeugnis der fittlichen Tatfachen, denen
H. indirekt durch feine Anerkennung des .wertvollen