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Ausgabe:

1904 Nr. 18

Spalte:

524

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nelle, E. Chr.

Titel/Untertitel:

Geschichte des deutschen evengelischen Kirchenliedes 1904

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 18.

524

im Kulturleben und in der Kunft des Mittelalters' (238—281)
wertvolle Daten, die jener weiteren Faffung des Themas
vollkommen gerecht werden.

Daß das Zöcklerfche Buch eine reiche Fundgrube
bewunderungswürdiger Gelehrfamkeit ift, verfteht fich
von felbft. Mag auch der Genuß, den eine fo ausgedehnte
Belefenheit bereitet, gerade durch die uferlofe
Maffe, zu welcher die hier aufgefpeicherten Kollektaneen
angeschwollen find, zuweilen getrübt werden, fo wird
doch jeder Lefer für die empfangene Belehrung dankbar
fein müffen. Ift doch eine gefonderte Darfteilung des
wiffenfchaftlichen Aufbaus und der fyftematifchen Bearbeitung
der chriftlichen Tugendlehre bisher noch nicht
verfucht worden. Zöcklers reichhaltige Monographie reiht
fich an feine 1893 veröffentlichte Schrift ,Das Lehrftück
von den fieben Hauptfünden. Beitrag zur Dogmen- und
Sittengefchichte, insbefondere der vorreformatorifchen
Zeit' an. Aus dem mit unermüdlichem Fleiß zufammen-
getragenen Material, das fich über die ur- und altchrift-
liche Zeit (1—123), das Mittelalter (124—281) und die
neuere Zeit (282—372) erflreckt, feien befonders hervorgehoben
die Ausführungen über die Einwirkung der griechischen
und römifchen Tugendlehre auf die chriftliche
(44 fg.), über die Tugendlehre im Bann der Siebenzahl bei
den Scholaftikern (148 fg.), über die myftifche Stufentheorie
(181 fg.), über die drei verfchiedenen Typen der dekalogifch
difponierten Tugendlehre in der proteflantifchen Ethik
(305 fg.), über den dreifachen Typus der Tugendlehre
ohne dekalogifche Motivierung (319 fg.), über die Tugendlehre
in der modern-philofophifchen Ethik (354 fg.).

In der zufammenfaffenden und kritifchen Rückfchau,
mit welcher der Verf. fein Buch befchließt, bekennt er
fich zum gleichmäßigen Ausbau der Güter-, Tugend- und
Pflichtenlehre. .Ifoliert und vereinfeitigend ausgebildet
unterliegt jede der drei, die Güter-, wie die Gefetzesund
die bloße Tugend-Ethik, gerechten kritifchen Bedenken
. Zu einem wiffenfchaftlichen Ganzen zufammen-
gefchloffen, ftützen und fördern fie einander wechfelfeitig
. . . Die Heilige Schrift verfichert uns des Befitzes ethifcher
Güter mit nicht minderer Deutlichkeit, wie fie uns das
Gefetz predigt und zur Darreichung der Tugend in unferm
Glauben mahnt' (373. 372). —■ Was nun die zukünftige
Behandlung der Tugendlehre in der evangelifchen Ethik
betrifft, fo fpricht fich Z. für das Preisgeben der hepta-
difchen Formulierung beider, der Tugend- wie der
Lafterlehre'. ,Sie entbehrt klar beftimmter biblifcher Bezeugung
. Ihre Anfänge fcheinen fich in das Dunkel
heidnifch- oder gnoftifch-mythologifierender Spekulation
zurückzuverlieren. Eine wohltätig anregende Einwirkung
auf das Sittliche Streben moderner Menfchen fleht von
ihr Schwerlich zu erwarten; eher nimmt fie fich wie ein
für die Gegenwart entbehrlich gewordener Archaismus
aus' (373). Günftiger lautet das Urteil des Verf. über
,das tetradifche Schema nach dem Vorgang Schleiermachers
und anderer', vorausgefetzt, ,daß feine inneren
Defekte durch angemeffene Zufätze ergänzt werden, und
daß vor allem die Durchdringung aller vier Glieder der
Reihe mit dem Prinzip der Gottes- und Nächstenliebe im
Anfchluß an Auguftin nicht verabfäumt, fondern wirk-
fam gehandhabt wird' (374). Vor allem aber tritt Z. ein
,für die fernere Pflege des Schemas der Skalenethik
oder der Lehre vom Stufenfortfchritt in der Heiligung
und Nachfolge Jefu. Enger Anfchluß an die biblifche
Grundlage und forgfältiges Fernhalten krankhafter Exzentrizitäten
und myftifcher Überfchwenglichkeit muß
dabei felbftverftändlich gewahrt werden. In diefem evangelifchen
Sinne gehandhabt, und zugleich mit einer dem
heutigen Zeitbedürfniffe fich anpaffenden Stufenethik der
chriftlichen Stände in organifche Verbindung gebracht,
verheißt gerade diefe Lehrform nach allen Seiten hin die
günftigften Wirkungen für das christlich-Sittliche Wahrheitszeugnis
der Zukunft' (374). Während die Skalenethik
einer Streng wiffenfchaftlichen Bearbeitung fähig und bedürftig
ift, erfcheint für den chriftlichen Volks- und
Jugendunterricht die dekalogifche Lehrform die geeignetste
, ja für alle Zukunft unerläßlich und unentbehrlich,
fei es nun, daß bei ihr fchlichter Anfchluß an die Weife
der Väter und an die kernhafte Textauslegung des Reformators
Stattfinde, fei es, daß die wichtigeren Momente
der Heiligungslehre mit ihr in Verbindung gebracht
werden' (374).

Sollten einige Lefer der Meinung fein, es lohne fich
kaum, einen fo ungeheueren Stoff, wie den vom Verf. bewältigten
, in Bewegung zu fetzen, um Ergebniffe zu erzielen,
die auf kürzerem Wege erreicht werden könnten, fo ift
dem zu erwidern, daß die hiftorifche Unterfuchung, auch
abgefehen von dem fyftematifchen Refultate, einen Selbständigen
Wert beanfpruchen darf, und daß diefe Unterfuchung
zu den Arbeiten gehört, von denen fich fagen
läßt, daß fie einmal unternommen werden mußten. Statt
mit dem Verf. über feinen Gegenstand zu rechten, werden
wir ihm dann für feine Selbftlofigkeit in dem Maße
danken, als uns felber zu einem fo mühevollen und langwierigen
Unternehmen alle Luft fehlen würde.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Nelle, Wilhelm, Geschichte des deutschen evangelischen
Kirchenliedes. (Schloeßmann's Bücherei für das chriftliche
Haus. Band III.) Hamburg 1904, G. Schloeß-
mann. (IX, 234 S. 8.) Geb. M. 2.—

Der durch zahlreiche hymnologifche Arbeiten als
kenntnisreich und verftändnisvoll bekannte Verfaffer,
Superint. Nelle in Hamm, hat mit der vorliegenden
Gefchichte des Kirchenliedes dem ,chriftlichen Haufe'
eine wertvolle Gabe dargereicht. Die Darfteilung beruht
auf gründlichen und felbftändigen Studien und entfpricht
in Stil und Sprache durchaus dem Inhalt. Die zahlreichen
Bildniffe der Liederdichter und mehrere feltene
Fakfimiles — z. B. eine Seite aus dem Achtliederbuche
1524 mit Text und Melodie von ,Nun freut euch, liebe
Christen gemein', dann: ,Ein fefte Burg ift unfer Gott'
nach dem älteflen oberdeutfchen Druck, Augsburg 1529,
ferner die Titelblätter des ,Enchyridion' 1526, des Leipziger
Gefangbuchs von V. Babft 1545, des Waltherfchen
Chorgefangbüchleins 1524 — find in ihrer guten Ausführung
wirkliche Zierden des Buchs.

Nach einer Einleitung über die Bedeutung des deut-
fchen evangelifchen Kirchenliedes und den heiligen Ge-
fang in Deutfchland vor der Reformation wird das
deutfche evangelifche Kirchenlied in folgenden Ab-
fchnitten behandelt: In der Zeit der Reformation 1524—
1560, In der Zeit der Gegenreformation 1560—1618,
Während und nach dem dreißigjährigen Kriege 1618—
1675, In der Zeit des Pietismus 1675—1750, In der
Zeit der Aufklärung 1750—1800, In der Zeit des wiedererwachten
Glaubenslebens 1800 bis jetzt.

Die Urteile des Verfaffers find im großen und ganzen
maßvoll und zutreffend, wenn auch die warmherzige
Schätzung hervorragender Dichter und Lieder mitunter
etwas weniger fuperlativifch fich äußern dürfte. Das
wegwerfende Urteil über Joriffen's Pfalmen vermag ich
jedoch nicht zu billigen, und im Gegenfatz zu dem Verfaffer
halte ich das vifionäre Lied von Hermes: ,Ich
hab von ferne, Herr, deinen Thron erblickt' für un-
evangelifch, das Lied von A. Knapp: ,Eines wünfch' ich
mir vor allem Andern' entweder für ganz ungefund
oder für unwahr, das Lied von Eleonore v. Reuß:
,Das Jahr geht ftill zu Ende' für fentimental. Soweit
dies Gefchmacksurteile find, läßt fich darüber nicht
rechten, und jedenfalls nimmt die Verfchiedenheit des
Urteils dem trefflichen Buche, das auf das wärmfte dem
,chriftlichen Haufe' empfohlen fein foll, nichts von feinem
hohen Wert.

Marburg. E. Chr. Achelis.