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Ausgabe:

1904 Nr. 1

Spalte:

507-509

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Krauss, Samuel

Titel/Untertitel:

Das Leben Jesu nach jüdischen Quellen 1904

Rezensent:

Fiebig, Paul

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507

Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 18.

Z. 17 lies ,vollbringt' ftatt ,verbringt', S. 131 letzte Zeile
1. v 8 flatt v 6, S. 135 Z. 10 v. u. 1. 35 für 45, S. 135
Z. 7 v. u. 1. 36 für 46, S. 135 Z. 6 v. u. 1. 239 für 23s,
S. 136 Z. 5 1. 3132 für 303a, S. 137 Z. 1 1. 24s für 42a.
— Die Ausftattung ift gediegen.

Jena. Bruno Baentfch.

Krauss, Samuel, Das Leben Jesu nach jüdischen Quellen.

Herausgegeben und erläutert. Berlin 1902, S. Cal-
vary & Co. (VIII, 308 S. gr. 8.) M. 8.—

Krauß will (Vorwort S. III) eine philologifch-hifto-
rifche Arbeit liefern, keine Polemik oder Apologetik. Es
handelt fich ihm um das Verftändnis eines nahezu anderthalb
Jahrtaufende alten Textes, der fogenannten ToPdoth
Jeschu. Er bietet eine ganze Reihe Texte diefes Buches
und ,zeigt die chriftlichen Quellen des Inhalts der ToP-
doth Jeschu auf. Mit diefem Ausdruck: ,die chriftlichen
Quellen' meint er: diejenigen chriftlichen Schriften, in
welchen von den in den ToPdoth Jeschu verarbeiteten
Stoffen, oder von dem Buche ,ToPdoth Jeschu' felber
die Rede ift. Die Einleitung bietet eine Sammlung
aller Spuren der ToPdoth oder des darin verarbeiteten
Stoffes, deren K. habhaft werden konnte, vor allem find
die chriftlichen Zeugniffe berückftchtigt von Juftins Dia-
logus an bis zu den Ausgaben von Wagenfeil und Huldreich
. Die Handfchriften, die K. nachweifen kann, find
am Schluß der Einleitung aufgeführt. Der r. Abteilung
.Texte' geht ein Abfchnitt: .Klaffifizierung der
Texte' voraus, verfaßt von Dr. E. Bifchoff in Leipzig.
Einteilungsprinzip ift die Eigenart der Darftellung des
Stoffes. Es werden 5 Haupttypen unterfchieden. Anordnungsprinzip
der Texte innerhalb jedes Typus ift,
foweit als möglich, die fprachliche (Stil-)Verwandtfchaft.
Ein hiftorifcher Stammbaum der einzelnen Faffungen
ift: bei der Art des Materials eine reine Unmöglichkeit.
Die 5 Typen find: 1) Typus Wagenfeil, 2) Typus de
Roffi, 3) Typus Huldreich, 4) Der modern-llavifche Typus
, 5) Typus Kairo.

Man follte nun meinen, daß in der Abteilung .Texte'
nach diefen Typen geordnet wäre, refp. fich bequem
erfehen ließe, zu welchen Typen die dargebotenen Texte
gehören. Statt deffen erhalten wir ganz andersartige
Überfchriften und müffen erft durch Hin- und Herblättern
in dem Buche feftftellen, zu welchem Texttypus die
dargebotenen Texte gehören. Das erfchwert natürlich
den Einblick in die Textüberlieferung der ToPdoth außerordentlich
. Hinzukommt, daß K. die Texte nur fehr teilweife
mit Überfetzung verfehen hat. Ein Grund dafür,
daß K. nicht fämtliche Texte, die er bietet, auch überfetzt
, ift nicht einzufehen, K. will doch den Einblick in
diefe Texte durch feine Überfetzungen erleichtern. Warum
tut er das dann nicht bei allen? S. 22/23 rechtfertigt
er fich in fehr eigenartiger Weife dafür, daß er
überhaupt Überfetzungen biete. Er weift darauf hin, daß
große Teile der ToPdoth bereits in Überfetzungen vorliegen
, alfo .durch diefe Arbeit der heikle Gegenftand
nicht zum erften Male in die größere Öffentlichkeit gerate
'. Daß das kein Gefichtspunkt für eine wiffenfchaft-
liche Arbeit ift, leuchtet ohne weiteres ein. Praktifch
wäre es übrigens gewefen, Text und Überfetzung einander
gegenüber zu drucken.

Die 2. Abteilung enthält Abhandlungen, welche
den Inhalt der ToPdoth nach verfchiedenen Seiten hin
beleuchten und vor allem die Herkunft, eventuell auch
das Alter der in den ToPdoth verarbeiteten Stoffe im
einzelnen nachweifen. Die ToPdoth werden mit den
Evangelien, den neuteftamentlichen Apokryphen, der
Apoftelgefchichte, dem Talmud und Midrafch, dem Koran,
der karäifchen Literatur, der mittelalterlichen polemifchen
Literatur verglichen. Die 8. Abhandlung bringt intereffantcs
Material folkloriftifcher Art, Parallelen zu der Erzählung
von der vaterlofen, außerehelichen Geburt Jefu, etc. Anhang
I und II behandeln die Petrus- und die Kreuzauffindungslegende
, Anhang IIINeftorios und die Neftorianer,
von denen am Schluß einiger ToPdothmss. die Rede ift.
In allen diefen Abhandlungen zeigt fich wiederum, wie
wenig K.s Buch einheitlich durchgearbeitet ift. Die Huld-
reichfche Textform wird fehr häufig zitiert, während fie
doch in K.s Buch nicht dargeboten ift; auch werden die
anderen Textformen nach den vorhandenen Separatausgaben
angeführt, aber nicht nach den Texten, die K. darbietet
. K. legt Gewicht darauf, daß die ToPdoth nicht
lediglich als Ausgeburt jüdifchen Haffes gegen das
Chriftentum zu verliehen find, fondern vielfach Motive
bieten, die viel allgemeinerer Natur find, die aus den apokryphen
Apoftelgefchichten und Evangelien flammen und
teilweife fogar Chriftus und die Apoftel in gutem Lichte
erfcheinen laffen. Wichtig ift, daß die ToPdoth nicht
nur eine jüdifche Paralleldarftellung zu den Evangelien,
fondern auch zu der Apoftelgefchichte fein wollen. Die
Verteilung der Welt unter die Apoftel, von denen jeder
ein befonderes Miffionsgebiet erhält, wird erwähnt. Judas
Ifchariot und der als Elias bezeichnete Paulus fpielen
eine befonders hervorragende Rolle. Simon Kephas
trägt vielfach die Züge des Magiers Simon. Ein gut Teil
des Stoffes berührt fich mit den Angaben des Talmud
über Jefus. Befonders hervorzuheben ift, daß der schein
ham'phorasch, der Gottesname, als Mittel der Zauberei
und des Wundertuns in reichem Maße auftritt. Die
ToPdoth würden alfo als Ergänzung zu dem von Heit-
müller in feiner Schrift ,1m Namen Jefu' zufammengc-
tragenen jüdifchen Material hinzuzufügen fein.

Im Schluß verfucht K., die Frage nach der Ab-
faffungszeit und der hauptfächlichften Quelle der ToPdoth
zu löfen. Er fetzt die ToPdoth in das 5. Jahrh. n. Chr.
und nennt als Hauptquelle das hebräifche Gefchichtswerk
Jofippon. Auf Grund der Angaben des Tertulltan er-

l mittelt er die urfprünglichen Beftandteile der ToPdoth.
Darin hat K. recht, daß die ToPdoth in der Hauptfache
die Zeit des Neftorios, alfo das 5. Jahrh., widerfpiegeln.
Schriftliche Aufzeichnungen derart find jedoch auch für
etwas weiter zurückliegende Zeit nicht unmöglich. Sicheres
zu fagen, ift bei einem fo variablen Stoff fehr
fchwierig; doch hätte K. noch mehr erreicht, wenn er
methodifch vorgegangen wäre. Ganz am Schluß, S. 247,
geht K. mit einem: ,nun muß man fragen, welche Punkte
zu den urfprünglichen Beftandteilen des Toldoth gehören
?' zu einer Frage über, die für jede chronologifche
Anfetzung die Hauptfrage ift und den Hauptgefichtspunkt
auch bei der Beleuchtung des Inhalts der ToPdoth hätte
bilden follen. Es wäre dann fcharf die Frage nach der
Zeit der fchriftlichen Fixierung der urfprünglichen Beftandteile
der ToPdoth zu Hellen und zu unterfuchen gewefen
. Darauf hätten die verfchiedenen fpäteren Rezen-
fionen zeitlich lokalifiert werden müffen; endlich ganz
am Schluß wäre ein Wort über den inhaltlichen Charakter
der ToPdoth am Platze gewefen. So wäre das Ganze
eine ftraffe Einheit geworden. Statt deffen machen die
Darbietungen K.s einen wenig einheitlichen, abgerundeten
Eindruck, beliehen in der Hauptfache aus ohne Rückficht
auf die Chronologie an einander gereihten Notizen
und Exzerpten, häufen eine große Menge Material zu-
fammen, ohne dies Material fyftematifch zu verarbeiten.
Zur weiteren Charakterifierung diefer Art nur noch ein
Beifpiel. S. 2 ff. gibt K. die Angaben der altchriftlichen
Schriftfteller über die ToDdoth, refp. über die darin
verwandten Stoffe. Nach S. 5 handelt es fich auf S. 2—5
lediglich um die Spuren des Materials der ToPdoth,
nicht aber um die Spuren des ToPdothbuches. Anftatt
nun bei diefem, für die Entftehungszeit der ToPdoth
als Buch fehr wichtigen Gefchichtspunkte zu bleiben und
die in Betracht kommenden Stellen der betreffenden Schriftfteller
vorzulegen,und zwar vollftändig, reiht K. einfach eine
Reihe von Beziehungen zu dem Inhalt der ToPdoth, wie fie

I die betreffenden Schriftfteller darbieten, an einander, ohne