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Ausgabe:

1904 Nr. 1

Spalte:

27-28

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kautzsch, Emil

Titel/Untertitel:

Bibelwissenschaft und Religionsunterricht 1904

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 1.

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merken laffen, daß Gott ihnen nahekomme, und daß
das allein fie feiig machen könne. Die Menfchen, denen
das zuteil wird, blicken nun erft recht mit gefpannter
Hoffnung in die Zukunft. Aber der erlöfenden Macht
Jefu verdanken fie, daß fie eine Hoffnung haben. — Die
größte zufammenhängende Änderung der neuen Auflage
betrifft die ,Einleitung'. Hat fie auch Stoffe der früheren
aufgenommen, der Herr Verf. bezeichnet fie mit Recht
als ,Erfatz'. Auch wenn z. T. dasfelbe gefagt wird wie
früher, fo wird es aus einer, wenn auch nicht neuen
(f. o.), doch ftärker hervortretenden Stimmung herausge-
fagt; ich darf wohl fagen, aus der Verföhnlichkeit, welche
die Hoffnung zum Grunde hat (Rom. 15, 13), wenn auch
da und dort ein fcharfes Wort laut wird. Grundgedanke
diefer Einleitung ift die Überwindung der Not
(in der gegenwärtigen Lage des ev. Chriftentums) durch
die ,Pietät der Gefetzesfreien': jemehr diefe merken,
daß die Bibel felbft, anftatt etwas Unmenfchlich.es von
Ihnen zu fordern, uns etwas Unvergleichliches gibt, zur
Quelle lebendigen Waffers, perfönlicher Glaubensüberzeugung
wird. Wenn diefe Befreiten anfangen fich felbft
zu überwinden, fo werden fie damit gefegnet, daß fie
immer mehr an folchem, was ihnen in der ehr. Überlieferung
fremd geblieben, fich innerlich bereichern und
freuen können. Und diefe Freude wird fich in unfrem
Volk ausbreiten. Solchem Ziel können alle, in den
verfchiedenften Richtungen, zuftreben, wenn fie auf die
Hauptfache ihre Arbeit richten, auf das, was fie einander
nicht abfprechen, wenn fie Chriften find, das perfönliche
Chriftentum, den durch Chriftus vermittelten Verkehr mit
Gott. In diefem Zufammenhang treten noch einmal alte
Namen der Polemik auf, aber in dem Lichte des Glaubens:
,Diefe Männer felbft halte ich für Chriften . .. Als Theologen
waren fie FLrzeugniffe ihrer Zeit. Was fie als Chriften
waren, ift von Gott gefchaffen'. In dem innern Leben
des Glaubens herrfcht der Eine Gott und der Eine Chriftus.
Wenn wir uns über Differenzen der Lehre auseinanderfetzen
wollen, fo müffen wir vor allem wiffen, was wir unter
dem innern Leben des Glaubens verliehen, oder wie wir
uns den Verkehr mit Gott vorftellen. Darin ift allein die
wahre Objektivität der chriftlichen Erkenntniffe begründet.

Man kann die Gedanken diefer Einleitung nicht er-
fchöpfen, wenn man fie im Auszug wiedergibt. Das ift
die Art von Büchern, die aus der Nötigung der Perfon
heraus wach fen, die nicht bloß gemacht werden. Und
auch Fragezeichen oder Hoffnungen der Lefer werden
hineingezogen in eine perfönliche Zwiefprache; fo z. B.
ob etwa und inwieweit, eben von jener Grundftellung zur
Schrift aus, die Gemeinde auf ihrem Gange durch die
Zeit für jede Zeit aus der Schrift gemeinfame Erkenntniffe
fchöpfen dürfe. Mit Grund fagt der Herr Verfaffer:
die Arbeit, an der diefes Buch feit fünfzehn Jahren hat
mithelfen dürfen, ift nicht vergeblich gewefen. Das
werden ihm viele in stiller Dankbarkeit bezeugen.

Tübingen. Th. Häring.

Kautzsch. Prof. D. Emil, Bibelwissenschaft und Religionsunterricht
. Sechs Thefen. Zweite, mit einem Votum
über neuefte Erfcheinungen (Stofch, Urquhart, Lepfius
und den Babel-Bibel-Streit) vermehrte Auflage. Halle
1903, E. Strien. (96 S. gr. 8.) M. 1.50

Die zweite Auflage diefes vor drei Jahren veröffentlichten
und bereits in diefem Blatt angezeigten Vortrags
hat durch die längere Einleitung, die der Verf. dem unveränderten
Referate vorausgefchickt, eine wertvolle Bereicherung
erfahren. K. knüpft an die Beurteilungen an,
die feinen ,fechs Thefen' zuteil geworden find. Mit Recht
verzichtet er darauf, fich aufs neue eingehend mit den
in der erften Thefe von ihm gefchilderten Kategorien
von Gegnern, den Hartnäckigen, den Schillernden und den
Opportuninen, auseinander zu fetzen. Statt deffen lenkt
er die Aufmerkfamkeit des Lefers auf einige allgemeine

Bemerkungen, zu denen ihm feine Kritiker Anlaß gegeben
haben.

Zunächft hebt er die vor Zeiten fchon von Rothe be-
klagtelnkonfequenzhervor, dieeinem unaufhörlichinbetreff
der Infpiration der heiligen Schriftfteller entgegentritt:
in der Theorie fpricht und fchreibt es immer einer dem
andern nach: die Lehre von der Verbalinfpiration fei als
unhaltbar aufzugeben; dagegen trägt man aber in der
Praxis der Einwirkung des menfehlichen Faktors keinerlei
Rechnung, und fträubt fich dagegen, Mißverftändniffe und
Irrtümer in der Überlieferung tatfächlich anzunehmen.
Diefe feltfame Begriffsverwirrung entfpringt der geheimen
Furcht, mit dem Aufgeben der Verbalinfpiration möchte
überhaupt jeder Glaube an Infpiration und damit an
Offenbarung verneint werden. Daß K. und die aller-
meiften berufsmäßigen Erforfcher des alten Teftamentes
diefe Folgerung niemals gezogen haben, das beweift ihre
ganze Lebensarbeit. ,Was wir im Einklang mit dem offenkundigen
Tatbeftand behaupten, ift ein langer Kampf
zwifchen Menfchengedanken und Gottesgedanken, zwi-
fchen der natürlichen oder Volksreligion, der noch allerlei
Schlacken von überwundenen Religionsformen her anhaften
, und dem Jahwismus der Propheten, der die lebenskräftigen
Keime der Weltreligion in fich trägt und Schritt
für Schritt die Überbleibfel der Natur- und Volksreligion
überwindet. Daß die Stimmführer diefes Jahwismus geredet
und gefchrieben haben, nicht was ihnen eigenes Nachdenken
und Gutbefinden, fondern was ihnen der Geift
Gottes in geheimnisvoller Einwirkung offenbarte, das ift
auch unfer freudiges Bekenntnis' (S. 4—5)-

Auf diefe Erklärung folgt nun ein ausführlich dargelegtes
und begründetes Votum über Stofch's alttefta-
mentliche Studien, über Urquhart's Werk ,die neueren
Entdeckungen und die Bibel', über den in feiner Zeit-
fchrift ,Das Reich Chrifti' von Lepfius gegen ,die alt-
teftamentliche Wiffenfchaft und die Ergebniffe ihrer
Forfchung' eröffneten Angriff. Man wird die Selbftver-
leugnung und die Geduld bewundern, mit welcher der
Verf. nicht nur die Verunglimpfung der Bibelwiffenfchaft
als einer grundftürzenden und den Glauben zerftörendenDis-
ciplin zurückweift, fondern auch zeigt, ,aus welchem Gemifch
von Vorurteilen, Verdrehungen und zum Teil auch befremdlicher
Unwiffenheit die Waffen der Gegner zu-
fammengefchmiedet find' (S. 30). Daß K. trotz diefer
Übeln Erfahrungen dennoch mit einer optimiftifch klingenden
Verheißung fchließt, zeugt von einem mutigen
Glauben, zu welchem, wie er fagt, der .allmählich verhallende
Babel-Bibel-Streit' ihm mit verholfen hat. Ein
Doppeltes ,mutet ihn wie das Morgenrot einer neuen
befferen Zeit für unfere Kirche'. Das ift einmal die
merkwürdige Einmütigkeit, in der die Theologen aller
Richtungen in diefem Streit für den Offenbarungscharakter
des alten Teftamentes eingetreten find, — eine
glänzende Widerlegung der Behauptung, daß Literaturkritik
und naturaliftifche Betrachtungsweife unzertrennliche
Begriffe feien. Zum andern aber hat diefer Streit
unwiderleglich gelehrt: es ift einfach nicht wahr, daß
unfer evangelifch.es Volk den Fragen, die fich auf die
Bibel beziehen, aller Orten gleichgiltig oder feindfelig
gegenuberftehe. Ganz im Gegenteil: es hat fich bei
diefer Gelegenheit in den weiteften Kreifen ein Hunger
und Dürft nach Belehrung gezeigt, über den man er-
ftaunen mußte' (S. 30—36).

Mögen die Beobachtungen des Verf.s zutreffen und
feine Hoffnungen in Erfüllung gehen: dann würde in
j der Tat die Stunde fchlagen, wo ein Wandel eintreten
dürfte, der für Theologie und Kirche gleich fegensreich
wäre. Daß der Verf. wie wenige dazu beigetragen hat,
diefen Tag, den er noch zu erleben hofft, herbeizuführen
, dazu werden ihm Viele mit dankbarer Freude
j Glück wünfehen.

Straßburg i. E. _ P. Lobftein.