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Ausgabe:

1904 Nr. 17

Spalte:

475-476

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Herrmann, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die sittlichen Weisungen Jesu. Ihr Mißbrauch und ihr richtiger Gebrauch 1904

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 17.

476

Gefchichtsinhaltes nicht angerufen werden, und die ,alt- I fühlte. Jefus fordert nicht folche blinde Unterwerfung,

ifraelitifche Unterfcheidung einer vormofaifchen Entwicke
lung Ifraels' hat denen nicht viel zu fagen, die in der
Beurteilung der Quellen nicht auf des Verfaffers Wegen
gehen.

Im ganzen genommen dient Königs Schrift nicht
dazu, die Situation zu klären; fie kann bei unfelbftändigen
Lefern nur größere Verwirrung anrichten, und darum vermag
ich mit meinem abweifenden Urteil nicht zurückzuhalten
.

Bafel. Alfred Bertholet.

Heinrici, D. C. F. Georg, Beiträge zur Gefchichte und
Erklärung des Neuen Teftamentes. IV. Die Leipziger
Papyrusfragmente der Psalmen, herausgegeben und
unterfucht. Nebft zwei Schrifttafeln. Leipzig 1903,
Dürr'fche Buchh. (IV, 32 u. 36 S. gr. Lex. 8.) M. 3.—

Daß die Ausgabe eines Pfalmenpapyrus unter den
Beiträgen zur Gefchichte und Erklärung des Neuen
Teftaments erfcheint, könnte Befremden erregen, wird
aber durch S. 23. 27 h" ausreichend gerechtfertigt. Der
Leipziger Papyrus flammt aus Asmunen, von der Grenze
der Thebais; er enthält in Fragmenten Pfalm 30—55 in
einer Schrift des 4. Jahrhunderts, und zwar auf der Rückfeite
einer Urkunde aus dem Jahre 338 p. Chr. Aber
nicht fo fehr der verhältnismäßig bedeutende Umfang
und das Alter machen ihn wichtig, fondern der ganz
eigenartige Text. Diefer zeigt nach Heinrici, neben einer
nahen Verwandtfchaft mit den Fragmenta papyracea
Londinensia {U) und der griechifch-lateinifchen Überlieferung
, in feinen Singularitäten die deutlichen Spuren
einer freien chriftlichen Bearbeitung aus der Zeit vor
unferm rezenfierten LXX - Text. So heißt es z. B. mit
fonft ganz unbezeugten Zufätzen Pf. 50, Q:

Qavrielq fie vöömjtcp ano xov aluar o g tot) §u/ou,
xal xad-aQiQdrjöofiai

oder Pf. 37, 14: f

syab ös sxQS/zaiirjV vjt avxmv

xal mosl xaxpbq ovx rjxovov.
Der Herausgeber hat diefe wichtige Urkunde fo
ediert und kommentiert, daß dem Lefer im ganzen nichts
zu wünfchen übrig bleibt. Der Brief des Hieronymus
an Sunia und Fretela ift inzwifchen durch J. Mühlaus
Differtation: Zur frage nach der gotifchen pfalmenüber-
fetzung Kiel 1904 (vgl. S. 19—26) in ein neues Licht
gerückt worden.

Kiel. Erich Kloftermann.

Herrmann, Prof. Dr. W., Die sittlichen Weisungen Jesu. Ihr

Mißbrauch und ihr richtiger Gebrauch. Göttingen 1904,
Vandenhoeck & Ruprecht. (66 S. 8.) M. 1.—

Heinrici, D. C.F.Georg, Ist die Lebenslehre Jesu zeitgemäß?

Leipzig 1904, Dürr'fche Buchh. (35 S. gr. 8.) M. —.60

Herrmann legt feinen auf dem Evang.-fozialen
Kongreß in Darmftadt 1903 gehaltenen Vortrag hier unter
etwas verändertem Titel und in etwas veränderter Form
der weiteren Öffentlichkeit vor. Scharf hebt er das heute
von Vielen empfundene Problem hervor, das darin begründet
liegt, daß die Worte Jefu kein Intereffe für die
kulturellen und fozialen Aufgaben verraten, vielmehr uns
in Gegenfatz zu einer fittlich ernften Hingabe an diefe
Aufgaben zu bringen fcheinen. Sollen wir uns um diefes
Gegenfatzes willen entweder von Jefus oder von der
lebendigen Mitarbeit an den Kulturaufgaben unterer Zeit
trennen? H. führt aus, daß es ein Mißbrauch der tätlichen
Weifungen Jefu wäre, wenn man fie in blindem Gehor-
fam erfüllen wollte ohne Rückficht auf die Verfchieden-
heit der gefchichtlichen Lage, d. h. ohne üch fo unmittelbar
vor das Weltende geftellt zu fühlen, wie Jefus fich

fondern den innerlichen Gehorfam des Freien. Man gewinnt
ein rechtes Verfländnis feiner Worte nur, wenn man
zuerft ihn felbft fucht, d. h. wenn man feine Gefinnung
zu erfaffen fucht und feine Worte als Erzeugniffe feiner
Gefinnung verlieht. Für feine Gefinnung aber ift charak-
teriftifch die Wertfehätzung des fittlichen Emdes, der
Wahrhaftigkeit des Wollens als Anfanges aller rechten
Religion. Gut id nach Jefu Auffaffung allein der auf
Gemeinfchaft felbdändiger Wefen gerichtete Wille d. i.
Liebe. Verdehen wir feine Worte aus diefer feiner Gefinnung
heraus, fo können wir als Chriden auch das
Streben nach Macht und Befitz und den Kampf um die
Bedingungen unterer irdifchen Exidenz, wo nicht die
Liebe das Opfern diefer Dinge verlangt, als unfere fttt-
liche Pflicht erkennen.

Heinrici behandelt dasfelbe Problem. Seine Ausführung
geht andere Wege; aber fie führt fchließlich zu
wefentlich demfelben Ziel. Auch er betont, daß die
,Lebenslehre'Jefu von einer einheitlichen Grundanfchauung
zufammengehalten und von ihr aus zu verdehen id. Alles
Einzelne, wozu Jefus antreibt, geht auf Eines zurück:
das id rechte Selbderkenntnis im Lichte der Frohbotfchaft.
Im Trachten nach dem Reiche Gottes lernt der Menfch
fich felbd verdehen und in fich das finden, was weder
die Welt, noch er felbd, fondern allein Gott ihm geben
kann. In diefem Sinne fordere Jefus Lc. 12, 57, daß die
Menfchen ,auch von fich felbd aus das Richtige beurteilen'.
Und in demfelben Sinne fage er Lc. 17, 21, daß die
Menfchen ohne Unterfchied dazu ausgerüftet feien, das
Reich Gottes in fich und von fich aus zu finden, wenn fie
es auf dem von ihm eröffneten Wege fuchen. Das Richtige
aber, das der Einzelne auch von fich aus als folches
beurteilen kann, id das, ,was allen frommt, was alle ihres
guten Willens gewiß macht und diefen weckt', d. i. die
wirkfame, fich nicht abfchließende Liebe zu den Menfchen,
die zu dem liebevollen himmlifchen Vater aufblickt. Diefe
durch das Evangelium geweckte und geleitete Selbderkenntnis
id der Maßftab zur rechten Wertung jedweder
Pflicht. Rechte Nachfolge Jefu verwirklicht fich in der
Berufstreue. Die bedimmten Anfprüche, die Jefus an
Einzelne gedellt hat, find nicht als Gefetze für alle gemeint
. An jeden Einzelnen richtet er die Gewiffensfrage,
ob er feinen Beruf recht erfülle.

Ich kann diefer exegetifchen Verwertung von Lc. 12, 57
und 17, 21 nicht zudimmen. Aber das id etwas Unwefent-
liches. Diefe beiden Stellen kommen für H. doch nur
in Betracht als Symptome der im allgemeinen auf die
innere Sittlichkeit des Menfchen gerichteten, die fittliche
Selbdändigkeit des Einzelnen würdigenden Tendenz Jefu,
einer Tendenz, die mit feiner ganzen religiöfen Überzeugung
unlöslich verbunden war. In der Betonung
dieler innerlich fittlichen Tendenz Jefu und in dem Gedanken
, daß es bei der Nachfolge Jefu auf den Anfchluß
nicht an die einzelnen Worte Jefu, fondern an diefe fittliche
Grundanfchauung ankommt, nimmt Heinrici mit
Herrmann zufammen. In diefem gemeinfamen Gedanken
haben m. Er. beide Recht.

Jena. H. H. Wendt.

Beck, Präfect Dr. Anton, Die Trinitätslehre des heiligen
Hilarius von Poitiers. (Forfchungen zur chriftlichen
Literatur- und Dogmengefchichte. Herausgegeben
von A. Ehrhard und J. P. Kirfch. Dritter Band.
Zweites und drittes Heft.) Mainz 1903, F. Kirchheim.
(256 S. gr. 8.) M. 7.50

Eine dogmengefchichtliche Monographie aus katho-
lifcher Feder, gleichwie das unten angezeigte Buch von
Funke! Und ich freue mich, hier die Anzeige mit dem
Ausdruck meiner Bewunderung beginnen zu können.
Diefe Monographie ift ein Specimen eindringender, ernfter