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Ausgabe:

1904 Nr. 14

Spalte:

418-419

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bolliger, Adolf

Titel/Untertitel:

Drei ewige Lichter: gott, Freiheit, Unsterblichkeit als Gegenstände der Erkenntnis 1904

Rezensent:

Clemen, Carl

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 14.

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berückfichtigt werden. Das Uniondekret von 1439 durfte
nicht fehlen. Sonft verlieht man ja den Kampf gegen
Rom nicht. Wenn darauf das zweite Bekenntnis des
Gennadios folgen follte, fo will Referent nicht dagegen
fein. Der Dialog aber ift überflüffig. Im 16. Jahrhundert
beginnt die Abweifung des Proteftantismus. Darum
mußten nun die Antworten Jeremias' IL an die Tubinger
ganz oder im Auszuge erfcheinen. Sie find ja 1758
von griechifcher Seite fogar herausgegeben und fo m
ihrer Wichtigkeit anerkannt. Wie das Luthertum, fo wird
auch die reformierte Kirche abgeftoßen. Ihr Eindringen
hellt das Bekenntnis Kyrills vor. Die Antwort waren
die Befchlüffe von Jerufalem 1672. Die Confessio ortho-
doxa hellt pofitiv den Inhalt des rehgiös-httlichen Be-
wußtfeins feh, auch gegen die zugleich andringende
römifche Kirche. Das war genug aus dem 17. Jahrhundert
. Metrophanes Kritopulos, eine halbe Natur als
Menfch wie als Theolog, brauchte nicht vertreten zu
fein Aus dem 18. Jahrhundert empfiehlt fich die obengenannte
'Ejtidxoh',, vielleicht auch das Dekret des Patriarchen
Kyrill V. sieqI xov ßctMxiöfiaxog xmv Ovxixmv
von 1755 und der fchöne Brief des Eugenios Bulgaris
über die Studien in der Athosakademie, als Zeichen
des wiedererwachenden Lebens in der griechifchen
Kirche. Zum Schluß mochte dann das 19. Jahrhundert
charakterifiert werden, etwa durch Auszüge aus der
paulinifch orientierten Katechefis des Konhantinos
Oikonomos und die maffiven Erlafie des Patriarchen
Gregor VI. gegen die Protehanten von 1836 und gegen
die Katholiken von 1839.

Auf diefe Weife wäre das Buch nicht viel umfangreicher
, aber viel reichhaltiger geworden.

Referent kommt nun zur Beurteilung des Einzelnen.
Bei den Einleitungen in die Schriften hätten die Literaturangaben
reichhaltiger und genauer gegeben werden
können. Da es fich doch um ein Buch auch für den
akademifchen Gebrauch handelt, war auch bei den Synodalauszügen
der Fundort anzugeben. Die Literaturangaben
bei Gennadios (S. 17) find nicht deutlich genug.
Für Mogilas und die confessio orihodoxa find die neueren
Forfchungen, namentlich von Legrand nicht berückfichtigt
(vgl. R. E.3 Bd. 13 S. 249), desgleichen für
Metrophanes Kritopulos. Es fehlt z. B. Renieris und
wieder Legrand. Über Kyrillos Lukaris ift Verfaffer
beffer orientiert, doch mußte etwas über die Ausgaben
der Confessio gefagt werden. Bei der Liturgie des Chry-
foftomos war eine Einführung in das Euchologion am
Platz. Auch was die Geftaltung der Texte anlangt, ift
Referent nicht ganz einverftanden. Empfahl es fich nicht,
die Handfchriften zu vergleichen? Der Kod. 360 der
Bibliothek des Metochions des heiligen Grabes in Kon-
ftantinopel enthält die Confessio orthodoxa und zwar, wie
es fcheint, von der Hand des Meletios Syrigos, des
Mitarbeiters an diefem Bekenntnis. Konnte diefer Kodex
nicht eingefehen werden? Die obengenannte Petersburger
Ausgabe der kmoxoXrj von 1723 gibt die Confessio
Dositliei nur mit 3 Fragen am Ende, ebenfo Gedeon a. a. O.
Offenbar ift die Frage nach der Gültigkeit der Apokryphen
übergangen. Der Verfaffer wird doch die Ausgabe Gedeons
kennen. Vielleicht konnte auch das Original der confessio
des Kritopulos in Wolfenbüttel noch einmal angefehen
werden. Beim Dialog des Gennadios hat Verfaffer den
Fundort feines Textes gar nicht genannt. Diefer wird
doch von Gaß, Gennadios und Pletho, zweite Abteilung
1844 S. 16ff. genommen fein? Das mag zur Beurteilung
der Textgeftaltung genügen. Die Wiedergabe der Kim-
mel-Weißenbornfchen Texte hätte übrigens wohl genauer
fein können. Es find mancherlei Druckfehler
flehen geblieben. Bei Stichproben fand Referent z. B.
S.;I9 Abfatz J drei alte und neue: Xolöxov für Xqiöxov,
Aoyov für Aoyov, ötöc eaxiv für &eog söxiv. Auch in
den deutfehen Einleitungen ift eine Anzahl von Ver-
fehen zu verbeffern, namentlich auch in lateinifchen und

altgriechifchen Wörtern. Desgleichen find Eigennamen
mehrfach verunftaltet. Doch will Referent das Einzelne
nicht anführen, um nicht kleinlich zu erfcheinen. Über
die ,anima naturalitcr chrisiiana' (S. 15) möge Verfaffer
fich bei Loofs Dogmengefchichte3 S. 98 orientieren.

Referent hat mancherlei an dem Buche auszufetzen
gehabt. Am Schluß darf er feine Freude ausfprechen,
daß es erfchienen ift, denn es wird hoffentlich auch
fo dem neigenden Intereffe an der orthodoxen Kirche
dienen.

Hannover. Ph. Meyer.

Bolliger, Prof. Dr. Adolf, Drei ewige Lichter: Gott, Freiheit
, Unfterblichkeit als Gegenftände der Erkenntnis
dargeftellt. Berlin 1903, G.Reimer. (XI, 139 S. gr. 8.)

M. 2.—

Die vorliegende Schrift befteht aus drei Vorträgen,
die der Verf. vor einem verfchiednen Publikum gehalten.
Über das Thema des erften hatte er fchon früher in
feiner Schrift: Der Weg zu Gott für unfer Gefchlecht
(1899.2 I9°°)> UDer das des zweiten in der andern: Die
Willensfreiheit (1903) gehandelt. Da über letztere erft
vor kurzem (Jahrg. 1903 Nr. 25, Sp. 6g2f{.) hier berichtet
worden ift, werde ich mich in meiner Anzeige der letzten
fyftematilchen Schrift Bolligers kürzer faffen können.

Ich erkenne, was den erften Abfchnitt betrifft, zu-
nächft gern an, daß fich über das Dafein Gottes aus
Natur und Gefchichte mehr gewinnen läßt, als die meiften
Theologen jetzt für möglich halten. Aber die Art, wie
es B. aus der überall vorhandnen Wechfelwirkung beweift
, wie er aus unfrer geiftigen Natur die Gottes ableitet
und endlich aus unfrer Liebe die feine, ift doch —
auch wenn man jene frühere Schrift und die Ergänzung
im dritten Abfchnitt hinzunimmt — allzu ungenügend.
Vollends wenn er vorher, daß Gott nicht Gegenftand des
Glaubens, fondern der Erfahrung fei, damit beweift, daß
der wirklich religiöfe Menfch doch den wirklichen Gott
verehre, und nachher, daß doch auch für uns der Gottesglaube
unentbehrlich fei, damit, daß wir jene Erfahrung
nicht unmittelbar und überall machen — fo verwechfelt
er zwei Begriffe von Glauben mit einander, deren Ver-
fchiedenheit doch auch ein Gegner Kants, wie B., von
jenem gelernt haben könnte. Und gefleht er gelegentlich
felbft ein: die Erfahrung für fich allein gab den Menfchen
noch keine Götter; der menfehliche Geift, der die Erfahrung
auslegte und neues einlegte, fchuf die nötige
Ergänzung — warum dann die fortwährende, irreführende
Gleichftellung der religiöfen mit der unintereffierten Erfahrung
?

Die Freiheit des Willens — der Gegenftand des
zweiten Abfchnitts — foll zunächft damit wahrfcheinlich
gemacht werden, daß die Gewiffensbiffe und die Strafe
unter Vorausfetzung des Determinismus einen andern
Sinn gewinnen würden. Dann wird die Berufung des-
felben auf den Einfluß der Abflammung, Erziehung, Umgebung
, unfrer eignen Taten, die Statiftik mit Recht abgelehnt
, desgleichen die freilich wohl von den wenigften
Determiniften vertretene Behauptung, daß uns Luft- und
Unluftgefühle zwingend beftimmten. Daß wir vielmehr
normaler Weife im Stande find, eine kleinere Luft als
die im Augenblick mögliche zu wählen, unter der
Direktive zukünftiger Güter zu handeln: darin fieht B.
weiterhin den direkten Beweis für die Willensfreiheit, den
er alfo erfreulicher Weife auch nach dem vorangehenden
noch für nötig hält. Aber hat er damit irgend etwas
gefagt, was ein Determinift nicht auch anerkennen könnte?
Ein folcher wird fogar in den meiften Fällen fchärfer, als
B., der immer nur von eudämoniftifchen Motiven und
1 Luftbil anz redet, die fittlichen Normen davon zu unter-
fcheiden wiffen — ohne doch deshalb feine Anfchauung
aufzugeben. Daß fich diefelbe nicht aus dem Gottes-