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Ausgabe:

1904 Nr. 12

Spalte:

367-368

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lipps, Theodor

Titel/Untertitel:

Leitfaden der Psychologie 1904

Rezensent:

Ritschl, Otto

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Seite 1

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367

Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 12.

368

Lipps, Theodor, Leitfaden der Psychologie. Leipzig 1903,
W. Engelmann. (IX, 349 S. gr. 8.) M. 8.— ; geb. M. 9.—

Diefer Leitfaden, der, zunächft für die Zuhörer des
Verf. beflimmt, doch auch anderen dienen foll, will keine
Einleitung in die Pfychologie fein, fondern ,Grundlinien
geben' und verzichtet ,grundfätzlich' auf .hiftorifche und
kritifche Exkurfe'. Weshalb die Grundfätze des Verf.
einen folchen Verzicht nahe legen, während man doch
meinen follte, daß gerade die Hörer pfychologifcher Vor-
lefungen einen Anfpruch darauf hätten, auch in die Ge-
fchichte und in die gegenwärtig hauptfächlich ftreitigen
Probleme der Pfychologie eingeführt zu werden, darüber
äußert fich der Verf. nicht. Dennoch ift es bei der ganzen
Art von Lipps, Pfychologie zu treiben, fehr wohl
verfländlich, daß er es abfichtlich vermieden hat, fich auf
hiftorifche und kritifche Auseinanderfetzungen einzulaffen.
Wäre er darauf ausgegangen, die Polemik, die bei der
Eigenheit feines Standpunkts notwendig geworden wäre,
hätte mehr Raum in Anfpruch nehmen müffen, als es in
einem Leitfaden wünfchenswert gewefen wäre. So geht
der Verf. lieber füll feinen eignen Weg, der abfeits von
dem Tummelplatz der fonft fo regen pfychologifchen
Debatte führt. Natürlich fehlt es ihm nicht an der nötigen
Bekanntfchaft mit der Arbeit feiner Fachgenoffen. Doch
erwähnt er nur im Anfang einige Male Wundt. Sonft
kommt in dem ganzen Buche kein anderer Name vor, als,
wenn ich recht gefehen habe, zweimal derjenige Kants.
Im Unterfchiede von der großen Mehrzahl der modernen
Pfychologen geht Lipps auf die phyfiologifche Seite der
Pfychologie material überhaupt nicht ein. Diefen Standpunkt
hat er ja fchon 1896 auf dem Münchener Pfycho-
logenkongreß fehr beftimmt zum Ausdruck gebracht.
Auch jetzt unterfcheidet er die Pfychologie ,auf das be-
ftimmtefte* von der Naturwiffenfchaft und von der Mathematik
. Wie fich das Ich zu dem Gehirn verhalte, ift
ihm eine außerhalb der Pfychologie liegende Frage. So
befchränkt er fich auf die Betrachtung allein der pfycbi-
fchen Erfcheinungen, deren Subftrat die Seele mit ihren
lediglich pfychifchen Kräften ift. Daß gerade in einer
Zeit, in der fonft die phyfiologifche Behandlung der
Pfychologie fo fehr überwiegt, wie in der Gegenwart,
auch folche Verfuche, wie diefer und andere frühere von
Lipps unternommen werden, die Pfychologie im ftrengften
Sinne zu faffen und fie ganz ifoliert zu behandeln, hat
feinen Wert darin, daß es dadurch denen, die fich für die
Pfychologie intereffiren, ermöglicht oder wenigftens erleichtert
wird, die Leiftungsfähigkeit der beiden verfchie-
denen Methoden miteinander zu vergleichen. Daß diefer
Vergleich zu Ungunften der phyfiologifchen Pfychologie
ausfiele, wird indeffen kaum behauptet werden können.

Der Verf. fchreibt der Pfychologie als der Wiffen-
fchaft der unmittelbaren Erfahrung eine doppelte Aufgabe
zu, einerfeits ,die der Regiftrierung, Analyfe,Vergleichung,
fyftematifchen Ordnung der vorgefundenen Inhalte, und
der Aufzeigung der etwa in ihnen felbft unmittelbar auffindbaren
Gefetzmäßigkeit', andererfeits die der ,Einordnung
derfelben [Inhalte] in einen Kaufalzufammenhang'
(S. 5). Diefer felbft wird dann näher beftimmt als der
Kaufalzufammenhang eines in den Bewußtfeinsinhalten
erfcheinenden Realen (S. 7). Ob nun in diefer Beziehung
nicht vielmehr die Kategorie der Subftantialität, als die
der Kaufalität obwaltet, laffe ich dahingeftellt. Wenn es
jedoch für das pfychologifche ,Erklären' wefentlich fein
foll, die Bewußtfeinserfcheinungen auf die in ihnen wirk-
fame einheitliche Seele zurückzufuhren, fo will mir dies
doch als eine allzu fummarifche Art von pfychologifcher
Erklärung erfcheinen. In der Tat läßt fich der Verf. die
Erklärung des Einzelnen aus dem Einzelnen nicht eben
angelegen fein. Insbefondere in der Pfychologie des
Willens fcheint es mir vor allem auch auf eine möglichft
eingehende Aufweifung von pfychogenetifchen Zufammen-
hängen anzukommen. Doch liegt nach diefer Seite hin

nicht auch das Intereffe des Verf. Ferner ift es mir fraglich
, ob den zahlreichen ,Gefetzen', die namentlich in
dem Abfchnitt über die Apperzeption entwickelt werden,
wirklich Gefetzescharakter im eigentlichen Sinne zukommt.
Überhaupt aber verlaufen die Ausführungen des Verf.
vielmehr in Befchreibungen, zum Teil auch nur in Behauptungen
, und in Definitionen, als in Unterfuchungen
und Begründungen. Seine Darlegungen wirken oft Seiten
lang geradezu wie ein Monolog, mögen fie auch zwifchen-
durch bei gegebener Gelegenheit objektiver gehalten fein.

Es ift nun diefe Eigentümlichkeit der Pfychologie
des Verf. ohne Zweifel eine immerhin begreifliche Folge
feiner ganzen pfychologifchen Methode. Einmal nämlich
gilt ihm in der Pfychologie als ,die eigentlich objektive
Methode die Betrachtung des eignen Bewußtfeinsiebens'.
Zwar will er diefe ,Individualpfychologie' durch eine ,komparative
', d. h. auch fremdes Seelenleben betrachtende
Pfychologie ergänzt wiffen. Doch foll diefe nur die Bedeutung
einer Nutzanwendung und einer Probe und andererfeits
heuriftifche Bedeutung haben. ,Sie kann auf
Lücken hinweifen, welche die Individualpfychologie ge-
laffen hat, und zu ihrer Ausfüllung antreiben und die
Wege weifen. Finden muß doch immer die Individualpfychologie
, was diefelben ausfüllen foll' (S. 15). Und
damit hängt noch etwas anderes eng zufammen. Der
eigentliche Stoff der Pfychologie find dem Verf. nämlich
vielmehr die Bewußtfeinsinhalte felbft, als die Formen des
bewußten Lebens in ihrem Zufammenhange untereinander
und mit den Erfcheinungen des unbewußten körperlichen
Lebens, fowie fie doch gerade nur unter Voraus-
fetzung einer komparativen Pfychologie die pfychologifche
Abftraktion feftzuftellen fucht. Aus jener Auffaffung des
Objekts der Pfychologie wird es aber zugleich verfländlich
, daß der Verf., der es ja auch nicht für nötig gehalten
hat, den wiffenfchaftlichen Charakter der Pfychologie
zunächft durch logifche Erwägungen zu begründen,
nachher in feinem Abfchnitt über die Erkenntnis manche
Themata der Logik als pfychologifche behandelt und in
dem über die Gefühle vorwiegend äfthetifche Gefichts-
punkte zur Geltung gebracht hat. Was ferner in dem-
felben Abfchnitt über die Ethik bemerkt wird, kann ich
zum guten Teile nicht als zutreffend anerkennen. Namentlich
beanftande ich als lediglich rationaliftifch folgenden
Satz: ,Das oberfte Sittengefetz ift letzten Endes
nichts anderes, als das Gefetz der Objektivität überhaupt:
verhalte dich den Forderungen der Gegenftände gemäß.
Statt „Objektivität" können wir auch fagen: Vernünftigkeit
oder Wahrhaftigkeit'. Daß überdies das religiöfe
Gefühl, dem nur £ Seiten gewidmet find, aus dem fitt-
lichen entfpringen foll, und daß überhaupt die Religion
lediglich im Schema der Kantfchen Auffaffung vergegenwärtigt
wird, beweift nur, daß dem Verf. die religions-
wiffenfchaftliche Arbeit des 19. Jahrhunderts ziemlich
fremd zu fein fcheint.

Endlich noch eine Bemerkung, die jedoch nicht allein
den Verf., fondern einen in der Pfychologie feit Kant
weitverbreiteten Sprachgebrauch trifft. Als eine Form
des unfertigen Wollens, die der Verf. ,nacktes Wollen'
nennt, pflegt das ,Wünfchen' behandelt zu werden. Aber
Höffding, alfo ein dänifcher Gelehrter, hat (in feiner
Rezenfion der Werttheorie von Ehrenfels in den Göttinger
Gelehrten Anzeigen, 1900, S. 743) in feinem Sprachgefühl
mit vollem Recht geltend gemacht, daß der Wunfeh keine
ganz einfache Erfcheinung fei, fondern eine Erfahrung
oder eine Vorftellung von Hinderniffen und damit auch
eine gewiffe Refignation vorausfetze, fo daß er nicht die
elementarfte Form des Begehrens fein könne.

Bonn. O. Ritfchl.