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Ausgabe:

1904 Nr. 10

Spalte:

306-308

Autor/Hrsg.:

Lhotzky, Heinrich

Titel/Untertitel:

Leben und Wahrheit. 2., erg. u. umgearb. Aufl 1904

Rezensent:

Drews, Paul

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305 Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 10. 306

Gegenständen einen einzelnen (z. B. ,die Dornenkrone' in
der Karfreitagspredigt über Mt. 27 27-31) herauszugreifen
und von da aus fich über die Wahrheit des Evangeliums
und die Herrlichkeit Jefu zu verbreiten. Diefe apologe-
tifche Art der Predigt halten wir nicht für allgemein
vorbildlich; fie ift jedoch, meinen wir, individuell berech-
tigt,individuellen Gemeindezuftänden gegenüber.in unferem
Fall: vor einer intelligenten, mit allen modernen Zweifeln
und Vorurteilen erfüllten, der Verständigung über religi-
öfe Grundbegriffe bedürftigen Arbeiterfchaft. Mit diefen
vorausgefetzten Zuftänden hängt auch die Stellung zu-
fammen, die der Verf. feiner Gemeinde gegenüber einnimmt.
Er redet nicht namens der Gemeinde, aus dem Glauben
der gläubigen Gemeinde heraus, um das gemeinfame Gut
ihr zu objektivieren, er wirbt vielmehr um die Zustimmung
der Fernstehenden, deren er nicht von vornherein
Sicher ift, er fucht fie zu feiner Erkenntnis und
feiner Freude zu erheben, den Widerstrebenden ebnet
er den Weg, die Widersprechenden fucht er zu entwaffnen
. Daß dabei die herkömmliche Technik der
Predigt nicht beobachtet wird, daß wohl auf das forg-
fältiglte die Gedanken in der Ausführung des Themas
disponiert, aber nicht unter angegebene Teile fub-
fumiert werden, foll nur bemerkt, nicht beanstandet
werden.

In feinem Suchen nach Verständigung mit feinen
Hörern leuchtet überall eine Strenge, nichts verhüllende,
phrafenlofe Wahrhaftigkeit hervor, die gerade in ihrer
Unverblümtheit gewinnbringend Sich ausweist. Die Predigt
über den Jungfrauenfohn fei hervorgehoben. Das Thema
lautet: ,Empfangen vom hl. Geift, geboren aus der Jungfrau
Maria'; der Inhalt legt dar, wie die, welche den
Artikel für ihre religiöfe Anfchauung nicht entbehren
wollen und können, der Gefahr zu widerstehen haben,
daß fie die wahre Menfchlichkeit Jefu, fein Kämpfen
und Siegen, vernachläffigen, wie aber die, welche an der
Tatfächlichkeit Anftoß nehmen, der Gefahr nicht immer
entgehen, die »Gottheit' Jefu, d. h. fein Einsfein mit dem
Vater und die Offenbarung Gottes durch ihn und in ihm,
aus den Augen zu verlieren; die Wahrheit liege in dem
,Gottmenfchen' Jefus Chriftus. Alle dogmatifche Polemik,
die irgendwie verletzen könnte, ift vermieden, wie hier,
fo in der ganzen Sammlung: mit Ausnahme allerdings
der Predigt über Mc. 10 45, die Sich über das Stellvertretende
Leiden Jefu ausfpricht und die satisfactio vicaria
ernft und entschieden zurückweist. Daß hie und da
das Suchen nach Verständigung den Verf. zu weit führt,
foll nicht in Abrede gestellt werden. Wir denken an
S. 451, wo mindestens das Mißverständnis vom Wert der
religiöfen Illufion nicht vermieden ift, vor allem an die
Behandlung der Perikope vom Jüngling zu Nain. Die
Hauptfache, fagt der Verfaffer, fei nicht das wunderbare
äußere Ereignis — der Hörer möge immerhin annehmen,
der Jüngling fei nicht völlig tot gewefen —, fondern daß
ein Mann, ein Menfch es wage, an einen Toten, der Starr
und kalt auf feiner Bahre liege, heranzutreten und mit
abfoluter Gewißheit zu ihm zu fprechen: Jüngling, ich
fage dir, Stehe auf. Der Verf. überfieht, daß durch folche
Annahme die ganze Erzählung unbrauchbar wird.

Selbftverftändlich heben diefe Bemerkungen die Anerkennung
des hohen Wertes der Predigten nicht auf.
In ihrem Gedankenreichtum und in ihrem kraftvollen
Zeugnis von dem Schönnen unter den Menschenkindern,
in ihrem eigenartigen erfolgreichen Bemühen, Jefus uns
und uns ihm nahe zu bringen, nehmen Sie einen hervorragenden
Platz in der neuern homiletifchen Literatur ein.
öie follen dem forgfältigen Studium der Prediger und
aerer, die es werden wollen, auf das wärmfte emp-
lonlen fein. '

Marburg. E. Chr. Achelis.

Lhotzky, Dr. Heinrich, Leben und Wahrheit. Zweite gänzlich
umgearbeitete Auflage. Leipzig 1903, J. C. Hin-
richs'fche Buchhandlung. (VII, 229 S. gr. 8.)

M. 3-—; geb. M. 4.—

Lhotzky, Heinrich, Der Weg zum Vater. Ein Buch für
werdende Menfchen. Leipzig 1902, Verlag der Grünen
Blätter. (VIII, 594 S. 8.) M. 5.—; geb. M. 6.50

Lhotzky gehört zu den fruchtbarsten und gelefenften,
auch zu den von vielen gefeiertsten erbaulichen Schrift-
Stellern der Gegenwart. Als Mitherausgeber der .Grünen
Blätter' hat er auf weite Kreife einen Einfluß. Als folchen
haben wir ihn fchon kennen gelernt (vgl. meine Anzeige
Jahrg. 1903, Nr. 6, Sp. 186). Was ich dort auf Grund
der Auffätze in jenen Blättern gefagt habe, bestätigen
die beiden vorliegenden Bücher in vollem Maße. L. ift
in vieler Beziehung modern, im guten und im fchlechten
Sinn. Im guten infofern, als er mit neuen Zungen dem
neuen Gefchlechte das Evangelium predigen will, als er
eine ganze Laft veralteter dogmatifcher Anfchauungen
abgestoßen hat, als er an eine Weiterentwicklung unferes
religiöfen Lebens glaubt, und infofern, als er das Evangelium
wirklich als Kraft und Leben verfteht. Allein zu einer wirklich
erfreulichen Darfteilung kommen diefe Gedanken nicht.
Denn in dem verkehrten modernen Zug, zu übertreiben,
an fleh richtige Gedanken zu überfpannen, in der Form
möglichst überrafchend und abweichend zu fein, feine
Meinung mit größter Sicherheit und in der Überzeugung
vorzutragen, jetzt erft breche der Tag an, die hiftorifchen
Größen: Theologie und Kirche möglichst zu verachten und
zu verkleinern,in all' dem läßt L. keinen der Modernen hinter
fleh. Aber er gerade wird zum deutlichen Beweis dafür,
wie fchwer es fleh rächt, wenn man theologifch ein
Dilettant ift. Denn eine fruchtbare erbauliche Schrift-
Stellerei, die heute außerordentlich not tut, muß fleh
nüchtern und klug mit der theologifchen Forfchung in
Fühlung halten. Geiftreiche Einfälle mögen für den
Augenblick intereffieren, aber fie geben keinen fetten,
foliden Grund. Und was unfere Gebildeten auf religiöfem
Gebiete vor allem heute brauchen, ift klare und Sichere
Anfchauung. Mit dem Geiftreicheln verwirrt und verdirbt
man fie. Nicht als ob Theologie zu predigen fei,
aber ein erbaulicher Schriftsteller, der gefliffentlich theologifche
Erkenntniffe, die die Spatzen nachgerade von
den Dächern pfeifen, einfach zur Seite liegen läßt, der
die Elemente der Exegefe Stolz verachtet und dafür feine
Fündlein fetzt, der erfüllt nicht, was er zu leiften hat.
ja er wird zu einer religiöfen Gefahr. Bei einer Befprechung
in einer wiffenfehaftlichen Zeitfchrift, wie diefe, diefen
Gefichtspunkt befonders ins Auge zu faffen, dürfte
durchaus am Platze fein. Wie Steht L. zur Theologie und
welchen Gebrauch macht er von theologifcher Erkenntnis
? Ich fage nicht zu viel, wenn ich behaupte, daß er
die Theologie einfach verachtet, weil fie völlig auf dem
Holzweg fei. Man lefe gleich den erften Abfchnitt in
,Wahrheit und Leben': Aufgaben der Theologie (S. 1—72)!
In Orientalia und Gefchichtswiffenfchaft, in Astronomie,
Bienenzucht und Obftkultur haben die Theologen Hervorragendes
geleistet, aber ,die fogenannten Fortfehritte in
der Theologie, die heute von vielen Seiten behauptet
werden, find meift recht kläglich, find eigentlich lauter
Rückzüge, die mit lärmendem Wortfchwall notdürftig und
fadenfeheinig verdeckt werden' (S. 6). Die Theologie
hat ja ihre Aufgabe überhaupt nicht begriffen. ,Sie
müßte verfuchen, den inneren Beziehungen des wahren
Seins zwifchen Gott und den Menfchen nachzugehen.
Sie hätte nicht herauszuklügeln, wie die Welt geworden
ift, oder an fleh ift, fondern wie fie Gottes ift, über ihre
innere Gottesgefchichte klar und ihrer großen Zukunft
bewußt zu werden. Man meint häufig genug, unfere Aufgabe
fei es, ewig im Alten, längft Gewefenen herumzuwühlen
und unfern Scharffinn zu wetzen an immer neuen