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Ausgabe:

1904

Spalte:

293-294

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Espenberger, Joh. Nep.

Titel/Untertitel:

Die Philosophie des Petrus Lombardus und ihre Stellung im zwölften Jahrhundert 1904

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Seite 1

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gebers möglichft an die Handfchrift anfchließt, jetzt abgeholfen
, und wir haben eine kulturgefchichtlich höchft
fntereffante Schrift damit erhalten. Man kann fie wohl
nach mittelalterlicher Anfchauung als ein Lehrbuch der
Medizin bezeichnen. Sie handelt von dem Menfchen mit
feinen Krankheiten und den Mitteln, fie zu heilen; aber
nicht allein davon; fondern echt mittelalterlich wird im
erften Buche mit der Schöpfung begonnen und dann von
den Sternen, den Elementen, den Naturerfcheinungen und
Allem gehandelt, was in das mittelalterliche Weltbild
gehört. Befonders ausführlich verbreitet fich die Ver-
fafferin über die fexuellen Verhältniffe des Menfchen.
Am Schluffe des 5. (letzten) Buches werden die Eigen-
fchaften der Menfchen aufgezählt, die an dem und dem
Tage empfangen werden. Theologifch bietet die Schrift,
fo viel ich fehe, wenig Intereffe; natürlich ift fie außerordentlich
charakteriftifch für die Verfafferin, wenn wirklich
die heilige Hildegard fie verfaßt hat. Die Unter-
fchrift lautet: Expliciunt prophetiae sanctae Hildegardis.
Wir haben es mit einer Kompilation zu tun, und es wäre
wichtig, die Quellen, aus denen H. gefchöpft hat, nach-
zuweifen. Sie find nicht genannt, und wohl aus diefem
Grunde ift der Herausgeber nicht diefer Aufgabe hier
näher getreten; er weift freilich auch nicht (bis auf eine
Ausnahme) die zitierten Bibelftellen nach. Die vorkommenden
deutfchen Worte find S. 252—254 zufammen-
geftellt.

Halle a. S. G- Ficker.

Espenberger, Dr. Joh. Nep., Die Philosophie des Petrus

Lombardus und ihre Stellung im zwölften Jahrhundert.
(Beiträge zur Gefchichte der Philofophie des Mittelalters
. Band III. Heft V.) Münfter, Afchendorff,
1901. (XI, 139 S. gr. 8.) M. 4.75

Des Lombarden ,Sentenzen find ein rein theologifches
Werk, eine geordnete Sammlung der von den Vätern
überlieferten Glaubensfätze unter Berückfichtigung der
theologifchen Schulfragen. Damit fcheiden alfo alle rein
philofophifchen Fragen aus, der Lombarde hat keine

ausgeprägte philofophifche Terminologie.......' So

fchreibt Otto Baltzer in feiner Studie über die Sentenzen

des Petrus Lombardus (Leipzig, Dieterich, 1902). ein Abhängigkeitsverhältnis zu Gandulf, d as neben einem

Univerfum. Abfchnitt III ift betitelt ,Pfychologie' und
befaßt fich mit den Anflehten über das Seelenvermögen,
das Wefen der Seele, den Urfprung der Seele, das Verhältnis
zwifchen Seele und Leib. Unter IV kommt die
(philofophifche) Theologie, d. h. die Gottesbeweife, die
Lehren vom Wefen und den Eigenfchaften Gottes und
von der Trinität zur Erörterung. Der letzte Abfchnitt
endlich ift der Ethik gewidmet (Freiheit des Willens und
Objekt der freien Willenstätigkeit; Glückfeligkeit; Morali-
tät der menfehlichen Handlungen; Sittengefetz; Objektiv
und objektiv gut; das Übel).

Was die Ergebniffe anlangt, fo find fie in der Tat
dürftig, und was herauskommt, ift nur mit Hilfe von
Hebeln und Schrauben und einem gewaltigen Druckapparat
gewonnen. Deffen ift fich der Verf. auch durchaus
bewußt. Nicht nur ftreift er die Frage, ,ob überhaupt
von einer Philofophie des Magifters die Rede fein könne'.
Fortwährend ertönen Klagen wie die, daß der Meifter
ein Thema mit ,Geringfchätzung' behandle; daß gewiffe
Angaben ,nur im Vorbeigehen eingeftreut' feien; daß
.Willkür' fich bemerkbar mache; daß das .Auffinden der
Refultate' .Schwierigkeiten' bereite; daß ,Unbeftimmtheit'
obwalte; daß wir ,keine eingehenden Darlegungen' erhalten
; ,keine ausführlichen Erörterungen erwarten' dürfen;
daß ,eine zufammenhängende Darftellung' ,uns überhaupt
nicht gegönnt' fei; daß Petrus ,gerade im Hauptpunkte
nicht völlige Klarheit' gewähre; daß ,die ganze Frage'
,in der Schwebe gelaffen werden' müffe ufw. ufw.

Die geficherten und wichtigften Refultate der ganzen
Unterfuchung kann man mit dem Autor felbft dahin
zufammenfaffen: Dem Lombarden ift ,die Schulweisheit
feiner Tage wohl bekannt'. Er gehört zu den Realiften,
wiewohl fich nicht feftftellen läßt, ,welcher Richtung unter
ihnen er folgt'. Man kann ihn nicht .einen mittelalterlichen
Platoniker' nennen, aber auch .keinen Ariftoteliker
vom Schlage des Boethius'. Am bellen bezeichnet man
ihn als einen ,Eklektiker, der bald mit feichter Oberflächlichkeit
, bald mit tiefem Überlegen feine Gedanken
von überall herholt, um die Kirchenlehrer klarzulegen'.
Seine Sentenzen find — abgelehen natürlich von Auguftin
— befonders ftark beeinflußt durch Abaelard und in noch
höherem Maße durch Hugo von St. Viktor. Dagegen
beftreitet Efpenberger mit erwägenswerten Argumenten

folchen zu Gratian von Baltzer noch neuerdings behauptet
wird.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Angefichts diefes Urteils, das ein einigermaßen Sach-
verftändiger fällt, könnte einem leicht das Unternehmen,
in das Efpenberger fich einläßt, von vorn herein als ein
mehr oder weniger fteriles oder mindeftens als ein gewagtes
erfcheinen. Denn dasjenige, worauf es gerichtet
wird, ift gerade nicht die Theologie des Lombarden. Little, Ex-Prof. A. G., Description du Manuscrit Canonici
Vielmehr will es und foll es lediglich die philofophifchen Miscell. 525 de la Bibliotheque Bodleienne. (Opuscules
Vorausfetzungen und Beftandteile derfelben oder kurz de ^ historique. Fase V [1« janvier 1903].)
gefagt, die Philofophie des berühmten Scholaltikers zur „ . jV «■ . , «x

Darftellung bringen und ihren Urfprüngen und Beziehungen Par,s l9>3> Fischbacher. (47 p. gr. 8.)
nach beleuchten. Und als wichtigfte oder eigentlich Das Manufkript, deffen Inhalt Little fehr genau aneinzige
Quelle, aus der dabei zu fchöpfen ift, werden gibt, ift von dem Franziskaner Petrus de Tragurio 1384

1 und 1385 in Ragufa gefchrieben worden. Da mir die

ausdrücklich (S. 4) die Sentenzen genannt.

Daß die Gliederung des Stoffs nicht der von Petrus j Mittel zur Klaffifizierung der Handfchrift fehlen, fo muß
in feinem Werk getroffenen Anordnung entfprechen ich mich mit einer kurzen Inhaltsangabe begnügen. Zuerft
kann, verlieht fich bei der Aufgabe, die Efpenberger fich findet fich darin das Spcculumperfectionis fratram minorum
geftellt hat, von felbft. Die Dispofition ift folgende. Auf j (fol. 1—48a) und zwar im wefentlichen in der Form, in
eine kurze Einleitung, die einen fummarifchen Lebens- ! der es von Sabatier publiziert worden ift. Es find einige
abriß und einige Andeutungen über das Verhältnis des ; Zufätze vorhanden; aber es fehlen auch einige Kapitel, fo
Lombarden zu den Zeitgenoffen, den Vätern und den 1 merkwürdigerweife cap. 78: quod voluit religioncm Semper
Philofophen im allgemeinen darbietet, folgt ein erfter ! esse sub protectione et correctione ecclesiae romanac. Little
Abfchnitt, der von der Logik und Erkenntnistheorie des j teilt außer den Anfangs- und Endworten der Kapitel auch
Meifters, von feiner Methode, von feinen Anfchauungen fonft bemerkenswerte Stücke und Lesarten mit An 2
über Glauben und Wiffen handelt. Ein zweiter Abfchnitt Stelle bietet die Handfchrift einen Uber quorundam nota-
Kf C-S v,mit Gntol°g'e und Kosmologie zu tun und j bilium gestorum bcati Francisci et sociorum sive diseipu-
befpricht im einzelnen die Begriffe Subftanz und Accidenz, ] lorum in ipsius legenda omissorum continens duas partes:
TiarUv u 'dMaterie< Form, Werden und Vergehen, i primam scilicet de notabilibus gestis eiusdem. Secundam
Urlacnlicnkeit, Raum, Zeit und Ewigkeit fowie die Lehren j vero de notabilibus gestis eorumdem (fol. 48b—217a. 242a—
von der Schöpfung und von der Stellung des Menfchen im | 267 a), ein aus verfchiedenen Stücken [Actus etc.) zu-