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Ausgabe:

1904 Nr. 8

Spalte:

240-243

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Steier, August

Titel/Untertitel:

Untersuchungen über die Echtheit der Hymnen des Ambrosius 1904

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 8.

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L. die begriffliche Schulung des Syftematikers und gewährt
dadurch ein Bild des römifchen Katholizismus,
dem fchwerlich von Seiten diefer Kirche felbft anders
als etwa in Einzelheiten widerfprochen werden wird.
Natürlich erkennt man überall den evangelifchen Theologen
als Darfteller, aber es ift nirgends animofe Polemik
zu bemerken, und das Bild des Katholizismus zeigt deutlich
die großen Züge, die diefem Kirchentume innewohnen
. Über die Stoffanordnung kann man ftreiten.
Sie hängt mit L.s Abneigung gegen die .komparative
Symbolik' zufammen. Auch von einer ,Stufenfolge' der
Kirchen will er nichts hören. Ich kann darüber hier nicht
mit ihm ftreiten, gedenke aber an anderem Orte darauf
einzugehen.

Im erften Abfchnitt gibt L. wie bei der orthodoxen
orientalifchen Kirche eine .Gefchichtliche Einleitung'. Er
behandelt hier zuerft die .Entwicklung des konfeffionellen
Charakters des abendländifchen Katholizismus bis zum
Beginn des 14. Jahrhunderts', dann die ,kritifche Zeit in
der römifch-katholifchen Kirche: vom Ävignonefer Exil
bis zum Abfchluß des Tridentinum', fchließlich die .Entwicklung
des konfeffionellen Charakters der römifch-
katholifchen Kirche feit dem Tridentinum'. Wie er für
die orthodoxe Kirche bei der Zeit Juftinians einfetzt, fo
für die römifche, nach einem kurzen Rückblick auf die
frühere Gefchichte, bei der Zeit Nikolaus' I. Ich meine,
daß in der Epoche Juftinians oder Nikolaus' nur kund
werde mit Bezug auf die .Orthodoxie' einerfeits, den
,Romanismus' anderfeits, was ältere und tiefere Motive
habe und daher nicht richtig hier zuerft wie durch einen
Stich in das Erdreich herausgehoben werde. Ohne
Rückgang auf die großen Männer und treibenden Ideen
der früheren Zeit, mindeftens der Periode des Athanafius
und Auguftin, gewinnt man nicht alle Fäden in die Hand,
auf die es ankommt. Aber wenn ich in diefer Beziehung
einen Vorbehalt gegenüber von L.s Darftellung der .Entwicklung
' der beiden großen Kirchen, die vom Altertum
her überkommen find, machen muß, fo hindert mich das
nicht, anzuerkennen, das L. ein ausgezeichnetes Bild des
Charakters auch des römifchen Katholizismus gewährt.
Es gelingt ihm befonders auch die auf dem Boden des-
felben möglichen, immerhin mannigfaltigen Richtungen
n Übereinftimmung und Gegenfatz trefflich zu bezeichnen
.

In der zufammenhängenden Darftellung des katho-
lifchen Kirchentums geht L. aus von einer Skizze der
.Normen des Glaubens', die hier gelten, und zeigt fcharf-
finnig, wie fchwierig es ift, felbft unter der Infallibilität
des Papftes feftzuftellen, was eigentlich im Katholizismus
Dogma fei und was freie Lehre. Das zweite Kapitel
handelt dann von der ,Kirche nach Lehre und Er-
fcheinung'. Man beachte das zweite Stück in diefer
Überfchrift, denn es bedeutet die Abficht, die empirifche
Geftalt des Romanismus mit zur Anfchauung zu bringen.
Ausgeführt wird diefes zweite Stück in drei großen
Paragraphen, in denen die Ausbreitung und Verfaffung,
der Cölibat, die Orden und Kongregationen, zuletzt die
.Stellung der Kirche in der Völkerwelt' beleuchtet
werden. Befonders wertvoll und eingehend ift die
Orientierung über die Orden und Kongregationen. Hier
ift ein fo reiches hiftorifch-ftatiftifches Material zufammen-
getragen, daß es eine Freude ift. In dem letzten Paragraphen
hätte m. E. das Verhältnis der römifchen Kirche
zum Staate mehr prinzipiell beleuchtet werden follen; ich
überfehe dabei nicht, daß fpäter, wo die .leitende' Funktion
der Kirche befprochen wird, noch manches berührt
wird, was zum ,ftaatlichen' Leben in der Kulturwelt gehört
. Das dritte Kapitel, welches die ,Lehre der römifchen
Kirche' vorführt, ift das umfänglichfte des Buchs,
S. 257—350. Behandelt wird hier die Summe alles deffen,
was theoretifch den Heilserwerb nach römifcher Anfchauung
verdeutlicht, das Verhältnis von Gefetz, Natur
und Gnade, Gottes Wefen und Vorfehung, die Sünde,

die Rechtfertigung etc., dann die Gnadenmittel (gute
Werke, das Gebet, die Sakramente, Sakramentalien etc.).
Es ift mir leider verwehrt, ein Bild davon zu geben, wie
eindringlich und mannigfach eigentümlich L.s Darfteilung
in diefem Kapitel ift. Wenn ich andeuten foll, wo ich
ihm nicht ganz zuftimmen kann, fo habe ich den Begriff
der Gnade zu nennen. Man verfteht, wenn ich nicht
meinerfeits irre, die katholifche Lehre nur bei der Beobachtung
völlig, daß das Wort gratia (ebenfo wie das
griechifche yaQic) ein Moment enthält, welches von der
Sprachempfindung aus die theologifche Reflexion in be-
ftimmter Weife dirigiert: gratia ift nicht nur, was wir
.Gnade' nennen, fondern auch, was wir als ,Anmut',
.Wohlgefälligkeit' wiedergeben müßten. Die gratia Dei
ift ein habitus Gottes, der ihm felbft als Erfcheinung
inhäriert und ihn durch fein bloßes Wefen zu einer
Quelle der Freude macht (daher visio Dei beatifica); die
gratia läßt üch .infundieren', übertragen, Gott formt den
Menfchen durch feine gratia fo, daß er felbft ,gratiosus'
wird. Man foll freilich nicht meinen, daß mit diefer Beobachtung
die ganze römifche Lehre von der gratia zu
erklären fei, aber fie betrifft ein Moment, welches auch
L. nicht bemerkt hat. — Aufgefallen ift mir, daß L. gar
nicht von der römifchen Auffaffung des Verföhnungs-
werks Chrifti redet; es handelt fleh da freilich um kein
.Dogma', aber die theologifchen Lehren find doch fehr
bemerkenswert, freilich nur im Zufammenhange mit
Momenten am Gottesbegriff, die L. auch übergeht.

Ausgezeichnet ift das Kapitel, welches über die
,priefterliche und die leitende Tätigkeit der Kirche'
inftruiert. Es ift lebensvoll und fehr vollftändig. Eine
Schilderung der .Befonderheiten des Ritus orientalis',
dazu ein Bericht über ,die von der modernen römifchen
Kirche abgezweigten katholifchen Gruppen' (Kirche von
Utrecht, Deutfehkatholizismus, Altkatholizismus) macht
beim römifchen Katholizismus den Schluß, wie vorher
bei der orthodoxen Kirche ein Bericht über die Schismatiker
in Rußland.

(Gießen) Göttingen. F. Kattenbufch.

Steier, Dr. Augurt, Untersuchungen über die Echtheit der
Hymnen des Ambrosius. (Befonderer Abdruck aus dem
XXVIII. Supplementband der Jahrbücher für klaffifche
Philologie.) Leipzig 1903, B. G. Teubner. (IV u.
S. 553—662 gr. 8.) M. 4.20

Aus der Predigt des Ambrofius (Bifchof von 374 bis
397) gegen den Arianer Auxentius, die zwifchen den Ep.
21 und 22 des Ambrofius veröffentlicht ift, und aus
Auguftin Conf. IX cap. 6 und 7 geht hervor, daß
Ambrofius i. J. 386 zuerft im Abendlande Hymnen in
den Gemeindegottesdienft eingeführt hat, und daß diefe
Hymnen und die Pfalmen damals zuerft nach der Weife
des Orients, der fyrifchen Kirche, gefungen wurden. Daß
Ambrofius felbft eine Anzahl Hymnen verfaßt hat, fteht
zweifellos feft; die Unterfuchung jedoch, welche Hymnen
auf die Autorfchaft des A. zurückzuführen find, ift um
deswillen fchwierig, weil A. fehr bald Nachahmer fand,
deren Lieder unter dem Titel ,hymni Ambrosiani1 zitiert
zu werden pflegen, und weil die äußeren Zeugniffe, die
einzelne Hymnen dem A. felbft zufchreiben, mit großer
Vorficht aufzunehmen find. Von einem objektiv ge-
ficherten Zeugnis aus fpäterer Zeit kann ja in jenen
legendenfüchtigen und kritiklofen Jahrhunderten keine
Rede fein; das literargefchichthche Intereffe wurde von
dem religiöfen, den großen Kirchenvater mit möglichft
großem Kranz von Dichtungen zu fchmücken, völlig überwuchert
, wie denn bis zum heutigen Tage römifch-
katholifchen Hymnologen es äußerft fchwer fällt, dies reli-
giöfe Intereffe bei der Unterfuchung nicht mitwirken zu
laffen. Zuerft haben die Mauriner in ihrer Ausgabe der
Werke des A. eine auf kritifcher Grundlage beruhende