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Ausgabe:

1904 Nr. 8

Spalte:

225-227

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gaul, Willy

Titel/Untertitel:

Die Abfassungsverhältnisse der pseudojustinischen Cohortatio ad Graecos 1904

Rezensent:

Hennecke, Edgar

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 8.

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ein derartiges Regifter angefertigt habe, kann ich konfta-
tieren, daß das von Braunfchweiger gebotene zwar nicht
frei von Inkorrektheiten und kleinen Lücken, aber im
ganzen doch brauchbar und in Ermangelung eines anderen
nützlich ifi Ich darf infonderheit die Lefer meiner
Gefch. des jüd. Volkes, welche zu der in Bd. I3 S. 119L
gegebenen Statiftik die Belegflellen wünfchen, auf Braunfchweiger
verweifen.

Im übrigen verfolgt Braunfchweigers Buch nicht wiffen-
fchaftliche Zwecke und ift auch nicht für chriftliche Lefer
beftimmt, fondern ,fürs jüdifche Haus' und für die jüdifche
Schule (Vorw. S. VI). Es foll dem heutigen Gefchlecht
die großen Autoritäten des Judentums in biographifchen
Skizzen vorführen. Diefen Zweck erfüllt es auch in an-
gemeffener Weife, nur darf man dabei in Bezug auf
wiffenfchaftliche Exaktheit keine fehr großen Anforderungen
ftellen. Es kann in diefer Hinficht z. B. mit
Bacher's Agada der Tannaiten nicht verglichen werden.

Die Anordnung ift feltfamerweife die alphabetifche,
und zwar nach der hebräifchen Schreibung der Namen,
fo daß z. B. S. 7—9 Admon, IIa und Elienai auf einander
folgen (ptnx, Kb^K, "WirfibK). Da das Buch als Lefe-
buch, nicht als Nachfchlagebuch gedacht ift, wäre die
hiftorifche Anordnung ficher zweckentfprechender ge-
wefen; jetzt flehen Männer des I. Jahrh. vor Chr. und
folche des 2. Jahrh. nach Chr. bunt durcheinander. Die
Auswahl befchränkt fich auch nicht auf ,die Lehrer der
Mifchnah'. Es find z. B. Perfonen wie König Agrippa
und die Königin Helena, ja auch ,der Tempel des Onias'
{sie! S. 83) aufgenommen. In der Darftellung nimmt das
Anekdotenhafte einen breiten Raum ein; unter den Aus-
fprüchen der Lehrer find die haggadifchen ftärker berück-
fichtigt als die halachifchen, bei dem praktifchen Zweck des
Buches mit Recht, ßefonders eingehend ift als leuchtendes
Vorbild der große Held R. Akiba behandelt (S. 217—241).

Zu Korrekturen wäre mannigfacher Anlaß vorhanden
. Die Wiedergabe des hebräifchen Kamez durch o
(Jochanon, Boraitha, Gemora, Rabbon, chachomim) ift jetzt
bei wiffenfchaftlich gebildeten Juden doch nicht mehr
üblich. Daß Horkinos S. 66, Phabi S. 184, Bethar S. 237
falfche Formen find (ftatt Archinos, Phi-abi, Btth-ther),
habe ich in meiner ,Gefchichte' (die B. freilich nicht kennt)
längft nachgewiefen. Vier Gelehrte werden in der Mifchna
durch den Titel Rabban ausgezeichnet, nämlich Gamaliel
I und II, Jochanan ben Sakkai und Simon ben Gamaliel.
Bei Braunfchweiger erfcheinen die drei letzteren nur mit
dem Titel Rabbi (S. 57, 143, 288). S. 91 wird die Amtsbezeichnung
des R. Chanina D^nsn po durch .Stellvertreter
der Hohenpriefter' wiedergegeben und dabei ganz
ernfthaft verfichert, Chanina fei .Stellvertreter mehrerer
Hohenpriefter' gewefen. Aber D^fiD heißt keinesfalls Hohe-
priefter und die Wiedergabe von po durch .Stellvertreter'
ift ebenfalls irrig (f. m. Gefch. II3 S. 264—266). S. 170
wird rrPSn ST1« W überfetzt Joefer der Mann des
Birah'. fiTO heißt zwar ,der Tempel', darf aber darum
doch nicht als Maskulinum behandelt werden. Es wäre
einfach zu fagen Joefer der Tempelhauptmann'. — Dies
nur einige Beifpiele aus einer Lifte, die fich fall endlos
fortfpinnen ließe. Dabei foll aber dem Verf. das Zeugnis
nicht verfagt werden, daß er einen mannigfaltigen Stoff
mit Fleiß gefammelt und eine lesbare Darftellung gegeben
hat.

Göttingen. E- Schürer.

Gaul, Lic. theol. Willy, Die Abfassungsverhältnisse der pseu-
dojustinischen Cohortatio ad Graecos. Berlin (1902), C. A.
Schwetfchke & Sohn. (VII, 110 S. gr. 8. m. 1 Tafel.)

M. 3.60

Wie fchwierig die Beurteilung der unter Juftins Namen
(nachweisbar feit dem 6. Jahrh.) gehenden Coh. ad Graecos
{Xöyoq jtanatvETixbg nQoq'EXXrjvaq) fällt, zeigt fich daran,

daß für ihre zeitliche Beftimmung noch gegenwärtig der
ganze anfehnliche Zeitraum der chriftlich-apologetifchen
Schriftftellerei vom 2. bis zum 4. Jahrhundert von der
Forfchung, wie z. B. auch für des Hermias irrisio, in
Anfpruch genommen wird. Während jüngft noch von
katholifcher Seite Wi dm an n in merkwürdiger Verkennung
der wefentlichen Unterfcheidungspunkte (vgl. Gaul in diefer
Ztg. 1903, Sp. 519) lebhaft für original-juftinifche Abfaffung
eingetreten ift, hält Dräfeke in kräftigem Widerfpruch
gegen den Verfaffer vorliegender Unterfuchung an feiner
Zuweifung der Coh. an den von ihm hochgefchätzten
Apollinarios von Laodicea feft (Zeitfchr. f. wiff. Theol.
1903, S. 407—433), wobei zuzugeben ift, daß feine — zugleich
von Asmus verfochtene — Hypothefe eine eingehendere
und zufammenhängende Befprechung verdient
hätte, als fie hier geboten wird. Auch die Forderung einer
wirklich philologifchen Bildung zur Beurteilung der Schrift
(Dräfeke S. 424) ift entfehieden gerechtfertigt. Es fragt
fich, ob wir (was D. leugnet) durch Gauls Unterfuchung
fonft über den unfichern Stand der Beurteilung hinausgekommen
find.

Verf. fetzt, nach einem .Überblicke über die bisherigen
Unterfuchungen' (I) —, der m. E. ebenfo gut oder beffer

in die nachfolgenden Ausführungen einzuarbeiten war, _

mit einer Unterfuchung über ,die Bezeugung der Cohortatio
durch die Handfchriften, Eufeb und die nacheufe-
bianifche Literatur' (II) ein, um dann (III) die Frage:
,Ift die Cohortatio juftinifch?' — negativ ■— zu erledigen
und weiterhin (IV) ,die Cohortatio und die Literatur von
Juftin bis Eufeb' zu vergleichen, wodurch freilich für die
nähere zeitliche Beftimmung nach meinem Eindruck ebenfo
wenig erwiefen wird, wie durch die von Asmus zur
Stütze der Dräfekefchen Hypothefe beigebrachten Belege
von Berührungen der Coh. mit kirchlichen Schriftftellern
nach dem 17. Juni 362 (Rhetorenedikt Julians). Nur die
Benutzung durch Kyrill v. Alex, (durch Gaul S. 33fr. noch
einmal belegt) ift nach allgemeiner Überzeugung ficher.
Ehe nicht eine genaue und umfaffende Darlegung der
getarnten apologetifchen Schriftftellerei in dem angedeuteten
größern Zeitraum, ihrer gegenfeitigen innern und
äußern Beziehungen und im Verhältnis zu der fortlaufenden
antichriftlichen Polemik angewandten Methoden und
Beweismittel, mit Einfchluß ihrer gemeinfamen oder ver-
fchiedenartigen Quellen-Verwendung, gegeben ift, wird es
fchwer halten, Schriften mit wenig hiftorifch fichern Angriffspunkten
wie die Cohortatio befriedigend feftzulegen,
mag immerhin bereits einiges durch Vergleichung herausgebracht
fein; vgl. Abfchn. VI: Die Quellen der Cohortatio
(1. Der pfeudo-plutarchifche Auszug aus den Placita des
Aetius; 2. Geheim- und Weisheitsliteratur). Von befonderer
Wichtigkeit ift hier das unter V behandelte,Verhältnis der
Cohortatio zu den Chronographien des Julius Africanus'.

Schürer hatte 1878 (freilich nicht zuerft. doch, wie
es fcheint, ohne Kenntnis von Vorgängern) in der Zeitfchr.
für Kirchengefch. II (1878), S. 319—331, durch knapp gehaltene
und fcharffinnige Vergleichung gleichlautender
Stellen bei Julius Africanus und der Cohortatio die Abhängigkeit
der letztern von jenem, alfo Abfaffung nach
221, zu erhärten gefucht. Demgegenüber beftreitet Gaul,
wie gleichzeitig Widmann von feinem Standpunkte aus'
und vordem Völter (Zeitfchr. f. wiff. Theol. 1883, sl
i8off.), diefe Abhängigkeit, mit Gründen, die nicht du'rch-
fchlagend find. M. E. hat fich Verf. den ganzen Zu-
fammenhang der bei Eufeb. praepar. evang. X 10 vorliegenden
Partie aus Jul. Afric. nicht klar gemacht (S. 90
ungenaue Inhaltsangabe!) und durch Umftellung der
beiden umfangreichften Parallelen (gegen die Reihenfolge
bei Jul. Afric, nach Völters Vorgange) die Einficht in die
Aufeinanderfolge der Methode des Chronographen, von
der freilich Coh. 9 nichts mehr durchblickt, unnötig er-
fchwert. Ich kann den urfprünglichen Gedankengang hier
nicht im einzelnen rekapitulieren, fondern nur darauf hinweifen
, daß es dem Jul. Afric. nicht darauf ankommt, den

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