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Ausgabe:

1904 Nr. 8

Spalte:

222-223

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Blau, Ludw.

Titel/Untertitel:

Studien zum althebräischen Buchwesen und zur biblischen Litteratur- und Textgeschichte. I. Theil 1904

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 8.

222

Urgefchichten völlig würdigen, fo können wir deswegen
ihren Stoff doch nicht für gefchichtlich anfehen.

Selbftändig und wertvoll in der Brofchure von Kö-
berle ilt die Betonung des negativen Verhältniffes zwi-
fchen Babylonien und Ifrael neben dem pofitiven: Die
babylonifche Kultur habe Ifrael und das Judentum wohl
ftark beein flußt, die biblifche Religion aber habe ihre
Eigentümlichkeit in direkter Oppofition gegen babylonifche
(und andere) Einflüffe entfaltet. An einem Abriß
der Gefchichte Ifraels zeigt der Verf., wie die ganze
rehgiöfe Gefchichte Ifraels in allen ihren Perioden und bei
jedem neuen Anfatz durch den Gegenfatz gegen die von
außen und fpeziell von Babylonien her einwirkenden Einflüffe
beftimmt ift und daß dementfprechend auch ihr
religiöfer Ertrag weit mehr den Gegenfatz gegen Babel
bekundet, als die Abhängigkeit und Entlehnung von baby-
lonifchen religiöfen Ideen. Sollten je die biblifchen Urgefchichten
entlehnt fein, fo würde jedenfalls die geiftige
Umarbeitung diefer Stoffe in der Bibel als eine völlige
Neufchöpfung zu betrachten fein; wahrfcheinlicber aber
haben die ifraelit. Stämme diefe Gefchichten von der
Urheimat mitgebracht. In fpätererZeit ift dann derUnter-
fchied zwifchen der ifraelit. und den andern Religionen
immer deutlicher geworden, und der Monotheismus hat
fich immer mehr zur klaren Theorie geftaltet, im Gegenfatz
auch zu verwafchenen Spielarten desfelben. Verf.
befpricht noch die einzelnen Vergleichungspunkte, die den
fpezififchen Vorzug der ifraelit. Religion klar machen
(Monotheismus, Schöpfungsbericht, Jenfeitsglaube, Rechts-
wefen); wir fehen dabei, daß die Ausgrabungen und die
gefchichtliche Betrachtung des A.T. den Wert und den
göttlichen Utfprung, den Offenbarungscharakter der ifraelit.
Religion, der in dem Zulammenhang derfelben mit der
Offenbarung in Chrifto begründet ift, erft recht erkennen
laffen. — Die Anmerkungen behandeln die religionsge-
fchichtliche Verwendung der theophoren Eigennamen, den
Begriff,Monotheismus', den Sinn von Jahwe und El, die
kultifche Verehrung der kanaanitifchen Landesgottheiten
Baal und Aftarte, den urfprünglichen Nomadenftand Ifraels,
die Spuren des Chaosmythus im A.T., die höhere Sittlichkeit
im A.T. und einige Kleinigkeiten in Delitzfchs zweitem
Vortrag. In diefen Anmerkungen fleht viel Anregendes,
und der Verf. bekundet in den Streitfragen ein gefundes,
ruhiges Urteil und ein Streben nach Gewißheit.

Die Grundidee des Verf. von der Geftaltung der
ifraelit. Religion durch die Oppofition fcheint mir richtig,
wenigftens bis zu einem gewiffen Grad. Sie fchließt aber !
z. B. die Aufnahme kanaanäifch-babylonifcher Urgefchichten
in die Bibel nicht aus, denn die Oppofition lebte in
den flreng prophetifchen Kreifen, die Gefchichten mögen
durch das Medium des Volkes gewandert fein. Auch
fcheint es mir doch wieder auf eine Verkürzung der ifraelit.
Religion hinauszulaufen, wenn man fie fo fehr auf der
Oppofition aufrichtet. Die direkte innerliche Gemeinfchaft
der prophetifchen Offenbarungsträger mit Gott hat diefe
Männer und ihre Anhänger und fchließlich das Volk von
Stufe zu Stufe gefuhrt; erft die Übertragung diefer innerlichen
Gemeinfchaft ins Leben hinaus hat zur Oppofition
gegen alles Widergöttliche Anlaß gegeben, und in diefer
Oppofition ift jene Gottesgemeinfchaft geklärt und gefertigt
worden.

Die Brofchüre Gunkels empfiehlt fich fchon durch
den Titel, mit dem fie die Gemüter aus der Enge des
Babelbibelftreites hinausführen will. Der Verf. wirft einen
Blick auf die durch die Vorträge Delitzfchs gefchaffene
Sachlage; es fei durch diefelben das Intereffe vieler Gebildeten
für babylonifche und biblifche Foifchungen in
erfreulicher Weife geweckt worden, zugleich aber fei als
Urfache der ganzen Senfation die bedauerliche Entfremdung
der evangelifchen Kirche von der evangelifchen
Wiffenfchaft zu Tag getreten, und man müffe befurchten,
daß die Kirche das Mißtrauen weiter Kreife fich zuziehen
werde, wenn fie fernerhin die theologifche Wiffenfchaft |

und ihre geficherten Refultate ignoriere und der Gemeinde
den Glauben nicht in einer Form darbiete, die keine
hiftorifche Kritik anzufechten vermöge. Im einzelnen
fchildert uns Verf. dann in feiner lebendigen und poefie-
vollen Darftellung die Kultur des alten Babyloniens und
den Einfluß derfelben auf die Welt, fpeziell auf Ifrael und
auf die ifraelit. Religion. Mit aller Beftimmtheit fei zu-
nächft einmal ein Einfluß Babyloniens auf die Kultur
Ifraels anzunehmen, wenn auch Ifrael fo wenig wie die
alte Welt überhaupt zu einer geiftigen Provinz Babyloniens
gemacht werden dürfe. Weiter ift es unzweifelhaft, daß
die biblifche Urgefchichte von der babylonifchen dem
Stoff nach abhing, dem Geift nach aber etwas völlig Originales
war. Daraus ergibt fich ein Doppeltes: 1) erhalten
wir gerade an der babylonifchen Vorlage einen
Maßftab, um zu ermeffen, wieviel näher der Gott, an den
wir glauben, dem alten Ifrael gewefen ift als den Baby-
loniern; 2) aber müffen jene Urgefchichten mit Entfchie-
denheit, auch von der Kirche, als Sagen, als Dichtungen
erkannt und, namentlich im Unterricht, als folche behandelt
werden. Mit ftarkem Nachdruck weift G. fodann das
unwiffenfehafthehe Vorgehen Delitzfchs zurück, der den
Beweis für den Monotheismus Babyloniens auf ganz vereinzelte
Ausfprüche giündet und für den großen einheitlichen
Gang der ifraelit. Religion zu der monotheiftifchen
Erkenntnis hin keinen Sinn hat, der wegen ein paar Abhängigkeiten
in der Form die ifraelit. Religion, unter die
babylonifche ftellt und die ungeheuere geiftige Überlegenheit
der erfteren über die letztere nicht erkennen will.
Endlich zeigt Verf. in feiner Jronie und fchlagender Überlegenheit
, daß Delitzfch fich gegen einen ganz veralteten,
gegen feinen eigenen ererbten Offenbarungsglauben gewendet
habe; Verf. fetzt daneben die eigene Auffaffung der
Offenbarung als einer in der Gefchichte nach den pfycho-
logifchen Gefetzen (ich vollziehenden Wirkfamkeit Gottes,
wie fie gerade am Volk Ifrael in klaffifcher Weife fich
betätigt habe.

Es fcheint dem Verf. befonders daran gelegen zu fein,
durch feine Brofchüre die evangelifche Kirche zu einer
Annäherung an die heutige theologifche Wiffenfchaft zu
locken. Wie langfam es gehen wird, die Ergebniffe der
letztem in die Verkündigung der Kirche aufzunehmen,
darüber ift fich G. ja felbft klar genug. Immerhin wäre
fchon viel erreicht, wenn wenigftens die mit dem Amt
der Verkündigung Betrauten für ihre eigene Perfon gerade
auch mit den gefchichtlichen Gebieten der theologifchen
Wiffenfchaft in lebendigere Fühlung treten und in einer
folchen bleiben würden. Und die reichhaltige Brofchüre
Gunkels ift felbft vorzüglich dazu geeignet, in dem vorliegenden
Punkt die Vermittlung zu machen.

Leonberg. p. Volz.

Blau, Prof.Dr. Ludw., Studien zum althebräischen Buchwesen
und zur biblischen Litteratur- und Textgeschichte. i.Theil:
Studien zum althebräifchen Buchwefen und zur biblifchen
Litteraturgefchichte. Straßburg 1902, K. J.
Trübner. (III, IV, 203 S. gr. 8.) M. 4.50

,Es kommt nicht oft vor, daß eine Monographie,
welche in dem Programm eines Seminares gedruckt ift,
fich ein fo großes Hterarifch.es Verdienft erwirbt oder von
fo hinreißendem Intereffe ift (0/ such fascinating interesi)
wie die hier zu befprechende'. So beginnt Adler feine
Befprechung von Blau's Arbeit in The Jewish Quarterly
Review XV, 1903, p. 715—728. Ich würde mich in der
Form etwas weniger enthufiaftifch ausdrücken, kann aber
in der Sache nur zuftimmen.

Die Themata, welche Blau behandelt, find: I. Die

äußere Geftalt der althebräifchen Bücher (S. 9_114), II.

Die innere Geftalt der althebräifchen Bücher (S. 115—172),
und III. Aufbewahrung und Vertrieb der althebräifchen
Bücher (S. 173—194).