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Ausgabe:

1904

Spalte:

217-222

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Giesebrecht, Friedrich

Titel/Untertitel:

Friede für Babel und Bibel 1904

Rezensent:

Volz, Paul

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. in Berlin, und D. E. Schürer, Prof. in Göttingen.

Jährlich 26 Nm. Verlag: J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung, Leipzig. Jährlich 18 Mark.

Nr. 8. l6- APril 1904- 29. Jahrgang.

Zur Bibel-Babel-Literatur, zweiter Artikel (Volz).
Blau, Studien zum althebräifchen Buchwefen
(Schürer).

Plooij, De bronnen voor onze Kennis van de

Essenen (Schürer).
Hraunfchweiger, Die Lehrer der Mifchnah,

2. Aufl. (Schürer).
Gaul, Die Abfaffungsverhältnifle der pfeudo-

juftinifchen Cohortatio ad Graecos (Hennecke).

Rasneur, Le concile de Cologne de 346 (v.
Walter).

Cook, Biblical Quotations in old english prose
writers (Morsbach).

C lernen, Beiträge zur Reformationsgefchichte,
3. Heft (Bollert).

Kniebe, Der Schriftenflreit über die Reformation
des Kurfürften Johann Sigismund von
Brandenburg feit 1613 (Kawerau).

Loofs, Symbolik oder chriftliche Konfcffions-
kunde, I. Bd. (Kattenbufch).

St ei er, Unterfuchungen über die Echtheit der
Hymnen des Ambrofius (E. Chr. Achelis).

Schulmann, Die Volksfchule vor und nach
Luther (Knoke).

Erklärungen von Thieme, Lobftein, Grützmacher,
Preufchen.

Zur Bibel-Babel-Literatur.

Zweiter Artikel.

Oettli, Prof. D. Sam., Der Kampf um Bibel und Babel. Ein

religionsgefchichtlicher Vortrag. Leipzig 1902, A.
Deichert Nachf. (32 S. 8.) M. —.80

Kittel, Prof. D. Rud., Die babylonischen Ausgrabungen und
die biblische Urgeschichte. Leipzig 1903, A. Deichert
Nachf. (36 S. gr. 8.) M. —.80

Lohr, Prof. D.Dr. Max, Babel und die biblische Urgeschichte.
Vortrag, gehalten in der Schlefifchen Gefellfchaft für
vaterländifche Kultur am 28. Februar 1903. Mit 5 Abbildungen
. Breslau 1903, G. P. Aderholz. (28 S. gr. 8.)

M. -.75

Jeremias, Pfr. Dr. Alfred, Im Kampfe um Babel und Bibel.

Ein Wort zur Verftändigung und Abwehr. Dritte erweiterte
Auflage. Unter Berückfichtigung der neu
erfchienenen Literatur. Leipzig 1903, J. C. Hinrichs'fche
Buchhandlung. (45 S. gr. 8.) M. —.50

Giesebrecht, Prof. D. Fr., Friede für Babel und Bibel.
Königsberg i. Pr. 1903, Thomas & Oppermann. (IV,
62 S. 8.) M. 1.—

Köberle, Priv.-Doz. Lic. Juftus, Babylonische Kultur und biblische
Religion. Ein erweiterter Vortrag. Mit befon-
derer Berückfichtigung des zweiten Vortrags von Prof.
Fr. Delitzfch über Babel und Bibel. München 1903,
C. H. Beck. (III, 54 S. gr. 8.) M. 1.20

Gunkel, Prof. D. Hermann, Israel und Babylonien. Der
Einfluß Babyloniens auf die lfraelitifche Religion. Göttingen
1903, Vandenhoeck & Ruprecht. (48 S. gr. 8.)

M. 1.20

Die Brofchüre von Oettli macht einen fehr erfreulichen
Eindruck durch ihre vornehme Behandlung des
Streitgegenftandes, durch ihren wiffenfehaftlichen Freimut
und durch ihre religionsgefchichtliche Auffaffung. Mehr
als viele Andere nimmt Verf. eine Abhängigkeit Ifraels
von Babylonien an. Bei den Urgefchichten lehnt er mit
voller Entfchiedenheit die Idee einer Ui Offenbarung ab,
unumwunden behauptet er die ftoff liehe Abhängigkeit der
biblifchen Erzählung von Babylonien, will aber die reine
Form des biblifchen Berichtes nicht etwa als Ergebnis
eines langen Reinigungsprozeffes erklärt wiffen, fondern
als das Produkt des total verfchiedenen prophetifchen
Geiftes in Ifrael. Man würde hiebei gerne noch genauer

aus dem Babylonifchen in den ifraelit. Befitz vorftellt. Die
weitern Punkte find kurz und überfichtlich nebeneinander
gereiht (Jahwenamen, Monotheismus, Bußpfalmen, Sabbat,
Kultgefetzgebung). Trotz aller Abftriche an den von
affyriologifcher Seite gemachten Übertreibungen müffe es,
meint Verf. zum Schluß, als ein großer religionsgefchichtlicher
Fortfehritt begrüßt werden, daß die Ifolierung Ifraels
unmöglich geworden fei und der lebendige Zufammen-
hang diefes Völkleins mit der übrigen Kulturwelt erkannt
wurde. Dadurch fei nun eine Vergleichung zwifchen
Babylonien und Ifrael zu einer wifftnfehaftlichen Notwendigkeit
geworden, aber diefe Vergleichung mache erft
recht den Vorzug Ifraels klar, den es in feinem prophetifchen
Geift bekommen hat. Und diefer Vorzug felbft
wieder fei nur durch das Eingreifen eines neuen und
einzigartigen Faktors erklärbar, der im Rahmen derVolks-
gefchichte den Anfang einer gottmenfehlichen Gelchichte
gefchaffen habe. Hier, wie auch bei der Befprechung
des Monotheismus, geht Verf. m. A. nach einen Schritt
zu weit, indem er den Einfluß der göttlichen Erziehung
auf die übrigen Völker nicht genügend würdigt, fondern
die Gottesahnungen Eichender Geifter außerhalb Ifraels
als rein menfchliches Bemühen faßt. Im übrigen aber
wird die Sachlage des Streits im einzelnen durch die
Brofchüre von Oettli in feiten klarer Weife beleuchtet.

Das Charakteriftifche und Wertvolle an der Brolchüre
von Kittel liegt in der eigenartigen Stellung diefes Gelehrten
zu den urgefchichtlichen Berichten. Verf. nimmt
in feiner Weife die einzelnen Erzählungen als Ausfluß
einer einheitlichen Weltanfchauung, fo daß es fich nicht
um das Verhältnis der biblifchen und babylon. Urgefchichten
handelt, fondern um das Verhältnis der biblifchen
und der babylon. Geiffesrichtung, wie fie fich in
jenen Berichten kundtut. Verwandtfchaft und Verfchie-
denheit der beiderfeitigen Berichte nun erklärt K. durch
die Annahme einer gemeinfamen UrÜberlieferung; diefe
habe lieh von Anfang an in zwei felbftändige Arme ge-
fpalten, den babylonifchen, der zum Naturmythus, und
den ifraelitifchen, der zur monotheiftifchen Religion auf
fittlicher Grundlage führte. Nur mit der jahrhundertelangen
felbftändigen Entwicklung der zwei ehedem einheitlichen
Traditionsftröme glaubt Verf. die totale Ver-
fchiedenheit des Geiftes erklären zu können. Sollte aber
der gewaltige prophetifche Geift der ifraelit. Gottesmänner
nicht genügt haben, um das Gleiche in kuizem Zeitraum
zu bewiiken, wofür K. den quantitativen Erklärungsgrund
der langen Jahrhunderte beizieht? Verf. meint freilich es
wurde der größte P"und der Keilfchriftforfchung fein, wenn
Tie einmal entdecken würde, daß einft in grauer Vorzeit
Bewohner des Olfens noch das Erbe einer höhern Gotteserkenntnis
ungetrübt befaßen, das einmal den Menfchen

erfahren, wie fich der Verf. den Übergang der Berichte | mitgegeben gewelen fein müffe. Mit Gluck wendet fich

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