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Ausgabe:

1904 Nr. 7

Spalte:

211-212

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fischer, Albert

Titel/Untertitel:

Das deutsche evangelische Kirchenlied des siebzehnten Jahrhunderts. Nach dessen Tode vollendet u. hrsg. v. W. Tümpel. 1. Band (1. - 4. Lfg.) 1904

Rezensent:

Cohrs, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung 1904. Nr. 7.

212

Zitate aus den früheren Werken die Entwicklung der
Hauptbegriffe und Lehren noch weiter rückwärts verfolgten
und charakterifierten. Zu Wefen der Religion,
Begriff des ,Mittlers', der ,Erlöfung', der Kirche ließe
fich fo fehr leicht eine ganz konkrete Anfchauung des
Werdeganges herftellen. Ganz ohne weiteres würden
fich die dogmatifchen Paragraphen 9, 10, 18, 19, 22, 23,
24, 25, 26, 30, 31, 43, 44, 45 ufw. der fo wichtigen und fo
wenig studierten Beilage A in Jonas' Ausgabe der ,Chrift-
lichen Sitte' anbieten und einfügen laffen.

Göttingen. R. Otto.

Fischer, weil. Oberpfr. u. Superint. a. D. D. Albert, +, Das
deutsche evangelische Kirchenlied des siebzehnten Jahrhunderts
. Nach deffen Tode vollendet und herausgegeben
von Pfr. W. Tümpel. (In 30 Heften.) Gütersloh
1902, C. Bertelsmann. (1.—4. Heft. 384 S. gr. 8.)

Je M. 2.—

Seit 1877 befitzen wir ,Das deutfche Kirchenlied von
der älteften Zeit bis zu Anfang des XVII. Jahrhunderts'
von Philipp Wackernagel. A. F. W. Fifcher, dem wir das
vortreffliche ,Kirchenlieder-Lexikon' (Gotha 1878—79;
Supplement 1886) verdanken, beabfichtigte zu dem Wacker-
nagelfchen Werke die Fortfetzung zu liefern und zunächft
die Lieder des XVII. Jahrhunderts zu fammeln; er ift aber
geftorben, bevor er feinen Plan verwirklichen konnte.
Unter Benutzung feiner Vorarbeiten hat jedoch Pfarrer
W. Tümpel die Fortführung des Werkes übernommen
und diefes jetzt fo weit gefördert, daß er mit der Herausgabe
hat beginnen können. Bisher liegen die erften
4 Lieferungen der freudigft begrüßten Sammlung vor.

Obgleich das Werk an das Wackernagelfche fich an-
fchließt und im ganzen auch deffen Prinzipien übernimmt,
weicht es in einigen ziemlich erheblichen Einzelheiten doch
davon ab. Wackernagel beabfichtigte relative Vollftändig-
keit. Daß diefe für das XVII. Jahrhundert nicht durchführbar
war, ohne zahllofen Ballaft mit abzudrucken, ift
klar. So hat fchon Fifcher fich denn von vorne herein
zu einer Auswahl entfchloffen. Beftimmend foll für diefe
vor allem fein, ,daß die Lieder eine wirkliche kirchliche
Bedeutung erlangt haben, was an der Aufnahme in die
Gemeindegefangbücher zu erkennen ift'. Doch foll ,das
Gute und Gediegene' in allen Fällen gebracht werden,
auch wenn ,die Kirche keine Notiz davon genommen hat'.
Weiter foll ,folchen Liedern, die für die Eigenart des
Dichters charakteriftifch find, auch wenn fie minderwertig
wären, eine Stellung in der Sammlung gegönnt werden'.
Und endlich follen die Lieder aufgenommen werden, ,die
ein hiftorifches Intereffe haben'. Ich wüßte nicht, Welchen
Gefichtspunkt man dielen Richtlinien noch hinzufügen
follte; ein objektiver Maßftab freilich ift nur hinfichtlich
des erften und letzten Gefichtspunkts gewonnen, aber
ganz wird das fubjektive Moment bei einer Auswahl eben
niemals fehlen. In mancher Hinficht wird man doch zunächft
ftets auf den Takt und die Kenntnis des Herausgebers
angewiefen bleiben.

Bleibt in diefer Hinficht die Sammlung alfo mit gutem
Recht hinter den von Wackernagel gefleckten Grenzen
zurück, fo geht fie in anderer Hinficht in höchft dankenswerter
Weife darüber hinaus. Wackernagel nennt nur die
Namen der Dichter und überläßt dem Lefer, fich weitere
Kunde zu verfchaffen, wo er fie findet. Daß das aber oft
mit den größten, zuweilen mit unüberwindlichen Schwierigkeiten
verbunden ift, kann jeder beurteilen, der einmal
fernab von einer Bibliothek auf dem platten Lande gewohnt
hat. Deshalb ift es dankbar zu begrüßen, daß
Tümpel jedem Dichternamen wenigftens kurze Notizen
über deffen Lebensgang hinzufügt und für weitere Belehrung
die Quellen angibt. ,Wer den Dichter will ver-
ftehn, muß in des Dichters Lande gehn', gilt doch in
gewiffer Weife auch von den Dichtern der Kirchenlieder.

Über die Einteilung des Buches läßt nach den vorliegenden
Lieferungen etwas Vollständiges fich noch nicht
mitteilen. Wir erfahren nur, daß der Herr Herausgeber
eine erfte Periode von 1570—1648 annimmt, die er die
Periode des Bekenntnisliedes nennt, und diefe wieder in
die Zeit von 1570—1618 und von 1618—48 einteilt. Beftimmend
für diefe Periodifierung ift alfo der 30jährige
Krieg, und dagegen wird fich fchwerlich etwas einwenden
laffen; die Berechtigung der Charakterifierung der Periode
mag man vielleicht bestreiten.

Ein Vorzug gegenüber der Wackernagelfchen Anordnung
ift es entfchieden, daß bei Tümpel neben dem
chronologifchen auch das geographifche Moment zu feinem
Rechte kommt; die einzelnen Dichter werden unter die
einzelnen Perioden nämlich fo verteilt, daß landfchaftlich
zufammengehörige zusammengestellt werden. So werden
"in der Zeit von 1570—1618, die die vorliegenden Lieferungen
fchon vollständig darbieten (S. 1—235), thüringifche,
fächfifche, fchlefifche und füddeutfche (a. fränkifche; b.
fchwäbifche) Dichter unterfchieden.

Bedenklich war ich von vorne herein gegen ein noch
neben dem chronologifchen und geographifchen einzuführendes
weiteres Teilungsmoment, das fich im Profpekt
unter der Ankündigung verbarg, daß auch ,fonft Zu-
fammengehöriges' verbunden werden follte. Und noch
bedenklicher bin ich geworden, wo nun die 3. Lieferung
eine Exemplifizierung zu diefem ,fonft' gebracht hat. Von
S. 215 an beginnt nämlich der Anhang der ersten Unterperiode
, und diefer umfaßt die Dichter der reformierten
Kirche und der Brüdergemeinde. Das fcheint mir unberechtigt
. Der Titel der Sammlung heißt: ,Das deutfche
evangelifche Kirchenlied des fiebzehnten Jahrhunderts'.
Diefer Titel umfaßt die Lieder der reformierten Dichter
aber ohne weiteres mit und darf auch die der Brüdergemeinde
getrost mit umfaffen; in einen Anhang, der doch
immer etwas Trennendes hat, brauchen weder die einen,
noch die andern verbannt zu werden. Weshalb fcheiden,
wo wir uns doch verbunden fühlen dürfen — in der An-
: betung und im Lobpreis Gottes. Eine Begründung feiner
Teilung mag der Herr Herausgeber vielleicht aus der von
uns freilich nicht uneingefchränkt akzeptierten .Benennung
der in Frage stehenden Periode herleiten; aber einmal ift
eine Sammlung von Kirchenliedern kein Lehrbuch der
Symbolik; wer Lehrunterfchiede in den Kirchenliedern
nachweifen will, kann das Material aus dem Dargebotenen
fich felbft fammeln; und fodann ift in den meisten der
verzeichneten, von Reformierten verfaßten Lieder von
einem Lehrunterfchiede nichts zu merken — nur die
Abendmahlslieder (Nr. 283—85 und 287), die vielleicht
gerade um diefer ihrer Eigenfchaft willen ausgewählt worden
find, zeigen ihn, aber durchaus nicht in aufdringlicher
Weife.

Da die erfte Unterperiode noch in das XVI. Jahrhundert
zurückgreift, fo bringen dieNummernErgänzungen
zu den letzten Partien des Wackernagelfchen Werks.
Wäre es nicht vielleicht möglich, diefe Ergänzungen noch
weiter zurückreichen zu laffen und — etwa in einem Anhange
— wenigstens alle Lieder von Bedeutung zu bringen,
die feit dem Abfchluß der Wackernagelfchen Sammlung
aus früherer Zeit neu aufgefunden worden find? Material
böten da z. B. Spittas Auffätze: ,Die Lieder der Konftanzer
Reformatoren' (Monatsfchrift für Gottesdienst und kirchliche
Kunft II 350ff. 37off. III 323ff-)-

Ich werde Gelegenheit haben, auf das vortreffliche
Sammelwerk noch wiederholt zurückzukommen; bis zu
einem gewiffen Abfchluß will ich mir die Befprechung
einiger Einzelheiten, die mir aufgefallen find, verfparen;
für heute wünfche ich dem Werke einen guten Fortgang.

Erichsburg b.Markoldendorf(Hann.). Ferdinand C o h r s.