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Ausgabe:

1904 Nr. 7

Spalte:

196-197

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sanday, William

Titel/Untertitel:

Sacred sites of the gospels 1904

Rezensent:

Furrer, Konrad

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 7.

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hänge. Die Brofchüre muß als ein Schuß ins Zentrum
bezeichnet werden, denn Tie übertrifft alle andern dadurch
, daß fie die eigentliche Bedeutung Babyloniens klar
herausftellt. Unbeirrt durch den verhängnisvollen Vorgang
Delitzfchs, der die Linie Babel-Bibel eröffnet, begreiflicherweife
auch ohne das theologifche Intereffe an
der fpeziellen Bibelfrage, geht der Verf. feinen eigenen
Weg. Er zeigt, daß Babylonien für die Religion und für
die Bibel wenig zu fagen hat, daß es aber viel zu fagen
hat für die Kultur der Antike und noch der heutigen
Zeit (in Zeit- und Raummeffung, Rechtsleben, Aftronomie,
Mathematik, Verkehrsformen, Kleinkunft, Kriegstechnik,
Münk); es handelt fich alfo nicht um Babel und Bibel,
nicht um Babylonien und Ifrael, fondern um Babel und
die alten Völker, um Babylonien und die Weltgefchichte.
Es ift einem bei der Lektüre diefes Schriftchens, als
würde man über den Dunftkreis des erbitterten dogma-
tifchen Streites hinaufgeführt in dieLichthöhe der gefchicht-
lichen Wahrheit, daß man in groben Umriffen die Linien
verfolgen kann, in denen die kulturgeschichtliche Entwicklung
der Menschheit im Lauf der Jahrtaufende gefchritten
ift. Übrigens mahnt der Verf., man möge fich, gerade
im Intereffe der babylonifchen Forschung, vor Übertreibungen
hüten; fo fei der Infpirationsglaube ohne die Keil-
infchriften zerftört worden, die Quellenkritik im A.T. habe
der babylon. Ausgrabungen nicht bedurft, die Neigung
der Affyriologen, die klaffifchen Zeugniffe, befonders die
des Herodot, zu gunften der keilinfchriftlichen herunter-
zufetzen, führe zu falfchen Refultaten. Zum Schluß fpricht
fich Verf. auf Grund eigener Anschauung noch über eine
rationelle Verbefferung der Zuftände im Zweiftromland
und über einen rationellen Betrieb der Ausgrabungen aus.

Die Schrift von Grimme leiftet einen ganz befon-
dern, vorzüglichen Dienft, indem fie die Aufftellungen
Delitzfchs mit philologischer Sachkenntnis der Reihe nach
durchgeht, nicht in bloß philologischem Intereffe, fondern
um den Angriff, den D. mit dem Aufgebot wiffenfchaft-
licher Hilfsmittel gegen die Schätzung der Bibel geführt
habe, auf fein Recht zu prüfen. Zuerft die Mardukftelle;
fie ift neubabylonifch und beweife zudem nichts für den
Monotheismus, denn Marduk fei hier als Appellativum
(= Gottheit) zu verliehen, mit der gleichen Entwicklung
des Marduknamens vom nomenproprium zum appellativum,
wie fie Ilu, Bei, Iftar durchgemacht haben. Ferner be-
ftreitet es Verf. auf das entfehiedenfte, daß fich für El
die Bedeutung ,Ziel' erweifen laffe, und daß El ein von
der ganzen femitifchen Sprachfamilie für ,Gott' geprägtes
Wort fei; bezüglich der Grundbedeutung von El müffe
ein völliges Nichtwiffen bekannt werden und die Präpo-
fition el fehle in den meiften femitifchen Sprachen. Jahu
ift nicht Verkürzung von Jahwe, fondern Jahwe ift die
ifraelitifche abftrakte Weiterbildung zu dem vorifraeli-
tifchen femitifchen nomen proprium Jahu. Verf. ift hier
der Anficht, die ich nicht zu teilen vermag, daß die Ifrae-
liten von Anfang an in Jahwe die abfolute Gottheit verehrten
, alfo ihr Jahwe wohl dem Namen nach verwandt
mit Jahu war, dem Inhalt nach aber total verfchieden.
Deut. 4 19 deutet G. anders als D.; jedenfalls habe D. kein
Recht, aus einer bloß möglichen Deutung eine ganze
Reihe fchwerwiegender Folgerungen zu ziehen. Auch die
Ausfagen Delitzfchs über die babylonifche Unterwelt,
feine Überfetzung von Hi. 24 isff. und feine Auslegung
von Jef. 66 24 weift Verf. fehr überzeugend als verfehlt
ab; das Paradies des Koran habe D. nicht einwandfrei
abgemalt und es fei nicht einfach als Konfequenz aus
der babylonifchen Unterweltsvorftellung zu begreifen.
Ferner glaubt G. im Gegenfatz zu D., weder die Hammurabi-
ftele noch das Hammurabigefetz wolle diefen Kodex als
Offenbarung bezeichnen, was indes vielleicht doch nicht
ganz ohne Grund von D. und Andern angenommen
wurde. Die ganz unrichtige Behauptung Delitzfchs über
die hebräifche Schätzung der Frau kann Verf. leicht
widerlegen, wenn auch der Unterfchied der babylon. Groß-

ftadtkultur und der ifraelit. Bauernkultur diefen Gegenftand
naturgemäß nicht unberührt ließ. Außer einigen Kleinigkeiten
ift es endlich noch der unverftändige Angriff Delitzfchs
auf Jef. 63 iff., den Verf. mit Beftimmtheit abwehrt.

Leonberg. P. Volz.

Sanday, W., D.D., LL.D., Litt. D., Sacred Sitesofthe gospels.

With illustrations, maps and plans. With the assistance
of Paul Waterhouse, M. A., F. R. I. B. A. Oxford
1903, Clarendon Press. (XII, 126 p. gr. 8.) 13 sh. 6 d.

Zum erften Male habe ich das Vergnügen, ein eng-
lifches Werk der Paläftinakunde in diefer Zeitung zu be-
fprechen. Im Intereffe der Sache ift es fehr wünfehbar,
daß auch die Werke der englifchen Fachgenoffen dem
deutfehen Leferkreis rechtzeitig angezeigt werden können;
denn rafcher wird alsdann die Erkenntnis der Wahrheit
ihren Weg gehen. Sanday hat feiner Schrift 55 forgfältig
ausgewählte phototypifche Bilder, zwei Pläne, vier Karten
und ein Idealbild vom herodianifchen Tempel beigegeben.
Den Bildern läßt er erklärende Anmerkungen folgen. Bild
und Plan des Tempels fowie die dazu gehörige Erläuterung
hat ihm Paul Waterhoufe geliefert. Sein eigenes Werk
zerfällt in die vier Kapitel: Das äußere Ausfehen Palä-
ftinas zur Zeit Chrifti, Plätze außerhalb Jerufalems, Plätze
in Jerufalem, etwelche neuere Fachliteratur. Der Verfaffer
ift auch mit den neueften Schriften in deutfeher Sprache
vertraut und zeigt durchweg das Beftreben, fich belehren
und das Gewicht der Gründe entfeheiden zu laffen. An-
fchaulich befchreibt er die verfchiedenen Kulturfchichten,
welche das Land der Bibel überlagern. Noch hat fich
bisher kein Pompeji gefunden, um uns mit Einem Schlage
in die biblifche Zeit zu verfetzen. Immerhin gibt der
Verfaffer der Hoffnung Raum, daß fyftematifche Ausgrabungen
bedeutende Refultate erzielen werden. Neben
den von ihm erwähnten Kreuzfahrerburgen möchte ich
noch Mont-fort im Wadi Kam erwähnen, eine gewaltige
Baute der deutfehen Ritter.

Eingehend befpricht der Verfaffer die in den Evangelien
erwähnten Ortfchaften. Zunächft erwähnt er Dal-
manutha. Gildemeifter hat feiner Zeit meine Gleichung
Minjeh = Manutha abgewiefen. Ich mochte mich damals
mit dem ehrwürdigen, mir perfönlich befreundeten Alt-
meifter orientalifcher Wiffenfchaft nicht in einen Streit
einlaffen, glaube jedoch auch jetzt noch meine Anficht
mit guten Gründen verteidigen zu können. Hier nur foviel.
Matthäus bezeichnet die gleiche Gegend, welche Markus
nach Dalmanutha benennt, nach dem Orte Magdala, d. h.
der eine bezeichnet die Gegend nach dem nördlichen und
der andere nach dem füdlichen Grenzort der Ebene Gen-
nefar. Manutha konnte in Manje übergehen wie Süfitha
in Sufije, Dabaritta in Debürije. Dabei ift zu bedenken,
daß allenthalben das Volk überlieferte Eigennamen fo
lang umarbeitet, bis fie einen appellativen Sinn gewinnen.
So ift aus Manje Minje geworden. Philologifches Wiffen
reicht bei Deutung von Ortsnamen nicht aus. Mit mir
hält Sanday an der Gleichung Kerfa = Gerafa, Kalonije
= Emmaus feft; dagegen fcheint ihm die von Teil Hum
= Kapernaum nicht ficher genug. Ich bedaure, daß der
Verfaffer meine früheren Artikel über die Ortfchaften am
See Gennefaret feinem Studium nicht unterzogen hat. Es
wäre mir fehr erwünfeht gewefen, wenn ein fo unbefangener
Forfcher wie Sanday alle meine Argumente erwogen
hätte. Bis zum 16. Jahrh. fchwankt die Tradition über die
Lage von Kapernaum niemals. Eufebius bemerkt, daß
Chorazim 12 Stadien, Hieronymus, daß diefer Ort zwei
röm. Meilen von Kapernaum entfernt gewefen. Das trifft
auf Teil Hum zu, nicht auf Khan Minje. Man muß alle
Autoritäten der älteren Tradition von Eufebius an verwerfen
, wenn man die Gleichung Kapernaum = Teil Hüm
beftreiten will. Im Journal of Theolog. Studies bringt
Sanday einen Nachtrag zu feiner Schrift, worin er fich
definitiv für Teil Hüm == Kapernaum entfeheidet. Er irrt