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Ausgabe:

1904 Nr. 6

Spalte:

181-183

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kroker, Ernst (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Luther‘s Tischreden in dert Mathesischen Sammlung 1904

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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i8i Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 6. 182

gegen die Weltkultur fein Recht und feine herzbewegende
Kraft. Eine befondere Frage ift noch die,
ob Franz von Affifi wirklich in letzter Linie eine Organi-
fation der Welt auf Grund der Lehre der Evangelien er-
ftrebt hat, wie G. S. 58 meint, ob er wirklich ,die ganze
Welt franziskanifch machen wollte'. Ich möchte diefe
Frage nicht ohne weiteres verneinen, allein unbeftritten
ift fie nicht; ich verweile auf den Auffatz von W. Götz in
der Hiftor. Vierteljahrslchrift 1903 S. 19—50 über die
urfprünglichen Ideale des h. Fr. v. Affifi. Die von G.
zum Beweis S. 56 f. angeführten Briefe Franzens find un-
ficher in ihrer Echtheit.

Aber ficherlich gelungen und überaus fein durchgeführt
ift bei G. der Nachweis, wie die Kirche durch
die Politik, die fie einfchlug und nach G.'s Meinung ein-
fchlagen mußte, in Widerfpruch trat mit ihren eigenen
Lehren, und wie die Kunft, mit der fie die franziskanifche
Bewegung in ihr eigenes Bette zu leiten wußte, zugleich
diefe Bewegung im Keim vernichtete.

Neckarfulm. E. Lempp.

Luther's Tischreden in der Mathesischen Sammlung. Aus

einer Handfchrift der Leipziger Stadtbibhothek herausgegeben
von Bibl. Ernft Kroker. Leipzig 1903, B.
G. Teubner. (XXII, 472 S. gr. Lex. 8.) M. 12.-
Ein fo wertvoller Fund auf dem Gebiete der Tifch-
reden-Forfchung, wie er uns feit Seidemanns Ausgabe
des Lauterbachfchen Tagebuches nicht zu teil geworden
ift. Seit 1838 befaß die Leipziger Stadtbibliothek den
Folianten mit hadfchriftlichen Colloquia D. M. L., der
fich im 18. Jhrh. im Belitz des Gen.-Sup. E. F. Wernsdorf
(f 1782) befunden, den Lingke in feiner Reife-

gefchichte Luthers benutzt hatte, der aber feitdem ver- | 246 die Tifchreden von 1540 (Mathefius), dann S. 247 bis

bach — deren Tifchreden liegen in 3) 4) und 5) vor —;
ferner M. Caspar Heidenreich, M. Hieron. Befold und
M. Placo [1. Plato]. Auf diefe drei verteilt Kroker die
drei in Frage kommenden Hefte und zwar weift er 6)
dem M. Plato zu, da diefer in einem Stück diefer Sammlung
von Luther als anwefend hervorgehoben wird, die
Reden von 1544 (2) nimmt er für Befold in Anfpruch,
da diefer noch 1544 Luthers Hausgenoffe war, während
Heidenreich, der fchon im Okt. 1543 Luthers Haus verließ
, die Sammlung 1) zugeteilt erhält. Diefe Austeilung
der Nachfchriften ift zwar nicht zwingend, mag
aber immerhin das Richtige getroffen haben.

Der Wert des Fundes befteht demnach vor allem
darin, daß wir für die Jahre 154O, 42, 43. 44 aus befter
Überlieferung chronologifch geordnetes, zum guten Teil
noch nicht gedruckt vorliegendes Tifchredenmaterial hier
erhalten, alfo für die Zeit, für welche die Sammlungen
V. Dietrichs, Schlaginhaufens u. Cordatus' einerfeits und
des Ant. Lauterbach anderfeits nicht in Betracht kommen.
Und es liegt eine im Ganzen gute Abfchrift vor, die unmittelbar
aus des Mathefius Papieren fchöpft. Die
fchlechte, unvollftändige und ungeordnete Nürnberger
Abfchrift aus Mathefius, welche Löfche 1892 als Analecta
Lutherana et Melanthoniana edierte, ift damit völlig in den
Schatten geftellt. Aber auch die aus Lauterbach, Weller
und V. Dietrich fchöpfenden Teile der Handfchrift bieten
noch manches, was in den bisher gedruckten Sammlungen
fehlt oder wofür doch hier die urfprünglichere Form
fich zeigt.

Der Herausgeber hat nicht die ganze Handfchrift abgedruckt
. Er gibt mit forgfamer Überlegung alles, wofür
diefe Krügingerfche Sammlung für uns nach Lage
der Quellen als die echtefte und beftbeglaubigte Aufzeichnung
in Betracht kommt. Alfo zunächft S. 75 bis

fchollen war (vgl. Seidemann, Lauterbachs Tagebuch j 332 die von 1542/3 (Heydenreich?), S. 333—346 die von

S. XII). Erlt Kroker gebührt das Verdienft, auf den 1544 (Befold?), — diefe alle vollftändig. Dagegen fchließt

Band aufmerkfam geworden zu fein und feine Bedeutung j er die Abfchriften aus V. Dietrich völlig aus, da fich

erkannt zu haben. Denn nicht nur, daß er fchon in den ] diefelben Auszüge auch in den Handfchriften Obenanders

Jahren 1546—48 zufammengefchrieben worden ift, fondern und des Val. Bavarus vorfinden, und wir vor allem

er enthält auch von S. 177 an nach ausdrücklicher Ver- 1 V. Dietrichs Niederfchrift felbft noch befitzen. Ebenfo

ficherung des Schreibers Abfchriften aus den Tifchreden- j übergeht er Piatos Sammlung, da diefe wefentlich Kompi-

fammlungen des Jon. Mathefius, die diefer dem j lation aus den Papieren Anderer und außerdem in einer

Schreiber, feinem Schüler, von Joachimsthal aus geliehen j andern Leipziger Handfchrift (Memorabüia) vollftändiger

hatte. Mathefius muß diefe in einzelnen Heften ange- j erhalten fei. Von den übrigen Teilen gibt er teils den

legt haben, die chronologifch geordnet waren und teils
feine eignen Niederfchriften, teils ihm von andern Mitgeteiltes
umfaßten. Voran geht auf S. 1 —176 eine vom
Schreiber aus andern Quellen bezogene Sammlung: die
nähere Unterfuchung zeigt, daß es fich dabei um Abfchriften
aus Lauterbachs und Wellers Sammlungen aus
den 30er Jahren bis 1537 handelt. Die Mathefiusfchen
Papiere zeigen folgende Schichten : 1) S. 177—259 Tifchreden
aus 1542 und 43; 2) S. 260—271 Tifchr. von 1544;
3) S.273—280 Abfchritten aus Lauterbach und Weller aus
verfchiedenen Jahren ; 4) S. 281—301 Auszüge aus Lauterbachs
Tagebuch von 1539; 5) S. 302—472 Abfchriften
aus Veit Dietrichs Sammlung; 6) S. 479—548 eine bunte
Sammlung von Reden aus verfchiedenen Jahren, und
endlich 7) mit neuer Paginierung Bl. 1—46 Mathefius'
eigne Nachfchriften von 1540. Als den Schreiber diefer
Handfchrift ermittelt Kroker durch eine forgfame Prüfung
aller Merkmale mit hoher Wahrfcheinlichkeit den Mag.
Joh. Krüginger, einen geborenen Joachimsthaler, der von
1548—58 Diakonus und bis 1571 Pfarrer in Marienberg
und vielleicht fchon 1546 Schulmeifter dafelbft war. Da
von den 7 Abfchnitten der Mathefianifchen Sammlung
nur der 7., enthaltend die Tifchreden von 1540, aus deffen
eigner Nachfchrift flammt, fo fragt es fich, von wem
Mathefius die Nachfchriften sub 1) 2) und 6) erhalten
hatte. Nun nennt Mathefius felbft (Lutherhiflorien ed.
Löfche S. 275) als die, von denen er ,viel guter Colloquia
vnd gefpreche' erhalten habe, V. Dietrich, Weller, Lauter-

vollfländigen Text, teils Nachweifung, wo fie fonft in den
Drucken oder in den fonft bekannten Handfchriften zu
finden find.

Was diefe Ausgabe auszeichnet, ift — neben dem
wertvollen neuen Material, das fie bringt — zunächft die
vorzügliche Einleitung; fie zeigt, in welchem Maße fich
Kroker in die verwickelte Materie eingearbeitet hat, und
mit mühevoller Forfchung ift hier alles geleiftet, was zur
Aufhellung der Bedeutung der gefundenen Handfchrift
geleiftet werden konnte. Befonders fei auch auf den
Abfchnitt S. 65 ff. verwiefen über die Abhängigkeit des
Mathefius in feinen Luther-Hiftorien von feiner eignen
Tifchredenfammlung. Er zeigt auf der einen Seite, an
wie vielen Stellen er aus den Tifchreden fchöpft, aber
zugleich daß er fie durchaus frei aus der Erinnerung benutzt
, fodaß felbft Lutherworte, die er anführt, in ihrer
Form in weitem Umfange, trotz oft ganz Lutherifchen
Gepräges, auf feine eigne fchrififtellerifche Formgebung
zurückgehen; ,es muß davor gewarnt werden, die Worte,
die Mathefius in feinen Predigten Luther in den Mund
legt, auch im Ausdruck für getreu zu halten' (S. 73).
Höchften Lobes wert ift ferner die Sorgfalt, mit der Kr.
den oft fo fchwer aufzufindenden Parallelen in den Tifch-
reden-Drucken und Handfchriften nachgefpürt hat, wenn
auch Löfche und vor diefem Seidemann hiefür' fchon
tüchtig vorgearbeitet hatten. Ich trage nur nach, daß
Nr. 644 aus Rhed. 163 fchon in Stud. u. Krit. 1885,
S. 148 abgedruckt ift und daß er Nr. 694 zwar richtig