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Ausgabe:

1903 Nr. 6

Spalte:

169-174

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schubert, Hans von

Titel/Untertitel:

Die heutige Auffassung und Behandlung der Kirchengeschichte, Fortschritte und Forderungen 1903

Rezensent:

Loofs, Friedrich

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169 Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 6. 170

viel eindrücklicher, oft auch ausführlicher gegeben werden. I zögerung fehr begreiflich Und dankenswerth ift die Ver-
Hier darf mit dem Räume nicht gegeizt werden; es mufs zögerung, weil das neue Lehrbuch, das fie ermöglicht hat,
dem Auge durch ausführliche Tabellen etwas geboten den aufrichtigen Dank aller Mitarbeitenden und Aller, die
werden; man mufs möglichft einleuchtende Beifpiele durch ernfthaft lernen wollen, verdient.

Abdruck der Texte neben einander bringen. Man ver- Im Detail wie im Ganzen (teilt v. Schubert s Buch

gleiche hier wieder die parallelen Ausführungen bei einen fehr grofsen Fortfchntt gegenüber dem Moeller fchen
Soltau i8ff. und bei Wernle Seibit in diefen entfcheiden- dar. In Bezug auf das Lrftere, das Detail, ift dem Herrn
den Abfchnitten wird von S neben den Punkten, auf die j Verf. durch das gleichzeitige Erfcheinen der neuen Auf-
es ankommt, höchlt unficheres und willkürliches geboten- läge der Real-Lncyklopädie und durch manche andere
man vergleiche S 26 die Ausführung über die Parallele, | neuere Arbeiten feine Aufgabe fehr wefentlich erleichtert
die das Marcusevangelium zwifchen dem Leben Jefu und worden. Aber die Selbltändigkeit nachprüfender Arbeit
dem des Apoftels Paulus ziehen foll. — Die Behandlung i verrath fich auch da, wo neuere Vorarbeiten vorlagen. Und

der johanneifchen Frage ift, wie bereits gefagt, für Laien
einfach unbrauchbar.

Im Uebrigen foll natürlich nicht gefagt werden, dafs nicht
viel Richtiges und Gutes, auch manches Neue, der Ueber-
legung Werthe in S.'s Buch zu finden wäre. Aber der
von ihm geftellten Aufgabe ift S. nicht gerecht geworden.
Sein Buch ift eine populäre Darfteilung von Soltau's Arbeiten
zur Evangelien-Frage. Eine Schrift für Laien ift

v. Schubert hat fich nicht damit begnügt, in nachprüfender
Selbftändigkeit die Refultate der neueren Forfchung
in die Lehrbuch-Tradition aufzunehmen; — fein Buch ruht
in höherem Mafse, als es von einem Lehrbuche gefordert
werden kann, auf umfaffender, felbftändiger Arbeit in den
Quellen. Daher hat es mannigfach die Forfchung weiter
gefuhrt. Befonders dankenswerth ift in diefer Hinficht
der Abfchnitt über die Gefchichte des Mönchthums von

auf diefem Gebiet noch nicht vorhanden. Ein Auszug aus j ca. 350—451 (S. 563—588). Auch in dem fehr umfang
Wernle's Buch würde vielleicht bis jetzt diefem Ideal am j reiclien Schlufscapitel über ,die Zuftände in der organ

nächften kommen.

Göttingen. Bouffet.

Moeller, Prof. Dr. Wilhelm, Lehrbuch der Kirchengeschichte.

ErfterBand. Die alte Kirche. Zweite Auflage. 2. u. 3.
(Schlufs-) Abteilung. Neubearbeitet von Konfifl.-Rat
Prof. Dr. Hans von Schubert. (Sammlung theolo-
gifcher Lehrbücher.) Tübingen 1899 u. 1902, J. C. B.

firten Reichskirche' deckt fehr viel felbftändige Arbeit.
Eine fachliche Discuffion über Einzelheiten würde ich hier
nicht für meine Aufgabe halten, auch wenn ich nicht in
fehr weitgehendem Mafse mit v. Schubert übereinftimmte.
Prof. v. Sch. ift ebenfowenig wie der verewigte Moeller
ein Neuigkeiten-Jäger; in behutfam-kritifcher, aber vertrauender
Fühlung mit der Arbeit der P'achgenoffen fucht
er lieh feinen Weg. Ich bin überzeugt, dafs niemand unter
den Mitarbeitenden feine Zuftimmung zu einer neuen Thefe

oder feinen Widerfpruch leicht nehmen wird, und glaube,
Mohr. (XX u. S. 273—842 gr. 8.) M. 12.— | dafs man ^ wo v Sch_ in Regionen führt) wo der Lefer

Schubert, Prof. Konfift.-R. Dr. Hans von, Die heutige Auf- kein eigenes Urtheil hat, zunächft vertrauensvoll ihm folgen
fassungund Behandlung der Kirchengeschichte, Fortfehritte kann; —folideZuverläffigkeit der Arbeit zeichnet das Buch
und Forderungen. (Ein Konferenz-Vortrag.) Tübingen ™s- Dabei hat man überall den Eindruck, dafs v. Sch.

, U 0 Ar den gegenwartigen Stand der v orfchung uberlieht und die

1902, J. L. B. Mohr. (IV, 33 S. gr. 8.) M. —.75 ; in Betracht kommende reiche Literatur kennt; es wird

Die erfte, 1897 erfchienene Abtheilung des ,neuen I niemand unter uns fein, der nicht auch in diefer Hinficht
Moeller' (S. I—272) habe ich fchon im Jahrgang 1898 diefer | vielfach von ihm lernen könnte. Freilich ift es bei dem
Zeitung (Sp. 81—84) anzeigen können. Eine zweite Ab- | Umfange des Stoffes felbftverftändlich, dafs dem Verf. trotz
theilung (S. 273—464) ift der erften 1899 gefolgt, die Voll- j feiner Sorgfalt Einiges entgangen ift. Ich habe keine Jagd
endung des Ganzen hat fich bis in den Sommer 1902 hinaus- auf derartige Mängel gemacht und will meine wenigen

gezogen. Diefe nach der Vorrede der erften Abtheilung
den Abfichten v. Schubert's nicht entfprechende Verzögerung
ift ebenfo begreiflich wie — dankenswerth. Denn
fie erklärt fich daraus, dafs Prof. v. Schubert, .ermutigt
durch die Urteile der Fachgenoffen und das Verftändnis
des Herrn Verlegers' (S. VI), von der undankbaren Aufgabe
, eine ,Neubearbeitung' des Moeller'fchen Buches zu
geben, fich immer völliger frei gemacht hat. Schon die
letzten hundert Seiten der erften Abtheilung waren, wie
ich bereits 1898 (a. a. O. Sp. 81) hervorhob, trotz der

gelegentlichen Beobachtungen nicht auskramen. Nur
ein Ueberfehen notire ich, weil es fachlich in einer Kleinigkeit
verhängnifsvoll geworden ift. S. 529 hat v. Schubert
mit Raufchen der Hypothefe Friedrichs zugeftimmt, die
in den ,Cenonesi der Montaniften ,priefterliche heilige Frauen'
fieht. Hätte er Hilgenfeld's Proteft (ZfwTh XXXVIII.
635 —638) und Jülicher's forgfältige Notiz über das in Frage
kommende gallifche Bifchofsfchreiben (ZfKG XVI, 663 —
671) gekannt, fo würde er an der, wie auch ich glaube,
gänzlich unhaltbaren Entdeckung PTiedrich's irre geworden

geflifientlichen und umfaffenden Verwerthung Moeller'fchen fein. Die ,conhospitad des gallifchen Bifchofsfchreibens
Materials und Moeller'fcher Sätze wefentlich v. Schubert's j gehören in das Capitel der Syncisacten — dort erwähnt

Eigenthum. In der zweiten Abtheilung find von dem in
rolge der veränderten Dispofition völlig auseinander ge-
fprengten Moeller'fchen Texte immer feltener noch einzelne
Partien, Sätze und Wendungen in die neue Be

fie auch Achelis, Virgines subintroduetae S. 57 —, aber
mit den ,Cenones'- der montaniltifchen Hierarchie, d. i., wie
Hilgenfeld zuerft gefehen hat, den xoivojvoI eines Juftini-
anifchen Erlaffes (lata socii), haben fie nichts zu thun.

arbeitung übernommen; die Entlehnungen werden zu j Kraft der Verbreitung, den v. Schubert's Buch erlangen
blofsen Pietäts-Anlehnungen und verfchwinden fchliefslich i wird, werden den weiblichen Cenoncs nun noch Flügel
— nach v.Sch.'s^eigener Angabe hinter S. 379— gänzlich. | wachfen: als neu entdeckte Wunderwefen werden fie durch

die Welt fliegen; — das ift verhängnifsvoll. Aber fo ficher
es mir zu fein fcheint, dafs diefem Fluge fehr bald ein
Hinabfallen in das Meer der Vergeffenheit folgen wird,
die Sache ift doch mehr komifch als tragifch. — Bei den
kleinfiten Verfehen, den wirklichen und den fogenannten
Druckfehlern, deren Zahl nichts Auffallendes hat, bleibe
ich nur einen Augenblick flehen, um dem Euftathius v.
Sebafte (S. 491. 492. 488. 564 u. f. w.i Eufthatius) das Anrecht
auf die Schreibung feines Namens zu wahren, das
feinem antiochenifchen Namensvetter S. 435 und 445 nicht
verkürzt ift, und um zu bemerken, dafs die im Druckfehlerin
den letzten 85 Seiten der zweiten Abtheilung und in
der ganzen letzten Abtheilung ift v. Schubert's Kirchen-
gefchichte eine .Neubearbeitung' des Moeller'fchen Buches
lediglich, infofern die Gefchichte der alten Kirche, der
Moeller's Buch galt, hier eine im gleichen Verlage erfchienene
, dem gleichen Zwecke dienende, im gleichen
Format und mit den gleichen Typen gedruckte neue Behandlung
erfahren hat. Der Plan der Neubearbeitung des
Moeller'fchen Buches hat fo gegen v. Schubert's urfprüng-
liche Abficht zur Entftehung eines der Hauptmaffe nach
völlig neuen Lehrbuches geführt. Das macht die Ver-

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