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Ausgabe:

1903

Spalte:

167-169

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Soltau, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Unsere Evangelien, ihre Quellen und ihr Quellenwert, vom Standpunkt des Historikers aus betrachtet 1903

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

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i6y

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 6.

168

Correctur berechtigt ift. Aber jedenfalls werden wir mit
diefer Notiz letztlich nach Jerufalem — vielleicht daneben
auch nach dem Sinai — als demHeimathsort derHandfchrift
565 verwiefen. Demgemäfs wird nun nach der Meinung
L.'s die ganze Gruppe etwa in Jerufalem oder wenigftens
in der nicht allzufernen Umgebung von Jerufalem zu
localifiren fein. Damit würde nun vortrefflich ftimmen,
dafs auch die ältefte fyrifche Ueberfetzung zahlreiche
Uebereinftimmungen mit der Gruppe 1 und auch der
gröfseren eben charakterifirten Gruppe aufweift.

Dafs die von L. reconftruirte Gruppe gerade im Marcus
-Evangelium klar heraustritt, hat nun nach L. den
Grund, dafs das Marcus-Evangelium in der alten Kirche
fehr wenig gebraucht und commentirt wurde und daher
auch weniger der Veränderung ausgefetzt war. Daher
habe fich hier in einer Reihe von Zeugen (vgl. auch
die Majuskelhandfchr. <P A) der ältere Texttypus beffer
erhalten.

Bei diefer Gelegenheit macht L. auch eine Bemerkung,
die für die Arbeit der fynoptifchen Kritik nicht werthlos
fein dürfte. Die mannigfachen einzelnen Uebereinftimmungen
von Matthäus und Lucas gegen Marcus, die bei
der Annahme der Priorität des Marcus-Evangeliums fo
fchwer zu begreifen find, meint er aus der Annahme
erklären zu können, dafs Matthäus und Lucas als die
hauptfächlich gebrauchten Evangelien frühzeitig und
mehr als das Marcusevangeliuum gegenfeitig conformirt
feien. Ein erwägenswerther Verfuch, dem ich wenigftens
foweit unbedingt zuftimme, als auch ich der Meinung
bin, dafs jene noch übrig bleibenden Probleme der fynoptifchen
Frage wefentlich in die Domäne der Textkritik
und nicht in die der Quellenkritik gehören.

Sehr dankenswerth wäre es gewefen, wenn L. den
Text der Gruppe I nicht nur in feinem Verhältnifs zu
den anderen Textgruppen, fondern auch nach dem
inneren Werth feiner Lesarten gewürdigt und etwaige
werthvolle Sonderlesarten oder zu berückfichtigende
Lesarten, die 1 ff. mit wenigen übrigen Zeugen theilen,
hervorgehoben hätte. Einige Charakteriftika laffen
fich mit leichter Mühe zufammenbringen. Es ift nicht
unwefentlich, dafs Gruppe I in allen drei Evangelien
die origeniftifche Conjectur regyeOTjvoi (ftatt r^gaörjvot
fadaQTjvoi) aufgenommen hat; fie theilt diefe Eigentümlichkeit
mit L, mit dem fie auch fonft (wie auch mit A
im Marcusevangelium) vielfach verwandt erfcheint. Auch
die andere berühmte origeniftifche Correctur Joh. 128
Brj&aßaga (Ell.; A U) findet fich in unfrer Gruppe. Be-
achtenswerth ift auch, dafs in der textkritifchen Bemerkung
zu der am Schlufs des Evangeliums befindlichen
Perikope von der Ehebrecherin Theodor von
Mopfueftia als Hauptauctorität erfcheint. In Joh. 428
hat möglicherweife die Gruppe mit der Weglaffung des
Satzes xal jag 0 xaxrjg xoiovxovg C,t)xeT xovg jtgoOxvvovv-
xag avxov faft allein (mit der in enger Beziehung zu
ihr flehenden Minuskel 22) den urfprünglichen Text bewahrt
(f. meine Recenfion von Blafs' Ausgabe des Johannesevangeliums
in diefer Nummer).

Doch müffen wir fchon für das, was der Verf. uns
an neuem Material und neuen Erkenntnifsen geliefert
hat, fehr dankbar fein.

Göttingen. Bouffet.

Soltau, Wilhelm, Unsere Evangelien, ihre Quellen und ihr
Quellenwert, vomStandpunkt desHiftorikers aus betrachtet
. Leipzig 1901, Dieterich. (VI, 149 S. gr. 8.)

M. 2.50; geb. M. 3.—

Diefe Schrift möchte die geficherten Refultate der
Evangelienkritik in weitere Kreife —Soltau denkt namentlich
an .denkende' Chriften überhaupt, an Schüler oberer
Claffen und alle Studirenden — hinaustragen.

Von einer folchen Schrift wird man zweierlei fordern

I dürfen. Sie mufs fich einmal mit grofser Gewiffenhaftig-
I keit und Selbftbefchränkung auf die wirklich einigermafsen
i feftftehenden Refultate befchränken. Sie mufs diefe Refultate
in einer möglichft eindrucksvollen, gefchickt angeordneten
, fich immer auf die Hauptfachen befchränken-
den, einfachen und doch gründlichen, vor allem lesbaren
Darfteilung bieten.

Es kann leider nicht gefagt werden, dafs Soltau diefem
Ideal einer populären Darfteilung der Evangelien-Frage
gerecht geworden ift. — Vor allem ift die kleine Schrift
viel zu ftark beladet mit Lieblingsmeinungen und Einfällen
des Verfaffers, über deren Berechtigung wir hier nicht
Breiten wollen, die aber weit davon entfernt find, Gemeingut
der Forfchungen zu fein. So finden wir gleich im
dritten Abfchnitt S. 42—50 (vgl. auch Abfchn. IIS. 30—38)
eine lange Ausführung darüber, dafs die Logiaquelle
{AB), die der Evangelift Lucas benutzte, nicht mit der
Logiaquelle (AA) des Matthäus identifch fei, fondern eine
erweiterte Bearbeitung derfelben dardelle. Ich halte diefe
Thefe, ohne fie direct ablehnen zu wollen, nicht für eins
der geficherten Refultate der fynoptifchen Kritik. Wenn
man dem Laien klargemacht hat, dafs und aus welchen
Gründen man annehmen kann, dafs Lucas und Matthäus
in den grofsen RedeneinegemeinfameQuelle aufser Marcus
benutzen, dürfte man reichlich genug gethan haben. Man mag
dann höchdens etwa noch übrig bleibende Schwierigkeiten
in ein Paar Sätzen andeuten. Ein Zuviel wird hier immer
das Gefühl der Unficherheit und Verdroffenheit erregen.
Im fünften Abfchnitt 73—84 behandelt S. gar feine fpecielle
Lieblingsthefe. Er ift der Meinung, dafs die Uebereinftimmungen
des Matthäus und Lucas gegen Marcus in
1 einigen ganzen Erzählungen (Taufe, Verfuchung, Haupt-
I mann von Capernaum) und in vielen Einzelheiten fich
| durch die Annahme erklären laffen, dafs zunächd der
Marcusbericht von einem Protomatthäus (ohne Geburts-
S gefchichte, Weisfagungsbeweis etc., alfo ohne diejenigen
] Stücke, welche die Annahme einer Abhängigkeit des Matthäus
von Lucas befonders fchwierig machen) bearbeitet
fei, dafs der Evangelift Lucas diefen gelegentlich benutze,
dafs endlich der Protomatthäus dann zu unferem kanoni-
fchen Deuteromatthäus verarbeitet fei. Ich halte diefe
Meinung für discutabel — neben fechs andern. Man thut
aber wirklich gut, dem Laien ganz kurz zu fagen, dafs an
diefem Punkte die Grenzen unferer Erkenntnifs liegen und
vielleicht für immer liegen bleiben werden, dafs hier die
Probleme der fynoptifchen Kritik in die der handfchrift-
lichen Ueberlieferung unferer Evangelien ausmünden. In
ein Paar Sätzen mag man dann daneben über die ver-
fchiedenen Löfungsverfuche an diefem Punkt referiren.

Am fchlimmften fteht es mit der Dardellung des
johanneifchen Problems. Hier werden wefentlich finguläre
Einfälle vorgetragen, anftatt dafs das grofse johanneifche
Problem in feinen Grundzügen dem Laien vor Augen ge-
| führt würde. Nach Soltau follen unferem Johannesevangelium
johanneifche Logia zu Grunde gelegen haben, die
möglicher Weife auf den Apoftel Johannes zurückführen.
An eine folche vielfach vermehrte Sammlung von
johanneifchen Logien hätten fich dann die johanneifchen
! Briefe und ,die Reden des kleinafiatifchen Presbyter
! Johannes' (d. h. die heute im Evangelium Behenden umfangreichen
Redeftücke) angefchloffen. Ein Redactor habe
! dann Logia und Reden zufammengearbeitet und dem
ganzen durch Herübernahme fynoptifcher Stücke einen
gefchichtlichen Rahmen gegeben. Ich halte diefe Thefen
überhaupt nicht für discutabel, mindeftens gehören fie
nicht in eine Schrift für Laien.

Aber auch die Partien, in denen Soltau die Haupt-
fätze der evangelifchen Kritik in populärer Dardellung
wiederzugeben verfucht, halte ich nicht für ganz gelungen.
Es fehlte S. die Kund plaftifcher greifbarer Dardellung,
die z. B. Wernle's Buch über die fynoptifche Frage auszeichnet
, das doch für Laien im eigentlichen Sinne gar
nicht einmal berechnet ift. Die Hauptbeweife könnten