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Ausgabe:

1903 Nr. 5

Spalte:

151-155

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Oettingen, Alexander von

Titel/Untertitel:

Lutherische Dogmatik.Zweiter Band 1903

Rezensent:

Ritschl, Otto

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[§i Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 5. 152

gewifs aus dem Munde eines jüngeren, an der An- allen möglichen Literaturgattungen erworben hat. Von
näherung und friedlichen Verdändigung der Geidlichen aller Weitfchweifigkeit fern find dagegen die viele
verfchiedener Richtungen eifrig mitarbeitenden Paftors Bogen füllenden und mehr oder weniger gründlichen
nicht wunder. Wäre nicht aber auch von den Bedenken biblifch-theologifchen und dogmengefchichtlichen Par-
zu reden, die einen immerhin beträchtlichen Teil der 1 tien des Werkes. Im Ganzen habe ich den Eindruck,
GeifUichkeit von ihm fernhalten? Ift ferner das fehr ab- dafs Oettingen feine Dogmatik wohl kaum fehr viel
fchätzige Urtheil, das über die Beladung der Geldlichen anders gefchrieben haben würde, wenn er de fchon vor
mit der Localfchulaufficht gefällt wird, wirklich, wie Schian 20 bis 30 Jahren herauszugeben Veranlaffung gehabt
es dardellt, das allgemein verbreitete, oder id es nicht hätte. Nur die Berückfichtigung der neueren Literatur
durch befondere Verhältnifse grade in dem Regierungs- und die Auseinanderfetzung mit ihr würden dann wegge-
bezirk, dem er angehört, fo verfchärft? fallen fein. Aber es id im höchden Grade anerkennens-

Noch feien zwei mir aufgedofsene Ungenauigkeiten werth, in welchem Mafse fich Oettingen dauernd auf
notirt. Die .Einfegnung der Leiche' (S. 195) entdammt nicht dem Laufenden gehalten hat. Man merkt ihm auch an,
nur, wie Schian annimmt, einer ,Volksmeinung', fondern dafs es ihm felber Freude gemacht hat, die theologifche
id auch durch den Confidorialbefcheid vom 10. März 1890 Entwicklung aufmerkfam zu verfolgen. Perfönlich id
befchirmt und fanctionirt worden (vgl. zur Sache Gött. er weitherzig genug, auch Gegnern feiner eigenen Doggel
. Anz. 1892, S. 548)'. S. 232 f. lefen wir zweimal, dafs es matik ein oft recht lebhaftes Intereffe zuzuwenden. In
in Schieden 2658 ,Nonnen' gebe. Möchte nicht der Verf. 1 gewiffen, allerdings ziemlich engen Grenzen, hat er es
auch an feinem Theile dem weit verbreiteten Irrthum, der auch vermocht, von einigen feiner Gegner mehr oder
bedändig Orden und Congregationen verwechfelt, ent- weniger zu lernen. Dafs er andererfeits in den gegen-
gegentreten? Ein für Theologen bedimmtes Buch mufs theiligen Anfchauungen oft gerade nicht deren eigent-
hier fcheiden, was deutlich genug unterfchieden id. liehen Nerv und innerdes Motiv zu erfaffen verdanden

Des Recenfenten Blick haftete an Einzelheiten; ich hat, id, wenn man gerecht fein will, ein Mangel, den er
wende mich von diefen zum Ganzen zurück und be- ' doch nur mit allen überwiegend dogmatifch intereffirten
zeuge dem verehrten Verf. meinen Dank für feine vor- Denkern theilt. Die dem theologifchen wie jedem
treffliche Gabe. Ich habe fein Buch mit gefpanntem anderen Hidoriker vor allem nothwendige Fähigkeit der
Intereffe gelefen, mich des reichhaltigen, wohlgeordneten Anempfindung an fremde Geidesart id ihm eben nur
Inhalts, des ernden Bemühens, überall fachlich zu ur- in recht geringem Mafse eigen. Dafs er auch in die
theilen, der warmen Liebe zur heimathlichen Kirche, der Methode der hidorifchen Forfchung fich niemals einzu-
Offenheit, mit der ihre Schäden befprochen werden, und leben vermocht hat, beweid feine fad auf der ganzen Linie
der Hoffnungsfreudigkeit, mit der er zur Arbeit ruft, ablehnende Behandlung und Beurtheilung der durch die
herzlich gefreut. hidorifche Theologie des vorigen Jahrhunderts fortfehrei-

Breslau G Kawerau tenci gewonnenen Auffchlüffe über die Vergangenheit der

_____' chridlichen Religion. Dafs allen folchen Problemen gegenüber
Oettingen's wiffenfehaftliche Aufnahmefähigkeit weithin
vertagt, id eben die Kehrfeite feines lebendigen dogmatischen
Intereffes. Denn er id Dogmatiker vom Scheitel
bis zur Sohle. Um fo eigenthümlicher berührt es allerdings,
dafs er es II, 2, 422 auf ein ,dogmatifches Vorurtheil' zurückführt
, wenn H. Holtzmann und Harnack Matth. 281»

Oettingen, D. Alexander von, Lutherische Dogmatik. In

2 Bdn. Zweiter Band: Sydem der chridlichen Heilwahrheit
. Erder Theil: Die Heilsbedingungen. München
1900, C. H. Beck. (XVI, 688 S. gr. 8.) Zweiter

Theil: Die Heilsverwirklichung. 1902 (XVIII, 752 S. rucKiun«, w«nn xi. nouzn.ann una oarnacK mann. zölB
„ ■ ö * v , !,/ nicht für ein echtes Herrenwort halten. Id es denn weniger

gr. 8.) M. 11.50; geb. M. 13.50. M. 12.50; geb. M. 14.50 ejn dogmatifches Vorurtheil, wenn Oettingen nicht etwa

Dem erden Bande von Oettingen's Lutherifcher Dog- ; nur diefe eine Stelle, fondern unzählige andere, gegen
matik, der 1897 erfchienen id (vgl. meine Befprechung in die noch viel gröfsere hidorifch-kritifche Bedenken vorder
Theol. Lit.-Zeitung, Jahrgang 1898, Sp. 117—122) und j liegen, unbefehens für echt nimmt? Gerade wer felbd
der die Principienlehre enthält, id nach drei Jahren des j Dogmatiker id und recht eigentlich auch fein will, gräbt
zweiten Bandes erder Theil ifhd vor kurzer Zeit auch doch nur fich felbd den Boden unter den Füfsen ab,
deffen zweiter Theil gefolgt. So liegt das grofse Werk, wenn er anderen ihre vermeintlich dogmatifchen Urtheile
das auch durch feinen Umfang von mehr als 1900 Seiten I als Vorurtheile meint vorrücken zu können. Er fällt ge-
an die Dogmatiken aus der claffifchen Zeit der Ortho- < wiffermafsen aus feiner Rolle. Denn wie kann er anderen
doxie erinnert, nun fertig und abgefchloffen vor. In j gerade das zum Vorwurf machen, was er felbd berufshohem
Alter id es dem ehrwürdigen Senior der evan- ; mäfsig und möglich!! ausgiebig zu thun bedrebt id?
gelifchen Dogmatiker vergönnt gewefen, es mit bewun- j Ueberhaupt id ja alle Dogmatik nichts anderes als
derungswürdiger Frifche und unermüdlicher Rüdigkeit j ein Complex von Urtheilen, die jedem, der nicht in ihrem
zu vollenden. Hatte daher fein Verfaffer allen Grund, j Bannkreis deht, nur als Vorurtheile erfcheinen können,
im Vorwort zum letzten Theile Gott zu danken, der ihm j Petitio prineipii id die Seele alles dogmatifchen Denkens,
auf feine .alten Tage trotz vielfacher Unterbrechung Denn diefem id es eigen, auf perfönlichem Glauben und
durch Krankheitsnoth Kraft und Muth verliehen, diefes j nicht auf wiffenfehaftlichen Nachweifungen zu beruhen,
fein Lebenswerk zum Abfchlufs zu bringen', fo dürfen Auch Oettingen id es bei der Frage nach den Beweifen
wir, feine Fachgenoffen — ohne Unterfchied der theo- j für das Dafein Gottes und für die Underblichkeit deutlich,
logifchen Richtung —, ihm die aufrichtigden Glück- dafs dafür und dagegen kein wiffenfehaftlicher Beweis
wünfehe darbringen, dafs er nicht nur überhaupt fein j geführt werden kann, fondern dafs darüber lediglich der
Ziel erreicht hat, fondern auch, dafs ihm dies in feiner perfönliche Glaube entfeheidet. Diefer entfeheidet aber
Weife fo trefflich gelungen id, wie es der F"all id. Es ] auch überall fond ganz allein in aller Dogmatik, foweit
id nichts fenil in diefer Riefenleidung eines Siebzigers. | de nicht einfach nur in einem feelenlofen Traditionscultus
Kaum dafs die breite Ausführlichkeit in der Darlegung bedeht, und foweit nicht auch de dogmatifch indifferente

der eigenen Anflehten daran gemahnt, dafs ein Mann zu
uns redet, der in einem langen Leben reiche und weite
Erfahrungen und eine fehr umfaffende Belefenheit in

Stoffe umfafst, die keinem Streite der Meinungen unterworfen
find. Die hergebrachte Gewöhnung an das tra-
ditionalidifche Denken freilich mag darüber länger oder
kürzer hinwegtäufchen, fo lange wenigdens, als der theo-

I) Mein Bemühen beii Berathung der Begräbnifsliturge der neuen logifche TraditionalismuS überhaupt noch Credit geniefst.

nreufsifchen Agende in der Commilfion die Streitfrage nach dem Segen A P ^ ... .n . , . ~ ,f . r , j ______ •

über der Leiche durch eine agendarifche Bemerkung* zur Erledigung zu A,Der Oettingen id nicht aus Grundfatz, fondern aus e gener

bringen, blieb ohne Erfolg. ! lebendiger Ueberzeugung 1 raditionahlt. Denn nicht die