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Ausgabe:

1903 Nr. 4

Spalte:

115-117

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ziegler, Karl Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Versöhnung mit Gott. Bekenntnisse und Erkenntniswege 1903

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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ii5 Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 4. 116

auch von Juriften, Diplomaten und Regierungsmännern
gelefen werden.

Eppelheim-Heidelberg. J. J. Kneucker.

Ziegler, Karl Wilhelm, Die Versöhnung mit Gott. Be-

kenntniffe nnd Erkenntnifswege. Tübingen 1902,
J. C. B. Mohr. (VII, 441 S. gr. 8.) M. 6.—; geb. M. 7.—

Das Buch zerfällt in zwei fowohl dem Umfang als
auch dem Ton nach fehr ungleiche Theile. Der erfte
Theil ,Auf hoher See' fchildert in hoher poetifcher und
prophetifcher Sprache den Zufammenbruch des Glaubens
an Gott und das ewige Leben, der nur fittlich begründet,
d. h. der nur das Poftulat des fittlichen Verhaltens ift.
Die ganz dramatifch gehaltenen Ausführungen (das Meer,
bewölkter Himmel, Wetterleuchten, Sturm u. f. w.) klingen
aus in das ergreifend ausgefprochene Verlangen
nach einer objectiven Offenbarung des lebendigen Gottes,
da es nicht genüge, aus dem fittlichen Ideal die Glaubens-
vorftellung oder gar die Glaubenspflicht gewinnen zu
wollen.

Der zweite Theil ,Auf fettem Grunde' will diefe
göttliche Offenbarung in Jefus Chriftus aufzeigen, der
uns mit Gott verföhnt, nämlich die Zweifel in uns überwinden
und uns den Glauben an Gott moralifch möglich
machen kann. Diefer Theil umfafst den Reft des Textes
S. 69—401. Er bietet zuertt nach einer gleich zu be-
fprechenden Ueberleitung auf ftark 100 S. ein Leben
Jefu im älteren modernen Sinne, mit eingehender Behandlung
feiner Predigt vom Gottesreich, feiner Sünd-
lofigkeit, feines Meffiasbewufstfeins, feines Verfuchungs-
kampfes und befonders des Kreuzes, während Jefu
eigentliches Handeln und Wandeln auf der Erde ftark
zurücktritt. Dann fchliefsen fich an Abfchnitte über die
Auferftehung, die Gemeinde mit dem Untertheil ,Die
Verformung', endlich ein grofser Abfchnitt ,Die Ewigkeit',
der die Weltanfchauung des verföhnten Chriften in drei
Untertheilen darfteilt, die überfchrieben find ,Die Gottheit
Chrifli', ,Die Weltvollendung', ,Das Jenfeits'. Der
Inhalt diefer Ausführungen ift kurz der, dafs J. Ch. noch
perfonlich feine Gemeinde leitet, dafs die Gemeinde
ihren Grund in der von Jefus in feinem Tode erworbenen
ethifch, nicht juriftifch zu denkenden Verföhnung hat;
der Abfchnitt ,Die Ewigkeit' fpricht Chriftus neben der
ewigen Fortdauer auch Präexiftenz, nämlich irgendwelches
Vorhandenfein in den vollendeten Sphären Gottes, fammt
dem Recht auf unfere Anbetung zu, und behandelt dann
viele Fragen, die fich auf Weltvollendung und Jenfeits
beziehen, z. B. das Verhältnifs zwifchen Einzeltod und
Gefammtvollendung, die Möglichkeit einer Bufse nach

dem Tode (im bejahenden Sinne) u. s. w. Ton und j nicht verfucht, Gott mit einfachen grofsen Strichen als

den Glauben der Jünger handelt, verlaffen und in die
Region des Glaubens aufgeftiegen wird. Es ift und bleibt
eine Selbfttäufchung, wenn man meint, aus dem Meer
des Zweifels auf fettes Land gekommen zu fein, fobald
man auf den Boden der Perfon Jefu tritt. Da hat man
wohl hiltorifchen Boden unter den Füfsen, aber nicht
fozufagen Glaubensboden. EinehiftorifchePersönlichkeiterkennen
wir da, allgemein und ziemlich benimmt, aber
über die höchften Fragen bekommen wir da keine ebenfo
fichere Erkenntnifs. Für diefe ift Chrifti Leben etwa ein
Stützpunkt, von dem aus man auf dem Kahn des Glaubens
in das Meer des Unendlichen fahren kann; oder
Chriftus hätte als Steuermann auf das Boot mitgenommen
werden können. Z. fpricht ja felbft öfter von dem Ent-
fchlufs zum Glauben, ohne aber mit der wünfchens-
werthen Schärfe die beiden fo verfchiedenen Arten der,
Erkenntnifs und der Gewifsheit herauszuarbeiten.

Aber auch das innere Verhältnifs der Erkenntnifs
der gefchichtlichen Perfon Chrifti und der Weltanfchauung
des verföhnten Chriftenmenfchen kommt mir nicht
klar genug zum Vorfchein. Der leitende Gedanke ift
doch diefer: Nach dem Zufammenbruch der fubjectiven
Gotteserkenntnifs fchreit die Seele nach Gott, nach der
Gewifsheit des lebendigen Gottes. Diefe foll in Chriftus
gegeben fein. Aber Z. begnügt fich damit, in affertori-
fchen Wendungen und rhetorifchen Fragen Gott in
Chriftus aufzuzeigen: ,fo herzbezwingend kann nur Gottes
Stimme fein' S. 69. ,Wahrlich, wenn hier nicht Gottes
Offenbarung ift, ift fie nirgends' S. 73. Da vermiffe ich
eine Darftellung der Beweggründe, die uns zu der Erkenntnifs
Gottes in Chriftus beftimmen; mit rhetorifchen
Schlüffen und erbaulichen Fragen ift diefe Arbeit nicht
gethan. Einen andern Fehler fehe ich darin, dafs in der
Darfteilung des Lebensganges Jefu ganz naiv Gott als
leitender Factor erfcheint, der doch erft aus diefem
Lebensbild Jefu feine Exiftenz und feine Charakteriftik
erhalten follte. Endlich glaube ich, dafs die beiden
erften Theile nicht auf einander paffen; denn in dem
erften handelt es fich um die Frage der Exiftenz Gottes
felbft, der Nerv aber des Lebensbildes Jefu ift die
ethifche Verföhnung der Gläubigen mit Gott, nämlich
das Hinzubringen der Menfchen zu dem naiv vorausgefetzten
Gott. Da ftimmt etwas nicht ganz; das eine Mal ift
die Frage: Wie komme ich zur Gewifsheit Gottes? Das
andere Mal: Wie werde ich mit Gott durch Chriftus verbunden
? Hier wird alfo foteriologifch, dort wird apolo-
getifch gedacht, ohne dafs beide Gefichtspunkte auseinander
gehalten werden.

Warum fehlt fchliefslich in der Gefammtanfchauung
des verföhnten Chriftenmenfchen eine Lehre von Gott,
um den es fich doch immer gehandelt hat? Warum wird

Charakter der erften Hälfte diefes Theiles ,Auf feftem | den Vater diefes Herrn Jefus zu zeichnen? Warum fehlt
Grunde' ift hiftorifch-kritifch, der zweite dogmatifch- ; eine Darftellung der Bedeutung der Welt? Warum treten

fpeculativ.

Offenbar ift es nicht gut, dafs die fpeculative Partie
mit ihren vielen, zum Theil fehr fubjectiven Details mit
der hiftorifchen Darftellung unter ein Dach gethan worden
ift. So wird gar leicht der Anfchein erweckt, als
nähme diefe chriftlich-fpeculative Weltanfchauung Theil
an dem Charakter des Lebensbildes Jefu, nämlich an
feiner Wirklichkeit und Sicherheit. Beide Male ift doch
Wirklichkeit und Fertigkeit zu verfchieden, als dafs man
Gefchichte und Speculation unter die Ueberfchrift ,Auf

diefe Dinge hinter den fo ausführlich behandelten
chriftologifchen und eschatologifchen Lehren zurück?

Ks fehlt dem Buch an einheitlicher Concentration;
oft hat man den Eindruck, als feien ganz verfchieden-
artige Stücke, die gelegentlich für fich entftanden find,
auf einen Haufen gebracht worden.

Das Buch will eine apologetifche Schrift fein. Es
rechnet weniger auf Theologen, denen es nichts Neues
zu bieten glaubt, als auf weitere Kreife, denen die neu
gewonnene ethifche Verföhnungslehre, die Verf. fonft

feftem Grunde' unterbringen könnte. Das eine Mal ift I fchon dargeftellt hat, nahegebracht werden foll, um ihnen
diefe Sicherheit das Ergebnifs objectiver Unterfuchung, < den Anftofs an der unheimlichen kirchlichen Verföhnungs-
das andere Mal eines Glaubensentfchluftes. Das müfste i theorie zu nehmen. Gut, dann aber kann das Buch nur

unbedingt in einem ftarken Einfchnitt zwifchen dem
Bilde Jefu und den daran angeknüpften Glaubensgewifs-
heiten zum Ausdruck kommen. Ja, diefer Abfchnitt
mufs ftreng genommen fchon vor den Ausführungen über
die Auferftehung kommen, da doch mit ihnen der fefte
Boden der Wirklichkeit, wenn es fich um mehr als um

denen dienen, die noch im Zufammenhang mit chrift-
lichen Gedanken flehen und chriftliche Bedurfnifse haben,
nur fich an der alten Verföhnungslehre ärgern. Denen
wird das Buch trotz feiner Breite dienen können; kaum
aber denen, die theoretifch mit dem Chriftenthum gebrochen
haben und nun anfangen, fich wieder nach den