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Ausgabe:

1903 Nr. 4

Spalte:

114-115

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Neu, Heinrich

Titel/Untertitel:

Geschichte der evangelischen Kirche in der Grafschaft Wertheim 1903

Rezensent:

Kneucker, Johann Jacob

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 4.

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berufenen Simprecht Schenk, Pfarrers zu Meilen, fei be-
fonders den Freunden Janffen's empfohlen, die vom Hafs
des Volks gegen die Prädicanten reden. Für den fpä-
teren Lebensgang Schenk's fei auf die Württb. Kirchen-
gefchichte S. 318, 350, 356 verwiefen.

Der Fürft (S. 285) dem 1555 die koftbare Züricher
Bibel gefchenkt wird, ift Graf Georg, der Bruder Herzog
Ulrichs von Württemberg und Stammvater des jetzigen
Königshaufes. Bei dem Einflufs des Charakters der Jahre
auf die Volksftimmung, die fich auch in den Wahlen
äufsert, ift die Zufammenflellung, welche Egli für die
Jahre 1519—1531 aus den Schweizer Quellen giebt, werthvoll
. Das Räthfel, das die Blarermedaillen mit der
fchneckenartigen Figur vor Blarer's Geficht aufgaben, ift
jetzt durch fein Petfchaft gelöft, auf welchem die Schnecke
mit ihrem Häuschen klar erkennbar ift, Auch fonft
bietet die Zeitfchrift noch manches zur Gefchichte der
Reformationszeit und zur Biographie von Freunden der-
felben, wie Comander, Salandronius, Ceporinus, Torinus.
Sehr willkommen ift die Ergänzung, welche Finsler zur
Zwinglibibliographie giebt.

Nabern. G. Boffert.

Krull, Predikant Dr. A. F., Jacobus Koelman. Ecne
Kerkhiftorifche Studie. Sneek, 1901, J. Campen. (IX,
413 S. gr. 8. m. 1 Bild.)
,Im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts war es
in den Niederlanden üblich geworden, fechs Prediger
des Landes als diejenigen zu bezeichnen, durch deren
Bemühungen die„Uebung der Gottfeligkeit" in demfelben
heimifch geworden fei, nämlich W. Teellinck, die beiden
Brakel (Vater und Sohn), Lodenfteijn zu Utrecht, Joh.
Martinas zu Groningen und Jacobus Koelman zu Sluis
in Flandern.' So Heppe in feiner Gefchichte des Pietismus
(S. 106 nicht, wie Krull [S. 7] angiebt 105); mehr
fagt er über Koelman nicht, unfere kirchenhiftorifchen
Lehrbücher erwähnen, fehe ich recht, nicht einmal feinen
Namen. Da ift es jedenfalls ein Verdienft von Krull,
einem Schüler von Reitsma und van Rhijn, den nahezu
Vergeffenen zum Thema einer Differtation genommen
zu haben, wenn er auch m. E. des Guten etwas zu viel
gethan hat und in Schilderung des Lebens, Analyfe der
Schriften, Beifügung von Leichengedichten u. a. die Geduld
des Lefers zu ftark beanfprucht. Das Buch hätte durch
Kürzung gewonnen, zumal wenn K. fein forgfames Referat
durch eine dogmengefchichtliche Würdigung mit
fcharfer Heraushebung der fpringenden Punkte ergänzt
hätte. Eine originale Figur ift Koelman nicht, er ift
Schüler von Voetius, Effenius und Hornbeek, und wenn
man diefe kennt, (vgl. Heppe a. a. O. 140 ff. 216 ff),
kennt man Koelman auch, nur dafs Pietismus und My-
ftik bei ihm aufs Schärffte pointirt werden und in Folge
deffen ihn in Conflict mit der geiftlichen und weltlichen
Obrigkeit bringen, die ihn nach wechfelvollem Schickfal
des Landes verweift. Beinahe wäre er nun nach Deutfch-
land (Herford) gekommen, aber an feiner Religiofität
zerfchlug fich in letzter Stunde die Berufung. An der
Art feines Pietismus, der, wie getagt, in Betonung der
Giltigkeit der Sabbathgebote, Verwerfung jeder liturgi-
fchen Form zu Gunften freien Gebetes, freier Taufliturgie
und Abendmahlsfeier, fowie in Befeitigung der
Feittage u. dergl. durchaus innerhalb feiner Zeit fleht,
läfst fich fehr deutlich der Zufammenhang von Pietismus
und Aufklärung veranfehaulichen. Von dem Katholi-
firen des Pietismus aus, das Ritfehl — gewifs mit Recht,
aber doch auch zu einfeitig und zu eng — betonte, wird
derfelbe nicht recht klar. Der Pietismus mufs von der
im vollen Flufs befindlichen Emanzipation des gefamm-
ten culturellen Lebens von der kirchlich-dogmatifchen
Bevormundung aus verftanden werden; hier fucht er Verlorenes
zu retten und zu repriftiniren, wobei er dann in

feinem Eifer fo weit geht, dafs er die Luther'fche Gleichgültigkeit
gegenüber Welt und Cultur verfchäft zur as-
ketifchen Verachtung — daher fein Katholifiren. Es ift
an Koelman's Pietismus völlig klar, dafs fein Hauptzweck
die Herausfchaffung alles nach ,Welt' und ,Mcnfchen-
werk' Schmeckenden aus dem religiöfen Leben und
damit dem Leben überhaupt ift. Fefte Formeln der
Liturgie find Menfchenwerk, nur im freien Gebete kommt
Gott zu Wort, der Sabbath ift göttliches Gebot, aber die
Feiertage nicht, u. dgl. Und K.'s Polemik gegen Labadie,
die zunächft befremdet, ift zu verliehen von L.'s Wider-
fpruch gegen den Offenbarungscodex der h. Schrift (f.
S. 109 ff.). Bei Descartes aber, den er aufs Schärffte
bekämpft, ift het eerste prineipicele bezwaar, dat Descartes
het gezag der H. Schrift aantast. (S. 166) Inj (Koelman)
wilde geen toepassing van de phdosophie op de theologie.
De H. Schrift moest norm voor geloof, leven en weten-
schaf blijven, .Cartefianifche Blumen flinken abfeheulich
in gefunden theologifchen Nafen' (S. 170) — kein Wunder
, dafs das de omnibus dubitandum feinen ganzen
Grimm erregt, fchon um deswillen, weil es vom Men-
fchen und nicht von Gott ausgeht! Darum auch tadelt
er die Profefforen, die ihren Studenten in erfter Linie
Wiffen übermitteln, und nicht de wijze, hoc dien God te
dienen (S. 282). Demfelben Motiv entfpringt dann auch
fein Proteft gegen das Patronatswefen; es ift Menfchenwerk
in der Kirche. ,A/le terrein des Zevens voor den
Heer, das ift in der That Koelman's Grundfatz (S. 214).
Gerade diefe Hochfpannung des Supranaturalismus aber
wirkte dann zugleich autlöfend und arbeitete der Aufklärung
in die Hände, wie das bei der Ablehnung der
liturgifchen fetten Formen fchon ganz deutlich ift und
in der Hinwendung zum Praktifchen ebenfalls fich
offenbart.

Nach diefen Gefichtspunkten etwa hin hätte die
fleifsige Arbeit Krull's ergänzt werden müffen.

Giefsen. W. Köhler.

Neu, Pfr. Heinrich, Geschichte der evangelischen Kirche in
der Grafschaft Wertheim. Heidelberg 1903, C. Winter's
Univbh. (IV, 131 S. gr. 8.) M. 4.—

Der Verfaffer, welcher fchon eine Erzählung aus der
Zeit der Chriftianifirung Unterfrankens (1897), fowie eine
Gefchichte des Marktfleckens Wenkheim dafelbft (1893)
gefchrieben, veröffentlicht hier ein Buch, welches eine
werthvolle Bereicherung der Gefchichte der badifchen
Landeskirche und befonders auch der Reformations-
gefchichte bietet. Hier ift zum erften Mal das fehr
reiche Actenmaterial des Furftlich Löwenftein-Wertheimi-
fchen Archivs, des Fürftlich Löwenftein-Rofenbergifchen,
des Stadt-Wertheimifchen und des Grofsherzoglich
Badifchen Generallandesarchivs, fowie mittelbar aus gedruckten
Nachrichten das des Unterfrankifchen Kreisarchivs
verwerthet. Diefes jetzt zu Tage geförderte
Material ift voll der intereffanteften Notizen über cultur-
hiftorifch merkwürdige Zuftände in Kirche und Schule
durch Jahrhunderte hindurch.

Wertheim war unter den jetzt badifchen Städten einft

• die erde, welche der Reformation zufiel. Die wechfelvollen
Schickfale der ehemaligen Graffchaft werden in dem Buche
in lebendiger Anfchaulichkeit gefchildert. Unter den Be-
drängnifsen durch den Bifchof Julius von Würzburg, unter
den Nöthen und Stürmen des dreifsigjährigen Kriegs hatten
Stadt und Land furchtbar zu leiden. So objectiv die ge-
fchichtliche und biographifch-ftatiftifche Arbeit gehalten
ift, fo zeigt das Buch doch in den vielen Einzelheiten, die
es bietet, aufs ergreifendfte, dafs ,der alt böfe Feind' fchon
in den Tagen der Reformation derfelbe gewefen ift, wie
er fich heute wieder zeigt: wortbrüchig, ränkevoll, herrfch-
fuchtig, gewaltthätig. Möchte darum diefes Buch nicht

I nur von Theologen und Gefchichtsforfchern, fondern