Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1903

Spalte:

111-113

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Zwingliana. Mitteilungen zur Geschichte Zwinglis und der Reformation. 1902. (Bd. I, Nr. 11 u. 12.) 1903

Rezensent:

Bossert, Gustav

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

111

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Mr. 4.

112

Man wird Melanchthon's Art freilich nicht gebührend
würdigen können, folange man nicht den Charakter des
ffänkifchen Volksftammes, aus dem er hervorgegangen
ift, und den er felbft fo ftark, namentlich dem fchwäbi-
fchen Volkscharakter gegenüber hervorhebt, vgl.U/? 3,121 I,
5,488 mit 2,162. Der Franke ift der Mann der Form und
des Maafses, von weichem Metall und von grofser Beweglichkeit
(vgl. Hartmann, Schwabenfpiegel, zweiter Theil.
[Württb. Neujahrsblatt 1903]).

Lebhaft erinnert Melanchthon's Temperament an
feinen Landesherrn, Kurfürft Ludwig von der Pfalz, den
die heimifchen Schriftfteller den Friedfertigen nennen,
weil feine ganze Politik in der Vermittlung der Gegen-
fätze aufging, deffen Zorn aber ebenfo leicht hervorbrach,
wie bei Melanchthon, weshalb feine Räthe Bifchof und
Domkapitel zu Speier mit der Drohung jenes Zornes
mürbe zu machen pflegten. Wie weit und wie oft das
Bedürfnifs, zu vermitteln und Härten abzufchleifen, Melanchthon
auf die fchiefe Ebene zu bringen drohte, das
hat Ellinger immer wieder hervorgehoben. Echt fränkifch
ift die Kunft Melanchthon's, den originalen Gedanken
Luther's feines Gepräge zu geben und fie zu einem fchönen
Ganzen zu geftalten, und fo der geborene Verfaffer von
Bekenntnifsen, Gutachten und wirkfamen Rechtfertigungs-
fchriften zu werden.

Wir fehen auch überall, wo er Luther neben fich
hat und Luther's Geift ganz auf fich wirken läfst, da wird
der kleine, weiche Mann zum ftahlharten Helden, der
keinen Schritt breit weicht. Das kräftige Auftreten Melanchthon
's in Worms läfst fich aber ficher nicht nur auf
Calvin zurückführen, der ihn geftärkt und feiner ganzen
Haltung die Richtung gewiefen habe. Darin hat Ellinger
vollftändig recht. Aber wenn er den Hauptgrund für
Melanchthon's Haltung in der fchmerzlichen Erfahrung
der Folgen feiner Nachgiebigkeit in dem häfslichen
heffifchen Ehehandel fucht, fo dürfte vielmehr die
Stimmung Melanchthon's nach feiner Genefung in Weimar
in Betracht kommen. Mifsverftändnifse und Zuträgereien
hatten Melanchthon mifstrauifch gegen Luther gemacht.
Jetzt hatte er die Macht von Luther's Glaubensfreudigkeit
in der tiefen Troftlofigkeit des Krankenlagers erfahren
und kam nun wieder, wenigftens für die nächfte
Zeit, ganz unter den Einflufs von Luther's Geift, wie in
den Tagen der Leipziger Disputation und des Wormfer
Reichstages, bis er mit dem Brief an Carlowitz fich felbft
das gröfste Unrecht anthat. Seine dort beklagte Knecht-
fchaft war der Kern feiner wahren Gröfse. S. XIV, Z. 30
und S. 62, Z. 24 1. Kurrer oder Churrer, wie fich der
Mann felbft fchreibt, Zwingli op. 7,504. Für die unbehagliche
Lage Melanchthon's (S. 83) in Tübingen find auch
die Wirren unter Herzog Ulrich in Betracht zu ziehen.
Georg More ift der von Clemen kürzlich (Beiträge zur
Reformationsgefc'nichte 235 fr.) behandelte Georg Mohr.
Den fchönen Titel ,Stadtpfarrer' (S. 123), den man neuerdings
in Reformationsfchriften findet, wollen wir dem
heutigen deutfchen Südweften belaffen, ins 16. Jahrhundert
gehört er nicht und ebcnfowenig in ein fo tüchtig ge-
fchriebenes Buch, wie Ellinger's Melanchthonbiographie.

Nabern. G. Boffert.

Zwingliana. Mitteilungen zur Gefchichte Zwingiis und der
Reformation. Herausgegeben von der Vereinigung
für das Zwinglimufeum in Zürich. (Nr. 11 u. 12.) 1902.
Zürich, Zürcher & Furrer. (72 S. gr. 8 m. 2 Facs. und
3 Lichtdr.) M. 1.50

Wiederum bringt die von E. Egli glücklich geleitete
Zeitfchrift des Zwinglivereins eine Reihe neuer Beiträge
zur Gefchichte Zwingli's und der Schweizer Reformation.
Keffelring behandelt die Spruchgedichte Zwingli's vom
,Ochfen' und vom ,Labyrinth', indem er ihre Entftehungs-
zeit genauer benimmt und die Bilder der Thiere deutet.

Das Gedicht vom ,Ochfen' fällt in den Auguft und
September 15IO, und zwar ift die deutfche Bearbeitung
! jünger als die lateinifche. Das ,Labyrinth' ift erheb-
I lieh jünger, als man bisher annahm und entweder
1514 oder, wie Egli wohl richtiger annimmt, 1516
entftanden. Der Fortfehritt in der geiftigen Entwicklung
Zwingli's, wie er fich an der Hand der beiden Gedichte
j zeigen läfst, ift fehr überrafchend. Dort wird der üchfe,
das Sinnbild der Schweiz, noch ermahnt, die Faunen anzubeten
, jetzt fteht die heilige Schrift im Vordergrund
von Zwingli's Denken. Befonders glücklich ift der Nachweis
des Zufammenhangs von Zwingli's zweitem Gedicht
mit Plinius historia naturalis 3684fr. und der Berührung
I mit Johann Adelphi von Schaffhaufen im Ijtdus novus,
j wie die Deutung des Löwen auf Leo X. Aus der Kirchenbibliothek
zu Isny weifst Rieber nach, wie Zwingli dem
Lutheraner Bened. Burgauer zwei feiner Schriften widmete,
| um ihn für fich zu gewinnen. Burgauer verdiente eine
eigene Biographie, befonders feine Thätigkeit in Isny
| follte noch mehr aufgeklärt werden. Egli theilt die
j Recenfion des durch Fr. Spitta rafch bekannt gewordenen
| Cappelerlieds von Zwingli aus Kefsler's Sabbata mit,
deffen Text von Spitta kritifch beleuchtet wird, während
Egli auf die Nachricht Bullinger's aufmerkfam macht,
dafs Zwingli das Lied wie das Peftlied in vier Stimmen
componirt habe und diefe Lieder an den Fürftenhöfen
und in Städten viel gefungen und geblafen wurden.

Für die Gefchichte der Cappeler Schlacht 1531 find
die Notizen über das Banner der Züricher und das
Schwert feines tapferen Vertheidigers Ad. Näf, welche das
Schweizerifche Landesmufeum aufbewahrt, beachtens-
| werth. Conftantin v. Kügelgen's Schrift ,Die Ethik Huldreich
Zwingli's' (Leipzig 1902) beleuchtet P. Chrift, indem
er die Behauptung, Zwingli habe ein Recht zum Tyrannenmord
gelehrt, mit Recht abweift, v. Kügelgen hat
Zwingli's Sprache nicht verftanden.

Hübfeh ift die Arbeit von Th. Vetter über die beiden
Enkel Zwingli's, Rudolf Zwingli und Rudolf Gwalter und
I ihre Reife nach England, wo der erftere, treu verpflegt
von feinem Vetter und von anhänglichen Hingländern
am 5. Juni 1572 in London ftarb.

Der Züricher Wand-Katechismus von 1525, von dem
Nr. 1 ein Bild in halber Gröfse giebt, ift glücklich in der
Kgl. Bibliothek in Berlin aufgefunden. Cohrs hat auch
einen Nachdruck von 1526 durch einen noch unbekannten
Hans Gerhart, Wegmeifter in Kitzingen, feftgeftellt. Ein
Jörg Gernhart oder Gerhart findet fich 1525 als Mitglied
des Gemeindeausfchuffes in Kitzingen (Archiv des
hift. Ver. für Unterfranken 36, 46, 74, 1893). Merkwürdig
ift das Ave Maria als Beftandtheil des Wandkatechismus,
wie noch 1587 in einem Wandkalender. Die Ueber-
fetzung der zehn Gebote, die von Leo Jud flammt, ift
zehn volle Generationen lang in Bern in Ehren gehalten
worden. Für den franzöfifchen Wandkatechismus macht
Fluri wahrscheinlich, dafs er im Auftrage Farel's durch
feinen Freund, den Stadtfchreiber Peter Cyro von Bern,
herausgegeben wurde. Sehr beachtenswerth ift die von
Fluri mitgetheilte Aeufserung Farel's vom 6. Oct. 1536
über die religiöfen Zuftände in der franzöfifchen Schweiz,
wo er beim Volke gröfse, bei den Prieftern unerträgliche
Unwiffenheit fand. Keiner der Priefter, welche
Farel kennen lernte, wufste die zehn Gebote, welche das
Volk nie hörte. Wenn man das Volk das Vaterunfer
und das Credo in feiner Mutterfprache lehrte, fchrieen
und fluchten diefe Priefter wie über einen Greuel. Hübfeh
J ift auch S. 318 die Anekdote von dem Hauptmann Ber-
| weger und feinem Pfarrer Theobald Huter in Appenzell,
welche eine Stelle in der Kirchlichen Correfpondenz
des ev. Bundes und den Sammlungen von Beifpielen zum
Katechismus verdient. Sie flammt aus Seb. Hofmeifter's
,Antwurt uff die ableinung Doctor Eckens von Ingold-
ftatt' (1525). Der Brief des Raths zu Zürich an den Rath
; zu Memmingen vom 4. Febr. 1525 wegen des dorthin