Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1903

Spalte:

109-111

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ellinger, Georg

Titel/Untertitel:

Philipp Melanchthon 1903

Rezensent:

Bossert, Gustav

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 4.

110

Jehuda ibn Tibbon in feiner Vorrede berichtet, dafs er
zuerft nur die erlte Pforte, und zwar auf Veranlaffung des
R. Mefchullam, dem auch Berachja feine Schrift zueignet,
überfetzt habe, während die Ueberfetzung der anderen
Theile nach der kurzen, der zweiten Pforte vorangehenden
Vorrede erft fpäter im Auftrage des R.Abraham
ben David erfolgt ift, fo zieht der Herausgeber daraus den
Schlufs, dafs Berachja diefe Compilation zu einer Zeit
verfafst habe, als die Fortfetzung der Tibbon'fchen Ueberfetzung
noch nicht vorhanden war. Das bildet eines der
Hauptargumente für die Annahme, dafs Berachja's lite-
rarifche Thätigkeit ungefähr gleichzeitig mit der des
Jehuda ibn Tibbon gewefen, alfo in die Mitte oder in
die zweite Hälfte des zwölften Jahrhunderts zu fetzen
fei. Auf S. 46 findet fich ein Buch citirt, das Berachja
aus der ,Sprache der Völker' in ,unfere' Sprache übertragen
habe, was fich wohl unzweifelhaft auf feine Ueberfetzung
der Quacstiones naturales des Adelard von Bath
bezieht. Ein religiöfes Gedicht Gabirol's, aus dem Berachja
(S. 106) einen Vers citirt, hätte der Herausgeber
bei M. Sachs, Religiöfe Poefie der Juden in Spanien
(hebr. Text S. 8) abgedruckt finden können.

In der zweiten Schrift, dem qiS'an "ÖD, werden
eine Reihe von Auszügen wiederholt, die fich fchon in
der erften finden. Aufser den in diefer benutzten Autoren
finden fich in der zweiten noch Excerpte aus Abraham
ben David's ethifchem Ritualwerk OSSfl "ibya und eines
aus dem fonft unbekannten ,Buch der Gebote' des R.
Nissim Gaon. Nicht bemerkt hat der Herausgeber, dafs
fich hier (S. 127, 128, 145) drei anonyme Citate aus
Abraham bar Chija's Hegjon Hanefefch finden.

Die hebräifchen Texte find von einer englifchen
Ueberfetzung begleitet, die ich auf ihre Richtigkeit nicht
geprüft habe. Dem Haupttitel voran gehen drei Fac-
fimiles aus den Münchener Handfchriften 42 und 65 und
aus der de Roffi'fchen Handfchrift 482. — So dankbar
wir dem Herausgeber für feine Edition fein müfsen, fo
drängt fich doch die Frage auf, ob er feine Zeit und die
erheblichen Kotten, welche diefe mit grofser Opulenz
ausgeftattete Publication verurfacht hat, nicht noch beffer
für eine Edition der älteren Paraphrafe des Saadianifchen
Werkes verwendet hätte, die hier doch nur in zum Theil
gekürzten Excerpten vorliegt, deren vollftändige Veröffentlichung
aber nach mancher Richtung hin erwünfcht
wäre. Das foll jedoch unterer Anerkennung für den
Fleifs und die Sorgfalt des Herausgebers keinen Abbruch
thun.

Breslau. J. Guttmann.

Ellinger, Georg, Philipp Melanchthon. Ein Lebensbild.
Mit einem Bildnis Melanchthons. Berlin 1902, R. Gaertner.
(XVI, 624 S. gr. 8.) M. 14.—

Zwei Fragen treten unwillkürlich an den Lefer heran,
fobald er fich mit diefem umfangreichen Lebensbild
Melanchthon's befchäftigt. Die erlte heifst: Jetzt erft?
und die andere: Jetzt fchon? In ihrer ganzen Haltung
wäre diefe Schrift ein trefflicher Beitrag zum Melanchthon-
jubiläum gewefen. Wirklich follte fie, wie die Vorrede
fagt, urfprünglich zu diefer Feier erfcheinen, aber es war
dem Verfaffer bei der breiten Anlage feines Lebensbildes
nicht möglich, mehr als die allerdings wichtigen
erften beiden Capitel rechtzeitig zu vollenden und fie in
den Monatsheften der Comeniusgefellfchaft zu veröffentlichen
. Dann blieb die Arbeit wegen anderweitiger Aufgaben
des Verfaffers liegen, bis fie 1902 erfcheinen konnte.
Aber wenn fie auch gewifsermaafsen post festumkommt,
fo ift fie doch ein willkommener Beitrag, um die Freude
an dem Pracceptor Gcrmaniae und das billige Urtheil über
feinen Charakter und feine Bedeutung für die Reformation
und die proteftantifche Theologie wieder zu ftärken,
nachdem wir auf dem beften Wege waren, Melanchthon

für die mannigfachften Schäden in der Theologie und
Kirche verantwortlich zu machen und darüber zu vergehen
, was ihm der Proteftantismus verdankt. Seine
Lefer fucht der Verfaffer offenbar nicht nur im Kreife
der Theologen und Hiftoriker, fondern bei allen religiös
angeregten Gebildeten, denen er in der Vermeidung fremd-
fprachlicher Citate im Text und in der Ueberfetzung
aller irgendwie unbekannten Worte, z. B. Hyperaspistcs,
entgegen kommt, während feine Ausführungen fonft
meift eine wiffenfchaftliche Rüftung bei den Lefern vorausfetzen
.

Vom Standpunkt des wiffenfchaftlichen Bedürfnifses
aber erhebt fich die Frage: Jetzt fchon? Ift es jetzt
fchon möglich, eine den heutigen Anfprüchen der Wiffen-
fchaft entsprechende Melanchthonbiographie zu fchaffen,
die doch nothwendig das Seitenftück zu Köftlin's grofser
Lutherbiographie bilden und den ganzen Apparat der

| gelehrten Forfchung darbieten müfste? Das Leben Me-

j lanchthon's und feine Wirkfamkeit müfste hier allfeitig

j erfchöpft, fein Familienleben, fein Verhältnifs zu feinen
Verwandten und Freunden, kurz das Gemüthsleben des
Praeceptor Germaniae heller als bisher ins Licht geftellt
werden. Ellinger freilich mufste ,bei der Ueberfülle des
Stoffes' ,manches weniger Wichtige ausfcheiden', fo ,die
zahlreichen Freundfchaftsbeziehungen Melanchthon's, fein
Verhältnifs zu Mathefius, Enzinas, Lotichius, die Ge-
fangenfchaft Baumgartner's und Melanchthon's Bemühungen
um ihn', die er urfprünglich mit dargeftellt hatte,
,ebenfo feine Stellung im Streite um die Höllenfahrt
Chrifti und fein Urtheil über Thamer'. Ebenfo mufste
er fich in den Anmerkungen ,auf das Wefentlichfte be-
fchränken' und trottete fich, dafs nach den Angaben des

I Textes die Stellen im CR leicht zu finden feien. Aber
jeder Forfcher weifs, wie mühfam das Suchen hier ift,

I und wer hat denn Zeit genug, um immer erft den Beleg
zu fuchen? Und konnten Lefer, denen man Worte wie
,Loci' überfetzt, wiffen, wo man z. B. die rohe Aeufserung
von Cordatus S. 348 fuchen mufs, zumal die Th. R. auch
in ihrer neuen Auflage nichts über ihn giebt? Noch
mifslicher fteht's S. 392. Hier analylirt Ellinger die von

I Melanchthon gefchriebene Vorrede zu der Schrift eines
dritten Ungenannten, ohne dafs aus den Anmerkungen
oder CR klar zu erfehen ift, welche Schrift gemeint ift,

I was man erft mit Hilfe von Hartfelder's Bibliographie
feftftellen kann. Das ift unpraktifch und zeitraubend.

Wenn Ref. die Quellennachweife reicher gewünfcht
hätte, fo überfieht er nicht das Gute, das der Verf. auch
in feinen Anmerkungen bietet, z. B. die wichtige Ver-
befferung S. 621 Anm. zu S. 355 zu Kolde, Analecta
Lutherana S. 327, Z. 5, welche erft den grimmigen Hafs
Veit Amerbach's gegen Melanchthon recht verftändlich
macht, denn er verlangte nichts Geringeres als den Aus-
fchlufs Melanchthon's ftatt des elenden Lemnius.

Jetzt fchon? mufste Ref. aber fragen angefichts der
reichen Brieffchätze, welche in den letzten Jahren entdeckt
wurden. Es wird ja wohl Jahre dauern, bis die
Ergänzung von CR aus diefen Schätzen beginnen und
vollendet werden kann. Dann wird die grofse Melanchthonbiographie
, welche Ref. für ein Bedürfnifs hält, gefchaffen
werden können. Doch wird Ellinger's Arbeit fich wohl
ihren Platz erobern. Denn, was er giebt, ift gründlich
durchgearbeitet und fchön dargeftellt. Trefflich führt er
den Lefer bei aller Kürze in die Gedankenwelt Melanchthon
's und in den Inhalt feiner Schriften ein. Der Lefer
erlebt den Fortfehritt in der Gefchichte, wie in der Ent-
wickelung Melanchthon's mit. Auch verwickelte Epifoden
weifs Ellinger verftändlich zu machen, wie die Wege
Melanchthon's in Augsburg, welche feine Genoffen aufs
Tieffte erregten, und feine Haltung im Interim. Ehrlich
und offen werden die Irrgänge und die fchwachen Seiten
zugeftanden und erklärt, aber über diefen Schatten die
weit überwiegenden Lichtfeiten nicht vergeffen, fondern
gebührend hervorgehoben.