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Ausgabe:

1903 Nr. 4

Spalte:

104-105

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Passiones vitaeque sanctorum aevi Merovingici 1903

Rezensent:

Grützmacher, Georg

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103 Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 4. 104

legter Emendation aus; 8817 hatte C. Schenkl guten Grund
inmittet angelos dominus (Citat aus Fs. 33 s) in den
Text aufzunehmen, anftatt angelus domini, wie A lieft
und H. Schenkl p. XXI als felbftverftändlich richtig bevorzugt
; das Zeugnifs von LXX und versiones latinae
reicht nicht aus, wo z. B. das pfeudoauguftinifche Specu-
lum (ed. Weihrich, p. 432 7) mmittit dominus angelum
bietet und andere Autoren Aehnliches bezeugen; und
follte die Weglaffung von ipse est via zwifchen ipse est
ianua und qui aperitur et gut aperit 438 20 bei PLB nicht
den urfprünglichen Wortlaut darbieten, während ipse est
via eine zu v. 19 gehörige Gloffe ift?

Zweifellos find wir beiden Herausgebern Dank
fchuldig; diefe Ausgabe bedeutet gegenüber der der
Mauriner einen wefentlichen Fortfchntt. Ich würde das
gern mit einigen Beifpielen belegen, fürchte aber, da ich
nicht die Ausgabe der Mauriner felber befitze, fondern
ihren Abdruck bei Migne benutzen mufs, fehlzugreifen;
ich will lieber bei diefem Anlafs vor der wiffenfchaft-
lichen Welt auf einen Mifsftand kräftigft aufmerkfam
machen, mit dem die Benützer von Migne's Patrologia
latina zu rechnen haben. Von einer Reihe von Bänden
find die älteren Vorräthe erfchöpft, darum Neudrucke
veranftaltet werden, fo von Ambrofius (Bd. 14, 15, 16) in
den Jahren 1882, 8i, 80. Ich weifs nicht, ob die Ge-
dankenlofigkeit oder die Schamlofigkeit, mit der diefe Neudrucke
veranftaltet worden find, gröfsere Verwunderung
verdient: es ftarrt alles von Fehlern jeder Art, in Band 16
folgt z. B. — auf einem Blatt! — S. 1051 auf S. 1042;
S. 1043 ff. kann man fich hinter S. 1050 fuchen, und nirgends
mehr ftimmt der Inhalt der Seiten in der neuen Ausgabe
mit dem der alten. Die bequemen Citate, FL. XVI
1396 u. dgl., um derentwillen allein man allerwärts dies
Sammelwerk bevorzugte, nützen alfo nun nichts mehr,
und wer nur eine Bibliothek mit neuen Migne Exemplaren
zur Verfügung hat, ift den herkömmlichen Citaten gegenüber
mehr als je vor der Migne-Herrfchaft auf's Rathen
und Suchen angewiefen.

Volle Anerkennung möchte ich, um zu der Wiener
Edition zurückzukehren, der reichhaltigen Praefatio fpen-
den, in der noch vor der Rechtfertigung der in der
Textconftitution bei Auswahl und Verwerthung der Zeugen
geübten Praxis — zu reinen Conjecturen greifen beide
Schenkl's niemals ohne Noth — die durch den Lucas-
commentar des Ambrofius gefchaffenen literaturgefchicht-
lichen Probleme Beleuchtung empfangen. Das Meide
fcheint mir da aufser Zweifel: die Anm. 4 auf S. III hingeworfene
Vermuthung, in Buch X fcheine Ambrofius
die Paffionsgefchichte nicht fowohl nach Lucas als "nach
einer Evangelienharmonie auszulegen, mufste näher erörtert
werden, die chronologifche Argumentation S. VII f.
ift mindeftens anfechtbar; wie kann man einen Satz, der
von Gothen und Armeniern ausfagt: nos vincunt ut
praesentia docent mit wunderlicher Einfchränkung auf
die alten, vom Arianismus noch unberührten Gothen als
Argument für einen Zeitpunkt der Abfaffung anfuhren,
wo Gothen und Armenier in Theodofius ihren Kaifer
verehrten? Und kann der Vermerk bei Ambrof. in der
Auslegung von Ps. 118, sect. 1438 de quo quoniam alibi
putavimus esse tractandum ebenfogut, was H. Schenkl
p. Villi annimmt, auf eine in der Kirche gehaltene Predigt
wie auf ein niedergefchriebenes Werk gehen?

Dafs pars IUI des uferlofen volumen XXXII wenigftens
feinen Index locorum erhalten halt, ift recht erfreulich;
ich hoffe, dafs pars III bald erfcheint und in ihm zugleich
die Indices für die partes I und II; wenn diefe Indices
vorlägen, würde den Bearbeitern der noch ausftehenden
Ambrofius-Bände die Entfcheidung über zweifelhafte
Lesarten, befonders bei Bibelcitaten oft erleichtert werden.

Das .Agraphon' 1012—15 ylveo&s ööxifioi zQctJts&rca
ift unbemerkt geblieben, Abt Majolus von Cluny ift nicht
984 (fo p. XXIII) fondern 994 geftorben; p. X vermifst man
unter den btellen, wo Auguftin ein genaues Citat aus

I dem Lucascommentar (VII, 27) giebt, de gratia CJiristi
■ 46 m; p. X, Z. 4 v. u. lies II, 84 ftatt II, 8. S. 224 und 225
j find Ungenauigkeiten in Bezeichnung der Citate aus
j II Cor. 3, die auch im Index nachwirken, zu verbeffern, im
Apparat zu 4383 ift oliueti PBL unmöglich richtig, da
es keine Variante gegenüber dem Text darftellt, 24622
wird Jeder das Fehlende 1 vor egem aus Z. 19 fich herunterholen
.

Etwas weniger Sparfamkeit in Interpunktionszeichen
wäre durchweg erwünfeht, z. ß. 3031c könnte der Satz:
ululat iste, non tractat qui negat vocis auetorem et sacri-
lego sermone bestiale murmur interstrepit, qui non con-
fitetur dominum Jesum durch ein Komma hinter tractat
und vollends hinter auetorem für den erften Blick ver-
ftändlich gemacht werden. Ueberhaupt fürchte ich leife,
dafs durch freigebigere Heranziehung der ja faft zu zahlreichen
Handfchriften unferes Werks doch noch Befferes
als Beladung des Apparats mit werthlofem Ballaft herbeigeführt
worden wäre; dafs (laut p. XXIIIl) die in den
Handfchriften der Klaffe y zahlreichen Ergänzungen von
Bibelftellen, die Ambrofius nur geftreift hatte, dem Lefer
vorenthalten bleiben, mufs man im Intereffe der Bibel-
textkntik bedauern, auch wenn fie e vulgaris notae libro
quodam entnommen find. Der Lucascommentar des
heil. Ambrofius hat nun einmal für fich genommen als
wiffenfehaftliches Buch oder als religiöfes Kunftwerk einen
fo geringen Werth, dafs man die grofse auf feine genaue
Wiederherftelluug verwendete Mühe blofs rechtfertigen
kann, wenn man feine Ausnutzung durch allerlei Paffanten
mit gefchichtlichen Sonderintereffen aufs Kräftigfte befördert
.

Marburg. Ad. Jülicher.

Passiones vitaeque sanetorum aevi Merovingici edidit Bruno
Krufch. (Monumenta Germamae historica, Scriptorum
rerum Merovingicarum t. IV.). Hannover 1902, Hahn.
(VIII, 817 S. 4.) M. 26.— ;

auf feinerem Velinpapier M. 39.—

Der vorliegende Band der Monumenta Gcrmaniac
bringt wieder eine Reihe von Biographien von Heiligen,
die dem merovingifchen Zeitalter und zwar der Zeit von
600 bis 660 angehören. Der hochverdiente Leiter des
Unternehmens E. Dümmler hat ihn noch bevorwortet.
Es ift das Letzte, was wir aus der Feder des unermüdlichen
Gelehrten befitzen. Es berührt uns wehmüthig,
dafs er nicht mehr den Abfchlufs diefer Abtheilung —
es find noch zwei Bände in Ausficht genommen — erleben
durfte. Sein Name wird mit diefem Monumental-
werk deutfeher Wiffenfchaft und Gründlichkeit für immer
aufs innigfte verknüpft bleiben. —

Bruno Krufch, der Herausgeber diefes Bandes, der
vor allem auch für den mittelalterlichen Kirchenhiftoriker
von Bedeutung ift, hat fich durch die Herftellung des
urfprünglichen Textes der Viten zunächft um die Sprachgeschichte
wieder grofse Verdienfte erworben. Alle älteren
Ausgaben, auch die Mabillon's find vollftändig antiquirt,
und wer wie Referent wenigftens mit einem in der vorliegenden
Ausgabe abgedruckten Stück wie mit den Vitae
virtutesquePursei abbatis Latiniacensis et depuilano addia-
mentum Nivialense im Einzelnen zu arbeiten hatte, wird die
mühevolle und fcharffinnige Arbeit von Krufch zu fchätzen
wiffen. Befonders beiden Viten des heiligen Gallus ermöglicht
erft die neue Ausgabe ein ficheres Urtheil über ihren
Werth. In den Prolegomena, die den einzelnen Stücken
vorangeftellt find, hat der Herausgeber über die zum Theil
fehr complicirten Fragen nach der Abfaffungszeit, dem
Verfaffer und dem Werth der einzelnen Viten feine ausführlichen
Unterfuchungen klar und kurz, fo weit es
möglich war, niedergelegt. Auch hier dürfte feine Arbeit
faft in allen Punkten abfchliefsend fein, wenn nicht etwa
neue handfehriftliche Funde auf manche Frage ein neues