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Ausgabe:

1903

Spalte:

97-99

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jacob, Georg

Titel/Untertitel:

Das Hohelied, auf Grund arabischer und anderer Parallelen von neuem untersucht 1903

Rezensent:

Beer, Georg

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. in Berlin, und D. E. Schürer, Prof. in Göttingen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 18 Mark.

Nr. 4.

Jacob, Das Hohelied (Beer).

Fiebig, Der Menfchenfohn (Jülichcr).

Corpus scriptorum ecclesiasiicorum latinorum
vol. XXXII: Ambrosii opera pars IUI ed.
Sehen kl (Jülicher).

Passiones vitaeque sanetorum aevi Merovingici
ed. Krusch [Monumenta Germaniae historica,
Scriptorum rerum Merovingicarum t.IV] (Grützmacher
).

üanaöojtovloi, IIeqI Tijq änoatolLxijt; lei-
xoviiylag xov Aylov 'Iaxioßov (Ph. Meyer).

14. Februar 1903.

OriensChristianus hrsg.von Baumstark 1.Jahrg. |
(Ph. Meyer).

Gollancz, The ethical treatises of Berachya son

of Rabbi Natronai Ha-Nakdan (Guttmann).
Ellinger, Philipp Melanchthon (Boflert).
Zwingliana Nr. ii u. 12 (Boflert).
Krull, Jacobus Koelmann (Koehler).

Neu, Gefchichte der evangelifchen Kirche in
der Graffchaft Wertheim (Kueucker).

28. Jahrgang.

Ziegler, Die Verformung mit Gott (Niebergall).

Runze, Katechismus der Religionsphilofophie
(E. W. Mayer).

Niebergall, Wie predigen wir dem modernen
Menfchen? (Baflermann).

Knoke, Grundrifs der Fädagogik und ihrer
Gefchichte feit dem Zeitalter des Humanismus
(E. Chr. Achelis).

Eine Gefammtbibel in den Originalfprachen
(Neftle).

Jacob, Prof. Dr. Georg, Das Hohelied, auf Grund arabi-
fcher und anderer Parallelen von neuem unterfucht.
Berlin 1902, Mayer & Müller. (45 S. Lex. 8.) M. 1.6b

Die beiden jüngden Erklärer Budde (Comm. S.XIX)
und der in feinen Spuren gehende Siegfried (Comm. S.90)
fehen im Hohenlied wefentlich ,Ehepoefie'. Dem gegenüber
betontjacob, dafs man nicht .gleich ans „Heirathen"
denken' dürfe (S. IO. 24). auch da, wo die Lieder von
Liebesgenufs reden. Wiederholte Nachprüfung der von
Jacob angeführten Stellen läfst mich feinem Urtheil
nur bedingter Weife zuftimmen.

3 * könnte allerdings die beim Manne wohnende
junge Frau ihren Gatten nicht in der Kammer ihrer
Mutter bei fich haben — Budde und Siegfried fuchen
den ihnen unbequemen Text durch Streichung von
VTiit'OniZn2 an loszuwerden (S. 25). Auch könnte die
junge Gattin 8 lf nicht wünfehen, dafs ihr Mann ihr
Bruder wäre, um ihn auf offener Strafse küffen und in
ihrer Mutter Haus bringen zu können (ibid.). Aber
beide Male dreht es fich nicht um wirklichen gefchlecht-
lichen Verkehr. Denn 31«". ift wie auch 52fr. ein Traum
des liebeskranken Mägdleins — fo auch Jacob S. 28.
Und 81. » (lammt ,aus der Zeit der aufkeimenden
Rillen Liebe', was Budde S. 42 felbft zur Wahl Hellt.
Anders fleht es mit 2 h—h. Die hier vorausgefetzte
Situation erklärt fich am bellen aus der nach Burck-
hardt von Jacob S. 22 f. mitgetheilten Sitte eines
Beduinenltammes der Sinaihalbinfel, wonach der Bräutigam
die in die Berge geflohene Braut aus ihrem Verlleck
lockt und dann mit ihr die Ehe im Freien zu
vollziehen verpflichtet ift. Aehnlich ift I ig und 17 zu
verliehen. Das Ehelager ift die grüne Wiefe (.1332-1), oder
der Moosgrund unter Gedern und Cypreffen, die m.E. nach
der Abficht des Dichters Balken und Dachfparren des
Haufes der Liebenden vorftellen follen. Auch Budde
hat hier zunächft ein Lagern bei Mutter Grün angenommen
, fich dann aber durch 13812 verleiten laffen,
an das Ehebett im eignen Haufe zu denken. Darnach
erledigt fich auch 4h, ein Vers, den Budde und Siegfried
wieder ftreichen. Ift Jacob's Deutung von iie—n,
2 8—u und 4 h richtig, dann ift nach orientalifchen Begriffen
auch hier das Thema .Ehepoefie'. Der feine Kenner
der Realien des mittelalterlichen Orients dürfte alfo an
einigen Stellen den realen Untergrund der Erotik im
Hohenlied richtiger als Budde und Siegfried erkannt,
fich aber durch fein Befferwiffen felbft den Boden zur
Polemik gegen Beide entzogen haben.

Auch fonft begegnen wir bei Jacob einem befferen
Verfländnifs einzelner Stellen gegenüber Budde und

Siegfried, an deren Gefammtleiftung freilich feine
Brofchüre nicht reicht. So aeeeptirt Jacob S. 17 mit
Recht die von Bickell und Well häufen zu in empfohlene
L. A. nX3bi» ftatt rfa'bli), gegen die fich Budde
und Siegfried vergeblich fperren. S. 12 ift die aus
Vorlefungen von Reufs mitgetheilte Deutung der
D^bSRÖ Ztt auf läftige Nebenbuhler fehr anfprechend.
Der Burfche wünfeht fie zum Teufel, oder möchte fie
feine Fäufte fpüren laffen. S. 9 überfetzt Jacob nach
P. Haupt 217 10 gut mit ,fchmaufe' unter Hinweis auf
i 12 laotja, den übrigens auch Budde wie Jacob deutet.
Es ift allo nicht wahr, dafs ,die herrfchende Auffaffung' . .
,fich den Bräutigam bei feinem mesab von der Braut getrennt
' vorftelle (S. 8). 3 6ff. ift es nach Jacob mit der
Drelchtafel nichts, da jVnEiSt 32 — .Sänfte' ift (S. 20).
Vergl. auch die trefflichen Bemerkungen zu 3 s. 72. 8 8ff.
S. 19 fr. Einige fette Hechte bringt endlich auch die Pa-
rallelenfifcherei S. 36 ff. ans Land, z. B. zu 42b . 5 1 . 7 n.
Jedoch bekommen wir hierauch einiges recht überflüffiges
Zeug vorgetifcht z. B. zu i h . d . 2 g . 12 . 5 15 . 610. Der
Schufter fpricht überall gern vom Pech — dafs Jacob als
Orientalin feine für biblifche Philologen berechnete Abhandlung
gelegentlich auch von feinem türkifchen Licht
beleuchten läfst (z. B. S. 7. 36), wollen wir ihm alfo nicht
verübeln, hat doch erft fein Befuch einer Karagöz-
Vorftellung in Konftantinopel ihn S. 27 den obfcönen
Sinn von T 5 4 richtig erkennen laffen.

Im Ueb'rigen aber hätte Jacob beffer gethan, fein
vorlautes Urtheil über a.t.liche Dinge und Studien etwas
zu dämpfen. Das ,Niemand kann zween Herren dienen' —
rächt fich auch hier. Als kritifchtr Altteftamentler, der
der Orientalin Jacob nach S. 5 zugleich fein will, hätte
er nicht behaupten follen, dafs Wellhaufen .durch
kritifche Quellenfcheidung einen hiftorifchen Rahmen
[für das A. T.j zu gewinnen Richte' (S. 5 Anm. 1). Wer
Wellhaufen's Bücher einigennaafsen ftudirt hat, mufs
wiffen, dafs erft W.'s eminenter cultur- und religions-
gefchichtlicher Scharfblick ihn zum a.t.lichen Quellenkritiker
gemacht hat. Wie fachunkundig ift die andere
Behauptung Jacob's, dafs erft mit Gunkel's Genefis
,ein Eindringen in das Verfländnifs des wirklichen Textinhalts
[des A.T.j' beginne (ebda.). Jeder Altteftamentler
wird fich freuen, mit welchem Gefchick Gunkel die Er-
gebnifse der Affyriologie für beftimmte Gebiete des A. T.
einheimft. Darin folgt er aber einfach einem Zuge der
Zeit, dem fich namentlich feit der Entdeckung der
.chaldäifchen Genefis' durch G. Smith die Führer der
a.t.lichen Zunft nicht verfchloffen haben. Pfadfindertalent
— darin laffe ich mich nicht durch die gewandte
SelbftempfehlungGunkel'sbeftechen — kann ich an feiner

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