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Ausgabe:

1903 Nr. 3

Spalte:

89-92

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Böhl, Eduard

Titel/Untertitel:

Beiträge zur Geschichte der Reformation in Oesterreich 1903

Rezensent:

Bossert, Gustav

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89

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 3.



fehlt uns noch vollftändig und die theologifche Literatur,
die von 1529 bis 1545 in Goslar gefchrieben worden ift,
hat überhaupt noch bei Niemand (feit Heineccius) Beachtung
gefunden. Da liegt noch viel Stoff zur Bearbeitung
vor. Möchten fich jüngere Kräfte finden, die
folchen Aufgaben gewachfen find; es fehlen uns noch
die Biographien der erften drei Goslarer Superintendenten,
des Johannes Amandus f 1530, eines der merkwür-
digften Reformgeifter, des Paul Rode (f 1563) und des
ausgezeichneten Dr. jur. Eberhard Weidenfee f 1547.
Als Goslarer Schriftfteller verdient neben Corvinus und
Weidenfee befonders Poppius, Verfaffer einer ,Apo-
ddxts1 von 1532, rühmliche Erwähnung; fie erfchien im
Druck zu Marburg 1533. Zum Schlufs einige Kleinigkeiten
: S. 105 ift wohl ftatt ,(Zwinglium, Cafpar Schwenkfeld
, Jacobum) C an ticum' Cautium zu lesen; es wird der
Schwarmgeift Jacob Cauze gemeint fein. S. 54 ff.: Aman-

und richtiger geworden. Einem Lefer, der ein folches
Buch, wie das Böhl's lieft, braucht man ficher Worte wie
,erber', ,glerter' (S. 138) nicht zu erklären, noch lateinifche
Texte zu überfetzen. Manichfach find feine Erläuterungen
nicht ganz zutreffend; S. 83 find .Argumente' nicht Vorträge
, 'fondern, wie jeder fchwäbifche Lateinkhüler weifs,
Dictate, welche ins Latein überfetzt werden müffen.
Haubold benutzte diefe Stilübungen, um feinen Schülern
die flacianifchen Lehren einzutrichtern. S. 124 heifst sine
auetoritate nicht ,ohne richterliches Dazuthun', fondern
einfach ,ohne Genehmigung'. S. 225 Anm. 1 ift irrig. Der
Kaifer gebot nicht dem Prediger Stillfchweigen, fondern
dem Volk, das Pfalmen d. h. lutherifche Lieder in der
Hofkirche zu fingen wagte. S. 304 Z. 1 u. Anm. 1 ift
erft verftändlich, wenn man beachtet, dafs Geisler die
Schrift von Magdeburgius gedruckt hatte. Darum wollten
ihm die Stände den Druck der Agende nicht übertragen.

dus war nicht Dr.; er befafs keinen Grad, war nichts S. 64 Anm. ift O. O. 1564 etc. unverftändlich. Es ift
weiter als ein gewöhnlicher Antonitermönch, ehe er als wohl der Titel einer Schrift von Reinecker ausgefallen.
Reformator in Königsberg eintraf. S. 34: Amsdorf war 1 Böhl fagt in der Vorrede S. 4: .Obwohl Theolog,

nur Lic, nicht Dr.

Göttingen. Paul Tfchackert.

Böhl, D. Eduard, Beiträge zur Geschichte der Reformation
in Oesterreich. Hauptfächlich nach bisher unbenutzten
Aktenftücken des Regensburger Stadtarchivs. Jena
1902, G. Fifcher. (VI, 483 S. gr. 8.) M. 9.—

Der Werth diefes umfangreichen Buches, von dem
Bogen 1—6 mit Oefterreich nur in fehr lofer Beziehung
flehen und daher entbehrlich find, liegt in dem neuer-
fchloffenen Quellenmaterial aus dem Regensburger Stadtarchiv
, in erfter Linie in der Correfpondenz des Nik.
Gallus und Wolfg. Waldner's. Was Böhl hier bietet, ift
für die Gefchichte des Proteftantismus in Oefterreich,
für die Gefchichte der niederöfterreichifchen Agende und
der Kirchenordnung in Inneröfterreich, für die Wirk-
famkeit eines Chyträus, Chr. Sauter und Backmeifter, vor
allen für die Gefchichte des Flacianismus in Oefterreich
fehr intereffant. Neben den Theologen find es die Staatsmänner
Klombner und Pica, deren Briefe Beachtung verdienen
, aber auch von einfachen Laien wie Hans Waldner
und Siegmund Flaifch theilt Böhl fchöne Briefe mit. Man
hätte wünfehen mögen, der Emeritus der ev.-theol. Fa-
cultät in Wien, der mit dem Buch feinem Adoptivvater-
land ein Denkmal feiner Anhänglichkeit in ernfter, aufopfernder
Arbeit gefetzt hat, hätte fich auf Veröffentlichung
diefes Briefwechsels befchränkt und ihn mit einem
gründlichen Commentar und einem jetzt fchmerzlich
vermifsten Regifter verfehen. Das hätte ein Werk gegeben
, das an Bedeutung die Arbeit Elze's,Primus Trubers
Briefe1 noch überragt hätte.

Mit diefer Befchränkung wäre es möglich gewefen,
einen kritifch geficherten Text der Quellenftücke zu
geben, den wir 'jetzt entbehren müffen. Denn Böhl hat
dafür an fich werthvolle Abfchriften des Senior Friedr.
Koch in Gmunden aus den 1880er Jahren benützt, die
aber einer durchgängigen Collationirung durch einen
Schriftkundigen bedurft hätten. Damit wären die Lücken
im Text weggefallen, eine folche Correctur wie S. 482
ianitorem1 für ,leviticum ,in die Schule' für ,in den Orden'
wäre erfpart worden. Jene falfchen Lesungen S. 114 Z. 2
a Josuit (wohl Afotift nach a Soto, den Brenz Afotus
nannte), S. 286 Z. 15 Nausea, S. 292 Z. 9 for (l./w),
S. 293 Z. 17 ff., wo wohl zu lefen ift: Er hat hinter ihm
eine gute letze gelaffen, die wir uns etlichermafsen
gefallen laffen, S. 472 Z. 15 vestus (1. vehemens) S. 473
Z. 6 Prisne, das nach der Reihenfolge nicht Wismar fein
kann, etc. fielen dann weg. Die Abkürzungen, z. B. dnus,
nra, wie die Daten z. B. Montag nach Pankratii 1566
wären dann aufgelöft. Die Erläuterungen wären auf der
einen Seite fparfamer, auf den andern Seiten vollftändiger

befchlofs ich den Verfuch einer hiftorifchen Darfteilung
des Evangeliums in Oefterreich zu machen'. Leider macht
fich der Mangel hiftorifcher Schulung immer wieder
geltend. Da find Digreffionen, z. B. auf Moritz von
Sachsen und Moritz von Oranien, Sprünge in der Dar-
ftellung, Urtheile, die fich nicht halten laffen. Die Auf-
faffung von Ferdinands Charakter wird fich kaum rechtfertigen
laffen. Jedenfalls hat Ferdinand feinem Sohn
keinen evangelifchen Erzieher gegeben, denn als er Schiefer
dazu beftellte, konnte er nicht ahnen, dafs der Humanift
fich den Reformatoren zuwende (S. 109). Die Mahnung
des Hofpredigers an Ferdinand, wie fein Brief an Luther
(S. 129) find freie Erfindungen von durchfichtiger Tendenz
. Ganz unhaltbar ift die Annahme, Katharina von
Medici fei es ernft mit ihren Aeufserungen gegenüber
den proteftantifchen Gefandten gewefen. Der Reifebericht
der Pfälzer hat keinen felbftftändigen Werth. Vgl.
des Ref. Studie ,die Reife der württb. Theologen nach
Frankreich im Herbft 1561'. Vierteljahrsh. für württb.
Landcsgefchichte 1899,353—412, bef. S. 353 u. 394. S. 114
ift der Hotkaplan Paulus natürlich kein anderer als Skalich
, was aus S. 115 Anm. nicht klar hervorgeht. Zu
Maximilian II. wäre ftatt Lebret S. 137 Anm. 4 Stalin,
Württb. Gefchichte 4, 629/634 der die Beziehungen Ma-
ximilian's zu Herzog Chriftoph von Württemberg eingehend
behandelt, zu vergleichen. Ein Religionsgefpräch
zu Regensburg 1557 und ein Reichstag zu Frankfurt 1558
find unbekannte Dinge. S. 152. Z. 12 1. Aachen. Der
Hofprediger Cithard flammt wohl aus Sittard bei Aachen.
S. 195 ift die Angabe falfch, dafs Caspar Frank zuerft
die Graffchaft Haag reformirt habe. Böhl kennt weder
die Arbeit von W. Goetz, Oberbayr. Archiv Band 46,
noch die von Geyer, Beitr. zur bayr. K.-G. 1,193. Frank
ift der Sohn des Joachimsthaler Predigers. S. 197 Rennerts-
hofen ift nicht in der Nähe von Cham, fondern zwifchen
Neuburg und Monheim. Wenn der Landesherr Chr.
Reuter's Pfalzgraf Wolfgang war(S. 229), flammt er nicht
aus der Oberpfalz (S. 222), fondern aus der Jungpfalz.
S. 261. Joh. Nicenus war nicht im Dienft der Grafen
von Eifenberg, fondern von Ifenburg, alfo nicht in Thüringen
. Heppe, Gefch. des Prot. 1, 145. Die biographi-
fchen Angaben find vielfach zu berichtigen und zu ergänzen
. S. 136 Joh. Bapt.v. Pacheleben 'ift ein Schwenk-
feldianer (f. Schwenkt. — Epift. fub Bachaleb). Zu Georg
Kaifer S. 149 vgl. Bl. f. württb. K.-G. 1898, 102. Er ift
1552 Superintendent in Heidenheim und erklärt 1553
16. Sept. dem Herzog: Ich halts mit dem Illyrico, ein
heifsblütiger, ftreitfüchtiger Mann, den man entliefs.
Georg Khun S. 244, 340 ift Jan. 1562 ohne Dienft, wird
alfo kurz zuvor von Heidelberg entlaffen fein. Er kam
dann nach Ulm, wurde 1564 nach Efslingen berufen, 1566
wegen feiner Streitigkeiten bedroht, 1567 entlaffen, am
19. April in Stuttgart mit 30 fl. unterftützt, damit er fich