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Ausgabe:

1903

Spalte:

88-89

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hölscher, Gustav

Titel/Untertitel:

Die Geschichte der Reformation in Goslar 1903

Rezensent:

Tschackert, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 3.

.SS

Schwierigkeiten, die fich nicht vollftändig befeitigen
laffen —, ift die Kirche im 7. und noch im 8. Jahrhundert
aufs reichfte mit Gemälden (nicht mit Mofaiken) ausge-
fchmückt worden, die fich im Ganzen gut erhalten haben.
Ein Umbau oder eine Reftauration der Kirche
hat nie ftattgefunden, und fo läfst fich an ihr in ausgezeichneter
Weife ftudiren, wie fich der kirchliche Geift
der Byzantiner auf römifchem Boden dargeftellt und ausgewirkt
hat. ,From the ruins of an abandoned church,
which never knew the hand of a restorer, the religious
interests and tendencies of the Romans of those days,
their Standards of art and the kind of pictures they were
accustomed to see, their dress and personal appearance,
their manner of burial, have been brought home to us
more vividly than they had ever been previouslyl Der
Verfaffer hat das alles, namentlich aber den erftaunlichen
Reichtum an Gemälden, aufs genauefte befchrieben. Eine
Notiz im Papftbuch (Johannes VII.: ßasilicam itaque
sanctae dei genetricis qui Antiqua vocatur pictura decoravit')
ermöglicht es, zwifchen den älteren und den jüngeren
(Johann VII. 705—707) Decorationen zu unterfcheiden.
Unter jenen ift aber wiederum eine Unterfcheidung möglich
zwifchen den Bildern, die der Periode der Erbauung
der Kirche angehören, und denen, die gleich nach dem
grofsen Lateranconcil v. J. 649 gemalt worden find. Endlich
laffen fich auch die jüngften Gemälde datiren: fie
flammen aus der Zeit der Päpfte Zacharias und Paul L
(741—767) d. h. aus jener Periode, in welcher Rom das
byzantinifche Joch allmählich abgefchüttelt hat, aber
eben dadurch aufs neue die Hauptftadt von Wefteuropa
geworden ift. Dann hören wir noch aus dem Papftbuch,
dafs Leo III. (795—816) der Kirche ein xyburium ex
argento purissimo1 gefchenkt hat. Das ift die letzte Notiz;
die Griechen find definitiv vertrieben; nun aber verödet
auch die Kirche, die um ihrer Lage am Palatin willen
als ein Gotteshaus der in Rom refidirenden byzantinifchen
Beamten anzufehen ift wie S. Anaftafia und S. Maria in
Cosmedin. Leo IV. (847—855) hat fie aufser Gebrauch
gefetzt, indem er eine neue Marienkirche (die heutige
S. Francesca Romana) in dem Tempel der Venus und
Roma aufführen liefs und die Diaconia S. Mariae Antiquae
auf diefe neue Kirche übertrug. Aufser Gebrauch gefetzt
hat er fie aber, weil fie durch ein Erdbeben, welches
einen Theil der kaiferlichen Palaftbauten des Palatin auf
die Kirche herabftürzte, zum Theil verfchüttet war. Statt
fie aufzugraben und wieder herzuftellen, wurde eine neue
Kirche gebaut. So ift fie in Wahrheit ein Jahrtaufend
lang unter dem Schutt erhalten geblieben, bis der Spaten
fie wieder ans Licht gebracht hat.

Das Meifte ift hier griechifch, griechifche Infchriften,
griechifche Gewänder, griechifche Heilige; aber Rush-
forth's fcharfes Auge bemerkt doch auch local-römifche
Züge, welche die griechifche Kunft hier angenommen
hat, und lateinifche Infchriften fehlen nicht. In den Infchriften
findet fich viel Intereffantes, fo ein Stück aus
dem berühmten Lehrbrief Leo's an Flavian: [evegyel yäg
exartoa fiogcpr/ fiexa xrjg &axeQ]ov [xoivcov[iaq Öjceq
Iölov köyrpcsv xov pev löyov xaxe[Q]ya^ope[v]ov o[sien]
eoxlv rov X6y]ov, rov de Gcopaxoc exxeXov[y]xog bsieg
eöxlv xov oeouaxog' xdi xb pev [a]vxoöv 6[iaX](i[pjiet] xolg
{favpaöiv, rb de xalg vßgeOiv vmmistxmxev. Auch fonft
find Stellen aus Kirchenvätern an die Wände gefchrie-
ben; den gelehrten Freunden des Verfaffers ift es gelungen
, fie zu identificiren; fpeciell Hrn. Brightman gebührt
das Verdienft, das Princip ihrer Auswahl entdeckt
und damit ihr Alter ermittelt zu haben.

Leider war es nicht möglich, der Abhandlung Abbildungen
beizugeben, und damit fehlt ihr ein Haupt-
ftück. Die italienifche Regierung hat fich die Publicirung
vorbehalten. Wir werden wohl noch lange warten
müffen!

Berlin. A. Harnack.

Hölscher, Prof. Dr., Die Geschichte der Reformation in Goslar,

nach dem Berichte der Akten im ftädtifchen Archive
dargeftellt. (Quellen und Darftellungen zur Gefchichte
Niederfachfens. VII. Bd.). Hannover 1902, Hahn.
(V 193 S. 8.) M. 3.6b

Ueber die Reformationsgefchichte Goslars waren wir
bisher nur durch die älteren Darftellungen von Ha'mel-
m a n n in deffen Historia renaü evangelii (Opera historico-
genealogica, Lemgo 1711), Trumphius, Goslar'fche
Kirchenhiftorie 1704, 40 und Heineccius, Antiquitates
Goslarienses 1707, Folio, unterrichtet; aber da alle drei
ohne Kenntnifs der Goslarifchen Stadtacten gefchrieben
haben, fo ift ihre Kenntnifs von den inneren Vorgängen,
die fich innerhalb des Rathes und der Gemeinde abspielten
, eine fehr oberflächliche; doch foll nicht ver-
geffen werden, dafs fie theils zeitgenöffifche, theils chro-
nikalifche und monumentale Nachrichten enthalten, die
nicht zu entbehren find. Aber die Hauptfache fehlte
ihnen, die Kenntnifs der handfchriftlichen Quellen, der
Acten und Brieffchaften, welche das Archiv der ehemaligen
freien Reichsftadt noch heute birgt. Da ift es
nun für die Wiffenfchaft ein fchöner Fortfehritt, dafs
ein bewährter Hiftoriker Zeit und Mühe nicht gefpart
hat, uns den bisher unbekannten Goslarer Actenfchatz
zu heben. Ein anderer als Prof. Hölfcher hätte das zur
Zeit gar nicht zu Stande bringen können; denn diefe
Arbeit konnte nur an Ort und Stelle in Angriff genommen
und durchgeführt werden. Um fo gröfser mag
unfere Freude fein, dafs fie glücklich vollendet ift. Das
Buch ift mit umfaffender Kenntnifs der Goslarer Quellen
und ftets mafsvollem Urtheil gefchrieben; der Verfaffer
befleifsigt fich einer ruhigen Objectivität und vertheilt in
der Darfteilung Licht und Schatten gerecht, ohne feinen
proteftantifchen Standpunkt zu verleugnen.

Hölfcher führt die Reformationsgefchichte Goslars
von ihren erften Anfängen 1525 bis zum Augsburger
Religionsfrieden und der Confiftorialordnung des Tile-
mann Hefshufius im Jahre 1555. Als neu tritt fofort in
den Vordergrund die Beobachtung, dafs in Goslar, wo
der Bergbau eine grofse Rolle fpielte, die Umwandlung
der kirchlichen Verhältnifse zu Anfang mehr durch eine
focialrevolutionäre Gährung der niederen Stände als durch
eine religiöfe Erweckung veranlafst ift; einige Kirchen
und Klöfter werden 1527 vom aufgeregten Pöbel verbrannt
; die Stadt wird fo des Landfriedensbruches fchul-
dig; fo war der Rechtsgrund gegeben, dafs der Kaifer
fchliefslich die Stadt in die Acht that und Heinrich von
Braunfchweig fie durch Wegnahme des Bergwerks am
Rammeisberge wirthschaftlich lähmte, auch politifch die
Hand auf fie legte, indem er fich zu ihrem erblichen
Schutzherrn machte. Zwifchen diefen focialen und po-
litifchen Vorgängen verläuft die eigentliche Kirchenreformation
der Stadt, indem 1528 Amsdorf von Magdeburg
herüberkommt und 1531 eine Kirchenordnung auf-
ftellt, auf deren Grunde der Superintendent Dr. Eberhard
Weidenfee das Kirchenwefen organifch weiterbaut.
Des Interims erwehrt fich die lutherifche Stadt, und, als
Heinrich von Braunfchweig fie 1552 politifch unterwarf,
hat er merkwürdiger Weife ihre lutherifchen Kirchen und
Geiftlichen nicht angetaftet. Dies in kurzen Zügen der
Aufrifs des Hauptinhaltes des Buches. Es bringt durchweg
Neues und wir haben allen Grund, dem Verfaffer
für feine Gabe immerdar dankbar zu bleiben; denn wer
in der Folgezeit über die Goslarer Reformation und das
Verhältnifs des Herzogs Heinrich von Braunfchweig zu
diefer Stadt reden oder fchreiben will, mufs auf das vorliegende
Werk zurückgreifen, weil hier die mafsgebenden
Originalquellen erfchloffen find.

Auf dem hier gelegten Grunde darf nun weiter gebaut
werden; auf ,die Gefchichte der Reformation in
Goslar' darf nunmehr die biographifche Gefchichte der
[ Goslarer Reformatoren verfucht werden; eine folche