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Ausgabe:

1903 Nr. 3

Spalte:

86-87

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rushforth, M. A.

Titel/Untertitel:

The church of S. Maria Antiqua 1903

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 3.

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in der gnoflifchen Literatur gut umgefehen; ich bedauere,
dafs er C. Schmidt's Abhandlung über Plotins Stellung
zum Gnoflicismus 1900 noch nicht benutzen konnte; auch
die Neuplatoniker eignen fich neben den katholifchen
Chriften fehr zu einem Maafsftab für Beurtheilung gnofti-
fcher Religiofität. Was der Verf. in feinen Gefchichtsan-
fchauungen Harnack verdankt, verfchweigt er nicht, aber
er ift keineswegs nur ein Commentator von deffen in der
Dogmengefchichte I3 niedergelegten Theten; die ,acute
Verweltlichung des Chriftenthums' lehnt er in feiner
Charakterifirung derGnofis entfchieden ab, derGegenfatz
zur Welt fei bei den Gnoftikern gerade fo fcharf wie in
der Kirche, nur nicht wie dort ein gefchichtlich-fittlicher,
fondern ein metaphyüfch-pfychologifcher und kultifcher.
Das Vorwiegen einer dualiftifchen Werthung der Welt
trotz moniftifcher Kosmogonie bei den Gnoftikern wird
z. B. S. 56 gut betont, die ethifche Dürftigkeit der Gnofis
trotz ihres Enthufiasmus für Heiligkeit und ihrer Askefe
treffend begründet, und in feinem Urtheil bemüht fich
L. ernftlich, die Motive der Gnoftiker unbefangen zu begreifen
. Ich glaube, dafs durch die Beleuchtung, unter
die er das gröfstentheils ja bekannte Material hier gerückt
hat, durch die neuen Gefichtspunkte, unter denen
er es zufammenftellt, felbft in Theil III, auf den der
Lefer nach dem Titel eigentlich kaum rechnen würde,
das Verftändnifs diefer merkwürdigen Bewegung in der
That gewinnt; auch Marcion tritt aus dem Rahmen, in
den er hier geftellt wird, fo lebendig und wahrhaftig
heraus, für ihn wird ja nicht gelten follen, was S. 103
als Mangel aller gnoflifchen Religion, auch auf ihren
Höhepunkten anerkannt wird, dafs fie egoiftifch fei,
keine Religion der dienenden Liebe und der fittlichen
Arbeit. Geiftreich übrigens, aber m. E. unbillig, heifst
es S. Iii von Marcion, fein ,guter Gott' fei ein Gott der
Decadence, der einer untergehenden, müde und fchlaff
gewordenen Cultur. Von allen anderen Gnoftikern mufs
man das wohl zugeftehen, von Marcion gerade nicht,
fchon die kampffreudige Zähigkeit, mit der feine Secte
fich Jahrhunderte lang erhalten hat, ift ein Argument
dagegen. Die Erklärung im Schlufswort S. 162, die
Gnoftiker feien ,nicht die hochmüthigen Philofophen,
fondern die demüthigen Frommen' ift mindeftens mifs-
verftändlich, denn das könnte mit gleichem Recht von
Plotin und Porphyrius behauptet werden. Und dafs fie
die Grenzen des natürlichen Erkennens befonders eng
ziehen, ift eigentlich auch nur richtig in Bezug auf das
profanum vulgus; beim Pneumatiker ift dies Erkennen
grenzenlos; er ficht und geniefst eben von Natur die
höchften göttlichen Geheimnifse; an die Stelle einzelner
durch Gottes Gnade in der Gefchichte gewährten Offenbarungen
, wie fie die Kirche in ihren heiligen Büchern
befitzt, tritt bei ihm die Gnade des Antheilhabens an
einer offenbarunghaltigen Natur. Von der Reminiscenz
und der Präexiftenz (fo z. B. S. 26) könnte vielleicht in
der Befchreibung deffen, was bei den Gnoftikern Offenbarung
heifst und bedeutet, etwas mehr als in L.'s Buch
die Rede fein.

Ich fchliefse mit der Erwähnung einiger Stellen, wo mir
der Verf. feine Texte nicht richtig verftanden und darum
auch nicht zutreffend verwerthet zu haben fcheint. S. 18
belegt Iren. I 25 3, dafs einige Karpokratianer fich über
Jefus, nicht blas über feine Hauptapoftel erhoben haben.
S. 24 heifst txetxa jtQoq&elq XQayixöv xiva (ivfrov ex
xovxov ovvißxäv ßovkexcu xi]v ejcixtxeiQTjiitvrjv avxco
aiQeaip nicht: er hängt einen tragifchen Mythus daran
und behauptet, darauf beruhe feine häretifche
Lehre, fondern, er benutzt diefen Mythus zur Empfehlung
für feine Doctrin. Die beiden von L. S. 41 f.
zuruckgewiefenen Irenaeus-Stellen gehören, namentlich
ü 30 7 zweifellos hierher; warum follte der ,innere Menfch'
eines Gnoftikers nicht fchon gegenwärtig bis über den
liebenten Himmel hinauffteigen können, wenn er doch
einlt von dort herabgeftiegen ift? Die von L. S.oqf vernichte
Herftellung des verdorbenen Textes von Clemens
AI. Strom. V, I :i ift unannehmbar, xxloemq ctvvjteoD-exov
xaAUoc döwQidxov kann nicht heifsen: die unverlierbare
Schönheit der plötzlich gefchaffenen. Auch die 116 n. 1
vorgefchlagene Conjectur ift wohl entbehrlich, fehr der
Erwägung werth die 116 n. 2 für Andreasacten ed. Bonnet
381» f. dargebotene.

Proben religionsgefchichtlicher Forfchung wie diefe,
die mehr enthält als der Titel andeutet, die fich von den
meift entfetzlich langweiligen Unterfuchungen über Gnofis
und einzelne Gnoftiker fo vortheilhaft abhebt, werden
auch denen gefallen, die vor der Religionsgefchichte
fich ein wenig fürchten; ich wünfchte fogar, dafs L. hier
fortfährt und fich die Aufgabe ftellt, das Bild des
Gnoflicismus mit gleicher Liebe aber noch auf weiterem
Hintergrund, neben anderen Myfterienculten und Reli-
gionsphilofophien jener Zeit zu zeichnen.

Marburg. Ad. Jülicher.

Rushforth, Dir. G. Mc N., M. A., The church of S. Maria

Antiqua. (Papers of the British school at Rome.
Vol. I., Nr. 1.) London 1902, Macmillan & Co.
(123 p. gr. 8.)

Die neueften Ausgrabungen auf dem Forum Roma-
num haben ein Licht geworfen auf die ältefte und auf
die fpätefte Gefchichte des antiken Roms — auf die
fpätefte, wenn man die byzantinifche Periode (Mitte des
6. bis über die Mitte des 8. Jahrh.) noch zur antiken Gefchichte
rechnen will. So dunkel aber wie diefe byzantinifche
Periode der Stadt ift kaum eine andere in ihrer
langen Gefchichte. Wie fpärlich find die hiftorifchen
Quellen feit Gregor dem Grofsen und wie unfähig find
die Schriftfteller jener Zeit, über chroniftifche Angaben
hinaus irgend etwas zu erzählen! Aber auch die Monumente
find wenig zahlreich, und fie find dazu noch
gröfstentheils umgebaut und unkenntlich gemacht worden.
Es ift aber die Periode, die mit der Auflöfung und Zer-
ftörung des römifchen Roms einfetzt — bis über den
Anfang des 6. Jahrhunderts war die Stadt noch die alte
— für die Kirchengefchichte von hoher Bedeutung. In
ihr ift das ,profane' Rom in das kirchliche umgewandelt
worden, nicht durch eine innere Umbildung, denn dazu
fehlte dem lateinifchen Chriftenthum die brutale Kraft,
fondern durch das Eingreifen des Byzantinismus
. Er hat die Tempel in Kirchen verwandelt und
den genius loci zu Boden gefchlagen; nicht Barbaren
haben das gethan. Aber auch damals ift die Zerftörung
nicht blofs Zerftörung gewefen. Das griechifche Element,
welches aufs neue in den Werten herüberkam, war freilich
nicht mehr jenes, welches Hieronymus, Ambrofius,
Rufin und Auguftin den Lateinern zugeführt hatten, aber
es umfchlofs doch noch Fragmente desfelben. Diefe
Fragmente hat das byzantinifche Rom im 7.Jahrhundert
zu den Angelfachfen getragen, bei denen es miffionirte,
und hat fo das ferne Land, deffen Mönche die Cultur-
träger des folgenden Jahrhunderts werden follten, nicht
nur in den Zufammenhang der lateinifchen, fondern auch
der griechifchen Bildung gebracht. Beda, der vir vere
venerabilis, wäre ohne fie nicht geworden, was er geworden
ift.

Es ift daher wohl verftändlich, dafs fich englifche
Gelehrte für das Rom des 7. Jahrhunderts intereffiren
und eben deshalb für das byzantinifche Rom. Sie
decken dort verborgene Pfeiler ihrer eigenen Culturge-
fchichte auf.

Einen folchen Pfeiler hat Hr. Rushforth in der
vorliegenden ausgezeichneten Monographie ans Licht
geftellt. Es handelt fich um die Kirche S. Maria Antiqua,
die nun wieder aufgedeckt ift. Gebaut, wie der Verfaffer
zeigt, im 3. Viertel des 6. Jahrhunderts — der Name
,Antiqua' macht bei diefem Anfatz allerdings einige