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Ausgabe:

1903 Nr. 3

Spalte:

82-84

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Horovitz, Jakob

Titel/Untertitel:

Untersuchungen über Philons und Platons Lehre von der Weltschöpfung 1903

Rezensent:

Heinrici, Carl Friedrich Georg

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 3.

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Schöpfungsberichts über die kosmologifchen Mythen das Lefen nicht. Wie viel wohlthuender wirkt das Papier

anderer Religionen mit gleichem Nachdruck hervor, Philo von Niefe's Jofephus auf das Auge! Das zweite xov

aber zweckt das Ganze anders ab, als Jofephus, indem S. 2, Z. 5 im Apparat ift wohl zu tilgen.

er die Unvollkommenheit jedes Verfuchs, die Majeftät Leipzig G. Heinrici.

der Schöpfungsthat ganz zu erfaffen, darthut. Im Aus- ' ö'

druck find beide unabhängig von einander, die charak-

teriflifchen Ausdrücke des einen fehlen bei dem anderen Horuvitz, Dr. Jakob, Untersuchungen über Philons und Piatons
(vergl. z. B. mvoioXoyia, xaQctöeiyfia, xctLdevuct, jcaiMa Lehre von der Weltschöpfung. Marburg 1900, N. G. Elwert.
bei Jofeph., xoouonoda, ßovXrjua xfjq mvöemq bei Philo), i (xm ~ g. M
Wie eigenartig ift derfelbe Gedanke ausgedrückt, wenn ; lz' s' gr' °'> ' -4

Jofeph. § 24 fagt: jcctvxa yixQ rj, xmv oXmv wvßsi Ovfi- Die neue grofse Philo-Ausgabe wirkt in erfreulicher
<pmvov t'xu xrjv dä&eötv und Philo § 3: mg xai xov Weife auch auf die Philo-Studien anregend, die nach dem
xöopov xm vö/im xai xov vöfiov xm xööum övväöovxog lebhaften Betrieb in der Mitte des vorigen Jahrhunderts
xxX. 1654'ferner'ift xaxia, das Philo'allein, Joseph, neben ! ftark zurückgetreten waren. Die fleifsige Erftlingsfchrift,
JUXQta hat, nicht beweifend. Es ift die übliche Kategorie | die ich erft jetzt befprechen kann, behandelt ein befonders
für alle Schlechtigkeit und Unbrauchbarkeit. Die gleiche fchwieriges Problem aus Philo's Gedankenkreife. Sie will
Ausdehnung des Verbots, den Namen Gottes zu läftern, | feine Lehre von der Weltfchöpfung aus Plato's Timaeus
auf die Götter anderer Völker, die beide in felbftändiger ' ableiten. Diefe Aufgabe führt zu einer Erörterung der

Faffung haben, ift fchwerlich von Philo erfonnen; fie ergab
heb. mit zwingender Nöthigung aus den Erfahrungen
des Exils und der Diaspora. Ebenfowenig wie 20311 f.
ein literarifcher Bezug zu Matth. 5 is und den übrigen
Parallelen vorliegt — die Unveränderlichkeit und Ewig-

wichtigften metaphyhfchen Anfätze beider Denker, von
Gottes Verhältnifs zur Welt, den Mittelwefen, der intel-
ligibelen Welt, der Art und dem Gange der Schöpfung,
der Stellung des Menfchen zur Idealwelt und in der
Schöpfung. Die hergehörigen Ausfagen aber präcis zu

keit des Gefetzes ift Glaubensfatz jedes frommen Juden, i faffen und die in Betracht kommenden Verhältnifsbe-

— tritt he in den anderen Parallelen hervor. Jofephus
fowohl wie Philo hatten Theil am geiftigen Gefammt

ftimmungen exaet herauszuarbeiten, ift deshalb fo fchwierig,
weil Plato als Philofoph dichtet und als Dichter philofo-

behtz und verwerthen ihn, jeder nach feinen Zwecken, phirt, und weil Philo als Exeget der Weisheit des Mofes
Daher charakterihrt auch Philo feine Arbeit alfo: er die analogen Gedankengänge der Griechen theils über-
fchöpfe aus den heiligen Büchern und unterrichte fich nimmt, theils umformt. So bekommen die Ausfagen und

weiter von einigen Äelteften des Volks (stand xivmv
caco xov i&vovg jtocoßvxtQ^mv). xd yaQ Xeyofteva xolg
avayivmoxo^itvoiq ael ovvwpaivov (120 4 f.). Auch fonft

Begriffsbeftimmungen beider, wo he das Gebiet erhellen
wollen, das jenfeits der exaeten Beobachtung liegt, etwas
elaftifches und fchwankendes. Bildliches und fachliches ift

weift er auf die Tradition und ihre Träger, auf die (pvöixol bei Plato fchwer zu fondern, und bei Philo bewirken die
dvÖDEq, die allegorihren (2614), und auf Exegefen anderer ' heiligen Texte manche Verfchiebungen der Begriffsbildung,
(z. B. 23 11, 5 5 22 f., 119 3 f.). Diefe allgemeinen Hinweife [ Wie unbeftimmt ift z. B. fein Schöpfungsbegriff felbft. Die
fallen umfo mehr in's Auge, als er literarifche Quellen, j Vorftellung des Weltbildners, die Plato's Darlegungen be-
die er benutzt, zu markiren pflegt. Die Neigung, bei | herrfcht,und die desWeltfchöpfers kreuzen fleh mannigfach.
Gedankenähnlichkeiten fofort literarifche Abhängigkeiten 1 Mit guter Sachkenntnifs und dem Beftreben, möglichft
oder fonft directe Beeinflufsung zu conftruiren, ift ja j viel Syftem in die hergehörigen Vorftellungsreihen zu
noch immer vorherrfchend. Sie wird dem wirklichen ' bringen, geht der Verf. an feine Aufgabe. Seine Grund-
geiftigen Austaufch nur zum kleineren Theile gerecht, 1 thefe lautet: Plato giebt dem Philo Gehalt und Richtung,
und ungerecht ift he gegen die Thatfache, dafs es zu | die ftoifchen Elemente liegen nur auf der Aufsenfeite der
allen Zeiten auch Selbftdenker und felbftändige Arbeiter ; philonifchen Lehre. Um dies darzuthun, unterfucht er
gegeben hat. nach einer orientirenden Einleitung (S. 1 —15) Plato's

Für die Werthung des Verhältnifses von Philo zum I Ideenlehre mit einer Ausführlichkeit, die den eigentlichen
Chriftenthum bieten auch die Schriften diefes Bandes Zweck der Arbeit vergeffen macht, in fteter Auseinanderwerthvoile
Beiträge. Ich darf hier nicht mehr darauf I fetzung mit abweichenden Meinungen (S. 16—59); dann
eingehen, möchte aber von neuem betonen, dafs Philo 1 geht er auf Philo's Schöpfungslehre ein, wobei er (ich be-
ebenfo als ein echter Jude fich erweift, dem die Unan- 1 fonders bemüht, Philo die Urheberfchaft für die wichtige
taftbarkeit des Gefetzes (De Monarch. II, § 3 R.), die Noth- ! Idee des xoö/wq vorxdq zu wahren, die er in Umbildung des
wendigkeit der Sabbathheiligung ( Vit. Mos. II, § 217 f.), platonifchen gcüov^o^rovherausgearbeitethabe(S.6o—100).
die auserwählte Herrlichkeit des Volkes Israel (De Abrah., ^ Daran fchliels'en fich vier Excurfe zur weiteren Auf hellung
§ 98) Axiome find, wie er in Intellectualismus und 1 ftreitiger Punkte und zur Beleuchtung von Philo's Be-
Myftik des Hellenismus fchwelgt, auch deffen peflimiftifche nutzung der LXX (S. ICH—127).

Weltbeurtheilung fleh aneignet (De Abrah. % 202 f.). Die j In der That, wer Philo's Buch von der Weltfchöpfung
originalen Kerngedanken des Evangeliums liegen ganz und Plato's Timaeus neben einander lieft, fteht unter dem
aufserhalb feines Horizonts. Er combinirt vorhandenes Gut | Eindruck weitgehender Denkgemeinfchaft beider. Der
als Clafflker der religiöfen Geiftesluft des erften Jahr- ! Aufbau der Schriften ift ähnlich. Die Einwirkung Plato's
hunderts. Die altteftamentliche Religion ift ihm /) xdxQioq auf die Metaphyflk Philo's ift unverkennbar. Man begreift,
(piXoöoq>ia (2501s u. ö.). So hat er jene Verbindung er- wie der helleniftifche Jude, dem die griechifche Bibel nach
zwungen zwifchen feiner Religion und der antiken Phi- ihrem Wortlaut Gottesoffenbarung ift, und der nicht nur
lofophie, welche danach in neuer ürientirung die Theo- J im allgemeinen mit der ethifch-religiöfen Popularphilofo-
logie der Kirchenlehrer beherrfcht hat. Diefe Theologie, phie feiner Zeit vertraut war, fondern Plato ebenfo wie
nicht aber die urchriftliche Entwickelung, hat er Richtung I die Stoiker und die Neupyth agoreer ftudirt hatte, von
gebend beeinflufst. j feinen Grundüberzeugungen aus zu der Meinung kommen

Bei dem Studium Philo's vermiffe ich in der neuen konnte, Plato nicht nur, fondern die griechifchen Denker
Ausgabe ungern kurze Inhaltsangaben, wie fle z. B. | überhaupt, fo weit er Wahrheit in ihnen fand, für Schüler
Richter bringt. Sie erleichtern die Ueberfchau. Niese der Mofes zu halten. Aber eben nur von feinen Grundbringt
in feiner Jofephusausgabe die sjuxo/icd zum Ab- ; Überzeugungen aus find feine Speculationen richtig zu erdrück
. Für Philo fehlen allerdings folche handfehrift- 1 faffen. Er kommt nicht von der griechifchen Philofophie
lieh überlieferte Angaben; aber die fpäter von fach- 1 zur Bibel, fondern von der Bibel zur griechifchen Philo-
kundigen Männern angefertigten können fie erfetzen. | fophie. Einem Fifcher gleich wirft er vom fefttn Ufer
Auch das geglänzte Papier der neuen Ausgabe erleichtert aus feine Angel in die Ströme griechifchen Geifteslebens.