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Ausgabe:

1903 Nr. 2

Spalte:

51-54

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Knöll, Pius (Ed.)

Titel/Untertitel:

Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum.Vol. XXXVI 1903

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 2.

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Druckfehler finden fich im Texte am feltenften,
häufiger in Apparat, Index und Noten. Dafs einer —
übrigens einer der gelinderten — wie aooaßmv 676b
aus der vorigen Auflage flehen geblieben ift, kommt
nur ausnahmsweife vor. Nicht immer ift die lateini-
fche Ueberfetzung den Veränderungen des griechifchen
Textes gefolgt, z. B. Diogn. I p. 39012 lieft jetzt F.
(ebenfo ed. minor) coq fiaXiOza av axovoavza Ob ßehzico
yevsod-ai; die Ueberfetzung lautet noch wie 1877 nac"
dem Text coq [i. zov axovoavza ßeXzlm y.: ,ut is qui audi-
vit utique melior fiat, und auch im Apparat wird jene
Conjectur v. Otto's zov äxovOavza nicht erwähnt. Dagegen
notirt die neu hinzugekommene Anmerkung zu
der Stelle ruhig zov äxovOavza.

Beim Studium der Funk'fchen Neuausgabe, der ich
die verdiente Verbreitung und Anerkennung wünfche,
ift in mir doch das Gefühl lebendig geworden, dafs wir
von der grofsen Ausgabe der Patres Apostolici von
v. Gebhardt-Harnack-Zahn, die ja einen anderen Typus
repräfentirt, einer Neubearbeitung gleichwohl bedürfen,
dafs diefe aber fehr gut thäte, das lateinifche Gewand
abzuftreifen. Für eine blofse Textausgabe mit Apparat
mag die Verwendung der Gelehrtenfprache fich empfehlen,
den einzigen wichtigen Fortfehritt, den ich für Jahrzehnte
in gröfseren Ausgaben diefer Alten zu erhoffen wage,
ift die Ausftattung eines guten, alle Refte der Ueber-
lieferung darbietenden und kritifch verarbeitenden Textes
nicht nur mit einzelnen lateinifchen Gloffen, die jederzeit
fich beliebig vermehren laffen, fondern mit einem gediegenen
, fortlaufenden, die oben gedruckten Texte als
etwas Lebendiges behandelnden Commentar in einer
lebenden Sprache.

Marburg i. H. Ad. Jülicher.

Corpus scriptorum ecclesiasticorum latinorum. Editum consilio
et impensis Academiae Litterarum Caesareae Vindo-
bonensis. Vol. XXXVI. Sancti Avreli Avgvstini retrac-
tationvm libri dvo. Recensvit et commentario critico
inftrvxit Pivs Knöll. Vindobonae 1902, F. Tempsky.
(XXI, 217 S. gr. 8.) M. 7.40

— Dasselbe, Vol. XXXXII: Sancti Avreli Avgvstini de
perfectione ivftitiae hominis, de geftis Pelagii, de gra-
tia Chrifti et de peccato originali libri dvo, de nvp-
tiis et concvpiscentia ad Valerivm comitem libri dvo.
Recensvervnt Carolvs F. Vrba et Jofephvs Zycha.
Ebd. 1902. (XXXI, 333 S. gr. 8.) M. Ii.—

In den letzten Monaten find in der Wiener Kirchenväterausgabe
zwei neue Bände mit Schriften Auguftin's er-
fchienen, der eine enthält die berühmten Retractationes,
die der grofse Afrikaner gegen das Ende feines Lebens
zugleich als zufammenfaffende Darftellung feiner fchrift-
ftellerifchen Arbeiten und als Richtigftellung einzelner Fehlgriffe
oder als authentifche Deutung mifsverftandener
Wendungen in denfelben entworfen hat. Der andere um-
fafst Tractate aus den erften Zeiten des pelagianifchen
Kampfes, zwifchen4i5 und 420 verfafst, darunter wegen
feiner zeitgeschichtlichen Notizen vor allem wichtig de
gestis Pelagii, als Fundgruben für das Verftändnifs von
Auguftin's Ideen über Gnade, Sünde, Luft und Gerechtigkeit
ebenfo bedeutfam die Abhandlungen de perfectione
justitiae hominis, de gratia Christi et de peccato originali,
de nuptiis et coneupiscentia, die beiden letzten aus je zwei
Büchern beftehend.

Die fleifsigen Forfchungen von P. Knöll haben jedenfalls
unfere Kenntnifs von dem Beftande der Textüberlieferung
der Retractationes wefentlich vermehrt. Hand-
fchriften find in grofser Zahl collationirt worden, und der
Apparat leidet eher an dem Fehler, zu viel — z. B. immer
wieder gleichgültige orthographifche Varianten wie char-

tagine, karthagine, kartagine neben carthagine — als zu
wenig zu notiren. Die ,retractirten' Stellen werden, was
freilich die Mauriner bequem gemacht haben, zuverläffig
angegeben und in einem Index zufammengeftellt, auch der
Index der Citate aus Bibel und anderen Schriftftellern
fowie der Selbftcitate befriedigt alle Anfprüche; kleine Ver-
befferungen wie zu 120,1 und 212b Eph. 5,28 ftatt Col. 3,19
kann man natürlich immer noch anbringen. In der Prae-
fatio werden wir über die benutzten Handfchriften orien-
tirt, dafs p. XXI S als codex Sessorianus n. 38 p. XIII
aber als c. S. n. 2098 befchrieben wird, ift für den nach-
denkendenLefer kein Grund zur Erregung. EinzelneDruck-
fehler wie S. V Z. 5 138 ft. 183 fchaden kaum, im Apparat
find fie unangenehmer, wie wenn bei 185, 4 als Variante
der editio Amerbachiana zu dem Text regenerentur das
gleichlautende regenerentur aufzieht oder 106, 17 cod. P als
Zeuge für ein ems mitwirkt, obwohl er die Seiten 106,
10—109, 3 gar nicht enthält. Von hoher Bedeutung aber
ift eine andere Frage. Knöll conftatirt für die Retractationes
zwei ftark unterfchiedene Ueberlieferungszweige.
Repräfentanten der einen find ein noch vor 800 gefchriebener
Petropolitanus eigentlich Corbeiensis (C) und ein Bononien-
sis von etwa 8io(D), minder gut ein Vindobonensis (R) des
12. Jahrhunderts und noch viel entftellter ein Parisinus
von gleichem Alter (E). Die andere Claffe wird durch
ebenfo alte Handfchriften vertreten, z. B. einen Verccllensis
von c. 800 und vier Codices des 9. Jahrhunderts, aufs will-
kürlichfte verdorben liegt fie in einem Bambergensis von
bald nach IOOO und einem Vindobensis XII s. (W) vor. Die
bisherigen Ausgaben beruhten auf diefer in der Herrfchaft
verbliebenen Ueberlieferung, Knöll ftellt fich ganz ent-
fchieden auf die andere Seite, obwohl er die Unmenge
von falfchen Schreibungen in CD1 — die überhaupt nur
einen wahrfcheinlich nahe hinter ihnen liegenden Archetyp
repräfentiren — nicht verhehlt: bieten fie doch z. B. 184, e
sequentia für setitentia und 184, 17 ein nicht minder finn-
lofes quid für qui.

Knöll verfpricht wiederholt, an anderer Stelle feine
Bevorzugung des Corbeiensis und der Trabanten desfelben
rechtfertigen zu wollen; für eine Reihe von Fällen wird
es einer Rechtfertigung nicht erft bedürfen. In weit mehr
Fällen aber erfcheint mir diefe Bevorzugung unbedingt
ungerechtfertigt, und darum würde ich auch an zweifelhaften
Stellen es lieber mit dem Texte der Mauriner
halten. Ich finde fogar für die Parteinahme Knöll's eine
ausreichende pfychologifche Erklärung nur in dem Um-
ftande, dafs unter der anderen Gruppe kein Codex fo
unbedingt die Führerrolle übernehmen kann wie drüben
C; H hat treffliches Material, ift aber von einem Barbaren
gefchrieben, S bietet fchon Doppellesarten wie 184, u
annucret approbaret, und MPG haben jeder feine eigenen
Mängel. Meines Erachtens ift der echte Text weder in
der C- noch in der H-Gruppe gut erhalten, fondern mufs
durch Auswahl von Fall zu Fall gefucht werden; den
Muth bewundere ich, der fogar die Orthographie Auguftin's
wefentlich in C beibehalten glaubt und ihn auf deffen
Autorität hin 180,16 Allaricho fchreiben läfst, und der II5, 16
eine Conjectur quae überhaupt nur vorfchlägt, wo CDR
das finnlofe quas bieten, während quoniam aller anderen
Zeugen fo viel beffer pafst!

Nur ein paar Belege für meine Bedenken gegen C und
Knöll's nun freilich ganz neugeftaltete Recenfion. 33, 8
fchreibt Knöll mit CDNQR huius modi in einem Ephefer-
briefeitat, obwohl er 33, 4 in der gleichen Stelle trotz R
I eius modi gefchrieben hat, — huius modi ift die Lefung
j der Vulgata! 85, 11 citirt Knöll I Cor. 1550: caro et sanguis
regnum Dei non possidebunt, 84,17 dagegen blofs CDR
I zuliebe possidebit, obgleich die Herkunft diefes Singulars
durch 85,13 klar fein follte.

171, 7 erfetzt Knöll ein tacenda wegen C'D1 durch
tangenda, das den Satz finnlos macht; Auguftin erklärt
von den Büchern de peccatomim meritis, mit denen er die
antipelagianifche Polemik begonnen hat: in Iiis autem