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Ausgabe:

1903 Nr. 26

Spalte:

724

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kolde, Theodor

Titel/Untertitel:

Das bayerische Religionsedikt 1903

Rezensent:

Frantz, Adolf

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Seite 1

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723

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 26.

724

und Nervenmaterie als folcher, der Vereinigung blofser
chemifcher Grundftoffe, alle Vielgeflaltung der menfch-
lichen Geirr.es- und Gemütsanlagen, allen Reichthum,
alle Empfindfamkeit im Wechfel ihrer Erfcheinung bei-
zumeffen. So gut vielmehr die Naturwiffenfchaft Licht und
Elektricität auf die Schwingungen eines über ,alle Begriffe
feinern Mediums', des ,Aethers' zurückführt, das den ganzen
Weltraum und alle Körper in ihm erfüllt und durchdringt,
fo gut mufs auch die Annahme noch anderer Media oder
Fluida zuläffig erfcheinen, welche, dem Menfchen ebenfalls
nicht fichtbar, den von der Wiffenfchaft angenommenen
Aether an Subtilität übertreffen und /welche endlich, von
Stufe zu Stufe fich qualificirend, über eine Grenze hinaus
felbft unferen Materien- und Raumbegriff überfchreiten
und zu „feelifchen" Potenzen in Wirkfamkeit gelangen!?'..
(S. 75 f.). Der Verf. ftellt daher organifche Elemente oder
Fluida auf, welche fowohl das Lebenfchaffende und Formgebende
in der Körperwelt der Organismen, als die Grundlage
der pfychifchen Vorgänge darftellen. In den feelifchen
Functionen bekundet fich ein ,zunehmendes Abftrahiren
des Fluidums von der Materialität der Körpererfcheinung,
jene unferen Wahrnehmungsbegriffen unfafsbare Sonder-
exiftenz nämlich, welche wir als das „Seelenleben" bezeichnen
(S. 84f). Innerhalb der ,einzelnen Functionen der
Seele'werden dann 4 Hauptkategorien unterfchieden: a) die
unwillkürlichen Körperfunctionen, b) die Sinnesfunctionen
mit Einfchlufs der willkürlichen Bewegungen, c) der Ver-
ftand ,d. i. die Denk- und Gedächtnifsthätigkeit'; d) ,die
Gemüthsthätigkeit (oder der Inftinct), wozu wir die Gefühle
, Affecte, ethifchen Triebe und die fpäteren Innen-
dispofitionen überhaupt zählen' (Sp. 96f.). Die letzte Potenz
aber ,das Gemüth oder der Inftinct' ift der eigentliche
Seelenkern',eine freie innere Kraft, welche, den materiellen
Bedingungen und Einflüffen ammeift entrückt', als Weg-
weifer und Erzieher unferes Gefchlechts zu Fortfehritt und
Sitte, als Urgrund aller Religion und Moral das Streben
nach der höchften idealen Sphäre — das Wohlfahrts-
prineip der Seele — in uns wach erhält (S. ioöff. 168).

Bei aller Wärme in der Vertheidigung idealer Intereffen
bleibt der Verfaffer aber doch in bedenklicher Nähe des
Materialismus, woran auch feine Zurückweifung einer
früheren Kritik diefer Art (S. 22 f.) nichts ändert. Seine
,Fluida' find ,Stofi'e', welche wir nur deshalb nicht finnlich
wahrnehmen können, weil wir die Reagentien nicht kennen,
.welche im Stande wären, fo wie dies bei der Analyfe der
chemifchen Elemente der Fall ift, das Dafein der viel
fubtileren Fluida materiell zu veranfehaulichen' (S. 75. 77).
Alle feine Verfuche, einen fpecififchenUnterfchied zwifchen
diefen und der Materie zu conftatiren, würden daher höch-
ftens zur Annahme von zweierlei Materie zu einem duali-
ftifchen Materialismus führen. Diefelbe pfychologifchc
Unklarheit zieht fich durch das ganze Buch; die Begriffe
des ,Inftincts oder Gemüths', des Verftandes, der ,Gemüths-
empfindung', der ,Seelenpotenzen' u. a. find fo wenig
fcharf umgrenzt, dafs von einer ftricten Beweisführung
keine Rede fein kann. Der Verf. will als Laie vorzugs-
weife zu Laien reden. Er führt aber neben einer oft
recht anfechtbaren Ausdrucksweife (z. B. Zuverfichtswunfch
S. 12, ,unfere . . . fchlagwörtliche Gefellfchaft' S. 14, ,dafs
ich berechtigt fagen kann' S. 27, ,Erwahrheitung' S. 39, ,diefe
mit den Vorumftänden ammeift zufammentreffende Situation
' S. 119 u. a.) Principien ein, wie dasjenige der ,foli-
darifchen Fluctuation der Seelenpotenzen', welche be-
fonders bei den ,Excitationen des Gefichts- und Gehör-
finns' zum ,Vorfchein tritt' (S. 98 ff.).

Die vorliegende Schrift enthält daher zwar manche
Zeugnifse redlicher Begeifterung für ideale Ziele und einzelne
gute Bemerkungen, aber keineswegs einen ,kurz-
gefafsten logifchen Ideengang über das Wefen des Menfchen
, fo wie er fich nach den heutigen Wiffensquellen
als folgerichtig und relativ wahrfcheinlich ergiebt' (S. 33).

Heidelberg. Th. Elfenhans.

Kolde, Prof. Dr. Theodor, Das bayerische Religionsedikt vom

10. Januar 1803 und die Anfänge der proteftantifchen
Landeskirche in Bayern. Ein Gedenkblatt. Zweite
Auflage. Erlangen 1903, F. Junge. (VIII, 44 S. gr. 8.)

. M. —.90

In der vorliegenden kleinen Arbeit, die zwar auf dem
Umfchlage, nicht aber, wie fonft üblich, auch auf dem
inneren Titelblatte als zweite Auflage bezeichnet ift, fchildert
der durch zahlreiche kirchengefchichtliche Unterfüchungen
bekannte Verfaffer in trefflicher Weife, wie Bayern bis
zum Ausgang des 18. Jahrhunderts ein durchweg katho-
lifches Land war, von dem Confalvi 1804 mit Recht bemerken
konnte, es fei der einzige Staat gewefen, in den
die Ketzerei nicht eingedrungen fei. Erft mit dem im
Februar 1799 erfolgten Regierungsantritt des Kurfürften
Maximilian Jofeph IV wurde die Alleinherrfchaft des
Katholicismus gebrochen. Alsbald wurde die religiöfe
Freizügigkeit der chriftlichen Konfeffionen für ganz Bayern
anerkannt und unterm 10. Januar 1803 erging dann das
tief einfehneidende Religionsedikt, welches nicht nur Gewiffens
- und Religionsfreiheit gewährte, fondern auch den
Bekennern der katholifchen, reformierten und lutherifchen
Religion gleiche bürgerliche Rechte gab. Verf. bezeichnet
den 10. Januar geradezu als den eigentlichen Geburtstag
des modernen bayerifchen Staates; mit ihm fei Bayern
in die Reihe der modernen Kulturftaaten eingetreten. Erft
durch das Religionsedikt war die Möglichkeit einer proteftantifchen
Kirche gegeben, die fich alsbald zu bilden
begann. Verf. fchildert dann noch in kurzen Zügen die
erften Stadien der äufseren Entwicklung der werdenden
Landeskirche und fchliefst mit der Ausführung, dafs,
wenn auch das Gebäude des Proteftantismus, dem durch
das Religionsedikt das Fundament gelegt wurde, der
organifchen Gliederung ermangelt und längft nicht ausgebaut
wurde, es doch immerhin fich als ein wetterfefter
Bau erwiefen hat.

Kiel. Frantz.

Köhler, Priv.-Doz. Lic. Dr. W., Die Entstehung des Pro-
blemes Staat und Kirche. Eine dogmenhiftorifche Studie
zum Verftändnis der modernen Theologie. (Sammlung
gemeinverftändlicher Vorträge und Schriften aus dem
Gebiet der Theologie und Religionsgefchichte. 35.)
Tübingen 1903, J. C. B. Mohr. (VII, 37 S. gr. 8.) M. —.80

Wie Verf. ausführt, ift nicht Jefus der Schöpfer des
Problems Staat und Kirche. Es fei durchaus verkehrt,
in feinen Worten: ,Gebet dem Kaifer, was des Kaifers
ift, und Gott, was Gottes ift' eine politifche Theorie finden
zu wollen. Jefus habe, indem er diefe Worte ausfprach,
lediglich mit geiftvoller Schlagfertigkeit den ihm von den
Pharifäern gefchürzten Knoten durchhauen. Vielmehr weift
Verf. die Urheberfchaft dem Apoftel Paulus zu. Auf
feine grundlegenden Auffaffungen fei in letzter Linie die
mittelalterlich-katholifche Weltanfchauung, von der das
Problem Staat und Kirche ein Teil ift, zurückzuführen.
Die kleine gedankenreiche Schrift trägt, wie Verf. felbft
zugibt, einen mehr fkizzenhaften Charakter, was dadurch
feine Erklärung findet, dafs fie aus einem vom Verf. gehaltenen
Vortrag hervorgegangen ift. Den durch einen
Theil der Arbeit fich hindurchziehenden Vergleich mit
einem Feffelballon, wenn er im übrigen auch das Richtige
treffen mag, hätte ich lieber vermieden gefehen.

Kiel. Frantz.

Zur Notiz.

Die nächltc Nummer erfcheint in drei Wochen.

Die Red.