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Ausgabe:

1903 Nr. 26

Spalte:

713-715

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meyer, Arnold Oskar

Titel/Untertitel:

Studien zur Vorgeschichte der Reformation.(Historische Bibliothek. Vierzehnter Band.) 1903

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 26.

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kosmopolitifche Staatsgedanke durch die ftoifche Philo-
fophie. Schon der Begründer der ftoifchen Schule Hellte
als Ideal auf, ,dafs wir nicht nach Städten und Demen,
durch befondere Rechte von einander getrennt leben,
fondern alle Menfchen als Demengenoffen und Mitbürger
anfehen follen, und dafs eine einheitliche Lebensordnung
erftehe, wie bei einer Herde, die durch ein gemeinfames
Gefetz zufammengehalten wird'. So drängt die politifche
und geiftige Entwicklung darauf hin, die Erde oder
wenigftens den bewohnbaren, culturfähigen Theil der-
felben als ein zufammengehöriges Ganzes, als den einheitlichen
Schauplatz des culturellen Lebens der Menfch-
heit zu begreifen (S. ißf.). Diefer Kosmopolitismus
bewahrt aber feinen hellenifchen Charakter. Das Allge-
mein-Menfchliche tritt in hellenifchem Gewände auf.
Daher erfcheint auch hier wieder als Ideal, dafs die
vernünftige, aus der Betrachtung der Welt fich ergebende
Erkenntnifs zur verpflichtenden Norm für alle wird. Im
römifchen Weltreich ftrebt diefe Idee der otxov/itvr] als
einer culturellen Einheit der Menfchheit immer mehr
nach Verwirklichung. Vollendet ift fie in dem durch
Gratian und Theodofius gefchaffenen chriftlichen Welt-
ftaat. In ihm kommt namentlich die Forderung einheitlicher
Lehre zu confequenter Durchführung.

Dies die Grundgedanken des gehaltreichen und in-
tereffanten Vortrages. Ich habe dagegen im Wefentlichen
nur ein Bedenken: Die Forderung einheitlicher Lehre
als verpflichtender Norm für Alle hat nicht in dem
Maafse, wie es nach der Darftellung des Verf. erfcheint,
zum kosmopolitifchen Staats-Ideal der fpäteren Antike
gehört; namentlich nicht auf religiöfem Gebiete. Es ift
vielmehr im Unterfchied von der gefchloffenen Einheit
der alten jioXiq gerade ein charakteriftifches Merkmal
des römifchen Weltreichs, dafs auf dem Gebiet des Cultus
und der Lehre die gröfste Mannigfaltigkeit geftattet
wurde. Das antike Ideal hat hier bereits dem, was wir
modern nennen können, wenn nicht ganz, fo doch in
weitgehendem Maafse das Feld geräumt. Die chriftliche
Weltkirche kann daher in diefer Hinficht nicht als directe
Erbin des römifchen Weltreiches angefehen werden, fo
zahlreich und wichtig die Verbindungslinien find, die von
diefem zu jener führen.

Göttingen. E. Schürer.

Meyer, Dr. Arnold Oskar, Studien zur Vorgeschichte der

Reformation. Aus fchlefifchen Quellen. (Hiftorifche
Bibliothek. Herausgegeben von der Redaktion der
Hiftorifchen Zeitfchrift. Vierzehnter Band.) München
1903, R. Oldenbourg. (XIII, 179 S. gr. 8.) Geb. M. 4.50

Allgemein anerkannt ift das Bedürfnifs einer wiffen-
fchaftlichen Bearbeitung der vorüädentinifchen Theologie
der römifchen Kirche. Aber nicht weniger nothwendig
ift eine Vorgefchichte der Reformation für die einzelnen
Länder und Provinzen des deutfchen Reiches. Der faft
jähe Zufammenbruch einer Macht, die Jahrhunderte lang
die leifeften Gedanken der Völker beherrfchte, die über-
rafchende Herausbildung des modernen Staatsgedankens,
die gründliche Abwendung eines bisher kirchlichfrommen
und eifrigen Volks von den bisherigen Idealen kann nur
verftanden werden aus der Gefchichte des Jahrhunderts
vor der Reformation, die man dann erft in ihrer vollen
Bedeutung nicht als Kampf um Dogmen, fondern als
Kampf gegen eine überlebte Weltanfchauung verliehen lernt.

Für Württemberg befitzen wir eine fehr fleifsig und
frifch gefchriebene Gefchichte der Kirche des fpäteren
Mittelalters von der Hand Fr. Keidel's in der Württb.
KG. (Stuttg. u. Calw 1893). Für Baden und Pfalz hat
Refl die Zuftände unter den Bifchöfen Georg und Philipp
von Speier bis 1546 in feinen ,Beiträgen zur bad. pfälzi-
fchen Reformationsgefchichte' ZGORh. Bd. XVII und
XVIII auf Grund der Protocolle des Domcapitels und

des Ltder spiritualis dargeftellt. Es wäre aber fehr zu
empfehlen, wenn eine jüngere Kraft auch die älteren
Protocolle des Domkapitels und die bifchöflichen Acten,
foweit fie auf dem badifchen Generallandesarchiv in
Karlsruhe vorhanden find, bearbeiten würde. Für die
Gefchichte des Bisthums Konftanz bieten die Konftanzer
Acten des Staatsarchivs Zürich manches, aber die Hauptquellen
werden in Freiburg i. B. zu fuchen fein. Für
Mainz find die Protocolle des Domcapitels auf dem
Kreisarchiv in Würzburg glücklich von Lic. Herrmann
nachgewiefen und fchon für feine Schrift über das ,Interim
in Heften' benutzt. Es ift zu hoffen, dafs fie auch für
die frühere Zeit ausgebeutet werden. Für Schlehen hat
ein Schüler von Dietr. Schäfer, Dr. Arn. O. Meyer, die
Aufgabe gelöft, indem er auf Grund der Quellen des
Breslauer Stadtarchis und des Staatsarchis, vor allem
aber des bifchöflichen Diöceffanarchivs das religiöfe und
kirchliche Leben Schiebens unter den Jagellonen Wla-
dislaw II. (1490—1516) und Ludwig II. (1516—1526) unter-
fuchte, wobei ihm die Acta capituli ecclesiae cathedralis
S. Johannis, die Sitzungsberichte des Breslauer Domcapitels
vom 26. März 1510 bis 2. Aug. 1520, die tiefften,
vielfeitigften und vielfach höchft überrafchenden Einblicke
gewährten. Das erfte Capitel zeigt uns den jähen Wechfel
der Stimmung Schiebens gegenüber Rom und der Geift-
lichkeit, die einft in der nationalen Frage Schulter an
Schulter mit den weltlichen Ständen gegen Polen und
Böhmen geftanden hatte. 1467 war Breslau päpftlicher
als der Papft und römifcher als Rom in heldenmüthigem
Vorkampf gegen die überlegene Macht des Ketzerkönigs
Georg Podiebrad, und 1520 noch nicht losgeriffen von
der römifchen Mutterkirche, aber ihr innerlich längft entfremdet
im alten Treuverhältnifs, fchon durchweht von
fcharfer Wittenberger Luft. Mit Spannung verfolgt der
Lefer die Einflüffe, welche zu diefem Wechfel führten.
Unter ihnen tritt zunächft die Erinnerung an den Undank
der Kirche und den Verrath der Priefter im nationalen
Kampf hervor. Sodann ift es der bttliche Niedergang
nicht nur der Geiftlichkeit, fondern auch des weltlichen
Standes, dem Trunkfucht, Ueppigkeit, ungezügelte Sinn-
j lichkeit, Raubfucht und Fehdeluft die befte Kraft nehmen,
der aber bei aller Spaltung einig ift im Hafs gegen die
Geiftlichkeit, der es freilich auch damals nicht an ehrbaren
Mitgliedern fehlte, wie denn gerade beim Beginn
der Reformation tüchtige Männer im Breslauer Dom-
capitel vorherrfchend waren. Aber fie konnten kein
Gegengewicht bilden gegen die grofse Maffe, der das
mittelalterliche Heiligkeitsideal immer mehr entfchwand.
,Wie anderwärts haben auch in Schieben Mönche und
Nonnen felbft das meifte gethan, um den Glauben an
das Ideal der Askefe zu untergraben'. Mit vollem Recht
fetzt Meyer den bttlichen Niedergang mit der focialen
Lage der Geiftlichkeit in innigen Zufammenhang. Sie
bedingen bch gegenfeitig. Was Meyer über die Altariften
und die Mefsftiftungen fagt, wäre auf katholifcher Seite
fehr zu beachten, wenn man hören wollte. Die Unzahl
jährlich anfallender Mefsftiftungen erzeugt ein Priefter-
proletariat, das fchliefslich der katholifchen Kirche eben-
fo gefährlich werden mufs, wie vor 300 Jahren. In dem
Sittenbild der Geiftlichkeit fehlen die blutigen Schlag-
| händel und Todtfchläge der Geiftlichen, wie deren fünf
i für Württemberg in der Zeit von 1501—1522 von Keidel
J nachgewiefen find, wozu noch eine Mordthat des Pfarrers
Joh. Schiblin in Marbach 1498/1499 kommt, welche ein
päpftlicher Curtifan für bch auszubeuten wufste.

Sehr werthvoll ift die Charakteriftik des religiöfen
Lebens jener Zeit mit den genauen Nachweifen über
Wallfahrten, Heiligenverehrung, befonders den Annakult
und die Brüderfchaften, die kirchlichen Mifsbräuche im
Ablafswefen, in der Anwendung des Banns für rein weltliche
Zwecke, die Uneinigkeit der Geiftlichen, des Welt-
und Klofterclerus, der Pfarrer und Altariften, des Bifchofs
und Domcapitels, die ftark an die Art erinnern, wie das