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Ausgabe:

1903 Nr. 26

Spalte:

710-711

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Deissmann, Adolf

Titel/Untertitel:

Die Hellenisierung des semitischen Monotheismus 1903

Rezensent:

Schürer, Emil

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7°9

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 26. 710

Der zweite Abfchnitt in Lincke's Buch ift über-
fchrieben: ,Phokylides' (S. 40—102). In der Verflechtung
diefes griechifchen Spruchdichters, der im ö.Jahrh. v. Chr.
in Milet lebte, in die Gefchichte des geiftigen Lebens in
Paläftina zeigt fleh besonders hell die combinierende
Kunft des Verfaffers. Die eigentlich treibende Macht ift
aber doch nicht Phokylides, fondern die perfifche Religion,
die in Folge der Eroberungen der Perfer über ganz

Geiftes mit fchlicht effenifcher Frömmigkeit' (S. 137).
Der unechte Anhang (12,19—19,22) ift alexandrinifchen
Urfprungs.

In der Gefchichte der Makkabäer, welchen der letzte
Abfchnitt gewidmet ift(S. 145—165), lebt der hierarchifche
Geift noch einmal auf. ,Die Makkabäer und ihre Ge-
finnungsgenoffen in Jerusalem find verantwortlich für
all das Unheil, das die von ihnen hervorgerufene Be-

Kleinafien hin bis zur jonifchen Kürte, aber ebenfo auch j wegung über die Bewohner von Samarien gebracht hat'

über Paläftina ihren Einflufs ausübte. Von ihr find Pytha- (S. 152). ,Die höhere Kultur und, in innerer Verbindung

goras und namentlich Phokylides beeinflufst, von welchem I mit diefer, die höhere Religion ift der Ruhm Samariens

auch das feinen Namen tragende Lehrgedicht herrührt, und feiner Prophetenfchule' (S. 153). Der hierarchifche

das die neuere Kritik fälfehlich für jüdifch oder chriftlich Geift, wie er in Jerufalem herrfchte. hat in diefer Zeit

erklärt hat. ,Die Weisheitslehre des Phokylides ift das (2. Jahrh. v. Chr.) noch ein grofses Gefchichtswerk hervor-

Denkmal der'moralifchen Eroberungen des Perferreiches gebracht: das Buch der Jubiläen mit den Büchern der

zur Zeit der grofsen Könige' (S. 60). — Der Parfismus j Chronik, Efra und Nehemia. Diefe vier bilden nämlich

hat aber auch in Paläftina feinen wohlthätigen Einflufs zufammen eine Einheit.

ausgeübt, und zwar wefentlich durch Vermittelung des Ich bin zu Ende mit meinem Berichte. Für den-

Phokylid'es. Im Reiche Juda — deffen Entwickelung hier jenigen, der nicht nach einer Dichtung, sondern nach

nachgeholt wird — hat Jefaja die Priefterherrfchaft be- hiftorifcher Belehrung verlangt, bietet der Verf. zum

gründet. Jefaja ift der erfte Gefetzgeber des jüdifchen Schluffe doch auch noch etwas: eine fehr dankenswerthe

Priefterftaates. Von Jefaja (lammt das Grundgefetz der deutfehe Ueberfetzung des phokylideifchen Lehrgedichtes.

Erhabenheit Jahwes und der Herrfchaft feines heiligen Göttingen. E Schürer
Stuhles in Jerufalem. Von diefem Dogma hat Jeremia
Ephraim befreit' (S. 63). Die weiteren Etappen der
judäifchen Gefelzgebung bezeichnen: das Heiligkeits-
gefetz, das Bundesbuch, das Deuteronomium, der Dekalog.
Schon das Heiligkeitsgefetz Lev. 19 ftimmt nun in vielen

Deissmann, Prof. D. Adolf, Die Hellenisierung des semitischen
Monotheismus. Sonderabdruck aus den ,Neuen
Jahrbüchern für das klaffifche Altertum, Gefchichte
Einzelheiten auffallend mit Phokylides überein (S. 66«.). . und Deutfche Literatur' 1903. Leipzig 1903, B. G.

Daneben geht freilich eine andere Strömung, die priefter
liehe, welche auf die Cultusordnungen das Hauptgewicht
legt. Das Schwanken zwifchen beiden Richtungen erklärt
fich aus der nahen Beziehung des Heiligkeitsgefetzes
zu der Weisheitslehre des Phokylides. War dies die
Quelle, aus der der Levit fchöpfte, fo hat man auch eine
befriedigende Erklärung dafür, dafs das Gebot der Furcht
vor Mutter und Vater mitten unter den Forderungen der
pietas fteht und nicht zwifchen denen der pietas und der
probttas, wie im Dekalog. In dem fchönen Eingangsworte
des Phokylides hatte der Levit ein Vorbild, diefes
Vorbild bestimmte fein Denken, und fo verlor er den

Teubner. (V, 17 S. Lex. 8.) M. —.60

Der Titel diefer trefflichen Studie giebt keine deutliche
Vorftellung von ihrem Inhalte. Er müfste eigentlich
lauten: ,Die Bedeutung der griechifchen Bibel
für die Weltmiffion des Judentums'. Denn das ift
es, wovon der Verf. thatfächlich handelt. Er zeigt, dafs
die Ueberfetzung der LXX nach Form und Inhalt durchaus
geeignet war, miffionirend auf die heidnifche Welt
zu wirken. 1) Nach ihrer Form. Denn das Griechifch,
welches fie Schreibt, ift kein unverftändliches Juden-
Griechifch, fondern das Griechifch der xoivrj, das gerade

Faden' (S. 93). Auch im Deuteronomium ift Heterogenes j den breiten Marten der Bevölkerung bekannt und ge

combinirt. ,Das Excommunikationsedikt gegen die Propheten
Ephraims, das Denkmal priefterlicher Unduldfam-
keit hat fich durch reichliche Ausfchmückung in ein
Denkmal prophetifcher Religion und wahrer Humanität
verwandelt' (S. 94). Den Höhepunkt in der Entwickelung
des jüdifchen Landesgefetzes bildet der Dekalog
(S. 96). ,Die Religion des Dekalogs ift auch die Religion
des Phokylides, des Pythagoras und Zarathuf htra' (S. 99)

Neue Bilder führt uns Abfchnitt III vor (S. 103 —118):
die Rechabiten und die Effener. In ihnen pflanzt fich der j mufste, knüpft Deifsmann an Harnack, Sitzungsberichte

läufig war. 2) Nach ihrem Inhalt. Denn der Monotheismus
der Bibel mufste durch feine grofsartige Erhabenheit
anziehend auf weite Kreife wirken, zumal da in der
griechifchen Ueberfetzung manches fpeeififch-jüdifche gemildert
oder befeitigt ift {jfakve durch xvnioq wiedergegeben
, auch Adonai und Ztbaoth überwiegend durch
xvQioq oder xavxoxQärmQ erfetzt; manche Anthropo-
morphismen gemildert). In der Schilderung des Eindrucks
, welchen die Bibel auf heidnifche Kreife machen

Geift der altfamaritanifchen Propheten, eines Elia und
Elifa fort, befruchtet durch perfifche und pythagoreifche
Einflüffe.

Das Hauptwerk diefes samaritanifchen Geistes ift
aber die Weisheit Salomonis, über welche Abfchnitt IV
handelt (S. 119—144). Wir erfahren hier, dafs in Sichern
in der perfifchen Zeit eine Prophetenfchule exiftirte.
.Die Gründung fand wohl ftatt im Zufammenhang mit
der Ausbreitung des Parfismus in Nordafien und mit dem
Auffchwung der jonifchen Philofophenfchulen, befonders

der Berliner Akademie 1902, S. 5o8f. an.

In den Ausführungen über den Sprachcharakter der
LXX erweift der Verf. mir die Ehre, mich als Reprä-
fentanten der von ihm bekämpften Meinung von dem
ftark hebraifirenden Charakter der LXX zu citiren (Gefch.
des jüd. Volkes IIP S. 311: ,Es wird hier geradezu
eine neue Sprache gefchaffen, die von fo Marken Hebra-
ismen wimmelt, dafs ein Grieche fie überhaupt nicht
verliehen konnte'). Ich gebe ohne weiteres zu, dafs ich
mich hier zu ftark ausgedrückt habe. Aber mein ver-

in Milet. Nach der Sezeffion Manaffe's und der Stiftung ! ehrter Gegner fällt nun in's andere Extrem, indem er
des Heiligtumes am Garizim konnte sich die neue die Hebraismen der LXX auf ein Minimum zu reduciren
Prophetenfchule zu voller Selbftändigkeit entwickeln. Ihr : fucht. Ganz kann er fie doch auch nicht in Abrede

vermittelnder Einflufs erftreckte sich auch auf Jerufalem'
(S. 136). Aus ihrem Schofse ift das Buch der Weisheit
Salomo's in seinerurfprünglichenGeftalt, nämlich 1,1 — 12,18,

ftellen. Ja er fpricht fogar S. 171 (Separatabdrucks. 11)
von zahlreichen fyntaktifchen Semitismen, die durch
allzu ängftliche oder allzu pietätsvolle Anfchmiegung an

hervorgegangen, ,wohl das letzte, jedenfalls aber das , die Vorlage entftanden find'. Damit ift fchon viel zuge-

eigenartigfte Denkmal der famaritanilchen Kultur. Es ist [ geben und die Hoffnung begründet, dafs wir uns auf

die Apologie der Landesfchule in Sichern, ein freies Be- einer mittleren Linie fchliefslich zusammenfinden. Auf

kenntnis der Gottesfreunde und Propheten in Samarien, die jüdifche Umgangsfprache will D. jenes Zugeftändnifs

eine Frucht der Vereinigung des perfifch-griechifchen ; freilich nicht ausdehnen. Aber auch in diefer Hinficht