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Ausgabe:

1903 Nr. 26

Spalte:

708-710

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lincke, Karl F. A.

Titel/Untertitel:

Samaria und seine Propheten 1903

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 26.

708

überliefert find. Und nun wurde der Beweis für die
Mofaicität des Pentateuch, die Authenticität der Pro-
phetenfchriften u. f. f. angetreten. Diefer Beweis ift augenscheinlich
auch nach Möller mifsglückt, trotzdem aber
follen diefe zufammengefetzten, interpolirten Schriften,
über deren Herkunft man am beften fchweigt, weil man
über fie nichts Klares ausfagen kann, vollgültige hifto-
rifche Zeugnifse abgeben! Wer fieht hier nicht, wie bei
anderen modernen Gegnern der Quellenfcheidung im
Pentateuch die blaffe Angft, fich noch weiter mit diefem
fatalen Gefchäft einer hiftorifchen Unterfuchung abzugeben
? Infofern aber ift das Buch von Möller auch
wieder werthvoll, als es Männern wie Kloftermann, welche
mit der Thatfache der Unficherheit des altteftamentlichen
Textes fpielen, um ,gymnaftifche' Scheingefechte gegen
die Quellenfcheider aufzuführen, zeigt, dafs man mit
brutalen Thatfachen nicht fpielen foll. Kloftermann
und Lepfius üben eine furchtbare Wirkung aus, indem fie
den hiftorifchen Werth des Alten Teftaments immer un-
ficherer machen. Möller zieht nur die Confequenzen
aus ihrem mehr oder weniger geiftreichen Spiel.

Aber — werden bei solch' unficheren Zuftänden nicht
auch die Refultate der Kritik zweifelhaft? In gewiffer
Hinficht natürlich, aber der vorfichtige und geübte
Religionshiftoriker fieht doch Gefetze und Zufammen-
hänge, wie ein geschulter Kunfthiftoriker einen antiken
Tempel auch aus Schutt und Trümmern reftituirt. Uafs
dabei vieles unficher bleibt, ift klar, nur ein Dilettant
wie Alfred Jeremias kann (vor den Lefern der Luthardt-
schen K. Z.f) den Anfchein erwecken wollen, als könne
er den Jahve des Mofe aus feinem Helldunkel herausholen
! Aber die orthodoxe Pofition ift damit jedenfalls
verloren.

Königsberg i. Pr. Giefebrecht.

Burney, Rev. C. F., M. A., Notes on the Hebrew Text of the

Books Of Kings. With an introduction and appendix.
Oxford 1903, Clarendon Press. (VII, 384 p. gr. 8.) 14 sh.

Das Burney'fche Buch (teilt fich feinem Vorbilde,
den Driver'fchen Notes on the hebrew text of the books of
Samuel in jeder Beziehung würdig zur Seite. Wie diefes
zerfällt es in introduction, notes, appendix. Im erften
Theil wird zunächft die Structur der Königsbücher behandelt
, dann eine Charakteriftik der Hauptverfionen
gegeben, LXX, Targ., Syr., Latt. verss., endlich werden
die Synchronismen des RD in MT, LXX und Luc. tabel-
larifch dargeftellt. Neben diefer Lifte find aus der Einleitung
noch als nützlich und intereffant zu nennen
p. XHIff. eine Zufammenftellung der deuteronomiftifchen
Redewendungen, ferner das Stemma p. XIX, dann zur
Charakteriftik der LXX ein Verzeichnifs der unverftan-
denen, durch Transfcription wiedergegebenen Wörter,
fchliefslich auch die Beziehungen zwifchen der altlatei-
nifchen und lucianifchen Verfion p. XXXVIff.

In den Notes habe ich die enorme Literaturkenntnifs
und Benutzung zu rühmen; das gilt von den gramma-
tifchen Citaten für Anfänger bis zu den Detailunterfuch-
ungen, welche mehr oder nur den Fachmann angehn.
Zuweilen finden fich längere Auseinanderfetzungen, wie
S. 136 über das Millo, die der Verf., die Moore'fche Ver-
muthung von einem kanaanäifchen Urfprung des Wortes
anführend, vorfichtigerweife mit einem non liquet fchliefst;
oder S. 246h, wo er einen Verfuch macht, das Wort
byiba von der Wurzel 2>bn herzuleiten. Ich bezweifle, dafs
ihm diefer Gedanke viel Zuftimmung eintragen wird. Dagegen
vermiffe ich hier und da die Erklärung wichtiger
Eigennamen, wie etwa Jerobeam, Ifebel u. a. Sympathifch
ift mir die Zurückhaltung, welche B. im Allgemeinen in
der Conjecturalkritik übt; dagegen fchliefst er fich des
öfteren an Luc. gegen MT an; ich weifs nicht, ob er
damit immer Recht thut. So ift z. B. das Plus des Luc.

in a II 29 m. E. eine felbftftändige Erweiterung im Blick
auf v. 26. Zur Aufnahme diefes Textes in MT nöthigt
rein nichts. In a XVIII 5 ift das xdi öte/L&copev nach B.
nur eben agreeably to the following K2133, m. E. aber

j unbedingt erforderlich. Hingegen kommen wir am Schlufs

! des V. mit dem 13,1 rrnsi Xlbl völlig aus, während B.

j erklärt impossible, the true text is given by Luc. tl"ptl sbl
131 1313)2. Doch das find Differenzen, die aus abweichen-
der principieller Stellung hervorgehen, und über diefe

hier zu debattieren, ift nicht der Ort. Zu « VII 27 ff.

i S. 91 f. find vier Abbildungen von Keffelwagen beigefügt.
Im Anhang endlich giebt der Verf. die Mefa- und
Siloah-Infchrift in Transfcription und Ueberfetzung, ferner
die Ueberfetzung zweier wichtiger Salmanaffar- und eines
Sanheribtextes.

Breslau. Max Lohr.

Lincke, Gymn.-Prof. Dr. Karl F. A., Samaria und seine
Propheten. Ein religionsgefchichtlicher Verfuch. Mit
einer Textbeilage: Die Weisheitslehre des Phokylides,
griechifch und deutfch. Tübingen 1903, J. C. B. Mohr.
(VIII, 179 S. gr. 8.) M. 2.—

Es ift fchwer, in einem kurzen Referate eine deutliche
Vorftellung von dem Inhalte und Wefen diefes
Buches zu geben. Es lieft fich wie ein Roman, und man
legt es fchliefslich mit jener äfthetifchen Befriedigung aus
der Hand, die jede Dichtung gewährt, in welcher die
verfchiedenartigften Elemente kunftvoll zu einem Ganzen
Verfehlungen find. Der Verfaffer muthet uns freilich zu,
feine Dichtung für Gefchichte zu halten. Darüber mit
ihm fich auseinanderzusetzen, würde ein neues Buch erfordern
. Wir müffen uns daher auf den Verfuch be-
fchränken, unferen Lefern die Structur des kunftvollen
Baues vorzuführen.

Der Verf. geht von der Vorausfetzung aus, dafs die
Stämme, welche das Nordreich (Israel) bildeten, von
Haufe aus anderer Art waren, als die Stämme, welche
das Südreich (Juda) bildeten. Jene kamen aus der fruchtbaren
Oafe Kades und waren Bauern, diefe aus der
Steppe bei Kades und Faran, und waren Hirten. Die
Sympathien des Verf. gelten durchweg dem Nordreich:
,Samarien und feinen Propheten', während Juda von
ihm mit unverholener Antipathie behandelt wird. Die
Verfuche Saul's und David's, durch Gewalt die Stämme
zu einigen, hatten nur vorübergehenden Erfolg. Beide
Gruppen fielen bald wieder auseinander und haben fich
verfchieden entwickelt. Die Entwickelung im Nordreich
war beftimmt durch das Auftreten der grofsen Propheten
Elia und Elifa, welche lehrten, Jahve zu verehren als
,Schirmherrn des Rechts, des Lebens und Eigentumes
einer friedlichen Bauern- und Bürgerfchaft' (S. 21). ,Die
reiffte, süfsefte Frucht des Geifteslebens in Samarien
unter der Herrfchaft der Nimfiden' war aber das Buch
Hofea (S. 24). ,Hofea's Worte find ein Evangelium, das
Licht und Wärme ausftrömt. Hofea ift der Mann des
Geiftes, Verkünder ewig gültiger Gedanken, Träger eines
tiefen Offenbarungsgeheimniffes' (S. 27). Die Vernichtung
des blühenden Jahve-Cultus im Nordreich erfolgte
nicht durch die Affyrer, fondern durch den judäifchen
König Jofia, der die Altäre zerftören und die Frieder
hinfchlachten liefs (S. 28f.). Dagegen empörte fich aber
das religiöfe Gefühl, felbft in dem Juda benachbarten
Stamme Benjamin. Aus ihm ging Jeremia hervor, der
Prophet, der gegen das intolerante judäifche Priefterthum
den Kampf führte zu Gunften Ephraim's (S. 3of.)- »Die
Bereitwilligkeit, die göttlich-mofaifche Autorität des Ge-
fetzes Jofia's anzuerkennen, ift ihm angedichtet worden'
(S. 33). Durch die Chaldäer empfing das Reich Juda
die gerechte Strafe. Die Deportationen find aber bei
weitem nicht fo umfangreich gewefen, als man fich gewöhnlich
vorftellt fS. 38 f.).