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Ausgabe:

1903

Spalte:

705-707

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Möller, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Entwicklung der alttestamentlichen Gottesidee in vorexilischer Zeit 1903

Rezensent:

Giesebrecht, Friedrich

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Seite 1, Seite 2

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Theologische Literaturzeitung,

Herauso-eo-eben von D. Ad. Harnack, Prof. in Berlin, und D. E. Schürer, Prof. in Göttingen.

Jährlich 26 Nrn. Verlag: J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung, Leipzig. Jährlich 18 Mark.

jjr. 26. J9- December 1903. 28. Jahrgang.

Möller, Die Entwicklung der alttedament-
lichen Gottesidee in vorexilifcher Zeit (Giefe-
brecht).

Burney, Notes on the Hebrew Text of the

Books of Kings (Lohr).
Lincke. Samaria und feine Propheten (Schürer).
Deifsmann, Die Hellenifierung des femitifchen

Monotheismus (Schürer).

Maafs, Griechen und Semiten auf dem fsthmus
von Korinth (Wcndland).

Kae rft, Die antike Idee der Oekumcne (Schürer).

Meyer, Studien zur Vorgefchichte der Reformation
(Boffert).

Mentz, Johann Friedrich der Grofsmüthige
1. Teil (Virck).

Neubauer, Martin Luther, I. Teil, 3. Aufl.
(Köhler).

Bonin, Die praktifche Bedeutung des ins
reformandi (Köhler).

Schwartzkopff, Das Leben als Einzelleben

und als Gefamtleben (Elfenhans).
Paeuer, Der Kampf um Wohlfahrt (Elfenhans).
Kolde, Das bayerifche Religionsedikt (Frantz).
Köhler, Die Entdehung des Prolilemes Staat

und Kirche (Frantz).

Möller Diak. Wilhelm, Die Entwicklung der alttestament- Doch foll das Mifstrauen gegen ihr Zeugnifs unbegründet
lirhPn Gottesidee in vorexilischer Zeit. Hiftonfch-kritifche sein? Doch traut fich Möller hiftorifche Gegenbeweife

Bedenken gegen moderne Auffaffungen. (Beiträge zur
Förderung chriftlicher Theologie. Herausgegeben von
A. Schlatter und H. Cremer. VII. Jahrgang, 1903.
Drittes Heft.) Gütersloh, C. Bertelsmann. (183 S.
gr. 8.) M. 2.80

Durch den Titel angelockt, fuchte ich von Seite zu
Seite nach der Möller'fchen Auffaffung von der Entwicklung
der Religion des Alten Teflaments, bis ich auf der
vorletzten Seite auf folgende Auslaffung ftiefs: ,. . .. ein

gegen die kritifchen Aufftellungen aus ihnen zu führen?

Die Methode diefes Verfahrens ift einfach. Bei dem
zufammengefetzten Charakter der biblifchen Bücher des
Alten Teftaments ift es leicht, jeder primitiveren Vor-
ftellung, welche die böfe Kritik irgendwo entdeckt zu
haben glaubt, die parallellaufende höhere Idee aus dem-
felben oder doch einem verwandten Buch entgegen-
zuftellen; verfängt dies noch nicht, fo recurrirt man auf
fpätere Schriften, wo man allgemein entwickeltere Gedanken
über Gott anerkennt, und weift auch da Ausdrucksweifen
nach, welche naivere Auffaffungen zu ver-

neuer pofitiver Aufbau in derfelben Richtung (wiedie rathen fcheinen. Hilft das noch nichts, fo hat Gott ein
Graf-Wellhaufemfche) Hypothek mit neuer Quellen- Offenbarungswunder gethan, um dem naiveren Volks"
fcheidung und Dat.ri.ng w.rd von nur niemals verfocht | bewufstfein entgegenzukommen. So hat Gott wirklich
noch erwunfeht, we.l ich gerade in allen folchen Ver- auf der Bundeslade oder auf Zion gezeltet' oder fich
fuchen, fie mögen mehr confervativ oder mehr radical j auf den Sinai herabgelaffen. Anderes beruht auf reinem
gehalten fein, eine Verkehrung unferer eigentlichen
theologifchen Aufgaben erblicke. — Wir haben
Gottes Wort nicht auf feine etwaige Entftehung und
Zufammenfetzung hin zu Unteraichen, fondern auf feinen
jetzigen Zuftand hin. Wie und wann es entftanden,
wird ftets mehr oder weniger ein Räthfel bleiben und
entzieht fich der hiftorifchen Forfchung. Weil man aber
auf hiftorifchem Wege nachgewiefen zu haben glaubte,
dafs uns die Bibel ein wefentlich falfches Bild biete, fo
mufste der hiftorifche Gegenbeweis geliefert werden,
dafs .... das Mifstrauen gegen die Schrift nicht berechtigt
war..... Die ganze moderne altteftamentliche

Wift'enfchaft ift auf verkehrter Bahn, folange fie fich nicht

hält an die Bibel, wie sie ist..... Gottes Wort, das

Neue Teftament und das Alte Teftament, hat die Aufgabe
, Menfchenfeelen zu Gott zu führen, und es hat fich

Zufall. Wenn Gott den Patriarchen an den Quellen oder
unter den Bäumen erfchien, fo gefchah es, weil sie dort
gerade zelteten oder nach Waffer fliehten, wie die Hagar.
Gefetzmäfsigkeit hierin zu erkennen oder überhaupt nach
Gefetzen hierbei zu fuchen, hat der Hiftoriker kein Recht.

Angefichts diefer Auffaffung wäre es völlig ausfichts-
los, mit dem Verf. über die altteftamentliche Geschichte
im Ganzen oder im Einzelnen zu rechten. Der Theologe
darf ja gar nicht hiftorifch verfahren, die Unterfuchung
der biblifchen Bücher auf ihren Urfprung und ihre Zufammenfetzung
ift ein Verbrechen gegen ihre Art und
ihr Wefen. Darum müffen alle Refultate kritifcher Unterfuchung
a priori falfch fein. — Der Verf. glaubt das
auch auf hiftorifchem Wege beweifen zu können. Er
erkennt aber nicht, dafs er damit fich felbft widerfpricht.
Denn wenn man auf rein hiftorifchem Wege die Glaubin
der Vergangenheit bewährt, aber in der Geftalt | Würdigkeit des alten Teftaments darthun kann, so ift

eben in der es uns vorliegt.....'. I damit auch ein Urtheil über feine Entftehung beweis-

Vielleicht ift es dem Herrn Verf. dienlich, wenn der bar, weil hiftorifche Glaubwürdigkeit nicht denkbar ift
Referent ihn auf ein Wort eines sehr bekannten, aus- | ohne eine beftimmte gefchichtliche Beziehung des
Teforochen pofitiven Theologen aufmerkfam macht, der Referenten zu den dargeftelltcn Thatfachen. Das wird
gelegentlich eines Gefpräches über Bibelkritik fagte: man | allerdings nicht benimmt behauptet, da aber der Verf.
forfche auf kritifchem Wege weiter, jede wirklich zu be- nirgends auf den göttlichen Factor als Grund der Glaub-
°ründende hiftorifche Erkenntnifs ift auch theologifch j Würdigkeit des alten Teftaments recurrirt, fo darf man
rthvoll denn nur in der Wirklichkeit können wir Gott j wohl annehmen, dafs er in ihm nicht die alleinige
kennen' (Ich citire aus der Erinnerung, nicht den Wort- j Quelle der Hiftoricität des Berichteten erkennt,
l t aber den Sinn.) Und nun dem gegenüber bei j Man wird die Plan- und Haltlofigkeit diefes Stand-
f em Verf welche' ängftliche Befchränkung des theo- 1 punktes voll würdigen können, wenn man ihn mit der Klar-
WiTch Wertvollen auf das unmittelbar Erbauliche! ! heit des charaktervollen Hengftenberg vergleicht. Das war
Welche anfechtbare Vereinerleiung von Wort Gottes j doch etwas Ganzes und in fich Gefchloffenes. Die heilige
und Schrift' Und zugleich welche Skepfis in hiftorifcher Schrift mufs unfehlbar fein, folglich mufs es fich auch
Beziehung da die Entftehung der altteftamentlichen in gefchichtlicher Hinficht beweifen laffen, dafs die einSchriften
als ein bleibendes Räthfel bezeichnet wird! zelnen Bücher auf diejenigen Verff. zurückgehen, denen
Und doch follen fie ein vollgültiges Zeugnifs ablegen? sie zugefchrieben find, dafs fie einheitlich und intact

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