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Ausgabe:

1903

Spalte:

696-698

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pflanz, Verlassen

Titel/Untertitel:

nicht vergessen 1903

Rezensent:

Furrer, Konrad

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Seite 1, Seite 2

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 25. 696

fammenzuftellen und zu prüfen. Das Erftere, die Detail- beliehen kann, fo müffen, wenn man den Begriff Gottes
forfchung, ift die Aufgabe der Naturforfchung, das Letztere fefthalten will, Gott und die Welt ein und dicfelbe
die Aufgabe der Philofophie. In der Erfüllung diefer | Wefenheit ausmachen: die Gottwelt. Die Gottheit ift
ihrer Aufgabe weifs fich die Philofophie ausfchliefslich : aber dem Verf. nicht, wie Spinoza, ein unveränderliches
auf den Gebrauch des menfchlichen Erkenntnifsvermögens 1 Wefen. Denn die Unveränderlichkeit, weit entfernt, zur
angewiefen; die Theologie dagegen fufst daneben auf göttlichen Vollkommenheit zu gehören, würde diefelbe
einer übernatürlichen Offenbarung, deren Wahrheit für vielmehr einfchränken. Nicht eine werdende, fondern
fie keines Beweifes bedarf. Auch die Ziele der Philo- 1 gerade die als ein fertiges Sein gedachte Vollkommen-
fophie und der im Dienft einer pofitiven Religion ftehen- heit ift ein Widerfpruch, infofern fie als abgefchloffene,
den Theologie find verfchiedene. Denn jener ift es ledig- ! irgendwo begrenzte zu denken ift. Nur für die werdende,
lieh um Erkenntnifs der Wahrheit als folchef zu thun; | ewig fortfehreitende fallen alle Schranken hinweg (S. 148).
diefe hingegen, gleichfam im Dienftc eines höheren Herrn ! Ein im Sinne der Theologie höchfivollkommener perfön-
ftehend, hat auf praktifche Bedürfnifse Rückficht zu licher Gott, ein allmächtiger, allweifer, allgutiger u, f. w.
nehmen. Der Verf. glaubt daher die Frage, ob die hätte auch nur eine vollkommene Welt fchaffen können.
Theologie — abgefehen von den gefchichtlichen Disci- I Diefer Ausfchnitt aus dem Inhalt des Buches mag
plinen — eine Wiffenfchaft fei, nicht bejahen zu können, j zeigen, dafs der .Plauderei' eine rejTej durchdachte Welt-
Die Theologie nehme unter den Wiffenfchaften eine 1 anfehauung zu Grunde liegt. Ueber die Klippen des
ähnliche Stellung ein, wie die Architektur unter den Pantheismus ift der Verf. freilich auch nicht hinwegge-
Künften, infof rn auch dk fe für die Befriedigung prak- kommen. Entweder ift in feiner .Gottvvelt' Gott mit der
tifcher Bedürfnifse zu forgen habe. Er zweifelt auch ' Welt identifch, dann liegt kein Grund mehr vor, neben
angefichts des feitherigen gefchichtlichen Verlaufs der der Welt von einem Gott zu reden, oder die Gottheit
Dinge an der Möglichkeit eines friedlichen Verhältnifses i bewahrt irgendwelche Selbftändigkeit, dann ift die Gottes-
zwifchen Theologie und Philofophie. Der Verf. weifs ! vorftellung nach der Analogie menfchlichcr Perfönlich-
fich daher auch im Hauptpunkte, im Gottesbegriff, im ! keit, deren die Frömmigkeit aller Zeiten fich. bedient,
Gegenfatz nicht blofs zum kirchlichen Dogma, in dem nicht mehr zu vermeiden. Auch ift die Beweisführung
er eine frühzeitige Entartung der Religion erblickt, fon- • nicht immer einwandfrei. — Neben der unendlichen Welt
dem auch zur Gottesvorftellung Jefu An die Stelle des , ift ein zweites Unendliches ebenfowohl denkbar (vgl.
— nach Analogie der menfchlichen PerfönlichkHt ge- ; S. 155), als Materie, Raum, Zeit nebeneinander als un-
dachten Gottes Jefu —, der liebt und hafst, belohnt und endlich gedacht werden können. Von dem Räthfel der
ftraft, der durch Wunder den natürlichen Verlauf der ! Theodicee bleibt auch für den Standpunkt des Verf.'s,
Dinge zu Gunften feiner Auserwählten verändert, fetzt fofern er nur überhaupt etwas wie eine ,moralifche Welter
feine pantheiftifche .Gottwelt'. Es liege gewifs eine Ordnung' annimmt, noch genug übrig. Dafs überhaupt
Fülle von Troft und Beruhigung in dem Glauben, es fei ' die Religion in diefer pantheifiifchen Verdünnung nach
der Wille eines allmächtigen, perfönlichen Gottes, ,dafs t verfchiedenen Richtungen das religiöfe Bedürfnifs beffer
allen Menfchen geholfen werde und dafs alle zur Er- i zu befriedigen vermöge, als der Perfönlichkeitsglaubc,
kenntnifs der Wahrheit kommen'. Aber wer könne ihn ! hat der Verf. zwar mit Scharflinn zu beweifen verfucht;
fefthalten angefichts der Thatfache, dafs weder jenes i in dem religiös-fittlichen Verhältnifs, das für die Religion
noch diefes gelchicht? ,Werft ihr mir vor, dafs ich nicht 1 doch zuletzt mafsgebend ift, wird aber ftets die Voran
Gott glaube, weil ich eure Vorftellung von ihm, als [ ftellung wiederkehren, dafs es fich dabei um ein Vereinen
! perfönlichen ftummen Zeugen aller Schandthaten i hältnifs von Perfönlichkeiten handelt,
und Greuel nicht theile? So thut ihr mir unrecht. Gerade Heidelberg. Th. Elfenhans,

weil und, foweit ich an Gott glaube, kann ich mir eure

Vorftellung von ihm nicht aneignen'(S. 53 ff). Aber die 1 _.. „ ., . ... , .,. T

Empfängerin der Briefe wendet hier dem Verf. ein: .Sie j Pflanz> Paftor' Verlassen, nicht vergessen. Das heilige Land
wollen mich vom Nutzen der Philofophie überzeugen und die deutfeh-evangehfeheLiebesarbeit. Zum 50jahn-
und geliehen zu, dafs diefelbe von einem wunderthätigen i gen Jubelfeft des Jerufalem-Vereins. Mit einem VorGott
nichts weifs? Aber damit wird ja den Menfchen! wort von D. Graf v. Zieten-Schwerin. Neu-Ruppin 1903
im Kampf ums Dafein ihr befter Troft genommen! ! Leipzig, H. G. Wallmann. . VIII, 239 S. gr. 8. m. 75
Und was bietet man ihnen dafür? Die troftlofc Erkenntnifs
, dafs fie von einem Naturgefetz abhängen, das

Abbildungen.) M. 1.50; geb. M. 2.—

für ihre taufendfältige Noth blind und taub ift'. Der Im Auftrage des deutfehen Paläftinavereins hat P.
Verf. hat zu erwidern, dafs der Wunderglaube nur fo Pflanz, eine Feftfchrift ausgearbeitet, die das Wirken des
lange werthvoll ift. als ihn der Menfch — feiten genug Vereins in den erften fünfzig Jahren feines Bcftehens
— zu feiner Beruhigung unverrückt feftzuhalten vermag, fchildert. Graf von Zieten-Schwerin, der Vorfitzende des
dafs dagegen die Ueberzeugung von der Unmöglichkeit Vereins, hat fie mit einer Vorrede begleitet, um die deut-
des Wunders unbedingt und allezeit werthvoll fei, fofern ; fchen evangelifchen Chriften warm und beredt zum Anne
uns antreibt, in der Erkenntnifs der unverrückbaren j fchlufs an den Verein einzuladen. 75 Bilder, die freilich
Gefetze des Dafeins beim Kampfe mit der eigenen Noth die Mängel wie die Vorzüge moderner Phototypien zeigen,
fcharffichtiger, muthiger, ausdauernder und beim Anblick verftärken den feftlichen Eindruck der Schrift,
der Noth anderer, — weil wir wifTen, unferc fromme Für- ! Jedem Unbefangenen wird das Lefen diefer Schrift
bitte nützt ihnen nicht — opferwilliger in felbftlofer 1 zu wahrer Herzenserquickung gereichen; denn fie giebt
Hilfe zu fein. Gerade von der chrifllichen Hauptforder- vom Walten deutfeh-evangelifchen Geiftes ein überaus
ung der werkthätigen Liebe, von dem Worte Jefu aus, ehrenvolles, ergreifendes, weil auf Thatfachen geftütztes
dafs diejenigen feine rechten Jünger find, ,die den Willen i Zeugnifs. Bei Beurtheilung kann es fich nicht um Herdes
himmhfehen Vaters thun', ergiebt fich, dafs der Philo- ' vorhebung kleiner Irrthümer oder abweichender Anficht
foph in allem für die Religion Wefentlichen mit dem : in untergeordneten Dingen handeln, zumal weil das Ganze
frömmften Chriften übereinfiimmen kann (S. 92). forgfältig und gewiffenhaft garbeitet ift. Nachdem der
In der metaphyfifchen Ausgeftaltung feiner Weltan- Verfaffer ganz kurz die Gefchichte des heiligen Landes
ficht, in der näheren Ausdeutung des ,fchlichten Be- fkizzirt hat, erzählt er von deffen Bevölkerung, von feiner
kenntnifses des Pantheiften', das er zu dem feinigen macht: heutigen wirthfehaftlichen Lage, von den deutfehen An-
die Welt ift Gott, nähert fich der Verf. Spinoza. Da I fiedlern (den Templern), den jüdifchen Anfiedlungen und
/ neben der Welt, die wir—-uns nur als ewjge und unend- ! den Religionsgemeinfchaften. Daraufhin fchildert er die
1 liehe zu denken vermögen, kein zweites Unendliches | deutfeh-evangelifche Liebesarbeit, zunächft die Methode