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Ausgabe:

1903 Nr. 25

Spalte:

694-696

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dreydorff, Joh. Georg

Titel/Untertitel:

Gottwelt 1903

Rezensent:

Elsenhans, Theodor

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 25.

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die Kraft, über kleinere oder gröfsere Zeiträume hinweg j gerufen. Gott hatte alfo die überfchwängliche Kraft
an Gütern feftzuhalten, die fich keineswegs als intenfive , dazu' (S. 88). Ift denn eine folche .überfchwängliche
gegenwärtige Luft geltend machen. Der Wille ift eine ( Kraft' Gottes nicht caufal befchaffen, und wenn nicht,
zeitüberfpannende Potenz, ein Vermögen, die Gefühle im : ift denn der Begriff einer nicht caufal wirkfamen Kran-
Blick auf die Zeit, ja im Blick auf die Ewigkeit zu dis- nicht eine ganz abenteuerliche conlradictio in adjecto}
cipliniren' (S. 63). Und ferner, Gott foll Wefen mit Ichbewufstfein zwar

Mit diefem Ergebnifs, das freilich nur gewonnen ,ins Dafein rufen', ihnen dasfelbe Ichbewufstfein aber
worden ift, indem der Verf. die analogen Erfcheinungen, j nicht zugleich .einflöfsen' können? Und dergleichen
fowie fie die Dreffur auch bei den intelligenteren Thieren j Behauptungen follen die .Wirklichkeit' ausdrücken, die
hervorzubringen vermag, vollkommen ignorirt hat, ift aber der Verf. dem religiöfen Determinismus triumphit end
auch fein Empirismus zu Ende. Was nun kommt, ift entgegenhält? Ein eigenthümlicheres quid pro quo ift

weiter nichts als verwegenfte Metaphyfik. Dazu leitet
die dem Zeitbegriff zugewandte Betrachtung über. Zu-
nächft war diefer nur erft in dem Sinne wichtig, dafs der
Wille kleinere oder gröfsere Zeiträume überfpannt, d. h.
mit feinen Zwecken über fie hinausgreift. Nur aber überfpannt
ihn der Verf. auch in dem anderen Sinne, dafs
er die Zeit zu einer .ungeheueren Realität' autbaufcht.
Infofern wird fie als die .zureichende Urfache' proclamirt,

mir doch noch kaum je vorgekommen. Da lobe ich mir
denn doch den .faulen Caufalbegriff des Durchfchnitts-
menfchen' und den .nicht beftern Kant's' (S. 26), bei deren
Anwendungen denn doch folche Entgleifungen nicht
wohl paffiren können, und befcheidc mich, dem Ikarusfluge
der Bolliger'fchen Logik und Metaphyfik lieber
gemächlich von unten aus zuzufchauen, als mich mit
ihm zur Apotheofe der Zeit und zur Annahme von der

,die den Dingen die Möglichkeit giebt, ja fie nöthigt, j Urfachlofigkeit des menfchlichen Ichbewufstfeins und des

fowohl fo als anders zu fein' (S. 69). Der eigentliche
Knalleffect diefer Speculationen aber wird in der Be
hauptun" geleiftet, dafs ,wir, recht befehen, mit dem Namen

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die Zeit (= Gott) überfpannenden Willens zu verfteigen.
Auf diefem niederen Standpunkt aber habe ich auch
einigermafsen Vcrftändnifs für die nur .äufserft limitirte

der Zeit' und der Gottheit ein und dasfelbe' meinen. ,Die Anerkennung', die fich das Haager Preisgericht, wie mir

Zeit (Chronos)', fo werden wir unterrichtet, ,ift nur ein fcheinen will, immerhin noch in allzu anfpruchslofer
profaner Name für den allwaltenden Gott. Ganz unnöthig,' Milde, der vorliegenden Preisfchrift gegenüber abgc-
über diefe Gleichfetzung das Haupt zu fchütteln! Sind wonnen hat.

wir doch längft gewohnt, von der Zeit und der Gottheit J ß 0 _

gleiches zu prädiciren, z. B. „Die Zeit ift ewig" und | w' R1"Cm.

ebenfo „Gott ift ewig"; „Alles gefchieht in der Zeit" und

In Gott leben, weben und find wir"; „Die ewige Zeit

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Dreydorff, D. Joh. Georg, Gottwelt. Eine philofophifche

macht alles möglich" und „Bei Gott find alle Dinge 1

,L„ n- n l. -i. 11 111 j « j e*~u. tili* Plauderei in Brieten an eine Freundin. Leipzio- ion-'
möglich"; „Die Zeit heilt alle Wunden" und „Gott heilt | c tr:„_, ^rlT c _ a. F y^"'

alle Wunden". Wozu fich nun fcandalifiren, wenn diefe
iibereinftimmenden Auslagen, die wir uns harmlos erlaubten
, nunmehr auch wiffenfchaftlich [!] gerechtfertigt [?]

S. Hirzel. (VII, 182 S. gr. 8.) M. 2.40

Das vorliegende Buch verdankt feine Päitftehung
dem brieflichen Verkehr des Verf.'s mit einer gebildeten

erfcheinen......Gott ift die allmächtige Zeit und lenkt Frau, die ihm geftand, dafs fie für Kunft und Literatur

als folche das Univerfum. Und der Menfch ift als zeit- viel, für die Philofophie aber nichts übrig habe, ,weil fie
liberfpannendes Wefen, als Wille, ein Abglanz Gottes ! deren Nutzen nicht einfehe'. Von den Vorurtheilen,
und beherrfcht und lenkt als folcher das Univerfum j welche in diefer Bemerkung und in der Art der Befeiner
Gefühlswelt' (S. 71). Alfo ein .Abglanz Gottes' ; gründung derfelben zu Tage treten, fcheinen dem Verf.
überfpannt die Zeit, die felbft Gott ift! Ich mufs ge- ! befonders zwei weitverbreitet zu fein: das eine dafs die

Philofophie überhaupt nichts Bleibendes zu Stande bringe,
weil jedes philofophifche Syftem vom nächftfolgenden^
wie das Gewebe der Penelope von ihr felbft, wieder auf-
gelöft werde; das andere, dafs fie, weil ihr die Vernunft

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flehen, dafs ich nicht intelligent genug bin, diefen Gedanken
zu denken.

Gleichfalls geht meiner befcheidenen Intelligenz der
Athem aus, wenn ich nun weiter auch den Ideen des

Verf.'s über die Caufalität folgen foll. Zwar verftehe ich I als höchfte Tnfhn? oilt

es noch, wenn die Phaenomena und die Vorftellungen ; Rdigbn fei Dil fchHch?^ 1?[un,drat?llc,he ^gnerin de,
der Seele einander gleichgefetzt werden, und eben unter j mit welcher der Verf diefen Vn^^i l'-i r Phdofophie,
dem phaenomenaliftifchen Gefichtspunkt behauptet wird, j treten fucht erfüllt ihrer1 7** .vori,rtheilen cntgegenzu-
dafs zwifchen den Phaenomena untereinander kein Caufal- ( der Seite der Form in Z U7 'u zu™.,mLndeften nach
verhältnifsbeftehe. Auch dafs die Phaenomena Wirkungen j eine gemeinverftändlirhr-nfil^fiV iVT GL, und ffiebt
der Seele als des aphaenomenalen Inhabers und Produ- Hauptfragen der Ä Behandlung der

centen ihrer Vorftellungen fein follen, kann ich mir allen- Aus der Verrreo-enwHrtir,,,« ^ tt

falls vorftellig machen, wenngleich mir das Bild, das der Univerfums mufs fich dem ffii.fi n ^"Endlichkeit des
Verf. zur Bezeichnung des rückwirkenden Einfluffes der 1 n"Ler.V.en^'end5n die Selbft

früheren Vorftellungen auf die Seele felbft braucht, fchon
nicht mehr recht paffend erfcheinen will: ,es ift nicht
der einzelne phaenomenale Augenblick Erzeuger des

befcheidung ergeben, eine weife Selbftbefchränkung .
fie, im Gegenfatz zu den Materialiften, Darwin ^übt hat
Die Frage nach dem letzten Grund des Dafeins 1ft wiffenfchaftlich
unlösbar. Auch die Berufung der orthode

Joxen

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nächften, fie find alle Söhne der nämlichen Mutter [!J, j Ineologie auf einen unmittelbar geoffenbarten göttlichen
fo doch, dafs diefe bei Erzeugung [!j jedes ihrer Kinder Urlprung der Welt ändert hieran nichts, da neben der
durch ihre vorausgehenden Kinder bedingt refp. beftimmt 1 Undenkbarkeit eines der Schöpfung vorausgehenden
ft' (S. 78). Dafs'aber endlich diefe urfächlich wirkfame 1 Nichts fich nicht einfehen läfst, warum die Schöpfuno-s

Seele nicht auch wieder Wirkung einer anderen Urfache
fein foll (S. 84), und dafs auch Gott als ein ,uber alles
Menfchenkönnen hinausragender Kunftler' einem von ihm

fagen anderer Religionsbekenner, die ihre Priefter auch
für geoffenbart ausgeben, weniger Wahrheit haben follen
als die der Juden und Chriften. Können aber auch die

gefchaffenen und mit Athmung, Herzfchlag, Blutcircula- letzten Fragen des Dafeins nicht beantwortet werden fo
tion, Mienenfpiel verfehenen Automaten ,nie Ichbewufst- doch unbeftimmt viele, die auf dem Wege zu ihnen
fein einflöfsen könne', das geht wieder weit über meinen liegen; und wiffen wir auch vom Univerfum als folchem
Horizont hinaus. Das vermag ich aber auch nicht ein- nicht mehr zu fagen, als dafs es ift, weil wir nur einen
mal zufammenzureimen mit dem gleich darauf folgenden j geringen Theil von ihm wahrnehmen, fo lohnt es fich
Satze: ,Gott, der ein Geift ift, hat Wefen mit Ichbewufst- > doch, diefen Theil nach allen Richtungen hin zu unter
fein, d, h. mit einem Funken feines Wefens, ins Dafein fuchen und das Ergebnifs diefer Unterfuchungen zu