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Ausgabe:

1903 Nr. 25

Spalte:

692-694

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bolliger, Adolf

Titel/Untertitel:

Die Willensfreiheit 1903

Rezensent:

Ritschl, Otto

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 25.

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ftand und das katholifche Lebensideai, um daran I nicht als erneute Kriegserklärung verftanden werden,
S. 188—204 eine bittere und giftige Polemik gegen die 1 fo wird man fich zu einer unzweideutigeren Sprache
von Ritfehl und mir (im Verein mit hundert Anderen) ' entschliefsen muffen.

vertretene Meinung zu heften, das Mönchthum fei nach Berlin A Harnack

katholifcher Auffaffung als Stand der Vollkommenheit
das eigentliche katholifche Lebensideal (unbefchadet der

uns allen bekannten Thatfache, dafs nach katholifcher Auf- Boll iger, Prof. Dr. Adolf, Die Willensfreiheit. Eine neue
faffung alle Vollendung Vollendung in der Liebe ift und 1 Antwort auf eine alte Frage. Berlin 1903, G. Reimer,
dtefe auch im thätigen Leben erworben werden kann). Wer (-T c ß, ivr
nicht näher zufieht, mag durch die verblüffende Art des i tv> I2S b. gr. ö.) 2-4Q
Verfaffers einen Augenblick getäufcht werden; auch ift Vorliegende Schrift ift von der Haager Gefellfchaft
einzuräumen, dafs die Frage eine gewiffe Entwickelung zur Vertheidigung der chriftlichen Religion, der fie als
(aber nicht im Hauptpunkt) durchgemacht hat und ver- ; Beantwortung einer von ihr geftellten Preisfrage nach
fchieden beleuchtet werden kann. Aber was wir ; der Haltbarkeit der indeterminiftifchen Theorie eingemeinen
, hat Denifle felbft zugeftanden, nur nicht i reicht war, nicht mit dem vollen Preife von 400 Gulden,
in der Polemik gegen uns, fondern 40 Seiten vor- ; fondern, wie ihr Verf. felbft mittheilt, nur mit 250 Gulden
her! Da lieft man — um nur diefe Stellen (S. 147) anzu- und,einer äufserftlimitirten Anerkennung'bedacht worden,
führen: ,Die Räthe haben mithin nach Thomas nur re- ' Dagegen hofft er, dafs feine ,nun gedruckt vorliegende

lativen Werth, fie find blofs relative Mittel, um das Allen empiriftifche Beweisführung......diesfeits und jenfeits

gefetzte Gebot der Liebe fo vollkommen wie möglich zu j des Haages eine vollere Anerkennung finden' werde,
erfüllen. In diefen Sinn find die Räthe Werkzeuge der j Doch glaube ich kaum, dafs, wer fich etwas gründlicher
Vollkommenheit und der Ordensftand felbft ein Stand der [ mit dem Problem der Willensfreiheit befchäftigt hat,
Vollkommenheit (vom Verf. gefperrt), nicht als ver- ' diefe Hoffnung des Verf.'s für befonders berechtigt halten
pflichte man fich bei der Annahme derfelben vollkommen ! wird.

zu fein, fondern weil man fich für immer verpflichtet, nach ! Der Verf. ift überzeugter und entfehiedener Indeter-
der Vollkommenheit der Liebe zu ftreben. Diefs ift ! minift. Das hätte ihn jedoch an fich nicht zu beftimmen
völlig im Sinne des h. Bernhard, welcher fchreibt: „Das i brauchen, die dem Determinismus, befonders auch in
unermüdete Streben, Forfchritte zu machen, und das [ feiner religiöfen Ausprägung, zu Grunde liegende Denk-
beftändige Ringen nach Vollkommenheit erachtet man i weife fo verftändnifslos zu verkennen und gegen deren
als Vollkommenheit".' Dazu die in Note 3 S. 147 aus ' Vertreter und die von ihnen vertretenen Anflehten fo
Thomas angeführte Stelle [De perfect. vit. spirit. 77): ,Si forfch und fummarifch einherzufahren, wie es dem Verf.
quis totam vitam suam voto deo obligavit, ut in operibus I beliebt. Denn fchliefslich liegt die Streitfrage felbft bei
perfectionis ci deserviat, iam simp Heiter conditionem S weitem nicht fo einfach, wie er meint. Schon dafs er
vel statum perfectionis assumpsit', ferner 2. 2. qu. felbft nicht umhin kann, im Widerfpruch zu der pela-
186, a. 1 ad 3: ,Religio nominat statum perfectionis j gianifchen Theorie dem Determinismus nachträglich fehr
ex intentione finis'; weiter (S. 148 n. 3 — Thomas wefentliche Zugeftändnifse zu machen (S. 97 f.), hätte ihm
1. 2. qu. 184, a. 4): J)i statu perfectionis proprie dicitur eine Mahnung zur gröfseren Vorficht im Ausdruck feiner
aliquis esse non ex hoc, quod habet actum dilectionisper- 1 polemifchen Urtheile fein follen. Gerade wenn man, wie
fectae, sed ex hoc, quod obligat sc perpetuo cum aiiqua soiem- ja auch er will, dem Problem von der empiriftifchen
nitatc ad ca, quae sunt perfectionis'. Erachtet man im Seite beizukommen fucht, liegt es doch wohl eigentlich
Katholizismus neben dem Mönchthum irgend einen an- näher, fich zunächft die Erfcheinung eines in fich zu-
deren Stand auch als ,Vollkommenheit' und giebt ihm fammenhängenden empirifchen Charakters zu vergegen-
diefen Namen? Nein! wärtigen und analytifch den Factoren nachzugehen, als

Man fagt, und ich habe allen Grund, es zu glauben, j deren Ergebnifs er fich darftellt, ftatt von vornherein
Denifle fei ein ehrlicher Mann. Angefichts dieses das Wefen des Willens in apodiktifchen Behauptungen
empörenden Buches möchte man faft ausrufen — um fo | zum Ausdruck zu bringen, die, genau betrachtet, doch viel-
fchlimmer! Wer find die furchtbaren Mächte, die diefen j mehr recht problematisch find Infofern erfcheint mir fofort
ehrlichen Mann fo gefchändet, ausgebrannt und entleert fchon die von dem Verf. vertretene hedoniftifch-eudä-
haben, dafs er um allen Verftand, um alles Gefühl, um moniftifche Willenspfychologie fehr anfechtbar. So foll
Gerechtigkeit und Liebe gekommen, und dafs nichts j eder Willensact als folcher das Wollen eines Guts fein

übrig geblieben ift, als die formale hlhrlichkeit und die (S. 10), und unfer Wollen .jedenfalls......immer und

Unterwerfung unter die Lehrfätze der römifchen Kirche? unvermeidlich die Realifirung von Gütern zum Ziel'
Weffen wir uns von diefem Geifte zu verfehen haben, haben. Wcfentlicher Beftandtheil eines Gutes aber ift
das hat er zum Ueberflufs in der Vorrede (S. XV) ent- die Luft, die es gewährt oder verfpricht (S. 53). Doch
hüllt; er schreibt: ,Würden Proteftantcn auch gar nicht, führt weiterhin die Betrachtung der Thatfache, dafs wir
wie in den letzten Jahren, gegen die katholifche Kirche .unter normalen Verhältnifscn im Stande find, eine kleinere
toben und zum Kampfe förmlich herausfordern, fo Luft als die im Augenblick mögliche zu wählen', ja, der Luft
blieben dennoch fi e die ewigen Störenfriede und pflanzten den Abfchied zu geben und den Schmerz zu wählen'
folche von Gefchlecht zu Gefchlecht weiter durch ihren (S. 58), zur Aufhellung des indeterminiftifchen Begriffes
Gefchichts- und Religionsunterricht in den Schulen', vom Willen, der fehr viel enger ift, als der jenes an-
Alfo unfer blofses Dafein ift die Herausforde- geblich immer nur auf Güter gerichteten allgemeinen
rung der katholifchen Kirche. Das wollen wir uns Willens und der diefem gleichartigen Willensacte. Diefer
merken. Wille nämlich erfcheint neben den Gefühlsmotiven als

Einige Zeilen weiter fchreibt der Verfaffer (S. XVI): eine .andere Potenz', auf deren Wirkfamkeit das nicht
,Ich habe den proteftantifchen Theologen nur noch zu < direct durch Luft beftimmte Wollen von Gutern zurückbemerken
, dafs hinter mir Niemand steht. Ich bin allein geführt wird. Doch lehnt es der Verf. als einen Pleonas-
verantwortlich für meine Arbeit; fie haben es alfo mit '< mus ab, ihn als ,freien Willen' zu bezeichnen (S. 48
mir allein zu thun'. Wir wollen das gerne glauben; Anm. 1), als ob nicht gerade eine derartige nähere Be-
autorifirt hat den Verf. gewifs Niemand zu folchem ! ftimmung erforderlich wäre, um diefe ,andere Potenz' von
Angriff in diefem gefchichtlichen Moment. Aber die jenem Wollen im weiteren Sinne überhaupt zu unter-
Art, wie die „Germania" fich zu dem Werke geftellt j fcheiden. Der Wille als .andere Potenz' offenbart fich
hat (Nr. vom 10. Nov. 1903), bietet noch keine Gewähr ; aber ferner als ,die wunderbare Potenz, unter der Direc-
dafür, dafs man es dort wirklich ablehnt. Soll das Buch ; tion zukünftiger Güter und Uebel zu handeln. Er ift