Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1903 Nr. 25

Spalte:

689-692

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Denifle, P. Heinrich

Titel/Untertitel:

Luther und Lutherthum, in der ersten Entwickelung quellenmässig dargestellt.Erster Band 1903

Rezensent:

Harnack, Adolf

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

689

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 25.

690

Denifle, P. Heinrich. O. P., Luther und Lutherthum, in der
ersten Entwickelung quellenmässig dargestellt. Erfter Band.
Mainz 1904, F. Kirchheim. (XLI, 860 S. m. 2 Bild-
niffen gr. 8.) M. 10.—

Seit geraumer Zeit wufste man, dafs P. Denifle an
einer Monographie über die Anfänge Luther's und des
Lutherthums arbeite. Was man von dem Buche zu erwarten
habe, das glaubte man ebenfalls zu wiffen: grofse
Gelehrfamkeit und daher auch neue Thatfachen.
Um ihretwillen war man von vornherein bereit, polternde
Anklagen und decidirtes Unvei ftändnifs der reforma-
torifchen Bewegung in den Kauf zu nehmen. An beides
hatten wir uns bei diefem Autor gewöhnt, der uns mit
der Art feiner Polemik ftets ins 16. Jahrhundert verfetzte,
uns nie vergeffen liefs, dafs er Dominikaner fei, und der
die damit gegebene erhöhte Temperatur durch einige
knorrige tirolbche Prügelftöcke, die er in die Flammen
warf, ltets noch verftärkte.

Es ift ganz anders gekommen, als wir dachten. Zwar
an Gelehrfamkeit fehlt es nicht, aber fie fpielt, die Hauptfragen
anlangend, eine ganz untergeordnete Rolle, und
an neuen Thatfachen von Bedeutung habe ich blutwenig
gefunden. Dagegen hat derVerfaffer den Rahmen
feines Buches benutzt, um in demfelben ein
Schandmal für Luther aufzurichten, wie es fo
tendenziös, objectiv unwahr und erfchreckend
gemein in unferem Zeitalter nicht einmal von inferioren
Sudlern erfunden worden ift. Ich will nur
zwei Belege hierher fetzen; fie find nicht willkürlich herausgepflückt
, fondern fie charakterifiren den Geift, in dem
das ganze Werk gefchrieben ift. Ich hatte (Lehrbuch der
Dogmengefch. III3 S. 729) gefagt: ,Luther war nur grofs
in der am Evangelium, d. h. an Chriftus wieder entdeckten
Erkenntnifs Gottes . . . Der lebendige Glaube an den
Gott, der in Chriltus der armen Seele zuruft: ,Salus tua
ego sum', die gewiffe Zuverficht, Gott fei das Wefen, auf
das man fich verlaffen kann — das war die Botfchaft
Luther's an die Chriftenheit'. Hieran anknüpfend fchreibt
Denifle (S. i2of.): ,Luther flehte nicht mit dem Pfalmiften

zu Gott: „Sage meiner Seele: Ich bin dein Heil".....

Luther's und feiner Anhänger Heil war nicht Chriftus,
den fie früher für immer dem Weibe vorgezogen hatten;
fie liefen nicht feiner Stimme nach, fondern fie erblickten
ihr Heil in ihrer fleifchlichen Vermengung mit dem Weibe,
deffen Stimme fie nachliefen, die ihnen zurief: „Salus tua
ego sum". Ihr höchftes Ideal war das derjenigen, von
denen der Verf. der Richtervorlefung fchreibt: „Blando
sopiuntuv tnulicris slnu1'.' Und S. 738 beginnt Denifle
die Darftellung von .Luther's chriftlichem Charakter' mit
der Ueberfchrift: ,Die beneideswerthe Sau, das Ideal
des fei igen Lebens'. Sucht man, worauf fich diefe
Infamie ftützt, fo findet man als Unterlage eine der ern-
fteften und tiefften Ausführungen Luther's, von der man
denken follte, das fie jedes Chriften Herz bewegen müfste.

In welcher Verblendung und geiftigen Verarmung
der Verfaffer fich befindet, erkennt man nicht nur daran,
dafs er es für möglich hält, von einem folchen Luther
die grofse Bewegung des 16. Jahrhunderts abzuleiten, dafs
ihm alle feineren Mafsftäbe gefchichtlicher Betrachtung
fehlen und dafs er nur katholifche Dogmatik wiederzugeben
vermag, — viel fchlagender noch ift Folgendes:
Einen Höhepunkt des Buchs foll die Darlegung (S. 627—692)
bilden, dafs Luther und der Proteftantismus von
Liebe nichts wiffen; die Liebe aber fei das A und
O; die Liebe fei die Einheit von Religiofität und Sittlichkeit
; die Liebe fei ein Hauptfactor in der Rechtfertigung
, den Luther um des .Glaubens' willen aus-
gefchaltet habe; nur die katholifche Lehre ftelle die
Liebe in den Mittelpunkt u. f. w. So fchreibt der
Verfaffer und preift uns Proteftanten den Katholizismus
und die Liebe an; aber feine Feder ift
dabei inHafsundVerachtung gegen uns getaucht,

und diefer Apoftel der Liebe überhäuft Luther
und uns überall mit Schmäh- und Schimpfreden!
Ich kann mich nicht erinnern, in unferer Zeit je ein fo
fchauriges Lied der Liebe fingen gehört zu haben — es
ruft die Schatten aller der von diefer Liebe Gequälten,
Gefolterten, Geräderten und Verbrannten wieder an das
Tageslicht!

In eine wiffenfehaftliche Auseinanderfetzung mit diefer
,Luther-Biographie' zu treten, erfparen wir uns bis auf
Weiteres. Zunächft haben die katholifchen Herren Collegen
den Vortritt. Wir werden fehen, was fie von dem Buche
übrig gelaffen haben, foweit es die Vernichtung nicht
fchon in fich felbft trägt. Dogmengefchichtlich von In-
tereffe ift eigentlich nur die Frage nach der Beurtheilung
der Concupiscenz feitens Luthers. Weder Katholiken
noch Proteftanten haben heute Grund, fich über die
Stellung Luther's zu diefer Frage zu echauffiren, mag fie
welche auch immer gewefen fein. Was aber die Schatten
an Luther's Art und Charakter betrifft, fo haben prote-
ftantifche Gelehrte fie nicht verfchwiegen, ja fie zum Theil
als die erften ans Licht geftellt.

Das ganze Werk ift durchzogen von den anmafsend-
ften Angriffen auf proteftantifche Gelehrte: Unwiffenheit.
Hohlheit, Gefchwätzund noch Schlimmeres wird ihnen auf
jedem Bogen vorgeworfen. Soweit ich die Angriffe bei
der erften Leetüre controliren konnte — die zahlreich auf
mich gerichteten lagen mir dabei am nächften — darf ich
erklären, dafs fie fich durch unerhörte Leichtfertigkeit,
Verdrehung und Entftellung auszeichnen und felbft vor
den gröbften fittlichen Vorwürfen (Cynismus, Lüge) nicht
zurückfeheuen. Nach der Meinung des Verfaffers ift freilich
eine Auseinanderfetzung oder Rechtfertigung der Angeklagten
gar nicht möglich; denn — als befänden wir
uns noch im 13. Jahrhundert — fchreibt er (S. 857):
.Harnack verfteht all diefs nicht (felbft wenn er
die Lehre des Thomas kennen würde), weil er
weder fides J'ormata noch fides iuformis befitzt,
denn, wie der h. Thomas lehrt, bleibt in einem
Häretiker, der fich weigert, einen einzigen Glaubensartikelanzunehmen
,wederdergeformte noch
der ungeformte Glaube. Harnack kann nur wie
der Blinde von den Farben fprechen, und diefs
hat fein Gerede zur Genüge erwiefen'. Aber wozu
dann der Worte, die ja ganz untaugliche Waffen find?
Man kann uns, wenn die Dinge fo ftehen, nur beikommen,
wenn man uns niederfchlägt, wie fie's an unferen Vätern
verfucht haben.

Wie der Verfaffer feine Polemik fachlich führt, dafür
nur zwei Beifpiele — ich bin bereit, jeden anderen, in
dem Buch auf mich geführten Angriff in der gleichen
Weife abzuthun. S. 383 verfpottet er die proteftantifchen
Theologen, weil fie nicht wüfsten, dafs das geflügelte
Wort von den ,splendida vitia' gar nicht bei Auguftin fich
finde. In diefem Zufammenhange erwähnt er auch mich
und bemerkt dabei, dafs .Harnack, klüger als fein College
Seeberg, keinen Beleg für die .furchtbare Theorie' [fo
hatte ich fie genannt] bringe'; aber für auguftinifch foll
auch ich das Wort gehalten haben. Nachträglich p. XXX
bemerkt er, dafs ich in der Theol. Lit.-Ztg. auf einen
Angriff von anderer Seite her gefchrieben hatte, dafs mir
der Sachverhalt bekannt fei, dafs aber das Wort eine
treffliche Formel für einen auguftinifchen Hauptgedanken
darftelle und in diefem Sinn von mir gebraucht fei (ich
hatte ja auch nicht von einem ,Wort', fondern von einer
.Theorie' Auguftin's gefprochen). Diefer beftimmten
Erklärung gegenüber wagt Denifle einfach zu fchreiben:
,Si tacuisses Wenn es ihm bekannt war, warum gebrauchte
er den Ausdruck als auguftinifch? Eitle Ausrede
'. Denifle wirft mir alfo einfach Lüge vor; das darf
er ja, denn jeder Häretiker ift ein fchlechter Menfch.

S. 143—188 überfchüttet uns Denifle mit einer höchft
überfluffigen Gelehrfamkeit über die Anflehten des Thomas
und anderer vorlutherifcher Lehrer betreffend den Mönchs-