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Ausgabe:

1903 Nr. 24

Spalte:

667-668

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Willmann, Otto

Titel/Untertitel:

Didaktik.Zwei Bände 1903

Rezensent:

Knoke, Karl

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667

Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 24.

668

Wirkung zwifchen pfychifchen und phyfifchen Urfachen
annimmt. So gut nun aber der Verf. diefen Dualismus
zwifchen den beiden von ihm vertretenen Standpunkten
auszugleichen verfteht, vermögen auch die beiden von
Münfterberg nebeneinander geftellten Betrachtungsweifen
durch Subordination der einen unter die andere zu einer
im letzten Grunde einheitlichen und zwar gleichfalls
idealiftifchen Weltanfchauung vereinigt zu werden. Wie
diefe Combination im Einzelnen durchführbar ift, kann
ich hier nicht auseinanderfetzen, verweife aber auf die
einfchlägigen Ausführungen in meiner Abhandlung über
Theologifche Wiffenfchaft und religiöfe Speculation
(Zeitfchr. f. Theol. u. Kirche. 1902. S. 202 ff. 255 ff.), in
der ich mich über dasfelbe Thema eingehend geäufsert
habe. In den Zufammenhang diefer Darlegungen würde
fich nun gerade auch die Theorie des pfychophyfifchen
Parallelismus zwanglos in der Weife einfügen, dafs fie
die der phyfiologifchen Pfychologie recht eigentlich ent-
fprechende Auffaffung und Arbeitsmethode angiebt,
während es doch zugleich vorbehalten bleibt, dafs mit
den wiffenfchaftlichen Mitteln der Pfychophyfik das
geiftige Leben weder felbft nach allen Seiten hin er-
fchöpfend, noch auch in feiner inneren Eigenthümlich-
keit zureichend begriffen werden kann. In diefem
Sinne verftanden aber würde im Unterfchiede von dem
Materialismus der pfychophyfifche Parallelismus dadurch
charakterifirt fein, dafs er, indem er die Selbftändigkeit
des geiftigen Lebens neben dem phyfifchen principiell
behauptet, einen Hinweis über fich felbft und über feine
Anwendung als Princip der naturwiffenfchaftlichen Er-
forfchung des Seelenlebens hinaus auf eine höhere,
andersartige und überhaupt erft abfchliefsende Gedankenbildung
enthält.

Bonn. O. Ritfchl.

Willmann, Otto, Didaktik als Bildungslehre nach ihren
Beziehungen zur Socialforfchung und zur Gefchichte
der Bildung dargeftellt. Dritte verbefferte Auflage.
Zwei Bände, (gr. 8.) Braunfchweig 1903, F. Vieweg
& Sohn. M. 14—; geb. M. 18.—

I. Einleitung. — Die gefchichtlichen Typen des Bildungswefens.
(XVI, 435 S.) M.6.50; geb. M.8.50. — DL Die Bildungszwecke. —
Der Bildungsinhalt. — Die Bildungsarbeit. — Das Bildungswefen.
(XXIII, 605 S.) M.7.50; geb. M.9.50.

Eine eingehende Befprechung diefes vorwiegend
pädagogifche Intereffen verfolgenden Werkes würde aus
dem Rahmen der Aufgabe einer theologifchen Zeitfchrift
treten; deswegen werdeich meine Anzeige desfelben auf
wenige Bemerkungen befchränken müffen. Willmann's Didaktik
ift in erfter Auflagei882und i889erfchienen. Die AufAufgabe
, welche fich der Verf. gefetzt hat, läfst fich dahin
beftimmen, die Didaktik als Bildungslehre darzuftellen und
zwar fo, dafs dabei zugleich auf die individuale wie auf
die fociale Seite Rückficht genommen und das Ganze
der Darftellung in das Licht der hiflorifchen Entwicklung
des gefammten menfchlichen Bildungswefens geftellt wird.
Dabei wird die engfte Verbindung der gefchichtlichen
Betrachtungsweife mit der philofophifchen angeftrebt.
Im Einzelnen macht fich bei der Unterfuchung und Darfteilung
felbftverftändlich der philofophifche und kirchliche
Standpunkt des Verfaffers bemerkbar. Willmann
ift feiner philofophifchen Richtung nach zu den Anhängern
Herbart's zu zählen und ift feiner kirchlichen
Richtung nach Katholik. Das Erlte hindert ihn nicht,
I, 89 über die Herbart'fche Didaktik das kritifche, durchaus
zutreffende Urtheil zu fällen, fie fei ,von dem Vorwurfe
nicht frei, über der formalen Tendenz das Eigen-
thümliche der verfchiedenen Unterrichtsmaterien zu ver-
nachläffigen und fich mit dem Hervorrufen pfychifcher
Thätigkeiten zu begnügen, anftatt bis zur Vermittlung von
beftimmten Erkenntnifsen vorzudringen'. Die Zugehörigkeit
zur katholifchen Kirche dispenfiert ihn nicht von

dem Bettreben, auch proteftantifcher Denkweife hiftorifch
gerecht zu werden; aber es ift nicht ohne Intereffe, zu
beobachten, wie er in den 20 Jahren feit dem Erfcheinen
der erften Auflage vorfichtiger im Ausdrucke geworden
ift, um die Gefahr unliebfamer Cenfur feitens feiner Kirche
zu vermindern. In der erften Auflage charakterifirt er
z. B. die Berührungspunkte zwifchen dem Humanismus
und dem Proteftantismus des 16. Jahrh. I, 303 u. a. in
folgendem Satze: ,Beide greifen, Jahrhunderte über-
fpringend, auf das Altertum zurück, diefer auf das
klaffifche, jener auf das chriftliche'. In der 3. Auflage
ift diefer Satz I, 310 in feinem Schluffe dahin abgeändert,
dafs er nunmehr heifst: ,diefer auf das klaffifche, jener
auf das, was er für das chriftliche Altertum erklärt
'. Aehnliche ,Verbefferungen' finden fich auch fonlt
in der 3. Auflage. Diefe unterfcheidet fich von den
früheren, abgefehen von manchen Umarbeitungen des
Textes im Einzelnen, befonders noch durch eine regel-
mäfsige Verweifung auf die inzwifchen erfchienene ,Gefchichte
des Idealismus' von demfelben Verf. Es ist
aber bekannt, dafs Willmann in ihr gegenüber feinen
frühern Arbeiten den römifchen Standpunkt fo ftark vertritt
, dafs man die Empfindung hat: Laudabiliter se sub-
jecit. Wir können danach die 3. Auflage der Willmann-
fchen Didaktik nicht in jeder Beziehung als eine verbefferte
' bezeichnen.

Göttingen. K. Knoke.

Schaefer, Dr. Heinrich, Pfarrkirche und Stift im deutschen

Mittelalter. Eine kirchenrechtsgefchichtliche Unterfuchung
. (Kirchenrechtliche Abhandlungen. Herausgegeben
v. U. Stutz. 3. Heft.) Stuttgart 1903, F. Enke.
(XIV, 210 S. gr. 8.) M. 640

Verf. giebt in der vorliegenden Abhandlung eine
gründliche und eindringende Erörterung des zur Unterfuchung
flehenden Themas. Er hat dabei fowohl das zu
Gebote flehende gedruckte Material in ergiebigfter Weife
herangezogen, als auch archivalifche Quellen benutzt.
Verf. felbft bezeichnet feine Arbeit als eine kirchenrechtsgefchichtliche
Unterfuchung. Diefelbe ift für den Juriften
wie für den Kirchenhiftoriker von gleich grofsem Intereffe
und bietet eine Fülle neuer Gefichtspunkte. Sehr
zum Vortheil würde es der Arbeit gereicht haben, wenn
Verf. die Refultate, zu denen er gelangt, am Schlufs der
jedesmaligen Unterfuchung überfichtlich zufammengeftellt
hätte. Statt deffen wirft er wohl Fragen auf und knüpft
daran feine Erörterungen, unterläfst es aber meift, eine
präcife Antwort auf die einzelne Frage zu geben, über-
läfst es vielmehr dem Lefer, fich die Antwort aus dem
beigebrachten, oft recht weitläufigen Material felbfl zu-
fammenzuftellen. Im Einzelnen Hellt Verf. zunächft die
wefentlichen Merkmale der Pfarrkirchen feft, erörtert fo-
dann die verfchiedenen Namen für den Träger des
Pfarramtes im Mittelalter und geht darauf zu dem Haupt-
theil der Arbeit über, die Entftehung und Entwickelung
der Stiftskirchen mit befonderer Rückficht auf Pfarrgottes-
dienft und Seelforge zu erörtern. Dabei wird ausgegangen
von der Erklärung der Bezeichnung ,canonicus alsdann die
Mehrheit von Geiftlichen fowohl an der Kathedrale, als
auch an einzelnen Pfarrkirchen und die verfchiedenen
Gründe für diefelbe an letzteren erörtert. Des Weiteren
handelt Verf. von der vita canonica und befpricht endlich
die Ausübung der Pfarrfeelforge und des Gottes-
dienfles an den Collegiatkirchen. In einem Anhang find
vier Stiftsurkunden abgedruckt. Diefe kurze Ueberficht
über den Inhalt möge genügen. Im Uebrigen mufs auf
das Werk felbft verwiefen werden, da eine auch nur
einigermafsen erfchöpfende Wiedergabe der zahlreichen
Refultate, zu denen Verf. gelangt, innerhalb des zu Gebote
flehenden Raumes nicht möglich ift.

Kiel. Frantz.