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Ausgabe:

1903 Nr. 24

Spalte:

653-655

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weiss, Bernhard

Titel/Untertitel:

Die Religion des Neuen Testaments 1903

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

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653 Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 24. 654

Weiss, D. Bernhard, Die Religion des Neuen Testaments.

Stuttgart 1903, J. G. Cotta'fche Buchhandlung, Nachf.
(XII, 321 S. gr. 8.) M. 6.—; geb. M. 7.50.

Der Altmeifter der neuteftamentlichen Theologie hat
gleichzeitig mit der 7. Auflage feines .Lehrbuches der
Biblifchen Theologie des N.T.' diefes neue Werk herausgegeben
, in welchem er den ganzen Stoff" der religiöfen
Gedanken des N.T. noch in anderer Geffalt verarbeitet
hat. Während er in jenem Lehrbuche bekanntlich die
mannigfaltigen neuteftamentlichen Lehrformen von einander
fcheidet, um jede einzelne in ihrer Eigenart ob-
jectiv darzuftellen, will er in diefem neuen Werke die
jener Mannigfaltigkeit zu Grunde liegende Einheit zur
Darfteilung bringen. Dafs die Mannigfaltigkeit der neu

Zufammenhang zu bringen, die Härten abzufchleifen, die
Farben abzutönen. Des nicht dem chriftlichen Bewufstfein
affimilirten und affimilirbaren Materials, das ,von felbft
ganz aufser Rechnung fällt', giebt es im N.T. nur fehr
Weniges, Vereinzeltes. Die praktifche Schlufsfolgerung
wird zwar vom Verf. nicht direct ausgefprochen, drängt
fleh aber dem Lefer feines Werkes unwillkürlich auf:
dafs es, wenn eine fo einheitliche Darfteilung der,Religion
des N.T.' möglich ift, einer forgfältigen Scheidung der
verfchiedenen neuteftamentlichen Lehrkreife eigentlich
nicht bedarf. Sie kann zwar für die Theologen nützlich
fein als Hilfsmittel dazu, fleh erft einmal des ganzen
neuteftamentlichen Gedankenmaterials zu bemächtigen.
Aber fie ift nicht etwa deshalb unentbehrlich, weil fleh
diefes Material überhaupt nicht zu einer fetten einheit-

teftamentlichen Lehrtropen auf eine Einheit zurückführbar 1 liehen religiöfen Anfchauung zufammenfchliefsen liefse.

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ift, das ift für ihn, wie er in der Einleitung hervorhebt,
ein religiös begründetes Axiom. Das N.T. giebt fich
felbft als Zeugnifs der in Chrifto erfchienenen Heilsoßenbarune
und will von der Vorausfetzung aus, dafs es

Das, was man an dem vorliegenden Werke als grofse
Kunft zu bewundern hat, bedeutet freilich in anderer
Beziehung eine Schwäche. Es foll die Mannigfaltigkeit
der neuteftamentlichen Vorftellungen auf die zu Grunde

wirklich ein folches Offenbarungszeugnifs ift, verftanden ! liegende Einheit zurückgeführt werden. Aber thatfächlich
fein. Die Ueberzeugung von dem Berechtigtfein diefer ift es doch wieder die ganze Mannigfaltigkeit, die uns,
Vorausfetzung entfteht aus der perfönlichen Heilserfahrung I nur in anderer Anordnung als bei der gefonderten Dar-
beim Gebrauche der heiligen Schrift, indem das in ihr ! ftellung der neuteftamentlichen Lehrformen, vor Augen
pulfirende religiöfe Leben das gleiche religiöfe Leben in i geftellt wird. Gerade bei der Zufammenfchiebung der
uns wirkt (S. 55). ,Sind aber die verfchiedenen Lehr- j neuteftamentlichen Ideen zu einem einzigen religiöfen
formen der Schrift nur der Ausdruck des durch diefelbe | Gedankenfyftem tritt die Vielheit diefer Ideen befonders

göttliche Heilsoffenbarung in verfchiedenen Individuen
und auf verfchiedenen Entwicklungsftufen gewirkten
religiöfen Bewufstfeins, fo können diefelben einander ergänzen
oder näher beftimmen, aber fleh nicht wider

ftark, ja fogar bedrückend hervor. Es mag fein, dafs
fie alle fich wechfelfeitig ergänzen. Aber das Ganze,
das durch fie gebildet wird, ift jedenfalls ein complicirtes
Ganzes. Kein einziger der neuteftamentlichen Männer

fprechen. Eine Schrift, in der fich ein fchlechterdings für fich allein, fondern nur das N.T. als einheitliches
dem der anderen widerfprechendes religiöfes Bewufstfein 1 religiöfes Subject aufgefafst, hat diefes Ganze in der
ausfpräche, könnte eben keine Urkunde der Offenbarung j hier vorgeführten vollen Entfaltung befeffen. Bildet
fein und müfste vom Kanon ausgefchloffen werden' (S. 59). I denn nun diefe ganze complicirte Fülle das Wefen der
Freilich können in den Vorftellungen und Gedanken- j neuteftamentlichen Religion? Oder wo liegt ihr einfacher,
reihen der neuteftamentlichen Schriftfteller auch folche j alles Wefentliche umfchliefsender Grundbeftand? Ich
vorkommen, welche der ihnen und ihren Lefern gemein- j meine, dafs man auf diefe Frage eine recht klare und
famen Vorftellungswelt entflammen, ohne mit ihrem von begründete Antwort doch nur dann gewinnt, wenn man
der Offenbarung in Chrifto gewirkten religiöfen Bewufst- die verfchiedenen neuteftamentlichen Lehrtropen nach
fein bereits vermittelt zu fein. Diefe noch nicht aus- | einander als' die Glieder einer von Jefus felbft und feinem
reichend affimilirten Vorftellungen ,fallen für den, der J Evangelium ausgegangenen hiftorifchen Entwicklung des
nach der den verfchiedenen Lehrformen zu Grunde 1 Urchriftentums zur Darfteilung bringt. Denn bei diefer
liegenden Einheit fucht, von felbft ganz aufser Rechnung' ; Darfteilung kann durchfchlagend werden der Eindruck
(S. 60). Denn die durch die Offenbarung in Chrifto ge- von der nicht nur zeitlich, fondern auch qualitativ überwirkte
Erkenntnifs des göttlichen Wefens, die ein neues ragenden Art diefes Evangeliums Jefu, der Eindruck da-
Verhältnifs zu Gott und ein durch feinen Willen be- von, dafs alle apoftolifchen und nachapoftolifchen Aus-
ftimmtes Verhalten wirkt, d. i. die Religion des N.T., j prägungen des Chriftentums in diefem Evangelium, das
kann nur eine fein. Diefe Einheit darzuftellen ift ein | fie fortpflanzen und ausgeftalten, ihre innere Einheit und
nothwendiger Dienft, den die theologifche Wiffenfchaft zugleich den Mafsftab ihrer chriftlichen Authentie haben,
der Kirche leiften mufs, damit diefe die heilige Schrift j Eft man diefer in dem Evangelium Jefu gegebenen funda-
als Norm für die Fortbildung ihrer Lehre allfeitig ver-
werthen könne (S. 62). Zur Leiftung diefes Dienftes hat

mentalen Einheit der neuteftamentlichen Vorftellungs-
kreife gewifs, fo legt man weiter gar keinen Werth darauf,
den Verf. der Hinblick auf ein gerade gegenwärtig vor- | ob es auch gelingt, die Mannigfaltigkeit der neuteftament

handenes befonderes Bedürfnifs bewogen. ,Es ift in
Vielen', fchreibt er im Vorworte, ,heute ein Suchen und
Fragen erwacht, was es eigentlich um die Religion des
N.T. fei, ob diefelbe wirklich eine einheitliche und einzigartige
, oder auch nur ein Wellenfpiel in dem uferlofen
Meer der Religionsgefchichte. Ich wollte auf diefe Frage

eine bündige und für jedermann fafsliche Antwort geben'
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liehen Ideen in *einem einheitlichen Gedankenfyftem zu-
fammenzufaffen. Bei der Herftellung eines folchen feinen
Mofaikbildes fpielt doch die Kunft des Zufammenfetzers,
auch ohne dafs er fich deffen bewufst zu fein braucht, eine
zu grofse Rolle!

Oder ift etwa diefe Geltendmachung des Evangeliums
Jefu als der der neuteftamentlichen Religion zu Grunde

Der Vf. führt die Aufgabe, die er fich geftellt hat, ] hegenden Einheit deshalb bedenklich, weil bei ihr eine
nun nicht etwa in der Weife aus, dafs er nur die leiten- rechte Würdigung des Kreuzestodes Chrifti wegfiele?
den religiöfen Grundgedanken der verfchiedenen neu- , o. VV eils fcheint gerade durch diefes Bedenken dazu be-
teftamentlichen Lehrformen herauszuheben, ihr Verhält- , ltimmt zu fein einer nur auf das Evangelium Jefu ge-
nifs zu einander zu beurtheilen, ihre principielle Verein- ! gründeten Darfteilung des Wefens des Chriftentums die
barkeit darzuthun fucht. Er fucht vielmehr eine bis ins j vo ere Darfteilung der .Religion des N.T.' gegenüberzu-
Detail gehende Einheitlichkeit der neuteftamentlichen j tteuen. Auf dem Höhepunkte feiner Erörterung, wo er

Gedankenwelt nachzuweifen. Er legt ein ungemein fein
und forgfam componirtes Mofaikbild vor, in das alle

von dem Heile in Chrifto fpricht, hebt er nachdrücklich
hervor, dafs erft das Kreuz Chrifti und nicht fchon fein

einzelnen Gedankenrteine der neuteftamentlichen Schriften >■ Lebenswerk den Menfchen wirklich das Heil gebracht
irgendwo paffend eingefügt find. Mit bewundernswerther hat (S. 163). .Die Thatfache fteht feft. dafs das Evan-
Kunft verfteht er es, das fcheinbar Differente doch in | gehum Jefu, in einer Weife gepredigt, wie es Niemand